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Tanis war unbehaglich zumute. Die Tage, in denen Gilthanas und er gemeinsam durch die Stadt gelaufen oder durch den Wald gestreift waren, schienen jetzt weit entfernt, als wenn sie mehr Traum als Realität gewesen wären. Sie waren Freunde gewesen. Jetzt wußte Tanis nichts zu sagen und trat von einem Fuß auf den anderen.

Gilthanas nickte den beiden kurz zu. »Dann gehe ich eben.« Er fuhr herum und stolzierte durch die aufbrechenden Händler und ihre Karren davon.

»Tut mir leid«, sagte Tanis, mehr zu sich selbst als zu Laurana, doch das Elfenmädchen hatte ihn anscheinend nicht gehört. Statt dessen nahm sie seine Hand und zog ihn mit sich über den Markt.

»Ich weiß nicht, was Vater für morgen vorhat«, beklagte sie sich. »Ich weiß nur, daß keiner von der Regierung jemals einfach rauskommt und etwas sagt. Selbst die gewöhnlichste Bekanntmachung wird von Bergen von Pergament, meterweise Bändern und kannenweise Siegelwachs begleitet.«

Tanis merkte, daß er lächelte. Trotz einer gewissen Übertreibung hatte Laurana recht.

»Vielleicht kündigen sie morgen den Nationaltag des Elfenblütenweins an«, schlug er vor.

Tanis war so selten ironisch, und Laurana brauchte einen Augenblick, um ihn zu verstehen. Sie lachte. »Oder sie beschließen, daß jeder Elf zu jeder Mahlzeit Quith-Pa essen muß.«

Sie kicherte wieder, und plötzlich fühlte sich Tanis wie ein Kind – nicht der verdrossene Junge, der er gewesen war, sondern das sorgenlose Kind, das er unter anderen Umständen hätte sein können. Der Gedanke stimmte ihn zugleich froh und traurig.

Wie fast immer setzte sich die Traurigkeit durch. »Höchstwahrscheinlich hat es etwas mit dem Tylor zu tun«, sagte Tanis.

Laurana fröstelte. »Das ist sicher richtig. Die Palastwache war den ganzen Tag draußen, aber keiner konnte das Biest finden.«

Sie versank in Gedanken, und er fragte sich, in welche Richtung das Gespräch jetzt wohl weitergehen würde.

Sie hatten den Rand von Kith-Kanans Mosaik erreicht und den Marktlärm hinter sich gelassen. Laurana zog ihn die Steinstufen hoch, und dann folgte er ihr durch eine Lücke in den blühenden Fliederbüschen am Rand des Mosaiks auf eine kleine Lichtung. Die Büsche dämpften die Geräusche vom Platz. Plötzlich war sich Tanis bewußt, wie allein sie waren.

Laurana zog ein kleines Päckchen aus der Tasche. »Ich habe etwas für dich«, sagte sie. »Ich hab’s die ganze Woche dabeigehabt, weil ich hoffte, ich würde dich treffen.«

»Was ist es denn?« fragte er verwirrt, doch Laurana lächelte nur geheimnisvoll. In diesem Augenblick war sie ganz und gar kein Kind mehr, und Tanis trat verlegen auf den anderen Fuß.

»Du wirst schon sehen«, sagte sie. Dann stellte sie sich plötzlich auf die Zehenspitzen und küßte ihn auf die Wange, wobei sie seine Bartstoppeln ignorierte. Ihre Berührung war so kühl und weich wie die Frühlingsluft. Gleich darauf war sie durch den Flieder geschlüpft und nicht mehr zu sehen. Nur ein leichter Minzeduft hing noch da, wo sie gestanden hatte, in der Luft. Verwundert faßte sich Tanis an die Wange. Er war unsicher, was sie im Sinn hatte. Dann wickelte er achselzuckend das Päckchen aus.

Trotz der warmen Frühlingsluft wurde es Tanis plötzlich kalt im Bauch. Auf seiner Handfläche schimmerte im Sonnenlicht, das durch die jungen Blätter der Bäume fiel, ein Ring. Es war ein einfacher Ring aus sieben winzigen, miteinander verwobenen Efeublättern, der so hell und golden strahlte wie das Haar der Elfenfrau, von der er ihn bekommen hatte. Er war hübsch und zart, ein Ring, den man seinem Liebsten an die Hand stecken würde. Tanis schüttelte den Kopf und schloß die Faust um das Stück.

Immer noch kopfschüttelnd, trat Tanis kurz darauf aus den Fliederbüschen und ließ den schmalen Ring in seiner Westentasche verschwinden, bis er dessen Bedeutung verstehen würde.

