Eine wie die Blonde würde sich niemals von ihm festhalten lassen. Die gehörte zu einer neuen Art, genau wie Püppi. Immer dieser herausfordernde Blick. Immer voller Vorwürfe. Das kochte Männer weich, bis solche Typen herauskamen wie Wolfi, der es zuließ, dass Kathrin Kron seine Rechnungen bezahlte, während er auf dem Rasenmäher hockte. Oder wie der langhaarige Versager, der zur Blonden gehörte und sich im Hintergrund hielt, während seine Frau Standbild spielte.
»Kann man hier vielleicht irgendwo sitzen?«
Frau Franzen zögerte einen Moment, bevor sie sich in Bewegung setzte, allerdings nicht zum Eingang der Villa, sondern außen herum in den Garten. Am liebsten wäre Gombrowski gleich wieder gegangen. Normalerweise machte er keine Hausbesuche. Dass er überhaupt durch den verwahrlosten Garten der elenden Villa Kunterbunt stapfte, war einer Ausnahmesituation geschuldet, die ihm gehörig auf die Nerven ging. Aber Geschäft war Geschäft. In diesem Fall eine Bagatelle, die sich mit Geld erledigen ließ. In zehn Minuten würde er wieder in seinen Range Rover steigen und die fünfhundert Meter zurück zu seinem Haus fahren, welches von gepflegtem Rasen umgeben war und nicht von einer ungemähten Wiese, die einem in die Hosenbeine kroch. Wildwuchs in der Nähe von menschlichen Behausungen machte Gombrowski nervös. Er kannte die Natur gut genug, um zu wissen, dass es auf saubere Grenzen und klare Verhältnisse ankam.
»Setzen Sie sich doch«, sagte Frau Franzen und deutete auf einen klapprigen Gartenstuhl unter den Robinien. Mit äußerster Vorsicht ließ Gombrowski sich nieder, während Frau Franzen ihm gegenüber Platz nahm und die langen Beine von sich streckte. Kurze Hosen, Arbeitsstiefel, blonde Haare und Puppengesicht, dazu Schultern wie ein Mann.
»Ziemlich heiß heute.«
Darauf ging Frau Franzen nicht ein. Auch kam sie weiterhin nicht auf die Idee, ihm etwas zu trinken anzubieten, obwohl er gegen ein kühles Bier nichts einzuwenden gehabt hätte. Ihre verächtliche Miene kannte er zu Genüge. Die Blonde hielt ihn, genau wie Püppi, für einen dummen Bauern. Immer der gleiche Weiberdünkeclass="underline" Wer nicht ins Theater ging und keine Romane las, war nichts wert. Als ob das Leben in der Stadt die Leute besser machte. Als ob eine Stadt mehr wäre als eine Ansammlung von haushoch gestapelten Heimatlosen. Frau Franzen wäre gewiss nicht nach Unterleuten gezogen, wenn sie die Stadt so toll gefunden hätte. Woher sie trotzdem das Recht nahm, auf jemanden herabzusehen, der hier aufgewachsen war, blieb schleierhaft.
Gombrowski hätte viel darum gegeben, die anstehende Verhandlung mit einem normalen Menschen führen zu können. Außerdem fand er es schwierig, über Geschäfte zu reden ohne ein Glas in der Hand, mit dem man am Ende auf das erzielte Ergebnis anstoßen konnte. Wer beim Verhandeln nicht trinkt, will sich nicht einigen, pflegte Gombrowskis Vater zu sagen. Es war traurig zu sehen, dass die Welt, zu der solche Weisheiten gehörten, nicht mehr existierte. Gombrowski gab sich einen Ruck.
»Ich möchte Ihnen ein Geschäft anbieten.«
Die Blonde schwieg.
»Kauf oder Tausch, was Ihnen lieber ist.«
Keine Reaktion.
»Ich bin bereit, den besonderen Umständen Rechnung zu tragen. Überhaupt lebe ich nach dem Motto: Wenn jeder bekommt, was ihm zusteht, ergibt das auf lange Sicht für alle Beteiligten die größte Menge Glück.«
Sie wartete. Gombrowski holte Luft.
»Fünfzehntausend pro Hektar.«
Das war ein gesalzener Preis; der Bodenrichtwert lag bei knapp über fünf. Die Miene der Blonden blieb unverändert. Fast hätte Gombrowski gelacht; fast begann die Sache ihm Spaß zu machen. Keiner seiner Skatfreunde, kein Großkunde und kein Politiker hatte ihm jemals ein solches Pokerface gezeigt wie dieses blonde Miststück. Jetzt galt es, schnell zu entscheiden, ob er sofort erhöhen oder lieber nach Hause gehen und sein Angebot wirken lassen sollte.
Darüber dachte Gombrowski nach, als ihn die Erkenntnis traf wie ein Schlag. Seit er seinen Preis genannt hatte, wanderte der Blick der Blonden unablässig zwischen seinen Augen hin und her. Plötzlich begriff er, warum: Frau Franzen machte gar kein Pokerface. Sie hatte schlicht keine Ahnung, worum es ging.
