»Sie haben mich angerufen«, eröffnete Franzen, als das Schweigen unerträglich wurde. »Sie wollten mich sprechen.«
Das stimmte. Nach dem Besuch im Plausitzer Bauamt am vergangenen Freitag hatte Meiler seine restlichen Berlin-Termine absolviert und war noch am gleichen Nachmittag ins Auto gestiegen, um nach Ingolstadt zurückzufahren. Einen Tag später hatte er Franzen auf dem Handy angerufen und um ein zeitnahes Treffen gebeten. Heute hatte er wieder den halben Tag auf der A9 verbracht, um jetzt, Montag, 19. Juli 2010, mit ihr im Berliner Adlon sitzen zu können. Die Frage, wer in dieser Angelegenheit etwas von wem wollte, ließ sich leicht beantworten.
»Es geht um die vier Hektar hinter Ihrem Haus, die Sie so gern für Ihre Pferde hätten«, sagte Meiler und freute sich beinahe, als sich der Anflug eines Lächelns auf ihrem Gesicht zeigte.
»Nein«, sagte sie. »Das glaube ich nicht.«
Mehr nicht. Danach schwieg sie wieder.
»Frau Franzen«, begann Meiler noch einmal. »Lassen Sie uns ganz entspannt miteinander reden. Letzten Donnerstag habe ich gesagt, dass ich das Land hinter Ihrem Haus auf keinen Fall verkaufen werde. Dass ich nicht tausche, habe ich nicht gesagt.«
Der freundliche kleine Scherz zerplatzte an dem Felsen, in den sich ihr Gesicht verwandelt hatte. Meiler überlegte, ob er anbieten sollte, ihr an der Bar einen Kaffee zu holen. Aber er wusste, dass sie ablehnen würde. Vermutlich würde sie nicht einmal »nein, danke« sagen, sondern nur stumm den Kopf schütteln. Er versuchte sich zu erinnern, wie er sich dieses Treffen vorgestellt hatte. Trotz allem hatte er sich darauf gefreut, sie wiederzusehen. Vielleicht war er dumm genug gewesen zu glauben, sie würde sich in der Lobby mit großen Augen um die eigene Achse drehen und das Dekor bestaunen. Vermutlich wollte er ihr nach erfolgreich beschlossenem Deal vorschlagen, woanders noch eine Kleinigkeit zu essen. Im »Borchardt«. Und dann? Zu Meilers Prinzipien gehörte es, wenigstens sich selbst gegenüber ehrlich zu sein, wenn schon die Welt zu fast hundert Prozent aus Heuchelei bestand. Franzen gefiel ihm, und selbstverständlich wollte er mit ihr ins Bett wie mit fast jeder anderen Frau auch. In erster Linie aber wollte er etwas anderes von ihr, und erst jetzt, während sie ihm gegenübersaß, dämmerte ihm langsam, was das war. Er wollte sehen, wie sie den Blick senkte. Und sei es nur, um ihren Borchardt-Hauptgang zu betrachten, der Zutaten enthielt, von denen sie noch nie etwas gehört hatte.
Aber Franzen war weit davon entfernt, den Blick zu senken. Sie starrte ihn an. Meiler seufzte lautlos. Jetzt wollte er einfach nur das Geschäft abschließen, so schnell wie möglich. In fünfzehn Minuten konnte er wieder im Auto sitzen und nach Hause fahren. Das Zimmer, das er aus unerfindlichen Gründen reserviert hatte, ließ sich problemlos stornieren. Franzen ließ sich problemlos vergessen. Er war zu alt für Spielereien. In seinem Leben ging es um völlig andere Dinge. Nicht um Franzen.
»Also, Frau Franzen«, sagte er. »Zwei Hektar am Waldrand gegen vier Hektar direkt im Dorf. Eigentlich müssten Sie mir den Wertunterschied ausgleichen, aber ich weiß ja, wie stark Sie mit der Sanierung Ihres großen Hauses belastet sind. Was sagen Sie?«
»Fünfzigtausend.«
»Wie bitte?«
»Sie übertragen mir die vier Hektar hinter meinem Haus und zahlen außerdem fünfzigtausend Euro. Dafür bekommen Sie das Flurstück auf der Schiefen Kappe, das Sie für die Errichtung Ihres Windparks brauchen.«
Meilers Handflächen begannen zu kribbeln, dann flutete das Adrenalin seinen gesamten Körper. Vor Wut wurden seine Ohren heiß wie die eines Schuljungen. Er ärgerte sich nicht über Franzens Unverschämtheit, sondern darüber, dass er diese Unverschämtheit nicht vorhergesehen hatte. Normalerweise hielt er in Geschäftsverhandlungen mindestens eine alternative Strategie in der Hinterhand, falls der erste Ansatz versagte. Heute war er blank. Er hatte geglaubt, das Tauschangebot ohne Ausgleichszahlung sei mehr, als Franzen sich erhofft habe. Eine sichere Bank.
