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»Also, Litanas hat mir erzählt, daß Tyresian Xenoth gedroht hat, ihm Steine in den Weg zu legen, falls der Berater nicht aufhören sollte. Aber Litanas wußte nicht genau, worum es bei dem Streit ging. Ich glaube, Xenoth verheimlicht Litanas manches, und das ist einfach ungerecht, wo Lord Litanas doch einer der intelligentesten…«

Ulthen versuchte, sie zum Schweigen zu bringen. »Selena, jeder hört…«, sagte er.

»Oh, Ulthen, laß mich in Ruhe. Jedenfalls hat Litanas gesagt…«

Ulthen schnitt eine Grimasse, und Flint bemerkte, daß der junge Lord diese Litanei wohl häufig zu hören bekam: »Litanas hat gesagt…«

»Also, ich habe gehört, daß die Stimme das Kentommen verschieben will, bis der Tylor gefangen ist.«

Ulthens Stimme wurde allmählich ungeduldig »Ach, Selena, mach dich nicht lächerlich.«

Ihre Stimme erhob sich zu einem Kreischen. »Lächerlich! Was glaubst du, wie sicher es ist, wenn von überall her Leute über genau die Wege kommen, die wegen des Tylors so gefährlich sind?«

Ulthen – und Flint auf der anderen Seite der Säule auch – mußten zugeben, daß Selena in gewisser Hinsicht recht hatte. Vielleicht ging es bei der Bekanntmachung nur um dieses Thema. Es würde bestimmt das erste Mal sein, daß ein Kentommen verschoben wurde, denn die Tradition schrieb vor, daß die Zeremonie am neunundneunzigsten Geburtstag des Lords stattfinden mußte, und es war schon eine arge Krise notwendig, um daran zu rütteln.

In diesem Moment schwangen die goldenen Türen auf, und die Stimme betrat den Raum, gefolgt von Laurana. Der Widerschein des Sonnenlichts, der den Turm füllte, ließ Solostarans grüngoldene Gewänder schimmern, während er königlich in den Saal schritt. Flint ging auf seinen Freund zu.

Die Stimme begrüßte verschiedene Anwesende und tauschte Höflichkeiten aus, doch Flint merkte sofort, daß heute etwas anders war. Wenn die Stimme der Sonne sich in den letzten zwanzig Jahren, seit Flint sie kannte, überhaupt verändert hatte, dann waren dem Zwerg diese Veränderungen nicht bewußt. Die Stimme stand so aufrecht wie der Turm selbst, sein Gesicht war so alterslos wie der Marmor an den Innenwänden. Aber heute lag in den sonst so klaren und warmen Augen ein bedrängter Ausdruck.

»Meister Feuerschmied«, sagte die Stimme, als sie sich umdrehte und den Zwerg geduldig warten sah, der die Unterhaltung der Stimme mit den Höflingen nicht stören wollte. »Ich bin froh, daß Ihr kommen konntet.«

»Ich bin immer da, wenn Ihr es wünscht«, sagte Flint. Zum ersten Mal bemerkte er eine Falte auf der glatten Stirn der Stimme.

Die Stimme lächelte dem Zwerg matt zu. »Danke, Flint«, sagt Solostaran, und der Zwerg war ehrlich erstaunt. Soweit er sich erinnern konnte, war es das erste Mal, daß die Stimme ihn bei einer öffentlichen Audienz mit dem Vornamen ansprach. »Ich fürchte, ich werde heute einen Freund wie dich brauchen.«

»Das verstehe ich nicht«, sagte Flint.

»Freundschaftsbande sind stark, Flint, aber manchmal binden sie zu fest.« Der Blick der Stimme glitt über die Anwesenden, blieb an Lord Xenoth und Litanas hängen und schweifte dann ins Leere.

»Oh, ich sehe schon«, meinte Flint schroff. »Dann lasse ich Euch lieber allein.«

»Nein, Meister Feuerschmied«, sagte die Stimme und legte Flint die Hände auf die Schultern, bevor der Zwerg gehen konnte. Ein verstecktes Lächeln umspielte kurz Solostarans Lippen. »Ich spreche von einer anderen Sorte Freundschaft, der zwischen zwei Häusern. Obwohl mir solche Bande in der Vergangenheit geholfen haben, bedauere ich, welchen Preis ich heute für diese Freundschaft zahlen muß.«

»Aber was soll das sein?« fragte Flint. Was konnte man so Abscheuliches für einen Freund tun?

Die Stimme schüttelte leicht den Kopf. »Ich fürchte, das wirst du früh genug erfahren. Aber versprich mir, Flint, daß du dir später die Zeit nehmen wirst, mit einem alten Elfen einen Schluck Wein zu trinken.«

Die Stimme lächelte wieder, als Flint einwilligte. Dann ging Solostaran zum Podium in der Mitte des Saals. Er bestieg das Podium, woraufhin die Höflinge zu reden aufhörten und ihre Aufmerksamkeit auf die Mitte richteten. Wo war Tanis, fragte sich Flint.

