Der Halbelf lächelte schief. »Etwas«, stimmte er zu.
Flint setzte sich auf und holte seinen Geldbeutel zurück, der ihm bei dem Sturz aus der Tunika gerutscht war. »Aber nicht, daß ich wirklich in Gefahr gewesen wäre zu fallen«, versicherte er sich selbst.
»Aber nein«, sagte Tanis etwas zu prompt. »Bestimmt nicht.«
»Vielleicht wäre es jetzt ganz gut, eine Erho… äh, eine Essenspause einzulegen«, fügte der Zwerg hinzu.
Tanis nickte und holte den Sack mit dem Essen. Ohne sich darüber zu verständigen, zogen sich beide gleichzeitig noch mindestens zehn Fuß weiter vom Rand zurück.
»Ich habe keine Angst um mich selbst, denk dran«, meinte Flint. »Ich weiß bloß nicht, wie ich es der Stimme erklären sollte, wenn du dich über eine Klippe gestürzt hast.« Tanis sagte nichts.
In der hellen Vormittagssonne teilten sie das Brot, wobei Flint Tanis die größten Scheiben Käse, die leckersten Brotstücke und die besten Früchte zuschob. Dann saßen sie kurze Zeit da und genossen in angemessener Entfernung von der Klippe die Aussicht, bis sie beschlossen, nach Qualinost zurückzukehren. Flint hatte in der Schmiede zu tun.
Die Probleme gingen los, als sich die Abenteurer auf den Rückweg machten. Der Pfad mußte sich gegabelt haben, als sie zum Kentommenai-Kath kamen, ohne daß einer von ihnen es bemerkt hatte. Auf dem Rückweg nahmen sie den falschen Weg. Dann schlug das Wetter um. Zuerst schob sich eine einzelne, dunkle Wolke vor die Sonne.
»Wie meine Mutter immer sagte: ›Eine Wolke fühlt sich einsam‹«, erklärte Flint dem Halbelfen. Schon nach kurzer Zeit zog eine graue Wolkenphalanx über ihnen dahin. Der dunkle Himmel schien sich beängstigend schnell zu senken, so daß Tanis schon fast glaubte, er würde ihnen direkt auf den Kopf fallen. Aber das einzige, was fiel, war der Regen – in großen, kalten Tropfen. Schon bald waren Halbelf und Zwerg tropfnaß und kalt, und Flint war dazu übergegangen, unablässig vor sich hin zu murmeln: »Keine Abenteuer mehr… keine Abenteuer mehr…«
Das alles wäre nicht so schlimm gewesen ohne die Abkürzung. Tanis war skeptisch, aber Flint funkelte ihn nur herausfordernd an, als der Zwerg einen kaum sichtbaren Fußweg hinunter zeigte, der vom Hauptweg abzweigte.
»Ich dachte, ich wäre derjenige, der durch Krynn gewandert ist«, schimpfte Flint. »Oder irre ich mich da etwa?«
Tanis verbrachte die nächsten zehn Minuten damit, dem Zwerg zu versichern, daß Flint wirklich derjenige war, der Erfahrung mit Wegen hatte, daß Flint derjenige war, der den Wald wie seine Westentasche kannte, und, doch, daß er derjenige war, der beim Aufstieg genug auf praktische Dinge geachtet hatte, um die Abkürzung zu sehen. Außerdem hatte er gestern praktisch unbewaffnet einen wütenden Tylor abgewehrt. Und so brachen sie auf dem schmalen Fußweg durchs Unterholz, der sie in den regennassen Wald führte.
Sie drangen immer tiefer in den Wald ein, hielten ängstlich Ausschau nach dem Tylor und wurden jeden Moment nasser.
Zwei Stunden später, als der Regen noch immer vom Himmel strömte, trafen sie auf eine Gruppe Tylorjäger und begleiteten die erfolglose Jagdpartie nach Hause. Aber als sie die ersten Häuser von Qualinost erreichten, hustete Flint, und als Tanis seinen Freund aus der triefenden Tunika, den Hosen und den Stiefeln pellte, fieberte er bereits. Tanis wickelte ihn in eine Decke, drückte ihn auf einen Stuhl und schürte die Esse, damit es wärmer wurde.
Jetzt, am späten Nachmittag, als Tanis einen Topf Fleischbrühe über dem Feuer umrührte, ließ der Rückstoß von Flints Niesen den Stuhl so gefährlich nach hinten kippen, daß Tanis hinsprang, um ihn festzuhalten, bevor er umfiel.
»Uff!« grunzte Tanis mit wackligen Knien, als er gegen den großen Holzstuhl drückte. »Ich weiß ja, daß du nicht allzugroß bist, Flint, aber beim Gewicht macht sich das nicht bemerkbar.« Mit einiger Anstrengung richtete er den Stuhl auf, doch der Zwerg zeigte keine Dankbarkeit.
