Die Stimme warf einen Blick auf das spätnachmittägliche Treiben der Elfen, die die Geschäfte des Tages zu Ende brachten. »Ich bin spät dran«, sagte er schlicht und brach das Gespräch ab.
10
Großer Markt
Nach dem Training bei Tyresian streifte Tanis ziellos durch die Straßen der Stadt. Die Wolken, deren Regen ihn und Flint erst vor wenigen Stunden durchnäßt hatte, hatten sich aufgelöst. Das schwere Gold des Nachmittags mischte sich mit dem zunehmenden Violett der Dämmerung, und die Luft duftete süß nach Frühlingsbluten.
Im Norden glitzerte der Sonnenturm. Im Zentrum der Stadt breitete sich der Himmelssaal aus.
Im Westen der Stadt jedoch lag das, was manche als das größte Wunder von Qualinost ansahen, und dorthin lenkte Tanis seine Schritte.
In eine natürliche Erdmulde war ein gewaltiges Amphitheater gesetzt worden. Die einzigen Sitzplätze waren die sanften, grasbewachsenen Hänge selbst, die eine große Bühne in der Mitte des Theaters umgaben. Der kreisrunde Platz war mit jenen Mosaikfliesen ausgelegt, für die Qualinost berühmt war. Dieses Mosaik zeigte in strahlenden Farben die Ankunft von Kith-Kanan und seinem Volk im Wald von Qualinost. Das Mosaik füllte die gesamte Oberfläche des Kreises aus, und Tanis hatte immer geglaubt, daß es so viele glänzende Steinchen enthielt, wie Sterne am Nachthimmel standen.
Hier spielte man nach Sonnenuntergang im flackernden Licht von tausend Fackeln die alten Dramen, die von den Dichtern von Qualinost vor langer Zeit für Kith-Kanans Augen geschrieben worden waren. Auch Philosophen betraten den Kreis, um ihre Reden zu schwingen, und Musiker zeigten ihre Kunst, während das Volk von Qualinesti zusah.
Tagsüber diente das Amphitheater einem anderen Zweck – dem Großen Markt. Dorthin kamen die besten Handwerker von Qualinost, breiteten Tücher auf dem Boden aus und boten darauf ihre Waren feil, während bunte Seidenfahnen im Wind flatterten. An Markttagen war das Mosaik von Kith-Kanan unter den unzähligen grünen Seidenzelten, Holzständen und Wollteppichen, die darauf ausgebreitet waren, nicht mehr zu sehen. Alles, was man sich nur vorstellen konnte, war zu bekommen: scharfe Gewürze, lackierte Kästchen, blitzende Dolche mit juwelenbesetztem Heft und frischgebackener Kuchen, der in der feuchten Luft noch etwas dampfte. Auch gewöhnliche Handwerker brachten ihre Waren zum Verkauf hierher. Es gab Korbmacher, Töpfer, Weber und Bäcker, denn nicht jeder Elf in Qualinost war glücklich – oder wohlhabend – genug, einen Platz am Hof der Stimme zu haben. Obwohl in Qualinost niemand hungern und niemand in Lumpen gehen mußte, gab es wie in jeder Stadt einige wenige, die Reichtum und Macht besaßen, gegenüber der viel größeren Zahl der einfachen Leute. Die meisten dieser Elfen waren allerdings auch nicht allzu versessen auf den glitzernden Hof. Sie waren zufrieden, wenn die Reichen ihren kleinen Intrigen und Hofvergnügungen nachgingen, solange sie sich nicht allzusehr in ihren Alltag einmischten.
Die meisten Elfen auf dem Markt waren einfache Leute aus Qualinost. Die Adligen mieden den Großen Markt eher, bis auf wenige Festtage, und schickten statt dessen ihre Diener oder Knappen, wenn sie irgend etwas brauchten. Das allerdings paßte diesen Dienern und Knappen ganz gut, denn es gab ihnen Gelegenheit, ihren edlen Herrschaften zumindest zeitweise zu entkommen.
Auch wenn diese Elfen ebenso schön anzusehen waren und ebenso wohlklingend redeten wie jeder Höfling im Turm – obwohl sie eher weiches Hirschleder und helle Wollmäntel anstelle von Wams und Mantel und goldener Robe trugen –, schien von ihnen eine herzliche Wärme auszugehen, und Tanis fühlte sich auf dem Markt viel wohler als in den Gemächern des Turms oder auf den Gängen des Palastes. Tanis wurde auch hier wegen seines fremdartigen Aussehens angestarrt, doch waren die Blicke eher neugierig als mißbilligend. Auf jeden Fall war ein schiefer Blick auf dem Markt viel seltener als ein fröhliches Lächeln oder Nicken.