»Interessant«, sagte eine kalte Stimme.

Tanis fuhr herum. Oben auf den Stufen stand schäumend vor Wut unter den Blicken mehrerer beladener Händler, die vorbei wollten, Lord Xenoth.

»Tanthalas Halbelf«, sagte der Elfenlord unheilvoll. »Das wirst du noch bereuen.«

Als Tanis verwirrt zusah, wie Lord Xenoth verstimmt davonging, hatte er keinen Zweifel daran, daß der Elfenlord recht hatte.

11

Besuch aus der Vergangenheit

Der Klang von Hammerschlägen tönte wie klare Musik durch die Morgenluft des Frühlingstags. Flint grinste grimmig, während er den rotglühenden Stahlstab bearbeitete und das Metall hin und wieder in das halbe Faß Wasser tauchte. Der Schweiß trat ihm auf die Stirn und tropfte von seinen rußgeschwärzten Brauen.

Er hatte am Vortag spät begonnen, seine Decke auf das Feldbett geworfen und einen Krug Bier heruntergekippt – für seine schwache Gesundheit, hatte er gemeint –, um dann die Esse zu schüren und unregelmäßige Eisenstücke zu mehreren kleinen Metallbarren zurechtzuhämmern. Er schlug die Barren zu Streifen und erhitzte diese im Holzkohlenfeuer auf eine hohe Temperatur, wodurch er Flußstahl erhielt. Dann legte er die Streifen aufeinander und machte daraus einen Stab, den er immer wieder in der Kohle erhitzte und dann im kalten Wasser löschte, um das Metall zu härten.

Jetzt war das Stück Stahl dünn und gleichmäßig genug, und er hob es mit Eisenzangen aus der Hitze der Esse und löschte es wieder. Wie der Atem eines Märchendrachens zischten Dampfwolken in die Luft, bis das Metall endlich abgekühlt war. Flint legte es auf seine Werkbank und musterte es kritisch. Es war immer noch roh und unfertig – eigentlich nichts weiter als ein platter Stahlstreifen –, aber schon bald genug würde es etwas ganz anderes sein: ein hinreißendes Schwert. Flints blaue Augen glänzten, denn unter der schwarzen Oberfläche des Stahlstücks konnte er schon die fertige Waffe sehen, wie sie glatt und schimmernd dalag.

Der Zwerg wischte sich Schweiß und Dreck von der Stirn und trank etwas Wasser aus der Blechkelle, die in der Ecke in einem Eimer steckte. Dann setzte er sich auf einen niedrigen Holzstuhl und schloß einen Moment die Augen. Erst vor zwei Tagen war er in Qualinost angekommen, und schon kam es ihm so vor, als wäre er den Winter über gar nicht fortgewesen. Wie lange war der Tag her, an dem er die Stadt zum ersten Mal betreten hatte? Ziemlich genau zwanzig Jahre, dachte er, während er die Augen aufschlug, um aus dem Fenster zu sehen.

Draußen blitzten die jungen Espenblätter smaragdgrün und silbern im Sonnenlicht.

Er fühlte sich in Qualinost wohl, und trotz der gelegentlichen unfreundlichen Blicke von Lord Xenoth, Litanas, Ulthen und Tyresian – Blicke, die wegen Flints Vertrautheit mit der Stimme der Sonne selten zu Kommentaren führten – kam es dem Zwerg fast so vor, als wenn er mehr in diese Elfenstadt gehörte als an jeden anderen Ort in Krynn. Nicht zum ersten Mal fragte er sich, was wohl seine Verwandten im Zwergendorf Hügelheim jetzt von ihm denken würden.

Ein leises Läuten klang durch die rauchige Luft, und Flint sah, wie sich die Tür zu seinem kleinen Geschäft öffnete. Hastig warf er ein Tuch über das Stahlstück auf der Werkbank. Er wollte die Überraschung nicht verderben.

»Flint! Lebst du noch?« fragte Tanis, der Halbelf, lächelnd. »Und ich dachte schon, ich müßte deine Beerdigung in die Wege leiten.«

Flint griff eilig nach seinem Taschentuch, schnaubte und setzte einen kränklichen Gesichtsausdruck auf. »Wie meine Mutter immer sagte: ›Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben‹«, meinte er.

Auf dem Gesicht des Halbelfen stand Unverständnis. Die Sprichwörter von Flints Mutter hatten häufig diese Wirkung. Dann zuckte er mit den Schultern und kam richtig herein. »Hast du Lust zu einem neuen Abenteuer, Flint? Ich dachte, wir könnten vielleicht noch mal nach dem Tylor suchen.«

Unverschämter Kerl, dachte Flint und grinste wieder.