»Hallo, Papa«, sagte er.
Mizzie sagte nichts und lächelte, eine Mutter, die sich über die gelungene Präsentation einer Überraschung freut. Im ersten Moment empfand Meiler Glück beim Anblick seines Sohns, aber gleich darauf hellen Schmerz, als ihm klar wurde, dass eine verkleidete Puppe vor ihm hockte. Er hasste es, in einer Welt zu leben, in der erfolgreiche Unternehmer mit Vollbart und löchrigen Stiefeln herumliefen, während Penner Anzüge trugen. Am Bahnhof musste man heutzutage genau hinsehen, um zu unterscheiden, ob ein Mann etwas in eine Mülltonne hineinwarf oder herausnahm. Ganz gleich, wie gut geputzt Philipps Schuhe, Zähne und Fingernägel waren – sie brachten die hässlichen Fragen nicht zum Schweigen. Wann hatte er sich den letzten Schuss gesetzt? Wo hatte er vergangene Nacht geschlafen? Mit welcher Kreatur hatte er das Fixerbesteck geteilt, und wie sahen seine Fußknöchel unter den dunkelblauen Merino-Socken aus? Der Schmerz wuchs und schnürte Meiler die Kehle zu. Sein Philipp war seit zehn Jahren tot, und die Anwesenheit eines Gespenstes, das behauptete, Philipp zu sein, holte den Verlust auf grauenvolle Weise ins Hier und Jetzt. Er zitterte am ganzen Körper, als er sich in einen Sessel setzte.
Mizzie öffnete eine Holzklappe in der Bücherwand und schenkte drei Gläser Highland Park 18 ein. Dann begann sie mit Konversation. Wie ein Zuschauer im Theater bestaunte Meiler ihr Talent, eine Unterhaltung in Gang zu bringen. Sie wandte sich abwechselnd Philipp und Meiler zu, lachte hell und verteilte mit gepflegten Fingern Klapse auf Handrücken und Knie. Ehe Meiler es sich versah, beantwortete er Fragen, erzählte, wo er gewesen war und was er gemacht hatte, beschrieb Unterleuten und die absurde Dorfversammlung. Er stand auf, um Whisky nachzuschenken, und imitierte dabei Krons übertrieben hinkenden Gang, während sich Philipp und Mizzie vor Lachen bogen. Selbstverständlich war die ganze Situation nicht mehr als eine sentimentale Filmszene, aber eine, die Meiler zu gefallen begann.
Gegen Mitternacht schlug Mizzie eine Partie Schach zwischen Vater und Sohn vor, während sie schon zu Bett gehen wollte. Meiler winkte ab, aber als Philipp fragte, ob er Angst habe zu verlieren, war das Brett in Sekundenschnelle aufgebaut. Meiler nahm sich vor, seinem Sohn mindestens zwanzig Züge zu geben, bevor er ihn vernichtete, und musste beim fünfzehnten Zug feststellen, dass er selbst in Bedrängnis geriet. Sie kämpften schweigend. Philipp spielte ohne Dame, dafür mit sämtlichen Offizieren; Meiler wehrte sich wie ein Löwe. Während Philipps schwarze Springer den weißen König in die Ecke trieben, dehnte sich etwas in Meilers Brust, machte das Atmen schwer und drohte zu platzen. Beim Schachmatt kamen die Tränen. Es waren Tränen der Freude über Philipps Sieg, Tränen der Verzweiflung über gnadenlos vergangene Jahre, und schließlich lagen sie sich in den Armen, und Meiler schlug mit der Faust auf den Rücken seines Sohns und stammelte Unsinn, du dummer Bengel, die Dame gegen Läufer und Bauern zu tauschen, was für ein Bengel, und Philipp weinte auch und wiederholte immer nur den Satz: »Ich bin noch da, Papa, ich bin doch noch da.«
Kurz darauf kroch Meiler zu Mizzie ins Bett. Sie sprachen nicht länger als fünf Minuten. Meiler würde sich um alles kümmern, die Verhandlungen mit der Vento Direct führen, die Errichtung des Windparks überwachen. Die Grundstücke auf der Schiefen Kappe würde er Mizzie überschreiben, so dass der Erlös aus der Windpacht direkt auf ihr Konto floss. Er erklärte es, so gut er konnte: Nur auf diese Weise sei es ihm möglich, Philipp zu unterstützen. Unterleuten sei Zufall, der Windpark ebenfalls. Das Geld stamme gewissermaßen nicht von ihm persönlich, sondern sei ein Geschenk des Schicksals, das er an Mizzie weiterleite. Was sie damit anstelle, sei ihre Sache. Mizzie küsste sein Gesicht. Hand in Hand schliefen sie ein.
Am nächsten Morgen waren Mizzie und Philipp verschwunden, als Meiler gegen zehn in die Küche taumelte. Auf dem Tisch lag ein Zettel; die Handschrift hatte er seit Jahren nicht gesehen.
»Nächsten Samstag um acht zum Schach, und streng dich gefälligst etwas mehr an. P.«
Franzen kam zurück. Ihr Haar war nicht mehr nass; sie musste die Zeit auf der Toilette damit verbracht haben, es unter dem Handtrockner zu fönen. Meiler fragte, ob sie eine Anzahlung auf die Fünfzigtausend wolle; Franzen schüttelte den Kopf. Er versprach, sich so schnell wie möglich um einen Notartermin zu kümmern.
