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Laurana riß sich mit klopfendem Herzen los und wich mehrere Schritte zurück. Miral stand langsam auf. »Wie lautet Eure Antwort?« fragte er gespannt.

Jeder Gedanke an Hofetikette war Laurana jetzt fern. Sie konnte nur noch an Flucht denken. Jetzt war es unwichtig, ob sie den Zauberer vor den Kopf stieß. Nur ihre Flucht zählte. Die Stimme würde Miral nicht länger am Hof dulden, wenn sie von heute nacht erfuhr.

»Laßt mich in Ruhe«, verlangte sie, indem sie alle Kraft zusammennahm und ihrer Stimme soviel Nachdruck wie möglich verlieh. »Verlaßt diesen Hof. Wenn Ihr bis morgen verschwunden seid, verspreche ich, daß ich meinem Vater nicht sagen werde, was hier vorgefallen ist. Damit entgeht Ihr der Demütigung, vom Hof verjagt zu werden.«

Der Magier stand auf, und sie drehte sich um und lief im Mondschein auf die Tür zu. Hinter sich hörte sie den Magier etwas murmeln, weshalb sie zu rennen begann. Nur wenige Fuß vor der Stahltür holte sie der Zauberspruch jedoch ein. Sie stolperte und fiel in Ohnmacht.

Sie erwachte in dem Gang vor ihrem Zimmer. Zwei Palastwachen mit einer Lampe blickten besorgt auf sie herab. Ihr Kopf und ihre Schultern lagen in Mirals Schoß. Verwirrt sah sie hoch. »Miral?« Laurana schaute sich um. »Wie bin ich denn hierhergekommen?«

»Ich ging gerade durch den Korridor, als ich hörte, daß Ihr die Tür aufmachtet«, sagte Miral mit seidiger Stimme. »Ich wußte, daß Ihr einen schlimmen Tag hinter Euch hattet, und bin deshalb hergeeilt, um nachzusehen, ob Ihr krank seid oder Hilfe braucht. Als ich näher kam, wurdet Ihr ohnmächtig. Erinnert Ihr Euch nicht mehr?«

Laurana lehnte sich erschöpft zurück. »Ich… erinnere mich an gar nichts. Ich weiß noch, daß ich in meinem Zimmer herumgelaufen bin, und dann war ich plötzlich hier.« Trotzdem kam es ihr so vor, als ob sie gerade etwas Wichtiges vergaß. Sie schüttelte den Kopf, weil sie sich nicht erinnern konnte.

Die klaren Augen des Zauberers waren unergründlich. Eine Hand glitt in eine Tasche seiner Robe und kam mit einem kleinen Päckchen getrockneter Blätter wieder hervor. »Tut das in eine Tasse heißes Wasser, Lady Laurana. Es wird Eure Stimmung heben und Euch beim Einschlafen helfen. Ich werde einen Diener mit dem Wasser herschicken.«

Sie wartete, weil sie immer noch versuchte, ihre Gedanken zu sammeln. Dann nickte sie. Miral und eine der Wachen halfen ihr auf die Beine; dann verschwand der Magier den Korridor entlang. Als sie in der Tür stand, beobachteten die Wachen sie besorgt. Unten, am Ende des Gangs, ging Lord Xenoths Tür unvermittelt auf, und der Berater warf einen Blick heraus – merkwürdigerweise voll bekleidet. Laurana beachtete ihn nicht weiter, weil sie immer noch über sein nach wie vor engstirniges Verhalten gegenüber Tanis und Flint verärgert war.

Ihr Ärger über den Berater ließ nach, während sie versuchte, ihre Gedanken zu klären. Da war doch noch etwas! Bloß was?

Nun, was es auch war, wenn es wichtig war, würde sie sich wieder daran erinnern. Sie wünschte den Wachen eine gute Nacht und schloß sich wieder in ihrem Zimmer ein.

16

Die Unterredung

Ein Diener der Stimme fing Tanis kurz vor der Morgendämmerung ab, als der Halbelf vom Palast zu den Ställen ging, um nach seinem Pferd Belthar zu sehen. Der Diener richtete Tanis aus, daß Solostaran ihn auf der Stelle im Vorzimmer der Stimme zu sehen wünsche.

Doch als Tanis in Solostarans Räumen im Turm ankam, erklärten ihm die Wachen vor der Tür, daß die Stimme Besuch hätte und erst anschließend für Tanis Zeit hätte. Tanis dankte ihnen und nahm dann in einem Alkoven im Gang Platz.

Die Tür zum Büro der Stimme ging auf, und Porthios trat heraus. Er nickte der Wache zu und eilte davon, wobei er den Halbelfen im Alkoven offenbar übersah. Tanis atmete leise erleichtert auf und ging zur Tür, als Porthios verschwunden war. Die Wache ließ ihn sofort ein und machte hinter ihm die Tür zu. Tanis schluckte, denn er fragte sich, was die Stimme ihm zu sagen hatte.

