»… so konservativ elfisch?« half Flint aus.
»…so starrsinnig.«
Flint kippte den Rest seines Tees herunter. Er wagte nicht, der Stimme einen Blick zuzuwerfen, bevor er den letzten Tropfen geleert hatte. Dennoch sah Solostaran ihn durchdringend an, als Flint aufsah. Das Gesicht des Elfen war leicht gesenkt, so daß man durch die goldenen Haare seine spitzen Ohren sehen konnte.
»Wenn wir Elfen dir starrsinnig erscheinen, Meister Feuerschmied«, sagte Solostaran freundlich, aber bestimmt, »dann versuch, daran zu denken, daß unsere ›starrsinnige‹ elfische Hingabe an Tradition und Beständigkeit uns geschützt hat, während andere, veränderlichere Rassen im Chaos gescheitert sind. Darum gehe ich so behutsam vor, wenn ich mehr Handel mit fremden Nationen zulasse – obwohl manchen Höflingen jedwede Änderung der Tradition widerstrebt –, und darum nehme ich Vorbehalte wie von Tyresian und Xenoth sehr ernst.«
Der Zwerg nickte, und die Stimme fügte rasch hinzu: »Aber ich bin aus einem bestimmten Grund hier – außer dem Wunsch, jenen Gerüchten nachzugehen, die behaupten, daß mein lieber Freund in den letzten Zügen liegt. Glücklicherweise entsprechen diese Gerüchte nicht der Wahrheit.«
Das ist noch gar nicht so sicher, wollte der Zwerg sagen, hielt aber den Mund. Er sah die Stimme nur an, die fragte: »Hast du von dem Fest gehört, das wir das Kentommen nennen?«
Flint nickte, worauf der goldgekleidete Lord fortfuhr: »Wir haben im vergangenen Winter viel Zeit mit der Planung von Porthios’ Kentommen verbracht, das in knapp zwei Monaten im Sonnenturm gefeiert wird.«
Die beiden sahen einander über den einfachen Steinboden des Häuschens an. Dann warf Solostaran einen Blick auf die Schmiede.
»Ich möchte, daß du einen speziellen Orden für diese Gelegenheit entwirfst. Ich würde Porthios diese wertvolle Medaille dann während des Kentommen überreichen.«
Die Stimme der Sonne holte tief Luft. »Ich möchte den Elfenadel mit dieser Zeremonie wieder zusammenschweißen, Meister Feuerschmied. Ich fürchte, daß die… Veränderungen… der letzten Jahre eine gewisse Spaltung mit sich gebracht haben, und ich möchte, daß diese Zeremonie sie erkennen läßt, daß ich mich gewissen«, er lächelte, »unveränderlichen Elfentraditionen verpflichtet fühle.
Ich brauche wohl nicht zu sagen, mein Freund, daß der Erfolg dieser Zeremonie viel dazu beitragen kann, Porthios’ Anspruch auf das Amt der Stimme zu festigen. Und deine Medaille, die ich ihm überreiche, wäre ein Teil davon.«
»Hast du dir schon etwas ausgedacht?« fragte Flint.
Solostaran stand auf und stellte seinen leeren Becher auf den Tisch. »Ich habe natürlich Vorstellungen, aber ich würde lieber sehen, was du dir ausdenkst. Von allen Leuten aus meiner Umgebung kennst du mich vielleicht am besten, Meister Feuerschmied. Und dieses Wissen könnte dir jetzt gut zustatten kommen.«
Er schwieg, als würde er an etwas denken, das gar nichts mit dem Thema zu tun hatte, so daß Flint nur ruhig sagte: »Ich würde mich geehrt fühlen, einen solchen Orden für das Fest anzufertigen.«
Solostaran sah auf und lächelte. Seine Augen schimmerten warm, was selten vorkam. »Danke, Flint.« Auf einmal sah der Zwerg, wie müde die Stimme wirkte, als hätte sie nächtelang unruhig – oder gar nicht – geschlafen. Die Stimme schien das Mitgefühl in Flints Blick zu entdecken. »Der Weg zu meinem Amt ist voller Hürden, Flint. Schau nur meine eigene Familie an.«
Flint, der beschlossen hatte, daß er wohl doch nicht sterben würde, schob die Decke zurück, griff zu seiner Holztruhe und zog ein frisches Hemd heraus: Weißes Leinen, das am Kragen mit Espenblättern bestickt war, ein Geschenk des Schneiders der Stimme. Er zog sich das Hemd über den Kopf. »Du spielst auf den Tod von Tanis’ Vat… deinem Bruder an?«
»Den Tod von Kethrenan und Elansa, sicher«, stimmte Solostaran zu, »aber auch den Tod von Arelas, meinem jüngsten Bruder. Meine Eltern hatten drei Kinder, aber nur eins überlebte. Qualinost kann durchaus erleben, daß das Amt der Stimme nicht an Porthios fällt, sondern an Gilthanas oder sogar an Laurana, wenn das Schicksal es will.«
»Arelas?« hakte Flint nach.