Die Wut trieb Gombrowski den Schweiß auf die Stirn. Statt gleich einen astronomischen Preis zu bieten, hätte er damit rechnen müssen, dass die Blonde ahnungslos war. Bei Städtern hatte er das schon öfter erlebt: Sie kauften ein Anwesen auf dem Land, waren aber nicht in der Lage, das Grundbuch zu lesen. Anschließend wussten sie gar nicht, was ihnen gehörte, oder wo sich der Besitz, den sie erworben hatten, genau befand. Zwei Hektar irgendwo auf der Schiefen Kappe – das ließ sich leicht übersehen. Immerhin hatte er selbst erst einmal die Flurkarten einsehen müssen, um die Lage zu klären.
Die zwei Hektar der Blonden lagen genau zwischen zwei größeren Flurstücken von jeweils rund acht Hektar, von denen das westliche Gombrowski und das östliche einem gewissen Konrad Meiler gehörte. Über Letzteren wusste Gombrowski, was man wissen musste. Konrad Meiler hatte die halbe Gemeinde aufgekauft und danach in der Ökologica angerufen, um mitzuteilen, er werde das Auslaufen der Pachtverträge für eine Erhöhung der Preise nutzen. Dass es sich bei den Ländereien in der Gegend von Unterleuten um kargen Boden handelte, den die Ökologica mit minimalen Gewinnspannen bewirtschaftete, interessierte den Superkapitalisten nicht. Vier Prozent Rendite, hatte Meiler am Telefon erklärt, könne er legitimerweise erwarten.
Die Flurstücke von Meiler, Gombrowski und Frau Franzen bildeten zusammen das Eignungsgebiet, welches sich die Vento Direct für den Bau ihres Windparks auserkoren hatte. Da mindestens zehn zusammenhängende Hektar benötigt wurden, musste einer der beiden großen Eigentümer das kleine Mittelstück kaufen. Genauer gesagt: Frau Franzen, deren Flurstück in der Mitte lag, musste an Gombrowski verkaufen, bevor Meiler den Braten riechen und ein konkurrierendes Angebot abgeben konnte. Mit etwas Geschick und einer rührseligen kleinen Geschichte hätte Gombrowski sie vielleicht gleich hier auf dem Klappstuhl zu einem Vorvertrag nötigen können. Stattdessen hatte er das Schnäppchen übersehen und durch sein plumpes Angebot klargemacht, dass es etwas zu holen gab. Wäre er sein eigener Angestellter gewesen – Gombrowski hätte sich entlassen.
Seine Fußknöchel juckten vom hohen Gras, das ihn unter den Hosenaufschlägen kitzelte. Eine Gruppe Spatzen zwitscherte hysterisch in der Robinie über seinen Kopf. Ein weiterer Fehler bestand darin, Fidi nicht mitgebracht zu haben. Sie hätte im Garten der Villa Kunterbunt herumgestöbert, und Gombrowski hätte etwas Zeit gewinnen können, indem er aufstand, um nach dem Hund zu sehen.
Wenigstens gehörte die Blonde nicht zu den Menschen, die unentwegt reden mussten. Sie saß einfach da und wartete, was er als Nächstes tun oder sagen würde. Unangenehm war nur, wie sie jeder seiner Regungen mit Blicken folgte. Gombrowski versuchte, sich auf dem Stuhl zurückzulehnen, und sah an Frau Franzen vorbei zu den Gebäuden hinüber. Die Stirnseite des ehemaligen Schweinestalls war eingestürzt. Das Dach des Getreidespeichers bestand fast nur noch aus Löchern, und an der rückwärtigen Fassade der Villa bröckelte der Putz. Direkt nach der Wende hatte ein Aussteigerpaar das Anwesen erworben und war noch vor dem Reparieren der ersten Zaunlatte in Gombrowskis Büro erschienen, um ihm eine Mitnutzung seiner Vertriebswege für jenes nachhaltige Gemüse abzuschwatzen, das sie auf ihrem Handtuch von Land zu produzieren gedachten. Wenige Monate später stand das Anwesen wieder zum Verkauf, die Frau hatte eines Morgens tot im Bett gelegen. Die nächsten Käufer brachten Geld mit, zwei Architekturdiplome und den Plan, die Villa in ein Vorzeigeprojekt für ländliches Wohnen zu verwandeln. Sie begannen mit der Sanierung, wobei der Mann einen Schlaganfall erlitt und von der Leiter stürzte. Auch tot. Der letzte Eigentümer vor Frau Franzen und ihrem langhaarigen Freund war bei Gombrowski erschienen, um ihn zu einem Aufrollen der mafiösen Strukturen auf dem Spargel-Markt zu überreden. Der Kerl erhängte sich, bevor die Gasheizung eingebaut war.