»Ach, was soll’s, wenn ich umfalle, wo ich doch sowieso sterbe«, maulte Flint trübsinnig. Er putzte sich mit seinem Leinentaschentuch – Geschenk der Stimme der Sonne – die Nase, was sich wie der Klang einer verbogenen Trompete anhörte. »Dann liege ich wenigstens flach da und bin fertig für meinen Sarg.« Flint kuschelte sich fester in seine Wolldecke und steckte seine dicken Zehen wieder in einen dampfenden Wasserzuber. Obwohl er so nah an den glühenden Kohlen der Esse saß, konnte ihm die Glut nicht die Kälte aus seinen Zwergenknochen vertreiben, und seine Zähne klapperten, weil er so fror.
»So wie’s aussieht, bin ich doch sowieso schon steif vor Kälte. Könnte genausogut gleich richtig tot sein«, nörgelte Flint.
»Ich könnte dir etwas Elfenblütenwein heiß machen.«
Flint sah ihn wütend an. »Wieso nimmst du nicht dein Schwert und beendest mein Leiden einfach kurz und schmerzlos? Ich trete doch nicht in Elfenparfüm einbalsamiert vor Reorx!«
»Flint«, erklärte Tanis ernst, »ich weiß, daß es dich furchtbar enttäuschen wird, aber du hast nur eine Erkältung. Du wirst nicht sterben.«
»So, und wie kannst du das wissen?« knurrte Flint. »Bist du denn schon mal gestorben?« Flint ließ einen weiteren gigantischen Nieser los, bei dem seine Knubbelnase so rot leuchtete, daß sie der untergehenden Sonne Konkurrenz machte. Tanis schüttelte nur den Kopf. Immerhin lag eine gewisse Logik in der Aussage des Zwergs.
»Keine Abenteuer mehr!« brüllte Flint. »Keine Tyloren mehr. Von mir aus jeden Tag einen Oger. Keine Sla-Mori mehr. Und keine Spaziergänge im Regen am Rand der elfischen Version des Abgrunds.« Er machte eine Pause, um für die nächste Schimpfkanonade Atem zu holen. »Das kommt alles nur von diesem Bad. Zwerge sind nicht dazu geschaffen, zwei Tage nacheinander in Wasser eingeweicht zu werden!« Dieser letzte Satz klang für Tanis mehr wie: »Fwerge find nich dafu geschaffen, fwei Dage nacheinander in Waffer eingeweicht fu werden.«
Kaum zu glauben, daß sie beide erst gestern gemütlich hier in der Schmiede zusammengesessen hatten, dachte der Halbelf.
Flint schniefte und putzte sich erneut die Nase. Er legte sich einen warmen Waschlappen auf den Kopf, und sah in seiner dunklen Decke aus wie ein billiger Mystiker auf einem Dorfjahrmarkt. »Das ist das letzte Mal, daß ich den Fehler mache, auf dich zu hören«, grummelte er zum x-ten Mal.
Tanis bemühte sich nach Kräften, sein Lächeln zu verbergen, während er dem Zwerg heißen Tee eingoß und ihm die Tasse in die Hände drückte. »Der Regen hat aufgehört. Ich müßte jetzt eigentlich los und mit Tyresian trainieren.«
»So spät? Gut, also laß mich doch hier allein sterben«, sagte Flint. »Aber komm bloß nicht wieder und erwarte, daß ich sage: ›Hallo, Tanis, wie geht’s? Komm doch rein und verdirb einem alten Zwerg den Tag.‹ Schließlich werde ich dann tot sein. Es ist noch eine oder zwei Stunden hell. Bis später«, sagte er und winkte Tanis mit einer Hand. »Das heißt, wahrscheinlich nicht«, fügte er verdrießlich hinzu.
Tanis schüttelte den Kopf. Wenn Flint so war, war es wirklich das Beste, ihn seinem Elend zu überlassen. Tanis überzeugte sich davon, daß der Kessel in Reichweite des Zwergs stand und daß das Wasser im Eimer heiß genug war. Er tat Flint eine ordentliche Portion Brühe in eine Holzschale, nahm Pfeile und Langbogen und wollte den Zwerg verlassen.
Doch als der Halbelf die Tür des Ladens erreicht hatte, ging sie plötzlich auf und er stand zwei Besuchern gegenüber – der Stimme der Sonne und Lord Tyresian.
Tyresian ignorierte den Zwerg völlig, schimpfte den Halbelfen an: »Kommst du immer zu spät zum Unterricht?«, und nahm dann seine hitzige Diskussion mit der Stimme wieder auf. Es schien eine einseitige Diskussion zu sein; Solostaran wirkte heute unerschütterlich. Er nickte ernst zu den leidenschaftlichen Ansichten des Elfenlords, machte aber keine Aussagen, die als Zustimmung gewertet werden könnten.
Falls möglich, war Tyresian in den zwanzig Jahren, die Flint ihn nun kannte, noch selbstsicherer geworden. Trotz seiner kurzen Haare, die unter Elfen so ungewöhnlich waren, sah der Elfenlord gut aus, denn er hatte markante, gleichmäßige Gesichtszüge und aufmerksame Augen von der Farbe des Herbsthimmels. Als er mit der Stimme redete, waren seine Bewegungen anmutig, und selbst hier, in der Tür der schlichten Unterkunft des Zwergs und nur in einer einfachen, taubengrauen Tunika, blendete einen seine Ausstrahlung.