Es deprimierte ihn, dass sie ihren Triumph nicht einmal auszukosten schien. Sie blickte starr und kalt wie einer der Frösche auf dem Rand des Marmorbeckens. Zum Abschied erhob er sich; wieder gab sie ihm nicht die Hand. Da erst begriff Meiler, dass sie ihn hasste. Er schaute ihr nach, während sie mit schnellen Schritten zum Ausgang lief, und fragte sich, was ihr das Recht gab, ihn für ein Schwein zu halten. Auf dem Sessel markierten Wasserflecken die Stelle, an der Franzen eben noch gesessen hatte.
26 Wachs
»Guck mal«, sagte Ronny, »ein nasses Ding.«
In der Tat war Linda von Kopf bis Fuß durchnässt. Sie lachte trotzdem und flog Frederik geradewegs in die Arme, so dass er gar nicht anders konnte, als sie hochzuheben und im Kreis zu schwenken.
»Ich hab es«, sang Linda. »Ich hab es, ich hab es.«
»Was hat sie?«, fragte Ronny.
»Vermutlich ein Stück Steppe«, sagte Frederik.
»Ah«, nickte Ronny. »Dorfkram.« Und ließ sie allein.
Frederik setzte Linda ab. Sie standen in der Chef-Küche der Firma. Groß wie ein mittlerer Tanzsaal, mit Kochinsel, Frühstücksbar, Besprechungstisch sowie wandausfüllenden Bildschirmen und sündhaft teurer Ledergarnitur. Das Ganze umgeben von einer Aura des Unbenutzten.
Wenn es nach Timo gegangen wäre, hätten die Mitarbeiter von Weirdo immer noch zusammengepfercht zwischen Bergen von Altglas und Altpapier gesessen. Enge und Chaos standen für ihre gemeinsame Jugend, sie standen für die Anfangsjahre der Firma und das damit verbundene Lebensgefühl, und Timo war ein Mensch, der gerne alles so ließ, wie es war. Mit Händen und Füßen hatte er sich dagegen gewehrt, »Chef«, »Arbeitgeber« oder sogar »mittelständischer Unternehmer« zu sein. Aber der Erfolg von Traktoria hatte keine Zeit für Identitätskrisen gelassen. Timo und Ronny waren 21 Jahre alt gewesen, als Weirdo zum Marktführer für Browser-Games aufstieg. Binnen weniger Monate war die Lage in den viel zu engen Oldenburger Firmenräumen unhaltbar geworden. Weirdo brauchte mehr Platz, eine professionelle Infrastruktur und viele neue Mitarbeiter für Presse, Support, Buchführung, Sekretariat und Akquise.
Obwohl Frederik als Entwickler angestellt war, machte ihn das Organisationsversagen von Timo und Ronny zu einer Art Firmengouvernante. Frederik führte das Siezen von Fremden am Telefon ein. Frederik verlangte die Bereitstellung eines Etats für Büroeinrichtung und verbot Timo, sich ständig bei den Sekretärinnen für das Verursachen von Arbeit zu entschuldigen.
Die neuen Räume glichen eher Ateliers als Büros und waren ausbaufähig, so dass die Firma mit den Jahren immer tiefer in das Gebäude hineinwachsen konnte. Inzwischen waren am Berliner Stammsitz 250 Angestellte beschäftigt; insgesamt verfügte Weirdo an den Standorten Berlin, Paris und Seattle über rund 600 Mitarbeiter. Allem Erfolg zum Trotz waren Timo und Ronny miserable Manager geblieben. Sie delegierten das gesamte operative Geschäft. Dieses kindliche Vertrauen wurde von den Mitarbeitern mit Loyalität belohnt. Jeder bei Weirdo wusste, was Timo und Ronny konnten. Sie konnten mit blinder Treffsicherheit voraussagen, was die Menschen auf der ganzen Welt als Nächstes spielen wollten. Alles andere nahm man ihnen ab.
»Willst du einen Kaffee?«
Auf einem der weißen Sideboards stand eine professionelle Siebträger-Espressomaschine, teuer wie ein Kleinwagen. Während es auf den unteren Stockwerken von Nespresso-Automaten nur so wimmelte, hatte die Chefetage traditionell nur über eine alte Filtermaschine verfügt, die sich in der modernen Chef-Küche prähistorisch ausnahm. Das neue Wundergerät hatte Frederik bei einem Potsdamer Fachgeschäft bestellt, in dem über Kaffeesorten und Kaffeemaschinen so blumig geredet wurde wie andernorts über moderne Kunst. Als er die alte Filtermaschine wegwerfen wollte, wäre es um ein Haar zu einer ernsten Auseinandersetzung mit Timo gekommen. Jetzt stand das kleine blaue Plastikgerät neben dem glänzenden Chromriesen und hielt mit treuherzigem Zischen eine Kanne nachtschwarzer Filterbrühe bereit, während bislang weder Timo noch Ronny wussten, wie man die neue Maschine bediente. Da Frederik selbst kein großer Kaffeetrinker war, bestand die Aufgabe des Wunderapparats vor allem darin, gut auszusehen.