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»Du hast es immer noch nicht in deinen Dickschädel gekriegt, was, Junge?« murrte der Zwerg. »Ich hab zu tun. Ich kann nicht den ganzen Tag eitel durch die Straßen stolzieren wie andere Leute.«

Tanis sah lachend an sich hinunter. Er hatte dieselbe Kleidung an, die Laurana gestern auf dem Großen Markt so gut gefallen hatte: blaues Hemd, Fransenweste und Wollhose.

»Flint«, sagte Tanis, dessen nußbraune Augen tanzten, »nimm dir einen Tag frei.«

»Freinehmen?« schnaufte Flint und setzte eine Märtyrermiene auf. »Davon habe ich mein Leben lang noch nicht gehört.«

Da lachte Tanis laut los.

Flint blickte ihn finster an. »Ihr jungen Leute habt aber auch nicht den geringsten Respekt«, grollte er. Junge Leute… die Worte klangen in ihm nach, bis es ihm plötzlich auffiel, wie es seit seiner Rückkehr nach Solace schon mehrmals gegangen war. Tanis war nicht mehr zu vergleichen mit dem Jungen, der er gewesen war, als Flint damals in die Elfenstadt gekommen war. Schon nach jenem ersten Winter hatte Flint über die Veränderung gestaunt, um wieviel… doch, wieviel menschlicher der Junge gewirkt hatte. Insbesondere im Vergleich zu anderen Elfen, besonders den jüngeren, die sich nur wenig verändert hatten.

Flint selbst sah kaum anders aus als an dem Tag, wo er zum ersten Mal den Sonnenturm betreten hatte, abgesehen vielleicht von den paar grauen Flecken – nun, vielleicht mehr als nur ein paar –, im Bart und im dunklen Haar, das er immer noch mit einer Schnur im Nacken zusammenband. Ein paar Falten in seinem Gesicht waren etwas tiefer geworden, und den Gürtel konnte er nicht mehr so eng schnallen wie früher – diese Veränderung hätte Flint schlichtweg abgestritten –, dennoch, er war immer noch derselbe Zwerg mittleren Alters mit hellen strahlenden Augen und seinem vertrauten Grummeln.

Bei Tanis war das anders. Der war in den letzten Jahren groß geworden – nicht so groß wie die Stimme, aber immerhin so, daß Flint ziemlich in die Höhe gucken mußte, um mit ihm zu reden. Die Unterschiede zwischen dem Halbelfen und den reinen Elfen um ihn herum traten jetzt deutlicher hervor. Er war stärker als jeder andere, und seine Brust war breiter, obwohl er im Vergleich zu einem starken Menschen schmal gewirkt hätte. Auch sein Gesicht zeigte, wie er sich verändert hatte. Seinen Zügen mangelte es an der typischen Ebenmäßigkeit der Elfen; sie wirkten nicht wie aus poliertem Alabaster, sondern eher wie aus Stein gemeißelt. Sein Kiefer war eckig, der Nasenrücken stark und gerade und seine Wangenknochen kantig. Und natürlich waren seine Augen weniger mandelförmig als die der anderen Elfen.

Flint wußte, daß Tanis drüben in Solace als schöner, junger Mann angesehen werden würde, aber hier… nun, die meisten in der Stadt hatten sich inzwischen anscheinend an ihn gewöhnt, so daß er nicht mehr dauernd angestarrt wurde. Zumindest gab es nur noch selten einen gemurmelten Kommentar, der nie so laut geäußert wurde, daß Tanis oder Flint denjenigen wirklich stellen konnten. Dennoch war es eine schwere Zeit für Tanis gewesen. Menschen alterten so viel schneller als Elfen und Zwerge, daß Tanis sich – für sein Elfenvolk – wie über Nacht verändert hatte.

»Hast du nichts zu tun?« fragte Flint gereizt, wobei er darauf achtete, zwischen Tanis und dem verdeckten Schwert zu stehen.

»Zum Beispiel?« fragte Tanis. Er schien zu merken, daß mit dem Zwerg etwas los war.

»Zum Beispiel alles, was du sonst auch machst«, redete Flint barsch weiter. »Ich bin zu… zu krank, um dich heute zu unterhalten, Junge. Ich brauche meine Ruhe.« Er schielte aus dem Augenwinkel zu Tanis, um zu sehen, ob der Halbelf ihm das abkaufte.

Tanis schüttelte den Kopf. Also hatte Flint mal wieder einen seiner launischen Tage.

»Na schön, Flint. Ich wollte eigentlich vorschlagen, daß wir uns in ein kleines Abenteuer stürzen«, Flints Augen wurden groß, und er nieste plötzlich gewaltig, »aber ich denke, das kann auf einen anderen Tag warten.« Der Halbelf kratzte sich abwesend am Kinn.

