»Und seine Brüder«, fügte Ailea hinzu. Sie gab Flint eine Tasse und ein Geschirrtuch, das anscheinend einmal ein ähnliches Hemd gewesen war wie das, das sie bei ihrem Besuch bei Flint angehabt hatte. »Warum?«
»Mich interessiert der dritte Bruder.«
»Arelas? Warum?«
»Die Stimme sagte, man hätte Arelas vom Hof weggeschickt, weil er krank war, aber sie sagte nicht, welche Krankheit der Bruder hatte. Weißt du es?«
Ailea spülte die Teekanne in einem Eimer mit klarem Wasser aus einem Brunnen hinter dem Haus. »Ich bin mir nicht sicher, ob es überhaupt irgend jemand weiß. Es ging ihm gut, solange er klein war, aber um die Zeit, als er laufen lernte, hm, da hat er sich verändert.«
Flint blickte sie unter seinen graumelierten Augenbrauen an. »Verändert? Wie?«
Eld Aileas Stimme klang wie die einer Person, die oft beim Kinderhüten Geschichten erzählt. »Eines Tages«, sagte sie, »gingen er, sein Bruder Kethrenan, seine Mutter und ich zu einem Picknick in den Hain«, das war das Wäldchen zwischen dem Sonnenturm und dem Himmelssaal. »Arelas wanderte herum und ging verloren.«
»Habt ihr ihn wiedergefunden?«
»Zuerst nicht. Wir haben die ganze Gegend durchkämmt, aber es war, als hätte ihn die Erde verschluckt. Wir fanden keine Spur.« Sie gab dem Zwerg die Teekanne. »Jemand muß ihn gefunden haben, aber wir haben nie herausbekommen, wer das war. Nach drei Tagen vergeblicher Suche, zu der Solostarans Vater wohl fast jeden Soldaten von Qualinesti abgeordnet hatte, fand man den kleinen Arelas eines Morgens schlafend auf dem Moos im Hof des Palasts. Er muß durch das Gartentor hereingelaufen sein – oder jemand hat ihn an den Wachen vorbei hereingebracht. Er lag unter einer Decke, die ihn warm hielt.«
Flint polierte den gehämmerten Kupferkessel ein letztes Mal und stellte ihn dann auf den Küchentisch. »Danach wurde er krank?«
»Sehr. Er hatte Fieber, als wir ihn fanden. Tagelang schwebte er zwischen Leben und Tod. Ich verabreichte alle Mittel, die ich kannte. Ich verwendete jeden Zauber, den ich beherrschte, aber ich kann nicht heilen. Ich kann nur Symptome lindern. Niemand konnte helfen. Schließlich ordnete die damalige Stimme an, daß Arelas zu einem Elfenkleriker außerhalb von Qualinost geschickt werden sollte.«
Flint lehnte sich an eine Anrichte, während Eld Ailea das Tongefäß, in dem sie abgewaschen hatte, mit klarem Wasser ausspülte. Das Gespräch schien sie an andere Dinge erinnert zu haben, denn sie redete weiter, nachdem sie das Gefäß umgedreht neben Flints Ellbogen gelegt hatte. »Solostaran und Kethrenan waren vergleichbar leichte Geburten. Aber Arelas… schon bevor er geboren wurde, war er nicht… richtig. Er lag einfach nicht richtig in seiner Mutter. Die Geburt hat über einen Tag gedauert, und ich mußte ihn schließlich mit der Zange holen, was ich immer zu vermeiden suche. Damals ging es allerdings gut«, sagte sie gutgelaunt. »Nur ein kleiner Kratzer am Arm, der schnell geheilt ist. Es gab nur eine kleine Narbe von der Form eines Sterns. Erinnerte mich an das Zeichen, das bei manchen Menschenvölkern aus den Ebenen angeblich die jungen Männern bekommen, wenn diese erwachsen werden.«
»Jetzt komm, Meister Feuerschmied«, sagte sie knapp und legte dem Zwerg ihre starken Arme auf die Schultern, um ihn umzudrehen, »mal sehen, was der kleine Tanthalas anstellt.«
Sie kehrten ins Wohnzimmer zurück. Tanis stand vor einem Regal bei der Haustür. »Hast du all diese Porträts gemalt?« fragte er. Sein rotbraunes Haar streifte sein Lederwams, als er sich umdrehte.
»Ja, aus der Erinnerung«, sagte Ailea, wobei sie den Zopf glattstrich, der um ihren Kopf ging und in dem Knoten auf ihrem Hinterkopf endete.
»Gibt es auch eins von mir?« Seine Stimme klang rauh von dem Versuch, unbeteiligt zu erscheinen. Flint hoffte innerlich, daß die Hebamme ihn nicht enttäuschen würde.
»Nicht hier unten, nein.« Tanis’ Schultern sackten bei dieser Antwort zusammen.
»Dein Bild habe ich in meinem Zimmer«, ergänzte sie und lief sogleich zu einer Steintreppe, die links von der Tür zur Küche aus dem Eingangsraum nach oben führte.
