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Das Befinden Pauls besserte sich rasch; doch hütete er beinahe noch eine Woche lang das Bett. Er ertrug seine Gefangenschaft, wie ers hieß, ziemlich geduldig, verwandte aber einen großen Teil seiner Zeit auf seine Toilette und ließ beständig mit Kölnischem Wasser räuchern. Kirsanoff las ihm die Zeitung vor, und Fenitschka bediente ihn wie gewöhnlich, sie brachte ihm Fleischbrühe, Limonade, weiche Eier, Tee. Aber ein geheimer Schreck bemächtigte sich ihrer jedesmal, wenn sie in sein Zimmer trat.

Paul Petrowitschs jugendlicher Streich hatte alle Bewohner des Hauses, und namentlich Fenitschka, erschreckt; Prokofitsch war der einzige, der mit der größten Seelenruhe davon sprach; zu seiner Zeit, sagte er, hätten sich die Herren oft so geschlagen, »aber streng unter sich und nie mit solchen Lumpen, wie der da. Man ließ solche Leute im Stall aushauen, wenn sie unverschämt wurden«.

Das Gewissen machte Fenitschka keinen Vorwurf, sie fühlte sich aber doch sehr beunruhigt, sooft eine Ahnung von der wahren Ursache des Streites über sie kam; zudem sah sie Paul so sonderbar an... daß sie, selbst wenn sie ihm den Rücken wandte, die Wirkung seines Blickes zu spüren glaubte. Infolge dieser beständigen Aufregung wurde sie mager, und dadurch, wie dies bei Frauen dieses Alters immer der Fall ist, nur noch hübscher.

Einmal (es war eines Morgens) hatte Paul, der sich viel besser fühlte, sein Bett verlassen und sich auf das Sofa gelegt; Kirsanoff kam, um zu fragen, wie er sich befinde, und ging dann, um nach den Dreschern zu sehen.

Fenitschka brachte eine Tasse Tee, stellte sie auf den Tisch und war im Begriff, sich wieder zu entfernen, als Paul sie zurückhielt.

»Warum wollen Sie mich so rasch verlassen, Fedosia Nikolajewna?« sagte er zu ihr, »haben Sie etwas zu tun?«

»Nein... Ja... Ich muß drunten den Tee einschenken.«

»Duniascha wird das in Ihrer Abwesenheit besorgen; bleiben Sie ein wenig bei einem armen Kranken. Zudem habe ich mit Ihnen zu reden.«

Fenitschka setzte sich schweigend auf den Rand eines Lehnsessels.

»Hören Sie,« fuhr Paul, seinen Schnurrbart zupfend, fort, »ich wollte Sie schon lange fragen, warum Sie, wie es scheint, Angst vor mir haben?«

»Wer? ich?«

»Ja, Sie... Sie sehen mir nie gerade ins Gesicht; es scheint, daß Ihr Gewissen nicht ganz rein ist.«

Fenitschka errötete, sah Paul Petrowitsch aber an. Der Ausdruck seines Gesichtes schien ihr so unheimlich, daß sie im Grunde ihres Herzens erbebte.

»Ist Ihr Gewissen rein?« fragte er sie.

»Warum sollt es nicht?« sagte sie mit leiser Stimme.

»Was weiß ich? Übrigens, gegen wen könnten Sie sich etwas haben zuschulden kommen lassen? gegen mich unmöglich. Gegen irgend jemand anders im Hause? das scheint mir gleichfalls nicht annehmbar. Gegen meinen Bruder... Nein, denn Sie lieben ihn.«

»Ja gewiß, ich liebe ihn!«

»Von ganzem Herzen? aus voller Seele?«

»Ich liebe Nikolaus Petrowitsch von ganzem Herzen!«

»Wahrhaftig? Sehen Sie mich ein wenig an, Fenitschka! (Es war zum erstenmal, daß er ihr diesen Namen gab.) Sie wissen ..., daß Lügen eine große Sünde ist.«

»Ich lüge nicht, Paul Petrowitsch. Wenn ich Nikolaus Petrowitsch nicht liebte, verdiente ich nicht zu leben.«

»Und Sie würden ihn für niemand hingeben?«

»Für wen sollte ich ihn denn hingeben?«

»Für wen? wer weiß! Da ist zum Beispiel der Herr, der uns vor kurzem verlassen hat.«

Fenitschka stand auf.

