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Mikaels Schwester war die Einzige, die das Urteil nicht kommentierte - andererseits war sie aber auch die einzige anwesende Anwältin. Annika hatte im Eiltempo ihr Jurastudium absolviert und mehrere Jahre als Referendarin und stellvertretende Staatsanwältin gearbeitet, bevor sie mit ein paar Freunden eine eigene Rechtsanwaltskanzlei in Kungsholm aufmachte. Sie spezialisierte sich auf Familienrecht, und bevor Mikael es sich versah, war seine kleine Schwester immer öfter als bekannte Feministin und Anwältin für die Rechte der Frauen in Zeitungen und Talkshows aufgetaucht. Sie vertrat oft Frauen, die von ihren Ehemännern oder Exfreunden bedroht oder verfolgt wurden.

Als Mikael ihr half, den Kaffeetisch zu decken, legte sie ihm die Hand auf den Arm und fragte, wie es ihm ginge. Er erklärte, er fühle sich wie ein Haufen Scheiße.

»Nimm dir das nächste Mal einen richtigen Anwalt«, sagte sie.

»In diesem Fall hätte das wohl auch nichts geholfen, ganz egal, was für einen Anwalt ich gehabt hätte.«

»Was ist da eigentlich passiert?«

»Lass uns ein andermal darüber sprechen, Schwesterherz.«

Sie umarmte ihn und küsste ihn auf die Wange, bevor sie mit dem Kuchen und den Kaffeetassen ins Zimmer gingen.

Gegen sieben Uhr abends entschuldigte sich Mikael und bat, das Telefon in der Küche benutzen zu dürfen. Er rief Dirch Frode an und konnte im Hintergrund Stimmengewirr hören.

»Frohe Weihnachten«, wünschte Frode. »Haben Sie sich entschieden?«

»Ich habe ansonsten nichts vor, und es ist Ihnen gelungen, meine Neugier zu wecken. Ich komme am zweiten Weihnachtsfeiertag, wenn Ihnen das recht ist.«

»Ausgezeichnet! Wenn Sie wüssten, wie froh ich über Ihre Nachricht bin. Entschuldigen Sie bitte, ich habe Kinder und Enkel zu Besuch und kann kaum verstehen, was Sie sagen. Darf ich Sie morgen anrufen, damit wir eine Zeit ausmachen können?«

Mikael Blomkvist bereute seinen Entschluss noch am selben Abend, doch schien es ihm schlecht möglich, seine Zusage noch zurückzuziehen. Am Morgen des 26. Dezember saß er im Zug Richtung Norden. Mikael besaß zwar einen Führerschein, hatte es aber nie für nötig befunden, sich ein Auto zuzulegen.

Frode hatte recht gehabt, die Fahrt dauerte nicht lang. Er fuhr an Uppsala vorbei und passierte danach eine Reihe kleiner Industriestädte, die sich wie an einer Schnur die norrländische Küste entlangzogen. Hedestad war einer der kleineren Orte, wenig mehr als eine Stunde nördlich von Gävle gelegen.

In der Nacht zum 26. hatte es heftig geschneit, doch als er am Bahnhof ausstieg, war es ganz klar und die Luft eiskalt. Mikael begriff, dass er für das Winterwetter in Norrland völlig falsch angezogen war, aber Dirch Frode erkannte ihn sofort, empfing ihn freundlich auf dem Bahnsteig und brachte ihn rasch in die wohlige Wärme eines Mercedes. In Hedestad selbst waren die Räumfahrzeuge gerade bei der Arbeit, und Frode steuerte das Auto vorsichtig zwischen den hohen Schneebergen am Fahrbahnrand hindurch. Der Schnee wirkte wie ein exotischer Kontrast zu Stockholm, fast wie eine fremde Welt. Und doch war er kaum mehr als drei Stunden von der Hauptstadt entfernt. Mikael warf einen verstohlenen Blick auf den Anwalt: ein kantiges Gesicht, schütteres weißes Stoppelhaar und eine dicke Brille auf der kräftigen Nase.

»Zum ersten Mal in Hedestad?«, fragte Frode.

Mikael nickte.

»Alte Industriestadt mit Hafen. Nicht groß, gerade mal 24 000 Einwohner. Aber den Leuten gefällt es hier. Henrik wohnt in Gamla Hedeby, das liegt genau am südlichen Stadtrand.«

»Wohnen Sie auch hier?«

»Das hat sich so ergeben. Ich bin in Skåne geboren, habe aber direkt nach meinem Examen 1962 angefangen, für Vanger zu arbeiten. Ich bin Wirtschaftsjurist, und Henrik und ich wurden mit der Zeit Freunde. Heute bin ich eigentlich schon im Ruhestand, nur Henrik ist mein Mandant geblieben. Mittlerweile ist er natürlich auch pensioniert und benötigt meine Dienste nicht mehr so oft.«

»Nur, um Reporter mit angeschlagenem Ruf aufzutreiben.«

»Unterschätzen Sie sich nicht. Sie sind nicht der Einzige, der ein Match gegen Wennerström verloren hat.«

Mikael warf Frode einen verstohlenen Blick zu, unsicher, wie er dessen Antwort deuten sollte.

