»Hatte er kein eigenes Geld?«
»Sein Erbteil am Konzern war blockiert. Ohne die Familie konnte er nicht verkaufen. Dazu kam, dass Richard ein tyrannischer Familienvater mit wenig versöhnlichen Charakterzügen war. Gottfried wuchs eingeschüchtert und schikaniert heran. Er war vierzehn Jahre alt, als Richard fiel; ich glaube, das war der glücklichste Tag in seinem Leben. Mein Vater erbarmte sich der Witwe und des Jungen und holte sie hierher nach Hedestad, wo er sie in einer Wohnung unterbrachte und dafür sorgte, dass Margarete ein erträgliches Leben führen konnte.
Wo Richard die dunkle und fanatische Seite der Familie darstellte, war Gottfried die heitere Seite. Als er achtzehn Jahre alt war, nahm ich mich seiner an - er war trotz allem der Sohn meines ältesten Bruders -, aber wie Sie sich erinnern, war der Altersunterschied zwischen uns nicht groß. Ich war nur sieben Jahre älter als er. Damals saß ich schon im Führungsstab der Firma, und es stand fest, dass ich einmal meinen Vater beerben würde, während Gottfried in der Familie eher als Fremder galt.«
Henrik Vanger überlegte einen Moment.
»Mein Vater wusste nicht recht, wie er sich seinem Enkel gegenüber verhalten sollte. Aber ich bestand darauf, dass man etwas unternehmen musste. Ich gab ihm eine Stelle im Unternehmen. Das war nach dem Krieg. Er versuchte sicherlich, seine Arbeit gut zu machen, hatte jedoch Konzentrationsprobleme. Er war nachlässig, ein Charmeur und Zechbruder, fand großen Anklang bei den Frauen und hatte immer wieder Phasen, in denen er zu viel trank. Ich tue mich schwer, meine Gefühle für ihn zu beschreiben … Er war kein Taugenichts, aber er war auch alles andere als zuverlässig und enttäuschte mich oft zutiefst. Im Laufe der Jahre wurde er zum Alkoholiker und starb 1965 bei einem Unfall - er ertrank. Er hatte sich hier, auf der anderen Seite der Hedeby-Insel, ein Häuschen bauen lassen, in das er sich regelmäßig zurückzog, um zu trinken.«
»Er ist also der Vater von Harriet und Martin?«, fragte Mikael und zeigte auf das Porträt auf dem Serviertischchen. Widerwillig musste er sich eingestehen, dass die Erzählung des alten Mannes interessant war.
»Richtig. Ende der vierziger Jahre traf Gottfried eine Frau namens Isabella König, eine Deutsche, die nach dem Krieg als Kind nach Schweden gekommen war. Isabella war wirklich eine Schönheit - damit meine ich, dass sie so strahlend schön wie Greta Garbo oder Ingrid Bergman war. Harriet hat ihre Gene wohl eher von Isabella als von Gottfried bekommen. Wie Sie auf dem Foto sehen können, war sie auch schon sehr hübsch, als sie vierzehn war.«
Mikael und Henrik Vanger betrachteten das Foto nachdenklich.
»Aber lassen Sie mich fortfahren. Isabella wurde 1928 geboren und lebt noch. Als sie elf war, brach der Krieg aus, und Sie können sich bestimmt vorstellen, wie es gewesen sein muss, Teenager in Berlin zu sein, als die Bomber ihre Fracht über der Stadt abwarfen. Vermutlich war es für sie wie das Paradies auf Erden, als sie in Schweden ankam. Leider teilte sie allzu viele von Gottfrieds Lastern: Sie war verschwenderisch und genusssüchtig. Manchmal wirkten Gottfried und sie wie Saufkumpane, nicht wie ein Ehepaar. Sie reiste eine Menge in Schweden und im Ausland herum und besaß überhaupt kein Verantwortungsgefühl. Darunter litten natürlich die Kinder. Martin kam 1948 zur Welt, Harriet 1950. Die beiden wuchsen in völligem Chaos auf - ihre Mutter ließ sie ständig im Stich, während ihr Vater langsam zum Alkoholiker wurde.
1958 griff ich ein. Gottfried und Isabella wohnten damals in Hedestad - ich zwang sie, hierherzuziehen. Ich hatte genug und beschloss, den Teufelskreis zu durchbrechen. Martin und Harriet waren zu dieser Zeit nahezu völlig sich selbst überlassen.«
Henrik Vanger sah auf die Uhr.
