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»Habt Ihr das gemacht?« fragte sie mit einer vollen Stimme, die so klang wie die eines Jahrhunderte jüngeren Elfen. Sie streckte ihren schlanken Finger aus und berührte den Vogel.

Das Rotkehlchen war am Bauch dicker als am Kopf und war unten abgerundet, so daß das Spielzeug, wenn es runterfiel, auf die Seite rollte und sich dann wieder aufrichtete. Flint hatte das einfache Spielzeug aus zwei Holzstücken gemacht und am Boden, zwischen den beiden Teilen, ein schweres Stück Eisen eingearbeitet, damit der Vogel nicht umgeworfen werden konnte.

Flint stubste es noch ein paarmal an, weil ihn das Schaukeln wieder faszinierte, bis er merkte, daß die Frau mit den Haselnußaugen auf eine Antwort wartete und der kleine Junge sein Spielzeug zurückwollte. Der Zwerg gab dem Kleinen seinen Vogel zurück und nickte der Frau zu.

»Ihr seid Flint Feuerschmied«, stellte sie fest. Das war keine Frage.

Flint nickte wieder.

»Ich möchte Spielsachen bei Euch kaufen«, sagte sie ohne Umschweife.

»Nun«, sagte Flint gedehnt, »das könnte ein Problem sein.«

»Warum?« wollte sie wissen.

Der Zwerg sah an ihr vorbei zu dem Eichenschrank. »Erstens verkaufe ich kein Spielzeug. Ich verschenke es. Und zweitens verkaufe ich es nicht an Fremde.«

Ihre klaren Züge nahmen einen beleidigten Ausdruck an, und sie drehte sich so abrupt um, daß das Kind praktisch umgefegt wurde. »Nun, ich denke, das war’s dann, Meister Feuerschmied«, sagte sie und wollte die Tür öffnen.

Flint holte tief Luft, während die Hand der Frau sich schon auf die Türklinke legte. »Wenn Ihr Euch natürlich dazu durchringen könntet, Euch vorzustellen, wärt Ihr ja keine Fremde mehr«, sagte er ruhig, während er die Nägel seiner linken Hand begutachtete und mit einem Eisensplitter den Ruß herauspulte, der darunter saß.

Die Frau blieb mit dem Rücken zu Flint stehen und schien nachzudenken. Dann fuhr sie mit blitzenden Augen herum »Ailea«, erklärte sie schroff. »Eld Ailea für die, die mich gut kennen.« (»Eld« bedeutet in der Elfensprache »Tante«.)

Flint senkte den Kopf. »Und ich bin Flint Feuerschmied.«

»Ich wei…«, setzte sie an, seufzte dann aber und wartete.

»Und«, fuhr er fort, als wenn sie nichts gesagt hätte, »obwohl ich keine Spielsachen an Fremde verkaufe, könnte ich doch einer Freundin welche schenken

Sie seufzte erneut, doch diesmal stahl sich ein schwaches Lächeln auf ihre dünnen Lippen. Sie glich einer Katze aus Abanasinia, der man eine lang ersehnte Belohnung vorsetzt. Aber ihre Worte verrieten Ärger. »Ich habe schon gehört, daß Ihr so seid, Meister Feuerschmied«, gab sie zur Antwort.

Flint ging hinüber und machte den Schrank auf, um die vielen Spielsachen zu zeigen, die er den Winter über in Solace geschnitzt hatte. Ein paar hatten die Flucht auf dem Rücken eines tylorscheuen Maultiers nicht überlebt, aber die meisten waren noch gut. Er betrachtete den Schrankinhalt, suchte eine Pfeife aus, die der Kleine nicht verschlucken konnte und gab sie dem Jungen in die Hand. Der blies so wild hinein, daß der Zwerg auf der Stelle wünschte, er hätte etwas anderes ausgewählt. Flints dicke Hände glitten weiter über das Spielzeug, nahmen eins hier, eins da heraus, bis über ein Dutzend in den Vordertaschen seiner losen Ledertunika steckten.

Minuten später saß das Kind glücklich am Ende von Flints Feldbett, baute auf seiner Kleidertruhe einen Haufen Holztiere auf und stieß zwischendurch lustvoll in die Pfeife. Flint wartete, daß das Wasser in dem Eisenkessel über der Esse kochte, und Eld Ailea füllte eine verlockende Mischung aus getrockneten Orangenschalen, Zimtstückchen und Tee in ein Teesieb. Sie hielt inne, um an dem Gemisch zu riechen. »Wunderbar«, sagte sie leise seufzend. »Das erinnert mich an den Tee, den wir in meiner Familie tranken, als ich klein war.«

»Wo seid Ihr aufgewachsen?« fragte Flint spontan. Der Gewürztee, den er jedes Jahr aus Solace mitbrachte, war eher eine Menschenspezialität als eine elfische.

»In Kargod«, sagte sie. »Mein Vater wurde aus Qualinost verbannt.«

»Weshalb?« fragte Flint, ohne nachzudenken. Die Elfen verbannten selten jemanden. Es mußte nach den Gesetzen der Qualinesti ein wirklich schweres Verbrechen gewesen sein.