»Hat diese Einladung hier irgendetwas mit Wennerström zu tun?«, fragte er.

»Nein«, antwortete Frode. »Aber Henrik Vanger gehört nicht gerade zu Wennerströms Freundeskreis und hat den Prozess mit Interesse verfolgt. Sie will er jedoch in einer ganz anderen Angelegenheit treffen.«

»Von der Sie mir nichts erzählen wollen.«

»Von der zu erzählen nicht meine Sache ist. Wir haben für Sie eine Übernachtung in Henrik Vangers Haus arrangiert. Wenn Sie das nicht wollen, können wir Ihnen auch ein Zimmer im Stora Hotel in der Stadt buchen.«

»Ach, ich denke, ich nehme wahrscheinlich den Abendzug zurück nach Stockholm.«

In Gamla-Hedeby war noch nicht geräumt, und Frode bewegte das Auto mühsam durch die gefrorenen Reifenspuren vorwärts. Es gab einen Ortskern mit alten Arbeiterreihenhäusern aus Holz entlang dem Bottnischen Meerbusen. Rundherum standen modernere und größere Häuser. Die Stadt begann auf dem Festland und setzte sich dann über eine Brücke auf eine hügelige Insel fort. Auf der Festlandseite stand eine kleine weiße Steinkirche direkt an der Brücke, und gegenüber befand sich eine altmodische Leuchtreklame mit der Aufschrift Susannes Brücken-Café und Bäckerei. Frode fuhr noch ungefähr hundert Meter weiter geradeaus und bog dann links ab auf einen frisch geräumten Platz vor einem Steinhaus. Der Hof war zu klein, um ihn als Herrenhof zu bezeichnen, aber deutlich größer als die übrigen Häuser und verriet unzweifelhaft, dass hier der Hausherr wohnte.

»Das hier ist das Vangersche Anwesen«, sagte Frode. »Früher einmal war es voller Leben, heute wohnen nur noch Henrik und eine Haushälterin darin. Es gibt jede Menge Gästezimmer.«

Sie stiegen aus dem Auto. Frode zeigte nach Norden.

»Hier pflegten die Geschäftsführer des Vanger-Konzerns zu wohnen, aber Martin Vanger wollte etwas Moderneres und hat sich unten auf der Landzunge eine Villa gebaut.«

Mikael sah sich um und fragte sich, aus welchem verrückten Impuls heraus er Frodes Einladung angenommen hatte. Er beschloss, nach Möglichkeit schon am Abend nach Stockholm zurückzufahren. Eine Steintreppe führte zum Eingang, aber bevor sie dort waren, öffnete sich schon die Tür. Mikael erkannte Henrik Vanger nach den Bildern im Internet sofort wieder.

Auf diesen Bildern war er jünger gewesen, aber für seine zweiundachtzig Jahre sah er überraschend kräftig aus. Ein sehniger Körper mit einem markanten, wettergegerbten Gesicht und dichten grauen, nach hinten gekämmten Haaren, die vermuten ließen, dass seine Gene nicht zur Kahlköpfigkeit tendierten. Er trug eine sorgfältig gebügelte schwarze Hose, ein weißes Hemd und eine abgetragene braune Strickjacke. Er hatte einen schmalen Schnurrbart und eine dünne Brille mit Stahlrahmen.

»Ich bin Henrik Vanger«, sagte er zur Begrüßung. »Danke, dass Sie den langen Weg auf sich genommen haben.«

»Guten Tag. Das war eine ziemlich überraschende Einladung.«

»Kommen Sie doch herein, drinnen ist es schön warm. Ich habe ein Gästezimmer vorbereiten lassen. Wollen Sie sich kurz frisch machen? Wir essen nachher zu Abend. Das hier ist Anna Nygren, die sich um mich kümmert.«

Mikael schüttelte kurz die Hand einer kleinen Frau um die sechzig, die ihm die Jacke abnahm und sie an eine Garderobe hängte. Zum Schutz vor der Kälte, die vom Fußboden aufstieg, bot sie Mikael Pantoffeln an.

Mikael bedankte sich und wandte sich dann direkt an Henrik Vanger. »Ich bin nicht sicher, ob ich bis zum Abendessen bleibe. Das kommt ganz darauf an, worauf dieses Spielchen hier hinausläuft.«

Henrik Vanger tauschte einen kurzen Blick mit Dirch Frode. Zwischen den beiden Männern gab es ein stummes Einverständnis, das Mikael nicht deuten konnte.

»Ich glaube, ich werde mich bei dieser Gelegenheit von Ihnen verabschieden«, sagte Dirch Frode. »Ich muss heimfahren und nach meinen Enkeln sehen, bevor sie mir das Haus zerlegen.«