»Hören Sie, Frau Franzen«, sagte er. »Es gefällt mir, dass Sie verhandeln wollen. Man sollte immer verhandeln. Aber die zwei Hektar auf der Schiefen Kappe sind laut Gutachterausschuss kaum 8000 Euro wert. Sie bekommen dafür die doppelte Fläche in bester Dorflage. Das ist mehr als fair. Finden Sie nicht?«
Eine halbe Minute verging, während Franzen mit dem rechten Zeigefinger ihren linken Daumennagel säuberte. Als sie fertig war, stand sie zu Meilers Überraschung auf.
»Jetzt gehe ich mich frisch machen«, sagte sie, »und bin in fünf Minuten wieder da. In der Zwischenzeit bitte ich Sie, zu einem Ergebnis zu kommen. Als kleine Entscheidungshilfe möchte ich daran erinnern, dass 50000 Euro nicht mehr als ein Drittel der Summe darstellen, die Sie mit dem Windpark bereits im ersten Jahr verdienen werden. Die Investition hat sich also binnen vier Monaten amortisiert. Ihre unternehmerische Vernunft wird Ihnen bestätigen, dass das ein erträgliches Opfer ist.«
Damit marschierte sie los, und zwar, wie Meiler bemerkte, nicht zur Rezeption, um zu fragen, wo sich die Waschräume befanden, sondern gleich in die richtige Richtung, an den Fahrstühlen vorbei und links um die Ecke in den Gang, der zu den Toiletten führte. Dass sie sich in der Lobby des Adlons auskannte, irritierte ihn noch mehr als ihr Auftreten. Er hatte Lust, ihr ein paar Sätze nachzuschleudern wie eine Handvoll Kieselsteine. Dass sie gerade aus reiner Dummheit die Erfüllung ihres Lebenstraums vermassele. Dass er, Meiler, es nicht nötig habe, sich auf diese Komödie einzulassen. Dass Reichtum die Freiheit mit sich bringe, eigene Interessen zu ignorieren, wenn man Lust dazu verspüre. Aus purer Gehässigkeit konnte er auf den Windpark-Deal verzichten und noch per testamentarischer Verfügung dafür sorgen, dass Franzen ihre bescheuerten Pferdekoppeln bis ans Ende aller Tage nicht bekam.
Aber seit dem Wochenende war die Schiefe Kappe mehr als ein gewöhnliches Geschäft. Sie war ein Versprechen.
Als der Roadster am Freitag gegen 22 Uhr den von Kastanien gesäumten Privatweg zur Ingolstädter Villa hinaufgeglitten war, hatte in der Bibliothek Licht gebrannt. Da Einbrecher für gewöhnlich nicht die Deckenbeleuchtung einschalteten, konnte das Strahlen der Art-déco-Lampen nur bedeuten, dass Mizzie zu Hause war.
Noch in Mantel und Schuhen war Meiler über den Flur geeilt, durch das seit Monaten unbenutzte Esszimmer bis zur Bibliothek, in die seit einer halben Ewigkeit niemand außer der Putzfrau einen Fuß gesetzt hatte. Er hatte die Tür geöffnet und sich einer Szene gegenübergesehen, die er nicht verstand. Vor der Bücherwand stand Mizzie, ein Glas Wein in der Hand, und blickte ihm entgegen. Auf dem Chesterfield-Sofa saß ein junger Mann, in dem Meiler erst auf den zweiten Blick seinen Sohn erkannte. Um Philipps Mundwinkel spielte ein freundliches, geradezu mildes Lächeln, als hätte gerade jemand etwas Amüsantes gesagt. Trotz der Sommerwärme trug er einen moosgrünen Pullover mit V-Ausschnitt und ein gestreiftes Hemd darunter, in dem er aussah wie ein Collegestudent. Die schwarzen Bundfaltenhosen waren eine Spur zu feierlich und die braunen Lederschuhe ein wenig zu neu. Aber alles in allem wirkte Philipp auf verblüffende Weise normal.