Porthios stand zur Linken seines Vaters neben Lord Xenoth und Litanas. Er versuchte offensichtlich, so majestätisch auszusehen wie die Stimme, wirkte auf Flint jedoch eher wie ein aufgeblasener, junger Gockel. Sein jüngerer Bruder, Gilthanas, stand rechts neben dem Podium bei der Ehrengarde. Die Wachen trugen schwarze Lederwesten, auf denen mit Silberfäden die Symbole von Sonne und Baum aufgestickt waren. Es war dasselbe Symbol, das die Flagge geschmückt hatte, die Kith-Kanan mit sich trug, als er zum ersten Mal den Wald von Qualinesti betrat.

Gilthanas hatte sich vor einem knappen halben Jahr der Garde angeschlossen. Er war nach wie vor nicht viel mehr als ein Junge, nur wenig älter als Laurana, aber Flint wußte, daß Porthios lange und zäh mit dem Hauptmann der Wache um diese Position für Gilthanas gerungen hatte. Obwohl Gilthanas sich nach Kräften bemühte, die straffe Haltung der anderen Wachen nachzuahmen, während er sein Schwert zum traditionellen Salut vor sich hielt, schien die Waffe einfach zu schwer für seine zierliche Gestalt. Flint schüttelte den Kopf. Er hielt es dem Jungen zugute, daß er sich so um Stärke bemühte, doch Flint war sich nicht ganz sicher, was Gilthanas eigentlich beweisen wollte.

Gerade als die Stimme die Hände erhob, um den Hof zu begrüßen, wurde Flint von hinten geschubst. Er fuhr zornig herum, um dem Trampel seine Meinung zu sagen, der nicht aufpassen konnte, wo er hintrat.

»Tanis!« flüsterte er erleichtert. Endlich war auch sein Freund da, Tanis keuchte etwas, und Schweiß glänzte auf seiner Haut. »Wie in Reorx’ Namen kommst du dazu, hier so spät reinzutrampeln?« flüsterte er hitzig.

»Pst, Flint«, sagte Tanis leise und wies zum Podium, wo die Stimme mit ihrer Ansprache begann.

»Ich danke Euch allen, daß Ihr heute hierhergekommen seid«, sagte die Stimme zu den Edlen, die um das Podium herum standen. »Ich möchte Euch große Neuigkeiten mitteilen, die hoffentlich Euch allen Grund zur Freude gegeben werden. Zuerst jedoch muß ich gestehen, daß ich noch einen aktuelleren Grund hatte, Euch alle einzuladen.«

Die Stimme lächelte. »Ihr wißt natürlich, daß ein räuberisches Monster das Land um Qualinost heimsucht. Mehrere von uns sind diesem Wesen zum Opfer gefallen, und die Bauern jener Gegend berichteten, daß sie immer mehr Vieh vermissen. Meine Berater haben mir erzählt, daß diese Bestie, ein Tylor, ohne Zweifel an einem der Wege nach Solace einen Bau haben muß. Die Truppen, die zur Jagd nach dem Monster losgeschickt wurden, konnten es bisher nicht aufspüren, aber sie haben Spuren des Monsters gefunden und glauben, daß sie das eigentliche… Jagdrevier des Untiers eingekreist haben.«

Die Züge der Stimme wurden weicher, als Solostaran die Höflinge ansah.

»Darum bitte ich um Freiwillige, die sich zusammenschließen, um den Tylor zu jagen. Weil die Kreatur gewisse magische Fähigkeiten hat, war der Zauberer Miral freundlicherweise einverstanden mitzugehen.« Miral, der gegenüber von Flint neben einer Säule stand, nickte leicht, verschränkte die Arme und steckte sie tief in seine weiten Ärmel. »Und Lord Tyresian hat zugesagt, die Führung des Jagdtrupps zu übernehmen.« Tyresians kurzes Lächeln wirkte mehr wie eine Grimasse als wie ein Grinsen.

»Ich hoffe, daß die Besten von Euch sich dieser Gruppe von Freiwilligen anschließen werden, um in das Gebiet zu ziehen, wo wir den Bau des Tylors vermuten. Gibt es solche Freiwilligen?«

Porthios sprach als erster. »Ich komme mit.«

Die Stimme zögerte beim Anblick des Erben. Lord Xenoths Silberrobe bauschte sich auf, als er aufgeregt einwarf: »Seid Ihr sicher, Stimme, daß es klug ist, wenn sich der künftige Erbe einer solchen Gefahr aussetzt?« Porthios erstarrte und errötete. Auf dem Gesicht der Stimme stand Mitgefühl.

»Mein Sohn steht kurz vor seinem Kentommen, Lord Xenoth. Ich glaube, es wäre ein schwerwiegender Fehler, ihm das Recht abzusprechen, mit den anderen Männern mitzugehen.«