»Egal«, schalt der Zwerg, der vor ihm her eilte. »Komm schon.«
Die Frühlingsnacht war kalt, so daß nur wenige Elfen unterwegs waren, doch die zwei oder drei, die sich auf der Straße blicken ließen, starrten ihnen hinterher, während der Zwerg den Halbelfen erst die Straße vor Flints Laden entlang schleppte, über das Mosaik des Himmelssaals und dann durch eine Allee dahinter. Die Frühlingsdüfte – Erde, Pflanzen, Blüten – stiegen Tanis in die Nase, doch er achtete auf kaum etwas anderes als auf den Kopf des Zwergs, der vor ihm wackelte.
Schließlich blieb Tanis ruckartig stehen, hielt sich mit der freien Hand an einem Ast fest und ließ sich keinen Schritt mehr weiterziehen, weil Flint ihm ihr Ziel nicht verraten hatte.
»Wir besuchen eine Dame«, erklärte der Zwerg gereizt. Tanis schnitt ein Gesicht. »Eine Dame hat mir diesen Schlamassel eingebrockt, Flint. Bist du sicher, daß das so eine gute Idee ist?«
Flint verschränkte die Arme vor der Brust und blickte genauso widerborstig wie sein Freund. »Diese Dame kannte deine Mutter. Ich möchte, daß du sie kennenlernst.«
Tanis sperrte den Mund auf und sah den Zwerg entgeistert an. »Eine Menge Leute im Palast kannten meine Mutter. Was ist an dieser Frau so Besonderes?« wollte er wissen, während Ärger in ihm aufstieg. »Ist sie eine Zauberin? Kann sie meine Mutter von den Toten wiedererwecken? Was soll das, Flint?«
»Ach, laß das«, entgegnete der Zwerg wütend. »Willst du lieber niedergeschlagen in deinem Zimmer sitzen? Oder niedergeschlagen in meinem Laden sitzen?« Flint zupfte ihn am Arm. »Na, komm schon, Sohn.«
»Nein.«
Tanis war störrisch, und der Zwerg wußte, daß er mit Gewalt jetzt nicht weiterkam. »Na schön«, lenkte Flint ein. »Die Dame war dabei, als deine Mutter starb.«
Tanis merkte, wie ihn ein Schauer durchlief. »Hat sie dir das gesagt?«
»Nein«, entgegnete Flint. »Ich habe zwei und zwei zusammengezählt. Jetzt komm weiter.«
Zögernd ließ sich Tanis von dem Zwerg weiterziehen, jedoch etwas langsamer und ohne das Gezerre, das den ersten Teil ihres Marschs begleitet hatte. »Wer ist sie?«
»Eine Hebamme. Allerdings im Ruhestand.«
»Wo wohnt sie?«
»Weiß ich nicht.«
Tanis blieb wieder stocksteif stehen. »Und woher wissen wir dann, wo es hingeht?«
»Vertrau mir.« Die Stimme des Zwergs war kurz angebunden. Flint ging wieder weiter, und Tanis mußte ihm folgen oder zurückbleiben.
Minuten später traten sie durch die Bäume in die Westhälfte von Qualinost und hatten zunächst einmal einen guten Blick auf den Großen Markt. So spät abends war das offene Gelände völlig einsam. Aber auf der anderen Seite des Parks lagen Rosenquarzhäuser, die im blauen Abendlicht eine lila Tönung angenommen hatten.
Flint sprach einen mittelalten Elfen an. »Könnt Ihr mir sagen, wo ich die Hebamme Ailea finden kann?« fragte er, wobei er von der Anstrengung des bisherigen Weges keuchte.
»Eld Ailea?« wiederholte der Mann und blickte verwundert von Flint zu Tanis. »Da runter.« Er wies ihnen den Weg. »Verschwendet keine Zeit. Schnell!«
»Los, Tanis!« sagte Flint, bedankte sich bei dem Mann und marschierte in die Richtung, in die der Elf gezeigt hatte. »Der sah aber verwirrt aus.«
Tanis lächelte und fiel in Laufschritt, um mit dem kurzbeinigen Zwerg mitzuhalten. »Ich glaube, er hat sich gefragt, wer von uns beiden wohl Vater wird.«
Flints Schritt verlangsamte sich. »Also, das ist wirklich ein interessanter Gedanke«, meinte der Zwerg mit boshaftem Grinsen. »Ich hätte nichts dagegen, die Knirpse von dir und Laurana auf den Knien zu schaukeln. ›Onkel Flint‹ müßten sie zu mir sagen…« Er hörte mit seinen Neckereien auf, als er das düstere Gesicht des Halbelfen bemerkte.
Bald kamen sie an eine Kreuzung. »Wo jetzt lang?« überlegte Flint. Er fragte eine Elfenfrau, die mit einem Korb voll Garn die Straße lang kam. Wortlos zeigte sie mit dem Korb auf ein hohes, schmales Quarzhaus mit einer grauen Granitschwelle und passenden Fensterrahmen. Das Erdgeschoß war dunkel, doch im ersten Stock drang ein warmes Licht durch die Fensterläden.
