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Als der Hauptmann fortfuhr, wandten sich die Blicke der Jäger ihm wieder zu. »Ihr müßt verschiedene Dinge bedenken: Zum einen ändert das Fleisch der Tyloren seine Farbe, um sich der Gegend anzupassen, wo sie gerade sind. Das ist eine äußerst wirkungsvolle Tarnung.«

Tanis, der Belthar zu Flint zurück dirigierte, bemerkte, wie der Zwerg etwas ängstlich eine nahe Eiche beobachtete, fast als ob er glauben würde, der Tylor könnte sich als Baum tarnen.

»Diese Wesen sind intelligent«, rief der Hauptmann. »Sie sprechen Gemeinsprache. Seid daher vorsichtig mit dem, was Ihr sagt. Ruft den anderen beispielsweise keine Strategie zu. Das Wesen wird Euch verstehen.«

Gilthanas zügelte auf der anderen Seite von Flint seinen Apfelschimmel. Der jüngere Sohn der Stimme trug das schwarze Lederwams der Palastgarde. Der Morgenwind blies ihm das goldene Haar aus der Stirn. Er sah Laurana sehr ähnlich, fand Tanis, sicherlich mehr als Porthios. Gilthanas hatte sich in den letzten Jahren ebenfalls stark verändert, allerdings nicht so stark wie Tanis. Dennoch war Gilthanas schon eher ein Elfenlord als ein Kind, und obwohl er in seiner Uniform klein aussah, saß er aufrecht und mit stolzen Augen auf seiner Stute.

»Dazu kommt«, sagte der Hauptmann, was Tanis’ Aufmerksamkeit wieder nach vorne lenkte, »daß Tyloren zwar am liebsten durch Bisse oder peitschende Schwanzschläge töten, aber auch zaubern können. Wenn sie einen Kampf verlieren, gehen sie oft außer Reichweite und benutzen Zaubersprüche. Mir wurde mitgeteilt, daß wir heute den Zauberer Miral zum Schutz gegen die Magie des Tylors dabeihaben.«

»Na, großartig«, murmelte Gilthanas. »Miral. Wir sind verloren.«

Unwillkürlich sah Tanis über Flint hinweg und grinste Gilthanas an, der – offensichtlich überrascht – das Lächeln erwiderte. Tanis merkte, daß er Gilthanas kaum mehr kannte. Die beiden waren als Kinder so viel zusammen gewesen, aber sie waren erwachsen geworden und hatten nur noch wenig miteinander zu tun. Gilthanas hatte Tanis gemieden, um sich seinen Platz am Hof zu sichern und dort Freundschaft und Anerkennung zu finden. Und mit Porthios’ Hilfe hatte er beides erreicht.

»Tyloren«, gab der Hauptmann bekannt, »bewegen sich bei kaltem Wetter sehr langsam. Deshalb brechen wir heute so früh auf. Wir hoffen, das Tier in die Ecke treiben zu können, bevor es sich in der Sonne aufgewärmt hat. Und wie es aussieht, wenn man die Wolken betrachtet«, – mehrere Elfen murmelten Kommentare über die Gewitterwolken, die sich im Westen ballten –, »haben wir vielleicht das Wetter auf unserer Seite.«

Der Hauptmann salutierte vor Lord Tyresian, welcher die Geste erwiderte. Dann hob der Elfenlord einen Arm, und es kehrte Ruhe ein, während ihn die Jäger erwartungsvoll ansahen.

Blaßgelbes Licht strahlte am östlichen Horizont, aber im Westen war der Himmel dunkel, als würde dort noch die Nacht regieren. Der Sturm hatte sich bereits seit Tagen über den Bergen in der Ferne zusammengebraut, Kraft gesammelt, die Wolken höher aufgetürmt und an Dunkelheit zugenommen. Über Nacht hatte er sich nach Osten in Bewegung gesetzt und bedrohte das Land wie eine gewaltige, finstere Wand. In den Wolken zuckten Blitze, und Tanis konnte schon das leise Grollen des Donners in der aufgeladenen Luft wahrnehmen.

Da kam der Trompetenstoß, und Lord Tyresian winkte die Jäger auf die Brücke. Mit einem Schrei der Begeisterung trieben die Elfen ihre Pferde zu dritt nebeneinander auf die Brücke, und Tanis fiel unwillkürlich mit ein. Der Schrei löste sich einfach aus seiner Kehle, und er war so alt wie die Welt selbst, so alt wie Leben und Tod.

»Reorx rette mich«, sagte Flint leise zu sich selbst, als Windsbraut, Belthar und Gilthanas’ Stute sich der Brücke näherten. »Wenigstens bin ich in der Mitte. Junge«, dabei drehte er sich plötzlich zu dem Halbelfen um, »du sagst mir aber, wenn ich gleich über den Rand kippe, ja?« Als Tanis nickte, senkte der Zwerg sein Gesicht. Gerade bevor seine Haare nach vorn fielen, um das Gesicht zu verbergen, sah Tanis noch, wie Flint die Augen zukniff.

