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»Wen?«

»Nun – sie,« erwiderte Arkad mit bedeutungsvollem Ausdruck.

»Und Sie?« sagte dagegen Katia.

»Und ich auch; merken Sie, was ich sage: und ich auch.«

Katia erhob drohend den Finger.

»Das überrascht mich,« sagte sie; »nie war meine Schwester Ihnen so zugetan, wie gegenwärtig; sie wars viel weniger bei Ihrem ersten Besuch.«

»Wahrhaftig?«

»Haben Sie's nicht bemerkt? Das ist Ihnen nicht angenehm?«

Arkad wurde nachdenklich.

»Wodurch habe ich mir die Gewogenheit Anna Sergejewnas erworben? Vielleicht weil ich ihr Briefe von Ihrer Mutter gebracht?«

»Ja; aber noch aus anderen Gründen, die ich Ihnen nicht sagen werde.«

»Warum?«

»Ich werde sie Ihnen nicht sagen.«

»Oh, ich zweifle keineswegs daran, Sie sind sehr eigensinnig.«

»Eigensinnig? das ist wahr.«

»Und Sie beobachten sehr scharf.«

Katia blickte Arkad von der Seite an.

»Hat Sie vielleicht etwas verstimmt? An was denken Sie?«

»Ich frage mich, woher Sie Ihr Beobachtungstalent haben. Sie sind so furchtsam, so mißtrauisch; Sie vermeiden jedermann...«

»Ich habe viel allein gelebt, das lehrt uns nachdenken wider Willen. Aber Sie sagen, daß ich jedermann fliehe; haben Sie das Recht, dies zu sagen?«

Arkad warf Katia einen dankbaren Blick zu.

»Sie haben recht,« erwiderte er; »aber Leute in Ihrer Lage, das heißt reiche Leute, haben selten Beobachtungstalent; gleich den gekrönten Häuptern kommt ihnen die Wahrheit nur durch Zufall.«

»Aber ich bin nicht reich.«

Arkad blieb ganz erstaunt und verstand sie zuerst nicht.

»In der Tat, das ganze Vermögen gehört ihrer Schwester,« dachte er endlich, und dieser Gedanke war ihm durchaus nicht unangenehm. – »Wie gut Sie das gesagt haben,« setzte er laut hinzu.

»Wie meinen Sie das?«

»Sie haben es gut gesagt: ohne gemachte Einfachheit, ohne falsche Scham und ohne Ziererei. Ich denke mir nämlich, daß jeder, der weiß und sagt, daß er arm ist, etwas wie Stolz empfinden muß.«

»Ich habe nichts dergleichen empfunden, dank meiner Schwester; ich weiß nicht, wie es kam, daß ich mit Ihnen von meiner Lage gesprochen habe.«

»Sei's; aber gestehen Sie, daß das fragliche Gefühl, ich wollte sagen, der Stolz, Ihnen nicht ganz und gar fremd ist.«

»Wie das?«

»Zum Beispiel, und ich hoffe, daß meine Frage Sie nicht beleidigt, könnten Sie sich entschließen, einen reichen Mann zu heiraten?«

»Wenn ich ihn sehr liebte... aber nein, ich glaube, daß ich ihn selbst in dem Falle nicht heiraten würde.«

»Ah! sehen Sie,« rief Arkad, »und warum könnten Sie sich nicht dazu entschließen?«

»Weil selbst die Lieder von einer ungleichen Heirat abraten.«

»Sie lieben vielleicht zu herrschen, oder...«

»O nein, wozu taugt es? Im Gegenteil, ich wäre gern bereit, mich zu unterwerfen, aber die Ungleichheit scheint mir etwas Unerträgliches. Sich selbst achten und sich unterwerfen, ich begreif es, das ist das Glück; aber die Ungleichheit, ein Leben voll Unterordnung... nein, das hab ich satt.«

»Sie haben es satt,« wiederholte Arkad, »ja so! Sie haben nicht umsonst dasselbe Blut in den Adern, wie Anna Sergejewna. Sie haben denselben Unabhängigkeitssinn, wissen sich aber besser zu verstellen. Ich bin überzeugt, daß Sie nie zuerst eine Neigung eingestehen würden, wie heilig und mächtig sie auch wäre...«

»Aber das scheint mir doch ganz natürlich,« sagte Katia.