»Meine dreißig Minuten sind gleich um, aber ich komme langsam zum Ende meiner Geschichte. Geben Sie mir eine Verlängerung?«
Mikael nickte. »Erzählen Sie weiter.«
»In aller Kürze: Ich war kinderlos - ein dramatischer Kontrast zu meinen anderen Brüdern und Familienmitgliedern, die wie besessen schienen von dem dümmlichen Bedürfnis, das Geschlecht der Vangers fortzuführen. Gottfried und Isabella kamen hierher, aber ihre Ehe war so gut wie am Ende. Schon nach einem Jahr zog Gottfried in sein Häuschen. Er wohnte dort lange ganz allein und kehrte nur zeitweise zu Isabella zurück, wenn es ihm zu einsam und kalt wurde. Ich kümmerte mich um die Kleinen, die in vieler Hinsicht die Kinder wurden, die ich niemals bekommen habe.
Martin war … Um ehrlich zu sein, hatte ich während seiner Jugendjahre eine Weile die Befürchtung, dass er in die Fußstapfen seines Vaters treten würde. Er war schwach und verschlossen und grüblerisch, konnte aber auch charmant und enthusiastisch sein. Er hatte eine schwierige Teenagerzeit, aber als er an der Universität anfing, kam alles in Ordnung. Er ist … na ja, er ist immerhin Geschäftsführer dessen, was vom Vanger-Konzern noch übrig ist, und das darf man wohl als ausreichendes Zeugnis betrachten.«
»Und Harriet?«, fragte Mikael.
»Harriet wurde mein Augenstern. Ich versuchte, ihr Geborgenheit und Selbstvertrauen zu vermitteln. Wir hatten ein sehr enges Verhältnis zueinander. Ich betrachtete sie als meine eigene Tochter, und sie stand mir mit der Zeit bedeutend näher als ihren Eltern. Wissen Sie, Harriet war ein ganz besonderes Mädchen. Genauso verschlossen wie ihr Bruder, doch von einer schwärmerischen Religiosität, was in unserer Familie eine krasse Ausnahme war. Ihre Begabung und Intelligenz standen außer Frage. Sie hatte Moral und Rückgrat. Als sie vierzehn, fünfzehn Jahre alt war, bestand für mich kein Zweifel, dass sie - im Gegensatz zu ihrem Bruder und all den durchschnittlichen Kusinen und Neffen - dafür bestimmt war, eines Tages den Konzern zu leiten oder zumindest eine zentrale Rolle darin zu spielen.«
»Und was ist dann passiert?«
»Wir sind jetzt beim Kern meines Anliegens angekommen. Ich möchte, dass Sie herausfinden, wer in der Familie Harriet ermordet und danach fast vierzig Jahre versucht hat, mich in den Wahnsinn zu treiben.«
5. Kapitel
Donnerstag, 26. Dezember
Zum ersten Mal, seitdem Henrik Vanger seinen Monolog begonnen hatte, war es dem Alten gelungen, ihn zu überrumpeln. Mikael musste ihn bitten, seinen letzten Satz zu wiederholen, um sicherzugehen, dass er sich nicht verhört hatte. Nichts in den Artikeln, die er gelesen hatte, deutete darauf hin, dass im innersten Kreis der Familie ein Mord begangen worden sein könnte.
Vanger fuhr fort: »Es war der 22. September 1966. Harriet war sechzehn und hatte gerade ihr zweites Jahr auf dem Gymnasium begonnen. Es war ein Samstag, und es sollte der schlimmste Tag meines Lebens werden. Ich bin den Lauf der Ereignisse so oft durchgegangen, dass ich glaube, mich an jede Minute genau erinnern zu können - alles weiß ich, bis auf das Wichtigste.«
Er machte eine ausladende Handbewegung.
»Hier im Haus war ein Großteil meiner Verwandten versammelt. Es war das alljährliche Abendessen, zu dem sich die Teilhaber des Konzerns trafen, um über die Geschäfte der Familie zu sprechen. Das war eine Tradition, die mein Großvater seinerzeit eingeführt hatte und die auf zumeist widerwärtige Veranstaltungen hinauslief. In den achtziger Jahren machte man damit Schluss, weil Martin anordnete, dass alle Diskussionen über die Firma auf den regulären Vorstandssitzungen und Versammlungen stattfinden sollten. Das war die beste Entscheidung, die er jemals gefällt hat. Heute sind es schon zwanzig Jahre, dass sich die Familie nicht mehr zu solchen Veranstaltungen trifft.«
»Sie haben gesagt, dass Harriet ermordet wurde.«
»Warten Sie. Lassen Sie mich erzählen, was geschehen ist. Es war ein Samstag. Außerdem war auch Festtag mit einem Umzug zum ›Tag des Kindes‹, der vom Sportverein in Hedestad organisiert wurde. Harriet war tagsüber in der Stadt gewesen und hatte zusammen mit ihren Schulkameraden bei den Festlichkeiten zugesehen. Um zwei Uhr nachmittags kam sie hierher auf die Hedeby-Insel zurück. Das Abendessen war für fünf Uhr angesetzt, sie sollte auch dabei sein und gleichaltrige Jugendliche aus der Familie kennenlernen.«