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In der Mitte der Decke befand sich ein großes, farbiges Glasfenster. Solinari mußte gerade aufgehen, erkannte Tanis, als er stehenblieb, um das Fenster eine Weile zu betrachten. Tanis fragte sich, wo Laurana wohl steckte. Das Bild der blonden Elfin trat ihm vor Augen. Tanis schüttelte den Kopf. Er würde lange brauchen, bis er diese ganze Sache begriffen hatte – wenn ihm das überhaupt je gelang. Vielleicht konnte die frische Gartenluft seinen Kopf klären.

Trotz des Frühlings war die Luft so kalt, daß sie Tanis eher an die dunklen Monate des tiefsten Winters erinnerte. Er hüllte sich fest in seinen grauen Mantel ein, als er in den Garten ging.

Der Abendhimmel war klar, doch im Westen glaubte er zu sehen, wie sich eisengraue Wolkenfinger sammelten. Aber wenn sich so weit im Westen, über den zerklüfteten Gipfeln der Kharolisberge, ein Sturm zusammenbraute, dann würde es noch lange dauern, bis er Qualinost erreichte.

Tanis wanderte über die Kieswege durch den weitläufigen Hof, der zwischen den Flügeln des Palasts lag. Krokusse und Narzissen waren bereits verblüht; jetzt kamen die Lilien, deren blasse, zarte Blüten im Wind schwankten und ihm wie Gesichter zuzunicken schienen.

Er ging an dem Tor vorbei, das den Eingang zu einem Irrgarten aus Ziersträuchern bildete, bog um eine Ecke und gelangte in eine kleine Grotte. Plötzlich blieb er stehen.

Er hörte, wie jemand erschreckt Luft holte, und ein blonder Kopf fuhr herum, als seine Mokassins im Kies knirschten. Es war Laurana. Mit einer Lilie in der einen Hand stand sie da. Als er näher kam, konnte er in Solinaris Schein an ihren geschwollenen Wangen sehen, daß sie geweint hatte.

Doch jetzt hatte sie ihre Gefühle unter Kontrolle, und an ihrer Selbstbeherrschung konnte Tanis erkennen, daß Laurana eine wahre Tochter der Stimme der Sonne war. Selbst in Leid und Wut war sie noch anmutig.

»Hallo«, sagte sie mit leiser, belegter Stimme.

Er betrachtete sie schweigend. In der Ferne hörte er das Wasser in den Abgründen tosen, die Qualinost beschützten. Um sie herum raschelte das Laub im Abendwind.

Ihr schönes Elfengesicht war im Zwielicht womöglich noch anziehender als sonst. »Entschuldige wegen vorhin«, sagte Laurana. »Ich habe gesprochen, ohne nachzudenken, und jetzt steckst du in Schwierigkeiten. Aber ich kann Lord Tyresian nicht heiraten. Er ist…« Sie brach ab. »Ich werde das einfach meinem Vater erklären müssen.«

»Schon gut«, sagte Tanis, nur um irgend etwas zu sagen, was sie beruhigen würde. Doch es schien auszureichen, denn jetzt lächelte sie ihn an und nahm seine Hand.

»Laurana, ich…«, setzte Tanis an, wußte dann aber nicht weiter. Er wollte ihr sagen, daß sie unrecht hatte, daß die Stimme ihr Wort nie zurücknehmen würde, daß es am besten wäre, wenn sie diese dummen Spielchen mit ihm lassen würde. Ihre Heiratsschwüre waren Versprechen von Kindern gewesen, doch sie waren keine Kinder mehr. Und wenn die Stimme der Sonne ihr befahl, Tyresian zu heiraten, um die Ehre ihres Hauses zu wahren, dann mußte sie den Elfenlord nehmen, wenn sie ihren Vater nicht politisch vernichten wollte.

Laurana fuhr unbekümmert fort: »Mein Vater muß mir zuhören.« Tanis wurde klar, daß sie im Augenblick trotz ihrer äußerlichen Gelassenheit der Panik nahe war.

Ich sollte ihr den Ring zurückgeben, dachte er. Doch er wußte irgendwie, daß ihr das jetzt das Herz brechen würde, darum sagte er bloß: »Bestimmt hast du recht. Die Stimme muß zuhören.«

Die Lüge quälte ihn, aber er konnte nichts anderes sagen. Auf jeden Fall schienen die Worte Lauranas Qualen zu lindern, denn sie begann, von anderen Dingen zu reden, während sie durch den Garten spazierten. Man konnte zwar wenig von den Gärten sehen, doch die beiden atmeten den schweren Duft der Rosen ein.

