»Seher«, schnaubte Flint. »Schwindler und Scharlatane, alle miteinander. Sag mal, hab ich dir schon erzählt, wie ich damals auf dem Herbstmarkt in Solace war? Warte mal…«, überlegte der Zwerg. »Das muß nicht lange nach dem Tag gewesen sein, wo ich im Wirtshaus ›Zur Letzten Bleibe‹ mit diesen zehn Räubern gekämpft habe.«
Tanis wehrte sich gegen Flints Versuche, ihn vom Zelt der Seherin wegzuziehen. »Ich hätte nichts gegen einen Blick in meine Zukunft«, sagte er. Der Zwerg schnaubte und zerrte ihn den gepflasterten Weg zwischen den Zelten und Ständen entlang. Der Halbelf schien plötzlich zu sich zu kommen. Nach dem letzten, sehnsüchtigen Blick zu Lady Kyannas Zelt ging ein Zucken über sein Gesicht. Er sah Flint an und fragte: »Was hast du gesagt?«
»Ein Zauberer wollte mir in Solace auf der Straße einen Trank verkaufen, der mich angeblich unsichtbar machen sollte«, erzählte Flint und ließ zu, daß der Halbelf an einem Elfenstand stehenblieb, wo ausgerechnet Schwerter auslagen. »Für mich sah es verdächtig nach klarem Wasser aus, aber er sagte mir: ›Natürlich ist es klar. Sonst würde es dich nicht unsichtbar machen, oder?‹ Tja, als ich dann mit dem Elixier nach Hause kam…«
Tanis, der gerade einen Schwertgriff streichelte, drehte sich um. »Das heißt, du hast es gekauft?« fragte er ungläubig.
»Aber bestimmt nicht, weil ich dem Zauberer auch nur ein Wort von seinem Gerede geglaubt habe«, sagte Flint gereizt mit blitzenden Augen und versuchte wieder, den Halbelfen von den ausgestellten Schwertern wegzuziehen. »Ich wußte die ganze Zeit, daß es Betrug war. Ich wollte nur einen Beweis, damit ich ihn vor der Wache als Scharlatan entlarven konnte.«
»Und was passierte, als du das Elixier getrunken hast?« fragte Tanis unbeteiligt, denn seine Aufmerksamkeit galt immer noch den Waffen. »Das sind schöne Schwerter. Ich könnte eins…«
»Schlampige Arbeit«, mischte sich Flint ein, zog den Elf weiter und ignorierte dabei den wütenden Blick des Waffenverkäufers. »Du brauchst kein Schwert. Wen solltest du denn in Qualinost bekämpfen? Jedenfalls kippte ich den Trank runter und dachte, ich könnte doch so einem dreisten Wirt ein oder zwei Krüge Bier wegtrinken. Er hatte mich erst ein paar Tage vorher betrogen: Da hatte er mir einen Krug verwässertes Zeug anstelle von richtigem Bier angedreht«, sagte Flint mit einem verschmitztem Grinsen auf dem Gesicht. Dann aber runzelte er die Stirn. »Bloß hat mich irgendwie der Rausschmeißer – bestimmt ein halber Hobgoblin, wenn er überhaupt irgend etwas war – ertappt und… he!« fluchte Flint, als er erkannte, daß er etwas mehr von der Geschichte preisgegeben hatte, als er wollte.
Wütend sah er Tanis an, doch der Halbelf sah ihn nur ernst an.
»Und…?« fragte Tanis.
»Und kümmere dich um deinen eigenen Kram!« schmollte Flint. »Hast du nichts Besseres im Kopf?«
Langsam, aber bestimmt führte Flint Tanis an den verlockenden Angeboten des Großen Markts vorbei – zum Laden des Zwergs. Sie traten schweigend ein, während Flint sich vergeblich verschiedene kleine Sätze zurechtlegte, bis er schließlich wortlos, weil er nichts zu sagen wußte, zum Tisch ging, wo etwas Langes, Schmales unter einem dunklen Tuch versteckt lag.
»Was ist das?« fragte Tanis näher tretend.
»Bloß etwas, das ich heute nacht fertig gemacht habe«, meinte Flint und zog das Tuch weg.
Darunter lag das Schwert und schimmerte wie ein gefrorener, harter Blitzstrahl. Mehrere Dutzend Pfeilspitzen lagen mattschwarz und äußerst scharf neben dem Schwert.
Tanis’ Augen strahlten beim Anblick des Schwertes. »Flint, das ist ein wahres Wunder«, sagte Tanis leise und streckte die Hand aus, um über das kühle Metall zu streichen.
