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Mikael nickte. Was Henrik Vanger erzählte, entsprach in ungefähr dem, was er selbst innerhalb kürzester Zeit am Computer herausgefunden hatte.

»Vanger ist immer noch eins der größten Familienunternehmen des Landes. Knapp dreißig Familienmitglieder sind Teilhaber, mit unterschiedlich großen Anteilen. Das war immer eine der Stärken des Konzerns, aber auch unser größter Nachteil.«

Vanger legte eine Kunstpause ein und sprach dann eindringlich weiter. »Mikael, Sie können Ihre Fragen später stellen, aber Sie müssen mir unbedingt glauben, wenn ich Ihnen sage, dass ich die meisten Mitglieder der Familie Vanger hasse. Meine Familie besteht größtenteils aus Räubern, Geizkragen, Tyrannen und Taugenichtsen. Ich habe das Unternehmen fünfunddreißig Jahre lang geführt - fast die ganze Zeit in unversöhnlichem Konflikt mit allen anderen Familienmitgliedern. Sie waren meine schlimmsten Feinde, nicht konkurrierende Firmen oder der Staat.«

Er machte eine Pause.

»Ich habe gesagt, dass ich Sie mit zwei Dingen beauftragen will. Ich möchte, dass Sie eine Art historische Abhandlung oder Biografie der Familie Vanger schreiben. Einfacher ausgedrückt, können wir es auch meine Autobiografie nennen. Das wird sicher keine Sonntagspredigt werden, sondern eine Geschichte von Hass und Familienstreitigkeiten und maßloser Habsucht. Ich stelle Ihnen meine gesamten Tagebücher und Archive zur Verfügung. Sie haben freien Zugang zu meinen innersten Gedanken und können den ganzen Mist, den Sie zutage fördern, ohne Einschränkung veröffentlichen. Ich glaube, neben dieser Geschichte wird Shakespeare wie seichte Familienunterhaltung aussehen.«

»Warum?«

»Warum ich will, dass Sie eine Skandalchronik der Familie Vanger veröffentlichen? Oder was ich für Motive habe, Sie um die Ausarbeitung dieser Abhandlung zu bitten?«

»Beides, würde ich sagen.«

»Ich will Sie nicht belügen, Mikael. Ehrlich gesagt, ist es mir egal, ob das Buch veröffentlicht wird oder nicht. Aber ich finde, dass die Geschichte auf jeden Fall niedergeschrieben werden muss, wenn auch nur in einem einzigen Exemplar, das Sie direkt an die Königliche Bibliothek schicken. Nach meinem Tod soll das Buch dann der Nachwelt zugänglich gemacht werden. Mein Motiv ist das einfachste, das man sich nur denken kann: Rache.«

»An wem wollen Sie sich rächen?«

»Sie brauchen mir nicht zu glauben, aber ich habe mich immer bemüht, ein Ehrenmann zu sein, auch als Kapitalist und Chef eines Unternehmens. Ich bin stolz darauf, dass der Name Henrik Vanger für einen Mann steht, der sein Wort gehalten und seine Versprechen erfüllt hat. Ich habe niemals politische Spielchen betrieben. Ich habe bei Verhandlungen nie Probleme mit den Gewerkschaften gehabt, und sogar ein Tage Erlander hatte seinerzeit Respekt vor mir. Es ging mir um Ethik: Ich trug die Verantwortung für das Auskommen mehrerer tausend Menschen, und ich sorgte für meine Angestellten. Martin hat dieselbe Einstellung, wenn er auch ein ganz anderer Mensch ist als ich. Auch er hat versucht, das Richtige zu tun. Es ist uns vielleicht nicht immer gelungen, aber im Großen und Ganzen gibt es wenig, wofür ich mich schäme.

Leider sind Martin und ich die seltenen Ausnahmen in unserer Familie«, fuhr Vanger fort. »Es gibt viele Gründe, warum der Konzern heute auf dem absteigenden Ast ist, doch einer der wichtigsten ist die kurzsichtige Gier, die viele meiner Verwandten an den Tag legen. Wenn Sie den Auftrag annehmen, werde ich genau erklären, wie sie es angestellt haben, das Unternehmen derart in den Morast zu fahren.«

Mikael überlegte kurz.

»Okay. Ich werde Sie auch nicht belügen. Es würde Monate in Anspruch nehmen, so ein Buch zu schreiben. Und ich habe weder die Lust noch die Kraft dazu.«

»Ich glaube, ich kann Sie überreden.«

»Das bezweifle ich. Aber Sie haben gesagt, dass ich zwei Dinge für Sie tun soll. Das hier war also der Vorwand. Was ist Ihre eigentliche Absicht?«

Henrik Vanger stand auf, abermals mit großer Mühe, und holte Harriet Vangers Foto vom Schreibtisch. Er stellte es vor Mikael hin.

