Flint ging zu ihr und schaute in ihre braunen Augen. »Kannst du diesen Anhänger an dem Schwert befestigen?« fragte sie. »Würde das der Waffe schaden?«
»Nun, das geht bestimmt, und es würde auch nichts schaden, aber…«
»Auf Dauer? Geht das?«
Er nickte. Ihre Mimik fesselte ihn; es war eine beunruhigende Mischung aus Drängen und Angst. Er deutete auf eine Stelle am Heft der Waffe. »Ich könnte es da festmachen.«
Sie legte ihre Hand auf seine. »Dann mach das«, drängte sie. »Heute noch.«
»Es ist so spät«, druckste Flint herum.
Eld Ailea packte ihn am Arm. »Es muß heute nacht sein. Machst du es? Ganz bestimmt?« So nah bei der Hebamme sah Flint plötzlich die Erschöpfung der Jahre, die ihr lebhafter Charakter normalerweise überdeckte. Er versprach es ihr, woraufhin sie ihn losließ.
Am Himmelssaal trennte sich Flint von Tanis. Der Halbelf ging nach Norden zum Palast der Stimme und Flint mit dem Schwert seines Freundes nach Hause.
Die nächsten zwei Stunden brachte der Zwerg mit dem Auftrag der Hebamme zu.
Miral machte kaum ein Geräusch, als er an den beiden Wachen in den schwarzen Lederwesten vorbeikam, die vor den Privatgemächern der Stimme standen. Die Wachen grüßten ihn und winkten ihn durch. Da er sich in der Dunkelheit gut zurechtfand und seine Augen nur hin und wieder durch Fackellicht geblendet wurden, gelangte er rasch zur Treppe. Aber anstatt in den Hof hinunterzugehen, stieg er in den ersten Stock hoch.
Bei Xenoths Zimmer hielt er an. Nachdem er das durchdringende Schnarchen des Beraters sogar durch die Tür hören konnte, schlich er an Tanis’ Tür vorbei, die leicht offen stand. Miral stellte sich vor, wie der Halbelf durch die Straßen von Qualinost strich und unter den Ereignissen des Tages litt.
Nacheinander kam der Magier an den Räumen von Porthios und Gilthanas vorbei, bis er bei Laurana ankam. Unter ihrer Tür war ein Lichtschein zu sehen, und er hörte sie drinnen auf und ab laufen.
Er klopfte leise. Das Tapsen der Schritte hörte auf. Dann näherte es sich der Tür. Laurana fragte leise: »Wer ist da?«
»Miral, Lady Laurana. Verzeiht, daß ich zu so unmöglicher Zeit störe, aber ich muß mit Euch reden.«
Sie machte die Tür auf. Wie immer, wenn Miral die junge Prinzessin sah, hielt er den Atem an. Sie trug eine hinreißende Robe aus wasserblauer Seide. Die Farbe betonte das Glitzern ihres aschblonden Haars und das Korallenrot ihrer geschwungenen Lippen. Einen Augenblick war er sprachlos, bis er sich wegen seiner mangelnden Selbstbeherrschung schalt.
»Darf ich unter vier Augen mit Euch sprechen, Laurana? Es geht um die Bekanntmachung der Stimme zu Eurer Verlobung.«
Laurana riß ihre schmalen Augen auf, und ihre Wangen röteten sich. »Aber gewiß… nur nicht hier.«
»Nein, natürlich nicht«, antwortete Miral sofort. »Also im Hof? Ich möchte niemanden stören. Es wird nicht lange dauern.«
Sie dachte nach und legte dabei den Kopf schief. »Ich muß mich erst anziehen. Ich treffe Euch dort in zehn Minuten.« Dann machte sie die Tür zu.
Pünktlich saß Laurana – jetzt mit Mantel und einem Kleid aus taubengrauem Satin passender gekleidet – auf einer Steinbank im Hof. Es war dieselbe Bank, die vor so vielen Jahren Zeuge des Wettschießens von Porthios und Tanis gewesen war. Jetzt aber waren die Birn- und Pfirsichbäume in das silberne Licht von Solinari getaucht, und der Blütenduft benebelte einen regelrecht. Die Stahltür des zweistöckigen Marmorgebäudes glänzte im Mondschein. Sie hüllte sich fest in ihren Mantel.
Miral kam den gepflasterten Weg vor ihr entlang. Mitten in der Nacht wirkte seine rote Robe fast schwarz. Irgend etwas hatte ihn innerlich aufgewühlt. Seine Kapuze war etwas zurückgerutscht, weshalb sein blasses Gesicht und seine nahezu farblosen Augen zu sehen waren.
