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»Die Leute meinen, das Auftauchen eines so seltenen und so gefährlichen Wesens wie des Tylors beweise, daß Eure Politik, was Außenseiter angeht«, hierbei richtete der Lord seinen Blick auf Flint und dann lächerlicherweise auf den Halbelfen, »verfehlt ist.«

Solostaran blieb stehen und sah den Elfenlord an. Endlich war auf dem Gesicht der Stimme eine Gefühlsregung zu erkennen – und zwar Belustigung. »Das ist ein interessanter Gedankengang, Lord Tyresian«, sagte er. »Erklärt mir, wie Ihr daraufkommt.«

»Bitte versteht, Stimme, daß ich nicht meine eigene Meinung vertrete, sondern die Meinung, die ich von anderen gehört habe«, sagte der blauäugige Elfenlord prompt.

»So, so«, meinte Solostaran trocken.

»Ich weiß eben, daß Ihr, als Stimme der Sonne, an den Ansichten Eurer Untertanen interessiert seid«, fügte Tyresian hinzu.

»Bitte kommt zur Sache.« Solostarans Stimme verriet erstmals, seitdem das Paar auf Flints Schwelle erschienen war, Verärgerung. Bis jetzt hatte jedoch keiner der beiden Neuankömmlinge den Zwerg begrüßt. Flint sah Tanis an. Das Gesicht seines Freundes hatte den störrischen Ausdruck angenommen, den der Halbelf immer aufsetzte, wenn jemand anderes als Flint, Miral oder Laurana in der Nähe war. Tanis’ Miene hätte Windsbraut gut zu Gesicht gestanden, dachte der Zwerg.

Flint machte den Mund auf, um auch etwas zu sagen, aber Tyresian nahm den Faden wieder auf, wobei er sich mit der Hand durch die kurzen, blonden Haare fuhr.

Flint fiel auf, daß die Arme des Elfen, die durch das kurzärmelige Frühlingshemd zu sehen waren, das er unter seiner Tunika trug, voller Narben waren – zweifellos das Ergebnis jahrelanger Übungskämpfe mit seinem Freund Ulthen.

»Es heißt, daß Tyloren sich am liebsten an viel begangenen Wegen ansiedeln, damit sie Reisenden auflauern können. Es heißt, daß Ihr zwar weiterhin die meisten Reisenden von Qualinost fernhaltet«, und der Elfenlord durchbohrte Flint mit seinem Blick, »daß aber der Handel die Anzahl der Elfen erhöht hat, die unsere Stadt und das Königreich mit Waren verlassen.«

»Lord Tyresian…« Solostarans Geduld war bereits strapaziert, aber der Elfenlord war zu aufgebracht und achtete nicht mehr auf die Etikette.

»Es heißt, Stimme, daß es falsch war, ›unelfisch‹, diese… diese Gnomenbadewannen im Palast einzubauen.«

Flint schniefte – was mit einer Erkältung ziemlich einfach war. Tanis lachte. Tyresian wurde rot und sah die beiden wütend an.

Solostaran war offensichtlich zwischen Lachen und einem Wutausbruch hin und her gerissen. Sein Blick begegnete dem von Flint, dessen stahlgraue Augen blinzelten. »Wie wär’s mit einer Tasse heißem Elfenblütenwein, Stimme, Tyresian?« bot der Zwerg an und schniefte. »Mein Freund hier hatte angeboten, einem kranken Zwerg welchen zu machen.«

Solostaran hatte Lord Tyresian den Rücken zugekehrt und zwinkerte dem Zwerg und Tanis beruhigend zu. »Ich komme später mal auf Euer freundliches Angebot zurück, Meister Feuerschmied, habt vielen Dank. Und ich glaube, Lord Tyresian war auf der Suche nach Tanthalas.«

Tyresian konnte seinen Ärger kaum noch im Zaum halten. »Stimme, ich muß darauf bestehen, daß diese andere Sache festgeschrieben wird.«

Solostaran fuhr herum. »Ihr ›müßt bestehen‹?« fragte er nach.

»Eure heutigen Entscheidungen bestimmen später das Leben Eurer Kinder, Stimme«, sagte Tyresian kalt.

Solostaran richtete sich zu seiner vollen Größe auf. Aus seinen Augen blitzte grünes Feuer. Plötzlich wirkte er eine halbe Handbreit größer als der junge Elf – und eine viel zu eindrucksvolle Gegenwart für Flints Häuschen. »Ihr wagt es, in einer solchen Angelegenheit öffentlich auf etwas zu bestehen?«

Tyresian wurde blaß. Eiligst entschuldigte sich der Elfenlord und zog sich hastig mit dem Halbelfen im Gefolge zurück. Noch während die beiden verschwanden, hörte Flint, wie Tyresian seinen Zorn bereits an Tanis ausließ. »Ich kann nur hoffen, daß du die Technik geübt hast, die ich dir gestern gezeigt habe, Halbelf.« Die Drohung hing noch in der Luft, während die Schritte der beiden verklangen.