»Arelas kam nur wenige Jahre nach Kethrenan zur Welt, und er starb kurz nach dem Tod meines mittleren Bruders.«
»Was für eine schlimme Zeit für dich«, sagte der Zwerg leise.
Solostaran blickte auf. »Für uns alle, ja. Kethrenan starb, und Elansa war wie ein lebender Geist, während sie auf die Geburt ihres Kindes wartete. Der ganze Hof war wie gelähmt.« Er sah zu, wie sich der Zwerg in grüne Hosen und dunkelbraune Wollsocken zwängte. »Dann berichtete jemand, der nach Kargod gereist war, daß Arelas die Stadt verlassen hätte und zurückkäme.«
Er lächelte. »Du hättest erleben sollen, was auf einmal am Hof los war, mein Freund. Mein jüngster Bruder hatte Qualinost Jahrzehnte vorher als kleines Kind verlassen und war nie zurückgekehrt. Dann sollte er mitten in diesem ganzen… diesem Schmerz zurückkehren.
Mir kam es vor, als hätte ich den einen Bruder verloren, aber einen anderen geschenkt bekommen, und obwohl die Trauer um Kethrenan immer noch groß war, lag ein gewisser Trost in der Gewißheit, daß ich endlich diesen kleinen Bruder kennenlernen würde. Ich hatte Arelas kaum gekannt, weißt du. Er hatte den Hof schon sehr früh verlassen.«
Flint grübelte. Warum sollte eine Adelsfamilie von Qualinost ihr jüngstes Kind wegschicken? Obwohl er nichts sagte, war die Frage wohl in seien Augen zu lesen.
»Arelas war als Kind sehr krank. Er war mehrfach dem Tode nahe, und die Elfenheiler schienen ihm nicht helfen zu können. Schließlich ordnete mein Vater, die Stimme, an, daß man ihn zu ein paar Klerikern bei Kargod, jenseits der Straße von Schallmeer, schicken sollte. Dort war ein Elfenkleriker, den mein Vater kannte, und der sehr erfolgreich bei scheinbar hoffnungslosen Krankheitsfällen war.
Dort entwickelte sich Arelas so gut, daß der Kleriker ihn nach einem Jahr wieder zurückschickte. Hier aber wurde er bald erneut krank. Es sah fast so aus, als würde etwas in Qualinost an ihm zehren, an seiner Kraft nagen. Weil mein Vater Angst hatte, seinen jüngsten Sohn zu verlieren, schickte er ihn zu seinem eigenen Besten erneut nach Kargod. Es gab keine Besuche. Du weißt ja, die höchsten Familien verlassen Qualinost nur selten, mitunter niemals. Aber wir erhielten regelmäßig Berichte, daß es Arelas gutging.«
Flint rückte näher an die Stimme heran. Das einzige Licht in Flints Laden, das Schmiedefeuer, beleuchtete Solostarans Gesicht flackernd. »Als Arelas zurückkam, passierte etwas?«
Solostaran runzelte die Stirn. »Er ist nie angekommen. Die Wochen vergingen, bis ich dachte, meine Mutter würde vor Ungewißheit dahinsiechen und sterben.« Er zuckte mit den Schultern. »Dann erhielten wir Nachricht durch Miral, der einen Brief meines Bruders bei sich hatte und die traurige Geschichte erzählte, wie Räuber ihn getötet hatten. Der Brief sagte uns, wie Arelas uns liebte, wie er Miral verpflichtet war, und bat darum, daß ich Miral eine Stellung bei Hof verschaffen sollte.«
Er lächelte traurig. »Es war klar, daß Miral ein Zauberer von sehr begrenzter Macht war. Er konnte ein bißchen zaubern, Magenschmerzen und Kopfschmerzen lindern und kleinere Illusionen erschaffen. Aber nicht viel mehr.«
Flint erinnerte sich daran, wie der Magier ihm bei seinem Erstickungsanfall nach seiner ersten Begegnung mit Elfenblütenwein geholfen hatte. »Solche Fähigkeiten sind nicht zu unterschätzen«, sagte er.
Solostaran ging zur Tür und berührte sanft die Kletterrose, die um den Eingang herum blühte. »Miral ist ein kluger, freundlicher Elf, und obwohl er als Zauberer wenig taugt, war er ein guter Lehrer für Tanis, Gilthanas und Laurana. Ich habe meine Entscheidung, ihn hier leben zu lassen, nie bereut.«