Falls er auf eine große Reaktion gehofft hatte, wurde Flint enttäuscht. Laurana saß einfach da und strich den blaßgelben Umhang glatt, den sie übergeworfen hatte.
»Aber wir sind alle Erben«, wandte sie ein. »Ich, Gilthanas und Porthios. Welchen?«
Flint setzte sich zurück. Er hatte die ganze Zeit nur an Porthios gedacht. Warum nicht auch Gilthanas und Laurana? Jemand, der dem Amt der Stimme in der Erbfolge näher kommen wollte, würde auch sie ausschalten müssen. Es fehlten noch Puzzleteile, aber Flint hatte immer noch einen Tag Zeit, die Morde aufzuklären, bevor die Stimme ihr Verbannungsurteil für Tanis wiederholen würde.
Dann kam ihm eine neue Idee. »Wann könnte man Porthios besser umbringen, als bei seinem Kentommen?« fragte er.
»Wann gäbe es einen besseren Zeitpunkt, uns alle umzubringen?« fragte Laurana sachlich. »Wir werden alle gleichzeitig im Turm beisammen sein. Aber warum, Flint? Und überhaupt, da kann man keinen Elfen verdächtigen. Wir tun so etwas nicht.« Sie wandte sich von ihm ab und blickte ins Feuer.
Flint saß kurz da und betrachtete die Silhouette der Prinzessin. »Ach, Mädchen, du hast so wenig Ahnung von der Welt.«
Sie hatte immer noch Einwände, stand auf und lief vor Aufregung vor dem Kamin auf und ab. »Du willst, daß ich an der Wache vorbeischleiche, um mit meinem Vater zu reden. Aber deine Beweise reichen nicht aus, um zu rechtfertigen, daß ich die Stimme unterbreche und das Kentommen abgesagt wird«, sagte sie erregt. »Dein einziger Beweis ist deine Vermutung darüber, was Eld Ailea kurz vor ihrem Tod gedacht hat.«
»Aber begreifst du denn nicht?« donnerte er. »›Erbe‹! Und sie hielt das Bild der Erben in der Hand!«
»Wenn ich den Wachen befehle, dich einzulassen, und sich dann herausstellt, daß das alles weiter nichts als Hirngespinste einer alten Hebamme waren, dann wird mein Vater…« Ihre Stimme brach ab, sie wurde blaß. »Aber wenn ich es nicht tue, und es geschieht wirklich etwas Schlimmes…« Sie plumpste auf den Stuhl. »Ich bin zu jung für solche Entscheidungen!« jammerte sie.
Flint sah sie an und stellte fest, daß er den Anfang ihrer Wandlung vom verwöhnten kleinen Mädchen in eine starke Elfenfrau mitbekam – wenn sie es nur zeigen würde. Sie sprang auf und lief wieder auf und ab.
»Warum, Flint?« fragte sie. »Warum sollte jemand die Erben der Stimme töten wollen? Nicht, daß ich dir auch nur im geringsten glauben würde«, fügte sie eilig hinzu.
»Habgier«, schlug Flint vor. »Rache. Wahnsinn. Unerwiderte Liebe. So etwas kommt nicht über Nacht, weißt du. Ich gehe davon aus, daß der Mörder seit Jahren darauf hinarbeitet.«
»Ja, dann…« Laurana schwieg wieder. »Dann ist er aber wahrscheinlich jemand, den wir kennen.«
»Ja, natürlich«, fauchte Flint. »Was hast denn du gedacht?«
Sie funkelten einander einen langen Augenblick an, bis Laurana den Blick abwandte und leise sagte: »Tanis hilft es gar nichts, wenn wir uns streiten.«
Flint grunzte. Dann fragte er beherrschter: »Wie nah steht Tyresian der Erbfolge?«
»Zur Stimme?« Laurana war überrascht. »Er ist aus dem Dritten Haus. Wir sind aus dem Ersten.«
»Dann blieben nur die Mitglieder des Zweiten Hauses?«
Laurana nickte abwesend. Flint bohrte weiter. »Wie hoch steht Tyresian in der Erbfolge, wenn er dich nicht heiratet?«
»Ach, so an zwölfter oder dreizehnter Stelle«, erwiderte sie und kniff die Augen zusammen. »Du glaubst doch nicht im Ernst, daß Tyresian… Aber er gehört doch zum Adel!«
Flint befand, daß Laurana noch viel über das Leben zu lernen hatte. »Wie sicher ist Porthios?« fragte er.