»Um des Himmels willen! Paul Petrowitsch, warum quälen Sie mich so? was hab ich Ihnen getan? wie kann man so etwas sagen?«

»Fenitschka,« erwiderte Paul Petrowitsch traurig, »ich habe alles gesehen...«

»Was haben Sie gesehen?«

»Da unten... in der Laube...«

Fenitschka wurde plötzlich über und über rot.

»Ist das meine Schuld?« stotterte sie.

Paul richtete sich auf.

»Sie sind nicht schuldig? Nicht? In keiner Weise?«

»Es ist nur ein Mann auf Erden, den ich liebe und lieben werde, Nikolaus Petrowitsch,« erwiderte Fenitschka mit plötzlicher Energie, obgleich ihr die erstickten Seufzer fast die Kehle zuschnürten – »und über das, was Sie gesehen haben, hab ich mir, das kann ich am Jüngsten Tag beschwören, keine Vorwürfe zu machen; lieber auf der Stelle sterben, wenns sein muß, als in dem abscheulichen Verdacht stehen, daß ich mich gegen meinen Wohltäter Nikolaus Petrowitsch vergangen habe...«

Ihre Stimme erlosch, und sie fühlte im selben Augenblick, daß Paul ihre Hand ergriff und mit Kraft drückte... Sie sah ihn an und stand wie versteinert. Er war noch bleicher als zuvor, seine Augen funkelten, und was noch überraschender war, eine einzige schwere Träne rollte langsam über seine Wange.

»Fenitschka,« sagte er mit dumpfer und erstickter Stimme, »lieben Sie, lieben Sie meinen Bruder! Er ist so gut, und so wert, geliebt zu werden! Geben Sie ihn für niemand in der Welt hin, und hören Sie auf niemandes Einflüsterungen. Nichts ist schrecklicher, glauben Sie mir, als unerwiderte Liebe! Bleiben Sie meinem armen Nikolaus treu!«

Fenitschka hörte auf zu weinen; sie war so verwundert, daß sich ihre Angst verlor. Wie wurde ihr aber erst zumute, als Paul ihre Hand ergriff und sie an seine Augen drückte, sie wieder ergriff und, ohne sie zu küssen, unter krampfhaftem Schluchzen zum Munde führte...

»Großer Gott!« dachte sie, »er bekommt am Ende einen Anfall!«

Sie ahnte nicht, daß in diesem Augenblick die ganze Vergangenheit in Paul Petrowitschs Herzen schmerzlich wieder auflebte. Die Stufen der Treppe knarrten unter raschen Schritten... Er stieß Fenitschka weit von sich und legte den Kopf aufs Sofakissen. Die Tür ging auf, und Kirsanoff trat ein, freudestrahlend, mit frischem und belebtem Antlitz. Mitia, ebenso frisch und blühend rot wie er, hüpfte im Hemdchen auf seinem Arm und stemmte die nackten Füßchen gegen die großen Rockknöpfe seines Vaters.

Fenitschka stürzte sich Kirsanoff entgegen, und ihn und ihren Sohn heftig in ihre Arme schließend, lehnte sie das Haupt an seine Schulter. Kirsanoff schien überrascht; Fenitschka, scheu und zurückhaltend, wie sie war, erlaubte sich sonst in Gegenwart eines Dritten nicht die mindeste Liebkosung.

»Was hast du?« fragte er sie und übergab, nachdem er seinen Bruder angesehen, das Kind seiner Mutter. – »Du fühlst dich doch nicht schlechter?« setzte er hinzu, näher zu Paul tretend.

Dieser verbarg das Gesicht in seinem Batisttuch.

»Nein, gar nicht... im Gegenteil... ich befinde mich viel besser.«

»Du hättest dein Bett nicht verlassen sollen,« sagte Kirsanoff. »Wo gehst du hin?« fuhr er, gegen Fenitschka gewendet, fort; diese aber hatte die Tür bereits hinter sich zugezogen.

»Ich kam, um dir meinen kleinen Schlingel zu zeigen, er war es müde, seinen Onkel nicht zu sehen. Warum hat sie ihn fortgenommen? Aber was hast du denn? Ist etwas zwischen euch vorgefallen?«

»Bruder!« sagte Paul Petrowitsch in feierlichem Ton.

Kirsanoff zitterte. Er empfand ein Gefühl von Furcht, worüber er sich nicht Rechenschaft zu geben vermochte.

»Bruder!« wiederholte Paul, »versprich mir, die Bitte zu erfüllen, die ich an dich richten werde!«