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Solostaran riß die Augen auf, und der Zorn fiel plötzlich aus seinem Gesicht. Seine Schultern sackten herunter, und er griff nach dem Rand des Tisches, als wollte er sich abstützen.

»Entschuldige, Tanis«, flüsterte er.

Tanis half der Stimme auf den Stuhl.

»Es ist nur so, daß alles so schwer war bis zum gestrigen Tag«, sagte die Stimme. Auf eine Handbewegung zur Karaffe hin, goß Tanis der Stimme Wein ein. »Und seit gestern sind die Höflinge hinter mir her wie die Meute hinter dem Hirsch. Und was sollte ich ihnen sagen? Daß mein Mündel die Frau heiraten würde, die alle als seine Schwester ansahen – dem Namen nach, wenn nicht sogar dem Blute nach? Daß ich mein Wort brechen würde?« Er schüttelte den Kopf. »Aber versuch, mich zu verstehen. Ich bin nicht wütend auf dich. Es ist der Hof und seine Engstirnigkeit, was dich und deine Herkunft angeht.«

Tanis seufzte. Er wollte der Stimme nur zu gern glauben, und tatsächlich strahlte sein Ziehvater jetzt die alte Wärme aus.

»Ich habe dir die Wahrheit gesagt«, sagte Tanis. »Ich liebe Laurana, ja, aber als meine Schwester. Ich weiß selbst nicht, was ich jetzt machen soll.« Und er fügte hinzu: »Laurana kann ziemlich stur sein.«

Da hätte die Stimme fast laut gelacht. Zumindest spielte ein Lächeln um seine Lippen. »Ach, das hätte ich wirklich erwarten müssen. Ihr Kindheitskamerad ist ein schöner, junger Elfenlord geworden. Wen wundert’s, daß er ihr gefällt? Denn obwohl er als ihr Bruder aufgewachsen ist, weiß sie, daß er es in Wahrheit nicht ist.«

Tanis wartete, weil er nicht wußte, was er sagen sollte, doch die Unterredung war anscheinend vorbei. Augenblicke später stand er allein auf dem Gang.

17

Die Jagd

Vom Himmelssaal aus schaute Tanis dem Sonnenaufgang zu. Die blassen Strahlen glänzten auf dem Sonnenturm wie Kupfer und blitzten feurig über die Kristall- und Marmorgebäude der Stadt. Als die Sonne sich vom Horizont löste, brach sie durch eine ferne, dunkle Wolkenbank, die tief am Himmel hing. Die Sonne setzte die Wolken in Brand. Die Wolken wirkten dunkler als am Vorabend. Tanis machte sich auf den Rückweg zum Palast und ging direkt zum Stall, wo Belthar, sein dreijähriger brauner Hengst, stand.

Vor dem grauen Granitstall hatte sich bereits der Adel von Qualinost versammelt. Tyresian, der schwarze Lederhosen und einen stählernen Brustpanzer trug, schrie Ulthen von seinem Hengst Primordan aus Befehle zu. Miral lehnte an einer Stallwand. Vom Gürtel der roten Tunika mit Kapuze, gegen die er seine gewöhnliche Robe getauscht hatte, baumelten Beutel mit Zaubermaterial. Die knielange Tunika war in der Mitte geteilt, damit der Magier bequem reiten konnte. Mehrere andere Adlige, deren Namen Tanis nicht einfielen, unterhielten sich in einem Grüppchen links von der Stalltür. Daneben sattelte Litanas dem Magier seinen Wallach. Porthios stand etwas abseits. Er sah zu, sagte aber wenig. Sein Bruder Gilthanas, in seiner schwarzen Wachuniform, ahmte seine Haltung nach, was Porthios offensichtlich nicht paßte. Tanis nickte seinen Cousins zu, als er den Pferdestall betrat, um Belthar zu holen. Als er den Hengst auf das Pflaster vor dem Hof führte, sah er Xenoth vom Palast kommen und Flint auf Windsbraut von Süden heranreiten. Tanis’ Schwert hing an seiner Seite. Auf der anderen Seite des Packtiers war die Streitaxt des Zwergs befestigt.

»Na, das ist doch ein denkwürdiges Paar – ein Zwerg auf einem Maultier und ein Elf, der wahrscheinlich so alt ist, daß er Kith-Kanan noch gekannt hat«, rief Ulthen Gilthanas zu, der seinen Bruder ansah und dann schnell ein Lächeln unterdrückte. Porthios wirkte verärgert. Tanis blieb beim Erben der Stimme stehen, hielt Belthar an den Zügeln und wartete, daß Flint ihm sein Schwert brachte.

Lord Xenoth erreichte den Stall als erster. Seine knöchellange Robe von der Farbe der Sturmwolken, die sich über ihren Köpfen zusammenbrauten, flatterte ihm um die Beine. Er fragte Tyresian, wo er sich ein Pferd leihen könnte; der Berater besaß anscheinend kein eigenes.

