Tanis sah beiseite. »Meine Augen sind braun. Sie sagen, daß ich Menschenaugen habe.«
»So wie ich, Tanthalas«, erwiderte Eld Ailea sanft. Das Licht des Feuers flackerte über ihr dreieckiges Gesicht, und ihre Augen verzogen sich humorvoll. »Ich habe auch die geringe Größe meiner menschlichen Vorfahren geerbt. In einem Wald von Elfen, die so groß wie Espen sind, bin ich… ein Busch. Aber die Welt braucht wohl auch Büsche, glaube ich.«
Sie lachte fröhlich, doch der Halbelf schien nicht überzeugt. Dann fuhr sie fort.
»Ich bin teils Mensch, Tanthalas, aber ich bin auch teils Elf. Ich bin vielleicht klein, aber ich bin schlank – und das ist elfisch. Meine Augen sind rund und braun, aber mein Gesicht ist spitz wie das der Elfen. Sieh dir meine Ohren an, Tanthalas – elfisch, aber meine Haare trage ich wie eine Menschenfrau, was, wie ich sagen darf, manche meiner Elfenpatienten befremdet.«
Als sie wieder lachte, funkelten ihre warmen Augen im Feuerschein. »Wie Menschen bin ich offen für Veränderungen. Wie Elfen habe ich allerdings Gewohnheiten, die ich nie verändere – selbst wenn jemand so unglaublich dreist sein sollte, mir einen Weg vorzuschlagen, der möglicherweise besser ist.«
In Tanis’ Blick entdeckte Flint Verwunderung – und Einsamkeit. Doch als der Halbelf sprach, klang seine Stimme bitter. »Aber ich wette, daß dein menschlicher Anteil nicht von einem Vergewaltiger stammt.«
Eld Ailea zuckte zusammen, und Tanis schien sich immerhin zu schämen. Die Hebamme entschuldigte sich mit der Ausrede, die Kekse nachzufüllen. Als sie wiederkam, waren ihre Augenlider gerötet.
»Verzeih mir, Eld Ailea«, sagte Tanis. »Ich habe Elansa geliebt«, erwiderte sie schlicht. »Selbst ein halbes Jahrhundert hinterher tut es mir noch weh, wenn ich daran denke, was ihr zugestoßen ist.«
Sie reichte ihm den Teller, den er ohne einen Blick darauf an Flint weitergab. Dann setzte sie sich wieder und schlang die Arme um ihre Knie. Plötzlich sah Flint, wie sie als junge Elfin in Kargod ausgesehen haben mußte – geschmeidig, lebhaft und wunderschön. Er hoffte, daß sie auf ein glückliches Leben zurückblicken konnte.
»Tanthalas«, sagte sie, »ich hatte gehofft, dich eines Tages wiederzusehen – um den Mann mit dem Kind zu vergleichen. Ich muß sagen, als Mann bist du viel, viel ruhiger«, sie lachte still in sich hinein, »aber du bist auch weniger vertrauensvoll, was man wohl von jedem Erwachsenen erwarten muß. Aber ich sehe schon, dein Leben im Palast war gewiß nicht einfach. Ich hatte gehofft, von deinem Freund hier etwas über dich zu erfahren. Ich bin froh, daß er dich jetzt zu mir gebracht hat.«
»Warum hast du dich nicht früher gemeldet?« fragte Tanis. Seine Augen waren verhangen.
Eld Ailea seufzte, griff nach einem Gewürzkeks und biß mit ihren kleinen, weißen Zähnen in die Leckerei. Sie kaute und wischte sich mit einer Serviette den Mund ab, bevor sie antwortete. »Ich habe vor langer Zeit beschlossen, daß ich keinen Kontakt mit dir aufnehmen würde, solange du noch ein Kind warst, denn da die Stimme der Sonne entschieden hatte, dich als Elf aufwachsen zu lassen, würde mein Auftauchen dich nur immer an deine ›andere‹ Hälfte erinnern. Heute ist mir klar, daß meine Zurückhaltung ein Fehler war. Und ich bitte um Verzeihung.«
Ohne den Blick von ihrem alten Gesicht abzuwenden, griff Tanis zu seiner Teetasse und trank einen Schluck. Eld Ailea schenkte heißen Tee nach, woraufhin Tanis wieder trank.
»Ich habe dir deinen Namen gegeben, weißt du«, sagte Ailea. »Er bedeutet ›immer stark‹. Das habe ich gemacht, weil ich wußte, daß du viel Kraft brauchen würdest, um in der Elfenwelt zu leben. Vielleicht glaubst du wie ich, daß du eine Weile außerhalb von Qualinesti leben mußt, bevor du beide Teile deines Ichs akzeptieren kannst.«
Tanis’ Stimme war voller Verachtung. »Den Teil von mir akzeptieren, der wie ein Tier ist?«
Sie lächelte. »Ich glaube immer daran, daß ich die besten Eigenschaften beider Rassen in mir habe. Denk daran, Tanthalas. Du hast einen Vater, der ganz gewiß ein brutaler, gemeiner Mensch war. Aber über ihn bist du mit vielen anderen Menschen verwandt, die höchstwahrscheinlich viel besser waren als er.«
Tanis blinzelte mit den Augen. Flint erkannte, daß die alte Hebamme die Dinge in ein anderes Licht gestellt hatte.