Als sie am Ende des Weges waren, der am nächsten am Palast lag, zögerte Laurana. »Vielleicht sollten wir getrennt hineingehen«, sagte sie.

Tanis war einverstanden. Es war nicht die rechte Zeit, um dabei erwischt zu werden, wie sie gemeinsam in den Palast schlichen.

»Bis bald, Liebster«, flüsterte sie ihm zu, stellte sich auf die Zehenspitzen und küßte ihn auf die Wange. Dann huschte sie davon und ließ Tanis benommen allein zurück.

»Lange hast du nicht gebraucht, was?« sagte eine scharfe Stimme, und Tanis fuhr herum. Erschrocken holte er Luft. Neben einem Birnbaum stand Porthios, so aufrecht, daß er selbst wie ein Baum aussah. »Sie ist erst ein paar Stunden verlobt, und schon triffst du dich heimlich im Dunkeln mit ihr.«

Der junge Elfenlord sah ihn mißtrauisch an, als Tanis entsetzt die Augen aufriß. Was hatte Porthios gesehen?

»Es ist nicht so, wie du denkst«, fing Tanis hastig an, doch Porthios bedachte ihn nur mit einem finsteren Blick.

»Ist es nie, oder, Tanis?« sagte er. Er setzte sich in Bewegung, als wolle er gehen, blieb dann aber stehen und fixierte den Halbelfen. »Warum machst du das, Tanis? Kannst du nicht wenigstens einmal versuchen, dich wie ein richtiger Elf zu benehmen? Mußt du immer anders sein?«

Als Tanis die Antwort schuldig blieb, schritt Porthios durch die Dämmerung davon.

Miral wußte, daß er von der Aufregung des Tages Alpträume bekommen würde. Er kämpfte gegen die Dämonen seiner Träume. Als er in seinem dämmrigen Zimmer zwischen seinen Zauberutensilien am Tisch saß, zwang er seine schwachen Augen, in eine Kerzenflamme zu starren, bis ihm die Tränen kamen.

Doch am Ende erwiesen sich seine Anstrengungen als nutzlos. Irgendwann mußte er seinen schmerzenden Blick von dem Kerzenlicht abwenden und die Augen zumachen, und in dem Moment, wo er die Lider schloß, übermannte ihn der Schlaf. Sein Kopf fiel nach vorn auf die gekreuzten Arme.

Er war wieder in der Höhle. Wie immer in seinen Träumen war er wieder ein Kind. Licht wie von zehntausend Fackeln drang in seine jungen Augen, und er schrie, bis er heiser war. Das Licht pulsierte, drang in ihn ein, bis er zu zittern begann. Er fürchtete das Licht.

Doch er fürchtete auch die Finsternis. Denn am Rande des Lichts warteten die bösen Wesen aller Kinderträume – Drachen und Oger und Trolle; und alle warteten hungrig und gemein und geduldig darauf, ihn zu kriegen. Das Kind Miral starrte zwischen Licht und Dunkelheit hin und her und versuchte zu wählen, doch es war klein und verängstigt.

Dann umgab ihn Wärme. Er hörte ein einfaches Kinderlied, das auf einer Laute erklang. Das Parfüm seiner Mama – zerdrückte Rosenknospen – stieg ihm in die Nase, und er wußte, daß sie bald da sein würde, um ihm Abendbrot zu geben und ihn mit einer Gute-Nacht-Geschichte ins Bett zu stecken. Dazu waren Mamas schließlich da. Er wartete gespannt.

Doch sie kam nicht, und er wurde ungeduldig. Dann erfüllte ihn die Angst, daß sie womöglich niemals kommen würde.

Er hörte Schritte. Instinktiv wußte er, daß das nicht nur nicht die Schritte seiner Mama waren, sondern die von jemandem, von dem ihn seine Mama fernhalten würde.

Er fing an zu weinen und ballte die winzigen Hände zu Fäustchen.

Auch die Hände des schlafenden Zauberers ballten sich immer wieder zu Fäusten, während seine Angst zunahm.

15

Nächtliche Besuche

Tanis, mit einem Gesicht so finster wie die Nacht, war kaum bei Flint angekommen, als der Zwerg ihn gleich wieder durch die Tür schob und sie hinter ihnen zuschlug.

»Wo –?« protestierte Tanis, der über den Steinweg stolperte, der Laden und Straße verband. Sein Schwert, das er nicht mehr abgelegt hatte, seit Flint es ihm geschenkt hatte, schlenkerte in der Scheide an seiner Seite.