Die Stimme machte zunächst Anstalten, ihnen zu folgen, doch dann drehte er sich wieder zu Flint um.

»Ich beneide Tanis nicht um seine heutige Schießstunde«, sagte der Zwerg milde, während er sich mit dem Taschentuch die Nase abwischte. Dann wies er zur Feuerstelle. »Es ist nicht gerade vom Feinsten – Tanis ist nur ein durchschnittlicher Koch –, aber es ist gesund. Allerdings nur, wenn du Lust hast, einem sterbenden Zwerg Gesellschaft zu leisten.« Er hustete schwach.

Flint, der in seiner Decke dasaß und seine fast leere Tasse umklammerte, bot einen so mitleiderregenden Anblick, daß Solostaran in Gelächter ausbrach.

»Sterben, Flint? Das glaube ich nicht. Du bist der Gesündeste von uns allen – körperlich und auch sonst.«

Nachdem er mit Flint allein war, legte die Stimme einen Teil ihrer Förmlichkeit ab. Solostaran goß Flint neuen Tee ein, ignorierte die unter Niesen vorgebrachte Bitte des Zwergs um »einen letzten Krug Bier, bevor ich sterbe«, und beschloß, sich doch einen Becher Elfenblütenglühwein zu gönnen. Mit einer Handbewegung tat er Flints Anstalten ab, ihm den Wein zuzubereiten, erhitzte das Getränk und versetzte es mit einer Prise Gewürze, die er in einem kleinen Tonkrug in Flints Schrank fand. Zum Trinken machte es sich die Stimme auf der hölzernen Truhe bequem, die Flints wenige Kleidung enthielt. Das ist jetzt der Anführer aller Qualinesti-Elfen, der mir gerade Tee serviert hat, dachte Flint und staunte über sein Glück. »Ich habe einen Schmiedeauftrag für dich, Meister Feuerschmied, wenn du gesund genug und dazu bereit bist.«

»Ich bin gesund genug. Und wann war ich jemals nicht bereit?« gab Flint zurück, weil er recht gut wußte, daß er mit weniger Etikette auskommen konnte, wenn er mit seinem Freund allein war. Allerdings mahnte ihn Solostarans kürzliche Demonstration seiner Autorität, die Freundschaft nicht zu sehr zu beanspruchen. »Sir.«

Solostaran warf Flint einen kurzen Blick zu und betrachtete dann eingehend die ordentliche Hütte des Zwergs, die gepflegte Esse und die feuchten Kleider, die – einschließlich der smaragdgrünen Tunika, die die Stimme dem Zwerg vor zwanzig Jahren hatte machen lassen – über zwei Stühlen ausgebreitet waren. Die Stiefel, deren Leder beim Trocknen bereits spröde wurde, waren mehrere Fuß vor der Esse unter Flints Tisch abgestellt. Der Raum roch nach nasser Wolle.

Als Solostaran endlich sprach, klang seine Stimme müde. Er nahm einen Schluck Wein. »Du fragst dich vielleicht, warum ich solche Unverschämtheit von einem Mitglied meines Hofes dulde«, sagte er.

»Eigentlich fand ich, es ginge mich nichts…«

»Wie du weißt, stammt Tyresian aus einer der höchsten Familien in Qualinost – der Dritten Familie. Tyresians Vater hat mir vor Jahren einen großen Dienst erwiesen, und zwar so groß, daß ich ohne seinen damaligen Beistand heute vielleicht nicht die Stimme wäre.«

Flint fragte sich, was für eine gute Tat das gewesen sein mochte, aber er dachte, daß Solostaran es ihm schon sagen würde, wenn er es ihm mitteilen wollte. So schlürfte der Zwerg lieber seinen Tee, schob seine Füße näher ans Feuer und wartete.

»Tyresian ist einer der besten Bogenschützen am Hof«, meinte Solostaran nachdenklich und gleichermaßen abwesend. Draußen neigte sich die Sonne allmählich dem Horizont entgegen und legte Qualinost in ein buttergelbes Licht. Es sieht mehr nach Herbst aus als nach Frühling, dachte der Zwerg, richtete dann aber seine Aufmerksamkeit mit Mühe wieder auf die Stimme, als der Elfenherrscher fortfuhr. »Er ist hart mit Tanis umgesprungen, dessen bin ich mir bewußt – ja, mein Freund, ich weiß mehr von dem, was bei Hof vor sich geht, als ich preisgebe –, aber ich kann nicht übersehen, daß Tanis mit dem Langbogen dank Tyresians Unterricht fast so gut umgeht wie Tyresian selbst. Ich wünschte nur, Tyresian wäre nicht so… so…« Solostaran suchte nach dem Wort.