»Ich…«, stammelte er und kippte dann seinen Tee in einem Schluck herunter. »Darüber muß ich erst nachdenken.«
Eld Ailea nickte, und die Unterhaltung wandte sich anderen Themen zu, besonders den Neuigkeiten, die es am Nachmittag im Palast gegeben hatte. Wie sich herausstellte, hatte Ailea bereits davon gehört.
»Lord Tyresian…«, überlegte sie. »Ich habe gehört, daß er sehr… konservativ ist.«
Flint fragte nach: »Hast du auch ihn entbunden?«
Ailea schüttelte den Kopf. »Oh, nein. Das heißt, nicht richtig, junger Zwerg.«
Jung? Flint schüttelte den Kopf. Doch dann fiel ihm auf, daß er im Vergleich zu ihr womöglich wirklich jung war.
»Wieso ›nicht richtig‹?« fragte Tanis.
Ailea zögerte. Tanis hakte nach: »Es war wegen deines menschlichen Blutes, nicht wahr?«
Wieder zögerte Eld Ailea, bevor sie nickte: »Ich hätte es anders ausgedrückt, aber es läuft darauf hinaus, ja. Ich habe Tyresians Mutter im Anfangsstadium ihrer Niederkunft versorgt; es schien alles gut zu laufen, und ich war bester Hoffnung, daß sie ein gesundes Kind gebären würde.«
Sie brach ab. »Und?« fragte Tanis.
Ailea schaute ins Feuer. Sie sprach monoton. »Tyresians Vater kam herein und entdeckte, wer seine Frau betreute. Er warf mich hinaus, aber ich blieb draußen vor dem Haus, falls man mich doch noch brauchen würde. Er schickte nach einer reinen Elfin, die Estimia beistehen sollte, aber es war keine zu haben. – Als er das erfuhr, befahl er der Kinderfrau, das Baby zu entbinden«, fuhr die Hebamme fort. »Die Arme war noch nie bei einer Geburt dabei gewesen, geschweige denn, daß sie wirklich einem Baby auf die Welt geholfen hat. Aber Tyresians Vater – ich konnte ihn sogar durch die Felswände seines Hauses schreien hören – sagte, daß jede reine Elfin besser wäre, als eine mit Menschenblut.«
Tanis machte den Mund auf, um etwas zu sagen, doch Eld Ailea redete weiter. »Dann hörte ich Tyresians Mutter schreien.« Aileas Gesicht verzerrte sich, als wäre sie noch immer dort.
»Ich klopfte an die Tür. Ich bettelte sie an, mich hineinzulassen, damit ich Estimia helfen könnte, aber Tyresians Vater kam persönlich heraus und schickte mich weg. Er sagte, er würde mich einsperren lassen, wenn ich nicht verschwände.«
»Wie interessant, wenn man bedenkt, daß Qualinesti kein Gefängnis hat«, bemerkte Flint trocken.
Eld Ailea stand auf und nahm die Miniatur einer hübschen Elfenfrau vom Kaminsims. Mit schlanken Fingern fuhr sie über die Farben. »Tyresian überlebte, aber Estimia starb.«
Sie lief im Zimmer hin und her, und Flint und Tanis schauten im Feuerlicht zu, wie sie hier einen Rahmen, dort ein Gesicht berührte. Als sie an der Tür ankam, drehte sie sich um und sagte schlicht: »Tyresians Vater sagte, ihr Tod wäre meine Schuld.«
Tanis riß die Augen auf. »Wieso?«
Sie schaute auf den Boden und strich plötzlich geschäftig ihren weiten, grauen Rock glatt. »Er sagte, ich müßte etwas falsch gemacht haben, bevor er mich wegschicken konnte.«
»Das ist doch absurd«, schalt Flint. Tanis nickte mit wütender Miene.
Ailea nickte. »Ja, so ist es«, sagte sie ruhig. »Ich habe meine Schwächen, aber Unfähigkeit gehört nicht dazu.« Sie brachte Teekanne, Tassen und Teller in die Küche zurück. Flint wollte ihr helfen und ließ Tanis zurück, der in dem leeren Raum die Bilder der Kinder betrachtete.
»Als du in meinem Laden warst«, begann Flint in der Hoffnung, die Unterhaltung noch weiterzuspinnen, obwohl schon fast Mitternacht war, »da hast du gesagt, du hättest die Stimme entbunden.«