Flint stellte fest, daß er wortlos einen Blick mit dem Halbelfen wechselte, während sie über sich den Schritten der alten Hebamme lauschten. Mitternacht war inzwischen längst vorüber, und schon in wenigen Stunden würden sie zur Jagd auf den Tylor aufstehen müssen, doch Flint wäre lieber gestorben, als Tanis jetzt zum Aufbruch zu drängen.
Plötzlich stand Eld Ailea auf der ersten Stufe, und Flint fragte sich, ob ihre magischen Fähigkeiten das Teleportieren einschlossen. Für jemanden, der mehrere Jahrhunderte alt war, war sie jedenfalls erstaunlich leichtfüßig.
»Hier«, sagte sie und reichte Tanis ein Porträt in einem Silberrahmen, der filigran mit Gold verziert war, dazu einen Stahlanhänger an einer Silberkette. »Der Anhänger gehörte Elansa. Sie hat ihn mir vor ihrem Tod gegeben.«
Fast ehrfürchtig nahm Tanis das Bild in die eine Hand und den Anhänger in die andere. Er schien nicht zu wissen, was er zuerst ansehen sollte. Die grünbraunen Augen des Halbelfen glänzten feucht, doch das konnte auch vom Licht herrühren. »Dieses Gesicht hat sie also gesehen«, flüsterte der Halbelf, und Flint drehte sich unwillkürlich zur Seite und starrte ins Feuer. Gewiß war der Rauch daran schuld, daß er selbst alles verschleiert sah.
Eld Ailea blickte Tanis über die Schulter. »Du warst ein kräftiges Kind, Tanthalas – erstaunlich gesund für jemanden, dessen Mutter bei seiner Geburt so schwach war.«
Tanis schluckte. Als Ailea fortfuhr, konnte Flint, der nur wenige Fuß entfernt stand, sie kaum verstehen. Er fragte sich, ob das die Stimme war, mit der die alte Hebamme Mütter in den Wehen tröstete und Babys mit Koliken beruhigte. »Elansa hat Kethrenan innigst geliebt, Tanthalas. Schon ganz früh in der Schwangerschaft hat sie, glaube ich, beschlossen, daß sie ohne ihren Mann nicht mehr leben wollte, aber sie lebte weiter, weil sie hoffte, daß das Baby von ihm sein würde.«
Tanis’ Gesicht wurde hart. »Als sie mich dann sah«, sagte er, »wußte sie die Wahrheit.« Er wollte der Hebamme das Bild zurückgeben, doch sie nahm es nicht.
»Nein, Tanthalas.« Eld Aileas Stimme war freundlich, doch ihre Hand lag fest auf seiner Schulter. »Als sie dich sah, als sie dieses Gesicht sah, das du jetzt betrachtest, hat sie, glaube ich, ihre Meinung geändert. Sie hat sich soweit zusammengerissen, daß sie ihr Baby stillen konnte, aber es war alles zuviel für sie. Durch all das, was sie seit Kethrenans Tod durchgemacht hatte, war sie einfach zu schwach.« Die Stimme der Hebamme verklang. »Bis zu ihrem Tod hielt sie dich im Arm.«
Es wurde still im Zimmer, und nur schwere Atemzüge waren noch zu hören – seine eigenen, erkannte der Zwerg. Er räusperte sich und hustete.
Nach einer Pause, in der keiner der drei einen der anderen ansah, fragte Tanis: »Was ist mit dem Anhänger?«
Eld Ailea nahm ihn in die Hand. »Er ist aus Stahl und sehr wertvoll. Kethrenan hat ihn ihr zur Hochzeit geschenkt. Sie hat ihn immer getragen. Ich hielt es für einen Segen, daß die Räuber ihn ihr nicht genommen hatten, denn sie schien das bißchen Kraft daraus zu ziehen, das sie in jenen letzten Monaten hatte.« Sie ging zu Flint und zeigte ihm das Amulett. Efeu und Espenblätter umrahmten die verschlungenen Initialen »E« und »K«. Eine muschelartige Verzierung schmückte den Rand der runden Scheibe.
Anscheinend war alles gesagt. Flint und Tanis schwankten vor Müdigkeit, und selbst die betont unermüdliche Hebamme wirkte erschöpft. In unausgesprochenem Einverständnis gingen die beiden Männer zur Tür. Eld Ailea holte Tanis’ Schwert, das er am Kamin stehengelassen hatte. Sie steckte es in die Scheide, doch dann zögerte sie. Auf ihrem Gesicht zeigte sich ein merkwürdiger Ausdruck.
»Dieses Schwert…«
Tanis sagte stolz: »Das hat Flint gemacht.«
»Ja, ich weiß«, sagte sie etwas stotternd. »Es ist wunderbar. Aber…«
Zwerg und Halbelf warteten, während die Hebamme ihre Gedanken ordnete. Sie holte tief Luft und wirkte plötzlich entschlossen. »Flint.« Ihre Stimme war schneidend. »Komm her.«