»Was ist los, Miral?« gab Laurana freundlich das Stichwort. »Ihr sagtet, es hätte etwas mit Vaters Bekanntmachung zu tun.«
»Ich… ich wollte Euch mein Mitgefühl aussprechen.« Der Magier senkte den Kopf. »Ich weiß, daß Ihr Tanthalas Tyresian vorzieht – was, wie ich hinzufügen möchte, beträchtlichen Geschmack Eurerseits beweist.« Er lächelte gewinnend, und sie tat das gleiche. »Tanthalas paßt viel besser zu Euch, trotz seines… gewaltsamen… Erbes. Ich bin sicher, daß Ihr sein unbeherrschtes Temperament zügeln könntet, Lady Laurana. Schließlich sind nicht alle Menschen Wilde, und Tanthalas beeindruckt mich schon seit langem.«
Er senkte etwas den Kopf, wodurch die Kapuze nach vorn fiel und sein Gesicht wieder verdeckte.
Laurana war durcheinander, denn sie wußte nicht, wie sie es zu verstehen hatte, daß der Zauberer Tanis gleichzeitig pries und verurteilte. »Danke, aber ich sehe nicht – «
»Es gibt jemanden, der sogar noch besser zu Euch paßt.«
Laurana merkte, daß ihr Gesicht ihr Erstaunen verriet, bevor die Jahre bei Hof die Oberhand gewannen und sie ihr Gesicht wieder unter Kontrolle hatte. »Und wer ist das, Miral?«
»Ich.«
Laurana war aufgesprungen, bevor das Wort in der Nachtluft zwischen ihnen verklungen war. »Ihr?« fragte sie ungläubig. »Oh, ich glaube nicht – «
Miral sprach mit drängender Stimme. »Bitte hört mich erst an, Laurana. Wenn Ihr mich abweist, werde ich nie wieder davon anfangen. Das schwöre ich.«
Laurana überlegte fieberhaft. Sie versuchte, sich vorzustellen, wie ihr Vater mit einer so delikaten Situation umgehen würde. Miral hatte dem Hof immer treu gedient und hatte durch seine Dienste für ihren Onkel Arelas schon vor langer Zeit die Gunst ihres Vaters gewonnen. In einer ähnlichen Situation würde Solostaran den Zauberer auf jeden Fall aussprechen lassen.
»Bitte setzt Euch, Laurana. Es wird nicht lange dauern.«
Sie setzte sich hin. Sie hatte Tyresian für zu alt gehalten, und Tyresian war im gleichen Alter wie ihr Bruder Porthios. Der Magier hingegen war Jahrzehnte älter. »Ich bin zu jung zum Heiraten, Miral.«
»Aber nicht zum Verloben. Ist es nicht das, was Ihr und Tanis seid? Verlobt? Versprochen?«
Unaufgefordert setzte sich Miral neben Laurana auf die Bank.
»Ich habe Euch vor Jahren zum ersten Mal gesehen, als ich auf Arelas’ Drängen hierher kam. Ihr kennt meine Geschichte?« Laurana nickte, denn sie traute ihrer Stimme nicht. Plötzlich war ihr bewußt, wie still und verlassen der Innenhof bei Nacht war. Sie versuchte, sich zu erinnern, ob die Wachen nicht nur im Innern des Palastes, sondern auch auf dem Hof patrouillierten.
»Damals wart Ihr nur ein kleines Mädchen – aber was für ein Mädchen! Ich habe noch nie jemanden gesehen, der so vollkommen war. Ein bißchen verwöhnt, na gut, und etwas wilder, als ich es bei einem Elfenmädchen von bester Herkunft schätze, aber ich dachte, diese Energie käme vielleicht daher, daß Ihr aus der Linie von Kith-Kanan abstammt.«
Laurana rückte von dem Magier ab, doch seine Hand schoß vor und hielt die ihre fest. Er war stärker, als sie je gedacht hätte. Und seine Augen… Sie konnte sie merkwürdigerweise in der Dunkelheit gut erkennen, selbst unter seiner Kapuze. Die Angst kroch ihr den Rücken hoch. Die Stimme des Zauberers redete weiter und durchschnitt damit die Stille der Nacht von Qualinost.
»Ich habe Euch so gern betrachtet, Laurana. Ich habe mich freiwillig angeboten, Euch zu unterrichten, auch wenn das bedeutete, daß ich diesen Dummkopf von Bruder, Gilthanas, dazubekam. Und Tanis. Ich liebte Tanis und vertraute ihm, wie Ihr wißt. Schließlich wurdet ihr zwei ja wie Bruder und Schwester erzogen. Wie sollte er meine Werbung bedrohen können, wenn es an der Zeit war? Dann fand ich gestern heraus, wie falsch ich Tanis eingeschätzt habe.« Mirals Griff wurde fester, und Laurana gab einen Protestlaut von sich. Der Laut durchbrach ihre Angst, und sie stand auf, obwohl der Magier sie zurückziehen wollte.
»Wartet!« zischte er. »Laurana, wählt mich. Ich bin vielleicht nicht allmächtig, aber ich bin ein besserer Zauberer, als viele Leute meinen. Am Ende kann ich Euch mehr Macht und mehr Reichtümer bieten als Tyresian und Tanis zusammen, wenn Ihr nur Geduld habt.«