»Sie sind beide klug; Sie haben ebensoviel und vielleicht mehr Charakter als jene.«

»Vergleichen Sie mich nicht mit meiner Schwester, ich bitte Sie,« versetzte Katia hastig, »da bin ich zu sehr im Nachteil. Sie scheinen vergessen zu haben, daß meine Schwester alles für sich hat, Schönheit, Geist und... Sie besonders, Arkad Nikolaitsch, Sie sollten so was gar nicht sagen, und dazu noch in so ernstem Ton.«

»Was verstehen Sie unter dem ›Sie besonders‹, und weshalb setzen Sie voraus, daß ich scherze?«

»Gewiß scherzen Sie.«

»Glauben Sie? und wenn ich meiner Sache gewiß wäre, wenn ich sogar glaubte, noch viel mehr sagen zu können?«

»Ich verstehe Sie nicht.«

»In der Tat? Nun ich sehe, daß ich Ihr Beobachtungstalent zu hoch gerühmt habe.«

»Wieso?«

Arkad antwortete nichts und wandte sich ab; Katia fand noch einige Krümchen in ihrem Korb und wollte sie den Sperlingen zuwerfen. Aber der Schwung, den sie ihrer Hand gab, war zu stark, und die Vögel flogen davon, ohne etwas aufzupicken.

»Katharina Sergejewna,« nahm Arkad plötzlich das Wort, »es ist Ihnen ohne Zweifel gleichgültig, aber ich muß Ihnen sagen, daß ich Sie nicht allein Ihrer Schwester, sondern jedem, wer es auch sei auf der Welt, vorziehe...«

Damit stander plötzlich auf und entfernte sich mit raschen Schritten, als ob er über die Worte erschrocken wäre, die er ausgesprochen hatte.

Katia ließ ihre beiden Hände und das Körbchen auf ihre Knie sinken, neigte den Kopf und blickte Arkad lange nach. Eine leichte Röte färbte allmählich ihre Wangen, aber ihr Mund lächelte nicht, und ihre Augen drückten ein gewisses Erstaunen aus; man sah, daß sie zum erstenmal ein Gefühl empfand, dessen Name ihr noch unbekannt war.

»Du bist allein?« fragte neben ihr Frau Odinzoff, »ich glaubte, Arkad hätte dich begleitet.«

Katia schlug die Augen zu ihrer Schwester auf, welche, mit Geschmack, selbst mit Eleganz gekleidet, grad aufrecht in der Allee stand und mit der Spitze ihres Sonnenschirms die Ohren Fifis berührte.

»Ganz allein,« sagte Katia.

»Ich seh es wohl,« erwiderte ihre Schwester lachend; »er ist also auf sein Zimmer gegangen?«

»Ja!«

»Ihr habt zusammen gelesen?«

»Ja!«

Frau Odinzoff nahm Katia am Kinn und hob ihr den Kopf in die Höhe.

»Ich hoffe nicht, daß ihr in Streit geraten seid?«

»Nein,« erwiderte Katia, indem sie die Hand ihrer Schwester sanft entfernte.

»Wie ernst du mir antwortest! Ich glaubte ihn hier zu finden und wollte ihm einen Spaziergang vorschlagen. Er hat mich schon lange darum gebeten. Man hat deine Stiefeletten aus der Stadt gebracht, geh und probiere sie an. Ich habe gestern bemerkt, daß du sie nötig hast; die, welche du trägst, sind abgebraucht. Ich finde, daß du dich in dieser Beziehung sehr vernachlässigst, und doch hast du einen reizenden Fuß! Deine Hand ist auch schön... aber sie ist ein wenig groß, deshalb müßtest du mehr Aufmerksamkeit auf deine Füße wenden, aber du bist nicht kokett.«

Frau Odinzoff entfernte sich, indem sie ihr elegantes Kleid leicht dahinrauschen ließ. Katia stand von der Bank auf, nahm den Band Heine und ging ins Haus zurück; sie probierte jedoch die Stiefeletten nicht an.

»Ein reizender Fuß,« dachte sie, während sie leicht und langsam die Terrasse hinaufging, deren Stufen die Sonne erwärmt hatte. – »Nun, er wird bald zu meinen reizenden Füßen liegen.«

Fast sogleich aber überkam sie ein Gefühl von Scham, und sie lief rasch ins Haus hinein.

Arkad ging den Korridor entlang nach seinem Zimmer; der Haushofmeister kam ihm nach und meldete ihm, daß ihn Bazaroff erwarte.

»Eugen!« rief er fast erschrocken, »ist er schon lange angekommen?«

»In dieser Minute; aber er hat befohlen, Anna Sergejewna seine Ankunft nicht zu melden, und er hat sich sofort auf Ihr Zimmer führen lassen.«

»Sollte es zu Hause ein Unglück gegeben haben?« dachte Arkad, stieg eiligst die Treppe hinan und riß die Tür weit auf.

Kaum hatte er Bazaroff erblickt, als er sich beruhigte, obgleich einem geübteren Auge ohne Zweifel der Ausdruck innerer Aufregung in den immer energischen, aber etwas abgemagerten Zügen seines Freundes nicht entgangen wäre. Er saß auf dem Fenstersims, den staubbedeckten Mantel um die Schultern und die Mütze auf dem Kopfe; er rührte sich nicht, sogar als sich ihm Arkad um den Hals warf und einen Freudenschrei ausstieß.