Laurana sah ihn wieder an. »Es stehen über ein Dutzend Wachen um den Wald. Sie können Porthios nicht sehen, aber sie würden es hören, wenn er riefe. Ich glaube nicht, daß irgend jemand zwischen ihnen hindurchschlüpfen könnte.«
Flint stand auf und schlenderte durch das Vorzimmer. Auf dem Fensterbrett stand Lauranas Sammlung ausgefallener Drachenfigürchen. Er nahm einen goldenen in die Hand und untersuchte ihn. »Und Gilthanas ist heute nacht bei seinem Regiment? Da ist er wenigstens sicher.«
»Aber nein, Flint«, widersprach Laurana. »Gilthanas steht heute die ganze Nacht Wache am Kentommenai-Kath.«
Der Begriff klang bekannt, aber Flint hatte in den letzten paar Tagen einen Haufen neuer Elfenwörter gelernt. »Am Kentommenai-Kath?«
»Der Platz mit dem Blick auf den Fluß der Hoffnung, westlich von Qualinost«, erklärte sie.
Flint erinnerte sich. Das war der Ort, wo er mit Tanis gepicknickt hatte und fast abgestürzt wäre. »Aber Gilthanas hat bestimmt eine Wache dabei«, sagte er, während er ein Bein des Figürchens verbog. Die Weichheit des Metalls ließ auf reines Gold schließen. Laurana nahm ihm den kleinen Drachen freundlich weg, bog das Bein wieder gerade und stellte die Figur zurück auf das Fensterbrett.
»Gilthanas bekommt eine Eskorte von Qualinost zum Kentommenai-Kath«, erläuterte sie, während sie sich wieder setzte. »Dann lassen ihn die Wachen dort, und er bleibt bis Sonnenaufgang allein. Anschließend kehrt er allein nach Qualinost zum Schlußteil des Kentommen zurück.«
Flint fühlte eine eisige Hand seinen Rücken hochkriechen. »Er ist allein?«
Lauranas ohnehin schon fahles Gesicht wurde noch blasser. Als ihre Antwort schließlich kam, war es keine Frage: »Er ist in Gefahr, nicht wahr.«
Flint winkte ab, damit sie schwieg, und lehnte sich mit beiden Armen gegen den Kamin. Er starrte in die Flammen. Schließlich drehte er sich um und beugte sich zu Laurana vor.
»Laurana«, sagte Flint, »vertraust du mir?«
Nach einer Pause nickte sie. Ihr Haar glitzerte im Feuerschein.
»Dann hör zu«, sagte er. »Ich habe einen Plan.«
26
Der Trick
Zwei Stunden vor Mitternacht tauchte im Korridor vor Tanis’ Tür eine goldhaarige Gestalt in einem wasserblauen, von Silberfäden durchwirkten Kleid auf und warf der Wache ein bezauberndes Lächeln zu.
»Hallo«, sagte sie, um dann anmutig zu zögern. Diese Bewegung hatte sie in der letzten Stunde vor dem Spiegel in ihrem Zimmer eingeübt.
Der Wächter wurde rot. Lauralanthalasa wußte, daß er sie schon von weitem gesehen hatte, aber er war der Tochter der Stimme noch nie so nah gewesen.
»Oh«, sagte er. »Hallo.«
Sie lächelte wieder. »Solltest du nicht sagen: ›Wer da?‹« fragte sie leichthin.
Der honigblonde Elf in Gilthanas’ Alter schluckte und grinste schief. »Aber… ich weiß, wer du bist«, flüsterte er. »Äh – wozu also fragen?«
»Oh.« Laurana senkte die Lider und warf ihm dann einen Seitenblick zu. »Das ist sehr klug.«
Ihre Stimme verriet Bewunderung. »Das kauft mir die Wache nie ab«, hatte sie erst vor einer Stunde in ihrem Zimmer protestiert. »Was glaubst du, wie blöd die Palastwachen sind?«
Aber der Zwerg hatte darauf bestanden und nur erklärt: »Vertrau mir. Ich habe gesehen, wie dir die jungen Elfen nachgucken.« Sie war errötet. Flint war fortgefahren: »Damit schmeißt du die Wachen aus ihren Galaschuhen.«
»Ach, Flint, das ist doch lächerlich«, hatte sie gefaucht.
Aber jetzt war sie sich nicht mehr so sicher. Die Wache sah aus, als hätte sie wirklich weiche Knie. Während sie seine Reaktion einer leichten Verdauungsstörung nach zu reichlichem Kentommen-Essen zuschrieb, sagte sie zuckersüß: »Ich möchte bitte Tanis sehen.« Sie sah züchtig zur Seite. (»Flint, das schluckt er nie!« hatte sie geschimpft. »Vertrau mir«, hatte der Zwerg wiederholt.)
Plötzlich wirkte die Wache zerknirscht. »Ich darf niemand einlassen.«
Lauranas Gesicht nahm einen enttäuschten Ausdruck an. »Nicht einmal mich?« flüsterte sie. »Es ist doch so, so wichtig.« Sie hoffte, daß in ihren Augen die Tränen standen, die Flint für unerläßlich gehalten hatte.