»Du solltest dich lieber mal wieder rasieren«, sagte Flint, »oder es wachsen lassen. Entweder – oder, wenn du nicht wie ein Bandit aussehen willst.«

Tanis fuhr sich überrascht mit der Hand über die Wange, wo er die Stoppeln eines wenige Tage alten Barts fühlte. Ein Geschenk seines Menschenvaters – oder ein Fluch, je nach Betrachtungsweise, fand Tanis. Seit etwa einem Jahr machte sich der Bart bemerkbar, doch Tanis hatte sich immer noch nicht daran gewöhnt. Er mußte mal wieder zu dem Rasiermesser greifen, das Flint ihm gemacht hatte.

»Warum du keinen richtig schönen Bart willst, will mir nicht in den Kopf«, klagte Flint.

Tanis schüttelte abwesend den Kopf. Wachsen lassen? Das konnte er nicht über sich bringen. Flint sah die Geste und beließ es dabei.

»Na schön, Flint, ich überlasse dich deinem Schmollen«, sagte Tanis. »Eigentlich bin ich hier, um dir eine Nachricht zu bringen. Morgen nachmittag gibt es so eine Bekanntmachung am Hof, und die Stimme hat mich gebeten, dich einzuladen.«

»Bekanntmachung?« fragte Flint und zog die buschigen Augenbrauen zusammen. »Weswegen?«

Tanis zuckte wieder mit den Achseln. »Keine Ahnung. Die Stimme hat sich einen Tag lang mit Lord Xenoth und Tyresian zurückgezogen. Ich schätze, du wirst es gleichzeitig mit mir herausfinden.« Mit einem Lächeln verließ der Halbelf den Laden. Die kleine Glocke bimmelte wieder. Flint wartete noch etwas, um ganz sicher zu sein, daß Tanis nicht zurückkam. Erst dann deckte er das Schwert ab und rieb sich die Hände. O ja! Das würde ein wunderbares Schwert werden!

Bald konnte man wieder den Rhythmus seines Hammers vernehmen.

Flints Laden sollte heute noch mehr Gäste sehen. Tanis’ Schritte waren auf der Gasse kaum verklungen, als die Glocke schon wieder ertönte. Wieder warf Flint das Tuch über das Schwert und stellte sich eilig vor die Waffe.

Aber es war nicht Tanis. Es war eine alte Frau, die selbst für eine Elfin alt war – doch Flint glaubte, auch einen Schuß Menschenblut wahrnehmen zu können. Sie war klein und drahtig und für eine Elfin auffällig gekleidet. Elfen liebten fließende Gewänder, doch die Alte trug ein lockeres grünes Oberteil aus einem Webstoff und einen angekräuselten Wollrock. Der Rock reichte fast bis zum Boden, wodurch sie noch kleiner wirkte, als sie war. Eigentlich war sie kaum größer als der Zwerg, was er bei einem erwachsenen Elfen noch nie erlebt hatte. Die Augen, die aus dem dreieckigen Gesicht blinzelten, waren rund und nußbraun – ein weiterer Hinweis auf menschliche Vorfahren. Flint hätte darauf gewettet, daß das Menschenblut Jahrhunderte vor der Umwälzung in ihre Familie eingeflossen war. Weil ihr Gesicht an den Augen so breit und am Kinn so schmal war, wirkte die alte Frau wie eine Katze. Im Gegensatz zu anderen Elfen hatte sie ihr silbernes Haar zu einem Zopf geflochten und hochgesteckt, wodurch man die Ohren sah, die ihr elfisches Erbe bewiesen. Ihre Finger waren so lang und schlank, daß sie nicht recht zum Rest ihres Körpers zu passen schienen. Wie Tanis trug sie Mokassins, die bei ihr mit dunkellila Perlen bestickt waren, welche zu ihrem Rock paßten. Darüber trug sie einen leichten, fliederfarben und blaßgrün gesprenkelten Umhang mit Kapuze.

An ihrem Rock hing ein Kleinkind, das mit einem fast anbetenden Ausdruck zu der runzligen Frau emporschaute. Der kleine Junge, der noch nicht lange lief, wie man aus seinem Klammern an ihrem Wollrock schließen konnte, lächelte Flint offen an.

»Flink!« sagte der Kleine und wagte es, mit einer Hand loszulassen, damit er auf Flint zeigen konnte. Dabei lächelte er die alte Frau an. »Flink!«

»Flink?« wiederholte der Zwerg, der sich bückte, um dem Kind richtig ins Gesicht sehen zu können. Flints Brauen waren fast bis zum Haaransatz hochgezogen. »Ich kann mich nicht erinnern, dich im Himmelssaal – ah, doch! Letzten Herbst. Da bist du noch nicht gelaufen. Du warst mit deinem großen Bruder da. Ich hab dir was geschenkt – was war das noch?«

Der Kleine schob eine Hand in die Tasche seines bequemen, entengrünen Overalls und brachte ein daumengroßes Stück Quarz zum Vorschein, ein zerfranstes Stück Quith-Pa und ein geschnitztes Rotkehlchen. Das Kind legte Flint seine drei Schätze in die Hand und lächelte wieder. Der Zwerg untersuchte die drei, nickte ernst und gab den Stein und das Brot zurück. Dann stand er mit dem Holzvogel in der Hand da und sah die Elfenfrau an.