Tanis blieb stehen. »Flint, ich glaube nicht…«
»Doch, natürlich«, sagte der Zwerg und klopfte an die Tür. Er schob Tanis vor sich und trat selbst in die Schatten zurück. Sie warteten im Dunkeln und froren in der kalten Luft, während sie zusahen, wie im Haus eine Lampe anging, und hörten, wie Schritte die Treppe herunter und zur Tür kamen. »Komme, komme, komme«, sang eine volle Stimme. Bald ging die Tür auf, und Eld Ailea steckte ihr Katzengesicht heraus, um Tanis anzuschauen.
»Wie oft kommen die Wehen?« wollte sie wissen. »Was?« fragte Tanis.
Ihre Stimme schlug einen ungeduldigen Tonfall an. »Wie lange hat sie schon Wehen?« Tanis schluckte. »Wer?«
»Deine Frau.«
»Ich bin nicht verheiratet«, sagte er. »Das ist nämlich ein Teil des Problems. Laurana will…«
Doch Eld Ailea hatte Flint entdeckt. Sie blickte von dem Zwerg zu Tanis, und auf ihrem Gesicht konnte man verfolgen, wie es ihr langsam dämmerte. Sie machte die Tür weiter auf. »Du bist Tanthalas«, flüsterte sie. »Das bin ich.«
»Komm rein, Junge. Komm rein, Flint.« Gleich darauf standen Halbelf und Zwerg in einem der überladensten Häuser, die Flint je gesehen hatte. Kleine Bildchen in Rahmen aus Holz, Stein oder Silber standen auf jeder ebenen Fläche, hingen an jedem Fingerbreit freier Wand. Selbst an der Rückseite der Haustür hatte die Hebamme Bilder befestigt. Fast alle Bilder zeigten Kinder – Neugeborene, Krabbelkinder, Kleinkinder. Auf einigen waren zur Abwechslung auch die Mütter mit abgebildet.
Eld Ailea schob ihre Gäste zu Polsterstühlen am Kamin, wo der Halbelf das Schwert abschnallte und die Waffe an die Steinmauer um die Feuerstelle lehnte. Dann machte die alte Elfin neues Feuer, ohne auf die Hilfsangebote der Besucher zu achten, und eilte geschäftig in die Küche, um alles für einen Abendtee zu holen.
Flint nahm eines der kleinen Gemälde von einem quadratischen Tischchen. Es zeigte ein neugeborenes Elfenkind mit hängenden Ohrspitzen, zum Schlaf geschlossenen Mandelaugen und winzigen Fäustchen, die es wie ein Eichhörnchen unters Kinn gezogen hatte. Unten links war als Initiale ein »A« zu sehen.
Ailea kam mit einem Teller dunkelbrauner Kekse mit Johannisbeerfüllung und Zuckerguß zurück. Flint schloß die Augen und atmete den Duft ein; es roch nach Ingwer und Gewürznelken. Diese Delikatessen würden das fehlende Bier wettmachen, beschloß er. Er stellte das Bild wieder auf den Tisch und bemerkte, daß ein paar von den Holzspielsachen, die er der Hebamme geschenkt hatte, daneben herumlagen.
»Oh, du hast Clairek gefunden«, frohlockte die Hebamme. »Die Tochter einer Freundin, erst letzten Monat geboren. Und das«, sie zeigte auf die anderen Miniaturen auf dem Tisch, »sind Terjow, Renate und Marstev. Alle im letzten Jahr zur Welt gekommen.«
»Ich dachte, du hättest dich zur Ruhe gesetzt«, äußerte Flint dazu.
Sie zuckte mit den Schultern, wobei eine Locke aus dem silbernen Knoten an ihrem Hinterkopf entwischte. »Kinder kommen immer zur Welt. Und wenn mich jemand braucht, werde ich nicht sagen: ›Tut mir leid, ich bin im Ruhestand.‹«
Nachdem schließlich beide Gäste einen ihrer Kekse geknabbert und eine Tasse Schwarztee getrunken hatten, wollte Eld Ailea das Teegeschirr auf dem kleinen Tisch abstellen, doch der war komplett mit Bildern und Spielzeug bedeckt. Sie sprach ein paar scharfe Worte in einer fremden Sprache, und – Flint blinzelte – plötzlich gab es ein freies Fleckchen in genau der richtigen Größe zwischen den Porträts. Dort stellte sie die Teekanne und den Keksteller in Reichweite ihrer Gäste ab und setzte sich dann auf einen kleinen Schemel. Sowohl Tanis als auch Flint sprangen auf, um ihr einen Polsterstuhl anzubieten, doch sie lehnte ab.
»Das hier ist besser für den Rücken einer alten Frau«, sagte sie augenzwinkernd.
Sie starrte Tanis an, als hätte sie auf diesen Augenblick jahrelang gewartet. Sie betrachtete eingehend und prüfend sein Gesicht und achtete dabei überhaupt nicht auf das Unbehagen des Halbelfen. Sie murmelte: »Die Augen seiner Mutter. Derselbe Schwung. Haben sie dir gesagt, Sohn, daß du Elansas Augen hast?«