»Er war der Kopf einer Bewegung, die Qualinesti für Ausländer öffnen wollte«, erläuterte sie. »Er wurde verbannt. Seine Familie kam natürlich mit. Schließlich ließen wir uns in Kargod nieder, wo die Familie entfernte Verwandte hatte.« Menschliche, dachte Flint. Da ist das Bindeglied. »Ich wurde von ein paar Klerikern zur Hebamme ausgebildet, und als ich alt genug war, kehrte ich hierher zurück.«

»Warum?« Das Wasser kochte, und Flint hob den Kessel vom Feuer. Mit einer dicken Wollsocke als Topflappen – fast sauber, fand er, da er sie erst einen Tag getragen hatte – hob er den Topf über den Tisch und goß Wasser über die Teeblätter in eine schwere Keramikkanne.

Ein trauriger Ausdruck glitt über Eld Aileas Gesicht, war jedoch so schnell verschwunden, daß Flint sich nicht sicher war, ob er tatsächlich dagewesen war. »Ich hatte keine Freunde außer Menschen, und als ich endlich erwachsen war, waren sie alle aus Altersgründen gestorben. Ich kannte ein paar kleine Zaubertricks – Tränke gegen Wehenschmerzen, Illusionen, um Kinder zu beschäftigen, und so –, aber ich konnte nichts dagegen tun, daß meine Jugendfreunde alterten und starben.«

Flint fragte sich, ob unter diesen vor langer Zeit verstorbenen Freunden ein besonderer Mann, ein geliebter Mensch, gewesen war, dessen Tod die Trauer in den Augen der alten Elfin verursacht hatte. Während sie so am Tisch saß und gedankenverloren das Teesieb durch die Kanne zog, sah sie ins Leere und sagte beiläufig: »Meine Eltern waren tot. Es gab nicht viele andere Elfen in Kargod. Ich war einsam, deshalb kam ich hierher zurück.«

Ein Hauch von Zimt und Orange wehte von der dicken Kanne herüber. Das Kind drüben auf Flints Feldbett war auf dem Rücken eingeschlafen, eine kleine Holzkuh in der einen Faust, ein Schaf in der anderen. Eld Ailea fuhr – plötzlich fröhlicher – fort: »Ich passe hierher besser als dorthin.«

Sie sah auf und mußte das Mitgefühl in Flints Blick bemerkt haben, denn ärgerlich kniff sie die grünbraunen Augen zusammen. »Werdet bloß nicht mitleidig, Meister Flint Feuerschmied«, sagte sie. »Ich habe meinen Weg selbst gewählt.«

Er suchte nach passenden Worten.

»Kann ich Euch bestimmt kein Bier anbieten?« fragte Flint.

Eld Ailea warf ihm einen strengen Blick zu. »Ich bin im Dienst«, sagte sie nur.

Sie saßen noch ein Weilchen da und schlürften Tee, bis Flint einfiel, daß ja schon fast Mittagszeit war. Also holte er Quith-Pa heraus und schnitt ein paar Scheiben Käse ab, und Eld Ailea nahm Teller aus dem Schrank. Flint war auf einer seiner Reisen in Kargod gewesen, und die beiden unterhielten sich über die Stadt. Offenbar hatte Eld Ailea sie schon vor Flints Geburt verlassen. Dann zeigte ihr Flint, wie er den Stehaufvogel für den Kleinen gemacht hatte und schenkte ihr noch einen zweiten. Und Eld Ailea erzählte ihm von ein paar Kindern, die sie über die Jahrhunderte zur Welt gebracht hatte: »Ich habe die Stimme der Sonne und seine beiden Brüder entbunden«, erklärte sie stolz. Inzwischen hatte sie sich als Hebamme zur Ruhe gesetzt, kümmerte sich jedoch weiterhin um kleine Kinder. »Ich liebe Babys«, meinte sie und wurde zum ersten Mal etwas lebhafter. »Darum bin ich wegen der Spielsachen gekommen.«

Alles in allem war es eine nette Art, einen Frühlingstag zu verbringen.

Irgendwann waren Brot und Käse alle. Eld Ailea spülte die Teller und stellte sie weg, während Flint an Tanis’ Schwert weiterarbeitete. Vorher aber nahm er das schlafende Elfenkind von dem Feldbett, das zu nah an der Esse stand, und legte es Eld Ailea auf den Schoß. Der Klang der Hammerschläge, der das Kind erst aufweckte, ließ es schließlich um so fester schlafen. Die alte Frau saß ruhig da, summte dem Kind etwas vor, trank die letzte Tasse Tee und sah zu, wie das Schwert Gestalt annahm. Eine Stunde verging, bis Flint aufschaute und sah, daß Eld Ailea ebenfalls eingeschlafen war. Der freie Arm lag am Tisch, und die Wange hatte sie an den Kopf des kleinen Jungen geschmiegt. Der Zwerg lächelte und arbeitete weiter.