»Bei den Göttern, in diesem Aufzug muß Xenoth wohl im Damensitz reiten!« zischte Porthios Gilthanas und dem Halbelfen zu. »Selbst Laurana reitet rittlings. Los, hilf ihm, Tanis. Er kann die Stute Image reiten.«

Tanis gab Gilthanas die Zügel und ging hinüber, um Lord Xenoth zu helfen. Trotz des Durcheinanders der letzten Tage, und obwohl er wußte, daß die Freiwilligentruppe eine mörderische Bestie suchen würde, die bereits mehrere Elfen umgebracht hatte, war er glücklich, an der Jagd teilnehmen zu können. Der Halbelf merkte, wie aufgeregt er war. Weder Tyresian noch Porthios hatten ihn je eingeladen, an einer ihrer Hirschjagden teilzunehmen – die waren für den höchsten Elfenadel reserviert –, aber diesmal konnte Tyresian ihn nicht abweisen. Tanis schloß die Augen, während er sich vorstellte, wie die Zweige grün und verschwommen an ihm vorbeipeitschen würden, während er über die Waldwege galoppierte. Es würde herrlich sein.

Im düsteren Licht des Stalls blickte Xenoth in eine Box nach der anderen. Anscheinend suchte er ein passendes Reittier für sich – beziehungsweise passend für den Reiter, der er vor Jahrzehnten einmal gewesen war. Tanis ging zur Box von Image und rief ihren Namen. Der gescheckte Kopf der alten Stute tauchte in der oberen Hälfte der Doppeltür auf. Sie war ein freundliches Tier und wieherte leise zur Begrüßung; sie und Tanis waren alte Freunde, und jetzt stellte sie die Ohren auf und guckte, ob er Äpfel oder andere Köstlichkeiten in der Tasche hatte. Er zog eine Möhre aus der Tunika, brach sie halb durch und bot sie ihr auf der flachen Hand an. Er sah zu, wie ihre weichen Lippen die Nascherei suchten, wie sie sie krachend zermalmte und schnuppernd nach der zweiten Hälfte verlangte.

»Tut mir leid, die andere Hälfte ist für Belthar«, sagte er. Dann wurde er lauter. »Lord Xenoth. Hier ist Euer Pferd.«

Xenoth stand am anderen Ende des Stalls, an der Box von Allianz, einem riesigen Schlachtroß, das selbst Tyresian kaum beherrschte. Der Berater schüttelte den Kopf, wobei sein silbernes Haar im grauen Licht glänzte, und zeigte auf das gewaltige Tier. »Ich reite den hier«, sagte Xenoth. »Sattle ihn mir.«

Allianz warf den Kopf über die Trennwand, wobei seine Zähne nach der verschrumpelten Hand des Elfen schnappten. Xenoth sprang mit einem Aufschrei zurück. Tanis führte kopfschüttelnd Image heraus, und ein Stallbursche kam eilig herbei, um das Pferd zu satteln.

»Nehmt Image«, erwiderte Tanis. »Sie ist ein gutes, braves Pferd.«

Xenoths Gesicht lief rot an vor Zorn. »Willst du etwa sagen, ich könnte dieses Pferd nicht reiten?« Wieder zeigte er auf Allianz, der aufgebracht nach dem Leckerbissen schnappte, den der Berater vor seinem Kopf herumschwenkte.

Tanis seufzte und ging zu ihm. »Ich sage nur, daß nicht einmal Kith-Kanan persönlich mit diesem Pferd fertig werden würde.« Er hörte Schritte hinter sich und erriet, daß Xenoths schrille Stimme die Aufmerksamkeit der anderen Freiwilligen auf sich gezogen hatte.

Xenoths blaue Augen quollen etwas hervor, und seine Stimme zitterte. »Ich war früher einer der besten Reiter, Halbelf.«

»Das glaube ich Euch gern, Lord Xenoth.« Tanis versuchte, ruhig und leise zu sprechen. Was für ein durchgedrehtes Pferd gut war, mußte auch bei einem hysterischen Elfen helfen. »Aber jetzt habt Ihr nicht einmal ein eigenes Pferd. Es ist eine Weile her, seit Ihr zum letzten Mal geritten seid. Warum wollt Ihr nicht mit einem etwas… zugänglicheren… Tier beginnen?« Er hörte ein gedämpftes Prusten hinter sich. Seine Haare sträubten sich, als ihm klar wurde, daß sich ein größeres Publikum versammelt hatte. Um das Schauspiel schnell zu beenden, legte Tanis dem Berater die Hand auf den Arm.

»Laß mich los!« schrie Xenoth. »Ich lass’ mich doch nicht von einem… einem Halbelfenbastard mißhandeln!«