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»Was willst du, Paul?«

»Etwas sehr Wichtiges; dein ganzes Lebensglück hängt davon ab. Ich habe seit einiger Zeit oft über das nachgedacht, was ich dir zu sagen im Begriff bin... Bruder, erfülle deine Pflicht, die Pflicht des Ehrenmannes, mach dem unordentlichen, anstößigen Verhältnis, in dem du lebst, ein Ende, du, der beste der Männer!«

»Was soll das heißen, Paul?«

»Heirate Fenitschka... Sie liebt dich, sie ist die Mutter deines Sohnes.« Kirsanoff fuhr einen Schritt zurück und schlug die Hände zusammen.

»Du gibst mir diesen Rat, Paul! Du, den ich für den unversöhnlichsten Feind solcher Heiraten ansah! Du gibst mir diesen Rat! Aber wenn ich bis jetzt nicht erfüllt habe, was du mit Recht die heiligste der Pflichten nennst, so geschah es einzig mit Rücksicht auf dich!«

»Ich bedaure, daß du die Rücksicht auf mich so weit getrieben hast,« antwortete Paul mit traurigem Lächeln. – »Ich fange an zu glauben, daß Bazaroff recht hatte, mich einen Aristokraten zu heißen. Ja, mein lieber Bruder, es ist Zeit, daß wir aufhören, immer nur im Hinblick auf die Welt zu handeln; wir sind schon alt, und das Leben hat uns bescheiden gemacht; laß uns all den eiteln Firlefanz beiseitewerfen. Laß uns, wie du ganz richtig gesagt, unsere Pflicht erfüllen, und es ist höchst wahrscheinlich, daß wir das Glück noch obendrein in den Kauf bekommen.«

Kirsanoff umarmte seinen Bruder stürmisch.

»Du hast mir die Augen vollends geöffnet!« rief er aus. »Ich habe dich immer für den besten und einsichtigsten der Männer gehalten; ich sehe jetzt, daß du zudem ebenso weise als großherzig bist.«

»Sachte! sachte!« erwiderte Paul Petrowitsch. »Schone das Bein deines großherzigen Bruders, der sich mit seinen fünfundvierzig Jahren eben noch duelliert hat wie ein Unterleutnant. Also abgemacht, Fenitschka wird ma belle-sœur.«

»Mein lieber Paul!... aber was wird Arkad sagen?«

»Arkad? er wird hoch erfreut sein, verlaß dich darauf! Die Ehe ist zwar gegen seine Grundsätze, aber es wird seiner Liebe für die Gleichheit schmeicheln. In der Tat, was bedeuten alle diese Unterschiede, diese Kasten im neunzehnten Jahrhundert!«

»Ach Paul, Paul, laß dich noch einmal umarmen, fürchte nichts, ich werde deinem Bein nicht wehe tun.«

Die beiden Brüder umarmten sich.

»Was meinst du, sollte man ihr deinen Entschluß nicht sofort anzeigen?« fragte Paul Petrowitsch.

»Warum so eilen?« antwortete Kirsanoff; »habt ihr davon gesprochen?«

»Davon gesprochen? wir? Quelle idée!«

»Um so besser! werde nur erst gesund; die Geschichte läuft uns nicht davon, man muß reiflich erwägen...«

»Du bist aber doch fest entschlossen?«

»Gewiß, und ich danke dir aufrichtig, daß du mich dazu gebracht hast; ich laß dich jetzt allein, du mußt dich wieder legen, Aufregungen sind dir nicht zuträglich, wir kommen noch darauf zurück. Versuch ein wenig zu schlafen, und Gott schenk dir baldigst die Gesundheit wieder.«

»Warum dieser überschwengliche Dank?« fragte sich Paul, als er allein war, »als ob die Sache nicht von ihm abhinge! Und ich, sobald er verheiratet ist, werde mich irgendwo weit von hier, in Dresden oder Florenz, niederlassen und dort leben, bis ich krepiere.«

Paul befeuchtete seine Stirn mit Kölnischem Wasser und schloß die Augen. Im Licht des Tages, das voll ins Zimmer fiel, glich sein schöner, abgemagerter Kopf auf dem weißen Kissen einem Totenantlitz... Es war in der Tat ein Toter.

Vierundzwanzigstes Kapitel.