»Der Grund, warum ich von Ihnen eine Biografie der Familie Vanger will, ist Folgender: Ich möchte, dass Sie die Individuen mit den Augen eines Journalisten betrachten. Das verschafft Ihnen auch ein Alibi, in der Familiengeschichte zu wühlen. Was ich eigentlich von Ihnen möchte, ist, dass Sie ein Rätsel lösen. Das ist Ihr Auftrag.«

»Ein Rätsel?«

»Harriet war die Enkelin meines Bruders Richard. Wir waren fünf Brüder. Richard war der Älteste, Jahrgang 1907. Ich war der Jüngste, Jahrgang 1920. Ich verstehe nicht, wie Gott so eine Kinderschar zustande bringen konnte, die …«

Für ein paar Sekunden verlor Vanger den Faden und schien in Gedanken versunken. Dann wandte er sich mit neuer Entschlossenheit in der Stimme wieder Mikael zu.

»Lassen Sie mich von meinem Bruder Richard erzählen. Damit bekommen Sie gleich eine Kostprobe aus der Familienchronik, die ich von Ihnen geschrieben haben möchte.«

Er füllte seine Tasse auf und bot auch Mikael noch einmal Kaffee an.

»1924, im Alter von siebzehn Jahren, war Richard ein fanatischer Nationalist und Antisemit, der sich dem SNFF, dem Schwedischen Nationalsozialistischen Freiheitsverbund, anschloss, eine der ersten Nazigruppen in Schweden. Faszinierend, wie es den Nazis immer wieder gelingt, das Wort ›Freiheit‹ in ihrer Propaganda unterzubringen.«

Vanger suchte ein weiteres Fotoalbum heraus und schlug die richtige Seite auf.

»Hier ist Richard zusammen mit dem Tierarzt Birger Furugård zu sehen, der später Anführer der sogenannten Furugård-Bewegung wurde, der großen Nazi-Bewegung der frühen dreißiger Jahre. Aber Richard blieb nicht bei ihm. Nur wenige Jahre darauf war er Mitglied in Schwedens Faschistischer Kampforganisation, der SFKO. Dort lernte er Per Engdahl und andere Personen kennen, die mit der Zeit die politischen Schandflecken der Nation werden sollten.«

Er blätterte um. Richard Vanger in Uniform.

»1927 ließ er sich fürs Militär anwerben - gegen den Willen unseres Vaters -, und in den dreißiger Jahren graste er den Großteil der Nazi-Gruppierungen des Landes ab. Wenn es irgendwo eine krankhafte konspirative Vereinigung gab, konnte man sicher sein, dass sein Name im Mitgliederverzeichnis auftauchte. 1933 wurde die Lindholm-Bewegung gegründet, also die Nationalsozialistische Arbeiterpartei NSAP. Wie bewandert sind Sie in der Geschichte des schwedischen Nazismus?«

»Ich bin kein Historiker, aber ich habe das eine oder andere Buch gelesen.«

»1939 begann der Zweite Weltkrieg und danach der Finnische Winterkrieg. Viele Aktivisten der Lindholm-Bewegung schlossen sich den Freiwilligen an. Richard war einer von ihnen, zu diesem Zeitpunkt war er Hauptmann in der schwedischen Armee. Er fiel im Februar 1940, kurz vor dem Friedensvertrag mit der Sowjetunion. Man erhob ihn zum Märtyrer der Nazi-Bewegung und benannte eine eigene Kampftruppe nach ihm. Noch heute versammeln sich an seinem Todestag ein paar Holzköpfe auf einem Friedhof in Stockholm, um Richard Vanger zu ehren.«

»Ich verstehe.«

»1926, er war neunzehn Jahre alt, lernte er die gleichgesinnte Margarete, eine Lehrerstochter aus Falun, kennen. Sie begannen ein Verhältnis, aus dem ein Sohn hervorging, Gottfried, der 1927 zur Welt kam. Richard heiratete Margarete, als sein Sohn geboren wurde. In der ersten Hälfte der dreißiger Jahre hatte mein Bruder Frau und Kind hier in Hedestad untergebracht, während er selbst bei einem Regiment in Gävle stationiert war und in seiner Freizeit herumreiste, um in Sachen Nazismus zu missionieren. 1936 geriet er in Konflikt mit meinem Vater, der damit endete, dass mein Vater Richard jegliche finanzielle Unterstützung entzog. Daraufhin musste er allein zurechtkommen. Er zog mit seiner Familie nach Stockholm und lebte in relativer Armut.«