»Gefällt es dir?« fragte Flint und zog die buschigen Augenbrauen hoch. »Es ist ein Geschenk, weißt du.«
»Für…« Der Halbelf brach ab, und sein Gesicht versteinerte. Einen entsetzten Augenblick hatte der Zwerg Angst, das Schwert könnte Tanis nicht gefallen. Dann sah er, daß Tanis die Hände zu Fäusten ballte, und erkannte, daß sein Freund darum kämpfte, nicht von seinen Gefühlen überwältigt zu werden. »Oh, das kann ich nicht annehmen«, sagte der Halbelf schließlich leise und betrachtete verlangend die Waffe.
»Natürlich kannst du das«, sagte Flint gereizt. »Du solltest es lieber tun, Junge.«
Tanis zögerte noch ein paar Momente, dann griff er zögernd nach dem Schwert. Schließlich umfaßte er den Griff. Er war kühl und glatt und fühlte sich irgendwie genau richtig an. Ein Schauer lief ihm über den Rücken. Dieses Schwert war mehr als eine Waffe. Es war eine kalte Schönheit.
»Danke, Flint«, flüsterte er.
Der Zwerg tat den Dank des Halbelfen mit einer Geste ab. »Sieh nur zu, daß du das Ding benutzt, dann bin ich glücklich«, sagte er.
»O ja«, versprach Tanis nachdrücklich, »das werde ich.«
Selbst nach all diesen Jahren unter Elfen verspürte Flint noch immer Ehrfurcht, wenn er den Sonnenturm betrat, und er unterließ es nie, einen Augenblick vor den vergoldeten Türen zum Hauptsaal stehenzubleiben, die Augen zu schließen und schweigend den Baumeistern der Zwerge Respekt zu bezeugen, die ihn vor so langer Zeit erbaut hatten.
Heute nachmittag schwangen die großen Türen vor ihm auf, und die Cherubim im Relief grinsten eine Sekunde lang durchtrieben, als sie zur Seite wichen und den Zwerg aus den Augenwinkeln ansahen. Flint schüttelte den Kopf und trat ein, wobei er darauf achtete, nicht zu der sechshundert Fuß hohen Decke hochzustarren.
Nicht, daß mir ein bißchen flau im Magen wird, wenn ich ganz da hoch schaue, nein, nein, dachte Flint. Ich will bloß nicht alles verderben, indem ich jedesmal, wenn ich hier reinkomme, dastehe und es anstarre.
Die meisten Höflinge waren schon da, wie Flint feststellte, doch die Stimme selbst fehlte noch, ebenso Tanis. »So sicher, wie ein Hammer schwer ist, kommt er zu spät«, fluchte Flint leise und schüttelte erneut den Kopf, wobei sein Bart wackelte. Nachdem ihm klar war, daß er eine Weile ohne Begleitung sein würde, löste er sich von den versammelten Elfen, lehnte sich an eine der Säulen um den Saal herum und wartete darauf, daß die Audienz losging.
Prächtig gewandete Höflinge in grünen, braunen und rostroten Seidentuniken, die mit Gold- und Silberfäden bestickt waren, standen grüppchenweise im Saal herum, und ihre Unterhaltungen hallten in den oberen Bereichen des Turms wider. Als Flint so an der Säule stand, fiel ihm auf, daß sich viele Gespräche um die Unfähigkeit der Palastwache drehte, die den Tylor nicht erwischte.
»Wie schwer kann es denn sein, ein zwanzig bis dreißig Fuß langes Monster zu finden?« beschwerte sich ein alter Elf. »Zu meiner Zeit hätte man das Vieh schon vor Tagen erlegt.«
Sein Begleiter versuchte, den Zorn des Alten zu besänftigen. »Der Wald ist groß und voller Magie. Die Stimme sollte einen Spezialtrupp mit einem Magier und den besten Männern aufstellen, damit die Bestie endlich aufgespürt und gefangen wird.« Der alte Elf nickte zustimmend.
»Lauter Experten«, murmelte Flint.
Porthios’ Freunde, Ulthen und Selena, schwebten vorbei und stellten sich auf die andere Seite der Säule. Die Frau hatte ihren schlanken Arm um die Taille des Elfenlords gelegt, doch ihre Augen ruhten die ganze Zeit nicht auf ihrem Begleiter, sondern auf Litanas, der als der neue Assistent von Lord Xenoth neben diesem vor dem Podium stand. Flint bewegte sich unauffällig etwas weiter, weil er hoffte, sie würden ihn nicht bemerken. Er wußte, daß Selena, Litanas und Ulthen zu den Elfen gehörten, die keine Ausländer am Hof haben wollten, auch wenn die blonde Selena es selten versäumte, von Flints »wunderbarer Zwergenkunst« zu schwärmen, wenn sie den Zwerg erblickte.
Ihre schneidende Stimme war gut zu vernehmen.