»Was ist mit ihm?« fragte Gilthanas in scharfem Ton.

»Ist er krank?«

Tanis schüttelte den Kopf. »Ein kurzes Gebet. Ein religiöser Brauch bei den Zwergen.« Er sah ein Lächeln über Flints kantige Züge huschen. Nach einiger Zeit folgte dem Lächeln ein hörbarer Seufzer der Erleichterung, als die Hufe der Pferde nicht mehr auf Holz, sondern auf die festgetretenen Steine an der Westseite der Schlucht traten.

Im grünen Wald war die Luft vom frischen Duft der Pinien und Pilze erfüllt, ein fast heilsamer Geruch, der Tanis’ Kopf klärte und seine Stimmung hob. Der Halbelf hörte jedes Rascheln der kleinen Waldtiere im Unterholz, sah deutlich den Umriß jedes Blatts vor dem Himmel über sich. Die Elfen trieben ihre Reittiere auf verschlungenen Wildpfaden immer tiefer in den Wald, und Baum auf Baum blieb hinter ihnen zurück.

Der Morgen blieb kühl. Gelegentlich nieselte es, während die Sturmwolken von Westen heranzogen. Fährtensucher der Palastwache ritten vor der Freiwilligenschar her, jedoch ohne Erfolg. Die einzigen Tiere, die die Jäger erblickten, waren Eichhörnchen, Streifenhörnchen und ein Waldmurmeltier, das vom Winterschlaf noch ganz abgemagert war. Die Hörnchen schossen sofort davon. Das Murmeltier spähte auf einem kleinen Hügel über einen Baumstumpf und ließ die Jäger vorbeiziehen.

Der Pfad war gerade breit genug für zwei Reiter nebeneinander. Stellenweise reichte das dichte Unterholz fast bis auf den Pfad. »Das gefällt mir nicht«, sagte Tanis zu Flint, der ihm zustimmte. Immer wieder glitt die Hand des Halbelfen zu seinem Schwert und strich liebevoll über die verbundenen Buchstaben »E« und »K« auf der Glocke.

Die Unterhaltungen der Jäger waren längst abgebrochen. Die einzigen Geräusche waren das gelegentliche Zetern der Vögel, das Knirschen der Ledersättel und das Schniefen eines allergischen Zwergs. Einmal nieste Flint, woraufhin Xenoth sich im Sattel umdrehte und »Psst!« zischte.

»Kann ich etwa was dafür?« gab Flint so leise zurück, daß es nur Tanis hören konnte.

Schließlich hob Tyresian einen Arm in die Höhe, und alle machten halt. Einer der Fährtenleser stand neben dem Pferd des Elfenlords. Seine eine Hand lag auf dem glänzenden Hals von Tyresians Hengst, die andere zeigte nach vorne. Die Nachricht wurde von einem zum anderen nach hinten durchgegeben.

»Sie haben die erste Spur gefunden!« flüsterte Gilthanas Tanis und Flint zu. Der Zwerg packte die Zügel so fest, daß seine Knöchel weiß wurden.

»Was denn?« fragte Tanis.

Die Antwort wanderte durch die Reihe wie beim Kinderspiel »Weitersagen«: Nur wenige Stunden alte Spuren mit fünf Zehen im feuchten Boden, vier Zehen zeigten nach vorn, eine nach hinten. Das Tier war eindeutig auf Nahrungssuche.

»Und schon sind wir da«, bemerkte Flint griesgrämig, während er sich nach allen Seiten umsah und seine Streitaxt wie einen Talisman festhielt. »Mittagessen.«

»Werden wir den Tylor nicht kommen hören?« fragte Tanis.

»Nicht unbedingt«, antwortete Flint. »Er liegt vielleicht auf der Lauer.«

Die Freiwilligen ritten jetzt mit ernsten Gesichtern einzeln hintereinander. So würde das Monster weniger Jäger erwischen, wenn es plötzlich aus dem Unterholz brach. Sie ritten zügig weiter, aber jeder Mann hielt eine Waffe bereit. Die meisten Elfen hatten Kurzschwerter.

Die Mittagszeit verstrich, ohne daß die Jäger es registrierten. Sie hatten keine Zeit, an Essen oder Rast zu denken. Eine ganze Zeitlang hatten sie die Spur verloren, aber nach einer Stunde Suchen fanden sie sie wieder. Jetzt war sie frischer als vorher. Die Jäger trabten einen engen, matschigen Pfad entlang, um die Fährte zu verfolgen. Tanis mußte sich alle paar Sekunden bücken, um den tiefhängenden Zweigen auszuweichen.

Plötzlich bäumten sich die Pferde an der Spitze auf, weil ihre Reiter fest an den Zügeln gerissen hatten.