Als Tanis heute ankam, wurde der Markt gerade im letzten Sonnenlicht abgebaut. Der Halbelf stieg die Steintreppe zu dem runden Mosaik hinunter, wo die Händler ihre Waren einpackten. Er probierte ein Kupferarmband an und untersuchte einen Köcher mit gelb-grün bemalten Pfeilen, doch er hatte seine kleine Geldbörse im Palast gelassen und mußte die Verkäufer leider enttäuschen, die auf ein letztes Geschäft gehofft hatten.
Er wollte den Markt gerade verlassen, als ihm eine große, vertraute Gestalt auffiel, die aufgrund des überquellenden, blonden Haars und der zarten Figur selbst aus der Entfernung und in der Menge zu erkennen war. Es war Laurana in Begleitung ihres Bruders Gilthanas.
Tanis holte tief Luft und versuchte, sich hinter einem Töpferstand zu verstecken, aber ein alter Elf schob ihn freundlich zurück.
»Das Geschäft ist zu«, unterrichtete er den Halbelfen.
»Aber…«, sagte Tanis.
»Der Markt ist vorbei«, sagte der Elf nachdrücklich. »Komm morgen wieder.«
Tanis stolperte zurück, doch bevor er sich umdrehen und davonrennen konnte, sah er, daß Lauranas grüne Augen ihn entdeckt hatten. Er schluckte. Jetzt konnte er nicht mehr wegrennen, nicht nachdem die junge Elfenlady ihn gesehen hatte. Gerade hatten sich ihre korallenroten Lippen zu einem strahlenden Lächeln geöffnet, und mit einer erstaunlichen Mischung aus Entschlossenheit und Anmut eilte sie über den Marktplatz. Die Männer und Frauen an den Ständen hielten in ihrer Arbeit inne und betrachteten respektvoll und bewundernd, wie sie vorbeilief. Gilthanas folgte ihr, wirkte aber weniger erfreut als sie.
»Tanis!« rief Laurana, als sie sich dem Halbelfen näherte. Ihre Stimme tönte wie eine Glocke. Sie breitete die Arme aus und umfing Tanis in einer kurzen Umarmung. Dann drehte sie sich zu Gilthanas um und sagte: »Ich habe Tanis schon fast eine Woche nicht gesehen. Ich glaube, er geht uns aus dem Weg.«
Gilthanas strich sich das goldblonde Haar aus der Stirn. Er sah aus, als wäre das ganz in seinem Sinne.
Tanis seufzte und fühlte sich unbehaglich, weil ihm überdeutlich bewußt war, daß die Tochter der Stimme immer noch seine Hand festhielt – und daß die Leute um die drei herum die Begrüßung mitbekamen und die Augenbrauen hochzogen. Er versuchte, sich ihrem Griff zu entziehen, und Laurana ließ ihn los. Dabei runzelte sie ein wenig die Stirn.
Überraschenderweise war es Gilthanas, der Laurana ablenkte, indem er fragte, ob Tanis morgen zu der großen Bekanntmachung in den Turm kommen würde.
»Worum geht’s denn?« fragte Tanis. Laurana wich einen Schritt zurück, zog einen kleinen Schmollmund, schien dann aber ihre Meinung zu ändern und beteiligte sich an dem Gespräch. Mit ihren dreißig Jahren war sie halb Frau, halb Mädchen, und Tanis wußte nie, welcher Teil ihres Wesens zum Vorschein kommen würde, wenn er mit ihr sprach. Infolgedessen hatte er sie tatsächlich gemieden.
»Ich weiß nicht, worum es geht«, sagte sie. »Vater sagt es niemandem. Ich weiß nur, daß er sich quält und Lord Xenoth sich freut, und das gibt mir immer zu denken.«
»Du siehst heute großartig aus, Tanis«, meinte sie unvermittelt. Ihr grüner Seidenanzug schimmerte im Abendlicht. Ganz plötzlich war er sich seines menschlichen Bluts ganz deutlich bewußt. Er fühlte sich wie ein riesengroßer Trampel. Auch wenn es noch Jahre dauern würde, bis sie bei den Elfen als »erwachsen« gelten würde, hatte sie ihre volle Größe schon erreicht, war aber dennoch so leicht und frisch und schnell, daß er sich neben ihr wie ein Oger vorkam.
Gilthanas legte seiner Schwester mit ärgerlicher Miene eine Hand auf den Arm und sagte warnend: »Laurana…« Tanis wurde rot und blickte an sich hinunter auf die Kleidung, die sie gelobt hatte: ein himmelblaues Hemd unter einer federnbesetzten Lederweste und braune Hosen aus sehr weicher Wolle. Er zog perlenbesetzte Mokassins noch immer den gebräuchlicheren Elfenstiefeln vor. Das war eine Gewohnheit, die er nur schwer ablegen konnte.
Laurana riß sich ruckartig los, und plötzlich sah Tanis das verwöhnte Mädchen, das sie bis vor wenigen Jahren gewesen war. Ihre Stimme jedoch war die einer Frau. »Gilthanas, ich mache, was mir paßt«, schimpfte sie. »Wir haben darüber bereits geredet. Jetzt laß das.«