Wenige Tage später saßen Katia und Arkad im Garten von Nikolskoi auf einer Bank im Schatten einer alten Esche; Fifi lag neben ihnen auf dem Boden, in jener graziösen Biegung des schlanken Leibes, welche von den russischen Jägern wegen der Ähnlichkeit mit der des großen Steppenhasen »Rußkalage« getauft ist. Arkad und Katia schwiegen beide; er hielt ein halbgeöffnetes Buch in der Hand, sie sammelte Brotkrümchen auf dem Boden ihres Korbes und warf sie einer kleinen Spatzenfamilie hin, welche mit der für sie bezeichnenden furchtsamen Frechheit zwitschernd bis an ihren Fuß herangehüpft war. Ein leichter Wind, der in den Blättern des Baumes spielte, trieb abwechselnd über die Allee und über den gelben Rücken Fifis Flecken goldenen Lichtes hin, während Arkad und Katia sich in eintönigem Schatten befanden; nur in seltenen Zwischenräumen erschien ein leuchtender Punkt, lebhaft wie eine Flamme, auf den Haaren des jungen Mädchens. Beide schwiegen, aber die Art, wie sie schwiegen, eines neben dem anderen sitzend, zeugte von vollkommener Harmonie; keins von beiden schien das andere zu beachten, während es sich doch glücklich fühlte, an seiner Seite zu sitzen. Ihre Züge sogar hatten sich verändert, seit wir sie verlassen haben; Arkad schien ruhiger, Katia belebter und kühner.

»Finden Sie nicht, daß die Esche auf russisch einen bezeichnenden Namen hat; ich kenne keinen Baum, dessen Laubwerk so leicht und durchsichtig ist.«

Katia blickte langsam auf und erwiderte:

»Ja.«

Und Arkad dachte: die tadelt mich wenigstens nicht, wenn ich mich poetisch ausdrücke.

»Heine,« sagte Katia mit einem Blick auf das Buch, das Arkad auf den Knien hatte, »Heine lieb ich nicht, weder wenn er lacht, noch wenn er weint. Ich lieb ihn, wenn er traurig und träumerisch ist.«

»Und ich, ich lieb ihn, wenn er lacht,« antwortete Arkad.

»Das ist ein alter Rest der satirischen Richtung Ihres Geistes.«

»Ein alter Rest!« dachte Arkad, »wenn Bazaroff das hörte.«

»Warten Sie nur, wir werden Sie schon ändern.«

»Wer das? Sie?«

»Wer? meine Schwester; Porphyr Platonitsch, mit dem Sie bereits nicht mehr streiten; meine Tante, die Sie vorgestern zur Kirche begleitet haben.«

»Ich konnte das nicht abschlagen! und Anna Sergejewna – von der wissen Sie, daß sie in vielen Punkten mit Eugen übereinstimmte.«

»Meine Schwester stand damals unter seinem Einfluß, so gut wie Sie.«

»So gut wie ich? haben Sie denn bemerkt, daß ich mich diesem Einfluß schon entzogen habe?«

Katia antwortete nichts.

»Ich weiß,« fuhr Arkad fort, »daß er Ihnen immer mißfallen hat.«

»Ich habe kein Urteil über ihn.«

»Wissen Sie was, Katharina Sergejewna? jedesmal wenn ich diese Antwort höre, glaube ich nicht daran. Meines Erachtens ist niemand zu hoch für unser Urteil. Das ist ganz einfach eine Ausrede.«

»Nun wohl! Ich will Ihnen sagen, daß er mir nicht geradezu mißfällt, aber ich fühle, daß wir zwei verschiedenen Welten angehören, und daß auch Sie im Grund ihm völlig fremd sind.«

»Warum das?«

»Wie soll ich sagen... er ist ein Raubvogel; er ist wild, und Sie und ich, wir sind gezähmt.«

»Auch ich, ich wäre gezähmt?«

Katia nickte bejahend.

Arkad kraute sich hinter dem Ohr.

»Wissen Sie, Katharina Sergejewna, daß das, was Sie mir da sagen, ein wenig beleidigend ist?«

»Möchten Sie lieber ein Raubvogel sein?«

»Nein, aber ich möchte stark und energisch sein.«

»Das hängt nicht von uns ab; Ihr Freund wills nicht sein, und doch ist ers.«

»Hm! also meinen Sie, daß er einen großen Einfluß auf Anna Sergejewna habe?«

»Ja! aber niemand kann sie lange beherrschen,« fügte Katia leise hinzu.

»Woraus schließen Sie das?«

»Sie ist sehr stolz... oder nein, das wollte ich nicht sagen, sie hält viel darauf, unabhängig zu sein.«

»Darauf hält jeder von uns,« antwortete Arkad, fragte sich aber gleich darauf: »Wozu nützt es?« Katia hatte denselben Gedanken. Wenn sich junge Leute oft sehen, kommen ihnen die gleichen Gedanken im gleichen Augenblick.

Arkad lächelte, und, zu Katia geneigt, sagte er:

»Gestehen Sie, daß Sie sie ein wenig fürchten.«