Die Stimme saß am Schreibtisch und sah einen Stapel Pergamente durch, die von einer Öllampe beleuchtet wurden. Der Goldrand an den grünen Roben der Stimme glitzerte im Lampenschein. Als die Tür ins Schloß fiel, legte Solostaran sofort die Pergamente zur Seite und sah auf, als wenn er nicht wirklich gelesen hätte. Der Raum mit den Glaswänden begann, in dem rosagrauen Licht kurz vor Tagesanbruch zu glühen.

»Tanthalas«, sagte die Stimme mit unbewegter Stimme. Da ihm kein Stuhl angeboten wurde, blieb Tanis stehen.

»Du wolltest mich sprechen, Stimme«, sagte Tanis. Er konnte sich nicht erinnern, daß es ihm in Gegenwart der Stimme je so gegangen war, aber heute hatte er irgendwie Angst.

Die Stimme nickte. »Gestern war ein harter Tag, Tanthalas«, sagte Solostaran leise. Er stand auf und lief mit auf dem Rücken gefalteten Händen im Raum auf und ab. »Ich wußte, es würde schwierig werden, jemandem die Hand von Lauralanthalasa zu versprechen, aber ich hatte keine Wahl. Das Versprechen zwischen den zwei Häusern wurde vor langer Zeit gegeben. Zahllose Abkommen und jede Menge Verträge beruhen auf dem Vertrauen der Elfen, daß die Stimme der Sonne immer Wort hält. Was sollte ich tun?«

Er schien eher mit sich selbst zu hadern, als mit Tanis zu sprechen. »Hätte ich vom Podium steigen und das Amt der Stimme abgeben sollen?«

Tanis starrte ihn ungläubig an. Abdanken?

Aber die Stimme schüttelte den Kopf. »Und wozu sollte das gut sein? Porthios würde meinen Platz einnehmen, und dann würde das Versprechen auf seinen Schultern lasten. Du siehst also, Tanis, ich habe mein Versprechen gehalten. Die Ehre unseres Hauses hat es verlangt.« Dabei sah er Tanis durchdringend an. Unwillkürlich zuckte der Halbelf zusammen.

»Und Tyresian ist gar keine schlechte Partie für Laurana«, fuhr die Stimme fort. Tanis klopfte das Herz. »Obwohl ich also wußte, daß es eine schwierige Aufgabe sein würde, habe ich mich dazu durchgerungen, die Verlobung bekanntzugeben. Sag mir, Tanis, wieso ist es so gekommen?« fragte die Stimme.

»Ich verstehe es nicht, und es hat mir auch noch keiner erklären können, wie meine Tochter sich dem Jungen versprechen konnte, den ich ins Haus genommen und wie ihren Bruder erzogen habe. Und zum ersten Mal im Leben ist Laurana nicht bereit…« Solostaran hielt einen Moment lang inne und legte eine Hand vor die Augen. Doch dann war der Augenblick vorbei, und er nahm wieder königliche Haltung an. »Sie ist nicht bereit, mit mir zu reden. Sag es mir, Tanis. Warum trotzt mir meine eigene Tochter?«

Tanis schüttelte den Kopf. »Ich weiß es nicht«, sagte er wahrheitsgemäß.

»Aber du mußt es wissen, Tanis«, sagte Solostaran mit scharfer Stimme. »Du warst ihr von meinen Kindern immer am nächsten. Und jetzt muß ich sehen, daß du ihr vielleicht näher stehst, als ich dachte.« Seine grünen Augen blitzten.

»Nein, so ist es überhaupt nicht«, sagte Tanis, dessen Herz wie rasend klopfte. »Das war doch nur ein Spiel, das wir ganz früher gespielt haben, mehr nicht.«

»Ein Spiel?« fragte Solostaran. Seine Stimme war leise, jedoch von einer Schärfe, die Tanis frösteln ließ. »Das ist eine ernste Angelegenheit, Tanthalas«, sagte er und kam auf den Halbelfen zu. Seine Roben kräuselten sich um ihn. »Der gute Ruf unseres Hauses, die Harmonie am Hof, ja, selbst der Frieden, auf den diese Stadt gegründet ist, sind in Gefahr. Das ist nicht die rechte Zeit für Spiele!«

Tanis schüttelte mit glühendem Gesicht den Kopf. Er versuchte, noch etwas, irgend etwas, zu sagen, fand aber keine Worte.

»Erst trotzt mir Laurana praktisch vor dem ganzen Hof«, fuhr Solostaran fort. »Aber ich hoffte, daß du daraus deine Lehre gezogen hast, daß du die Auswirkungen deiner Handlungen erkannt hast, denn ich habe dich immer geliebt und geglaubt, daß du mich in Ehren hältst. Und dann muß ich erfahren, daß du bereits Stunden später wieder mit ihr im Hof warst, wo sie die Arme um dich geworfen und dich geküßt hat wie… wie…« Ihm versagte die Stimme, doch dann riß er sich wieder zusammen. Seine Augen glänzten, und seine Stimme war schroff. »Das ist kein gutes Spiel, das du mit ihr treibst, Tanis. Du bist Mitglied dieses Hofes und solltest seine Regeln beachten. Du bist mein Mündel. Du bist ihr Bruder und sie deine Schwester.«