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Magnusson meld. Brücke nach Hedeby-Insel immer noch gesp. Transp. m. Boot.

Am Rand eine unleserliche Unterschrift.

Um 12:14 Uhr wieder Ryttinger:

Tel. gespr. Magnusson in H-by meld., dass 16-jährige Harriet Vanger seit dem frühen Samstagnachm. vermisst. Fam. sehr beunruhigt. Scheint nachts nicht in ihrem Bett geschlafen zu haben. Kann Insel wg. Unfall a. d. Brücke nicht verlassen haben. Keines der befr. Familienmitgl. kennt HVs Aufenthaltsort.

Um 12:19 Uhr:

G. M. telefon. v. Vorfall inform.

Die letzte Anmerkung war um 13:42 Uhr gemacht worden:

G. M. vor Ort in H-by; übernimmt Fall.

Schon das nächste Blatt verriet, dass hinter den kryptischen Initialen G. M. ein Kommissar namens Gustav Morell steckte, der mit dem Boot auf die Hedeby-Insel gekommen war, die Ermittlungen übernommen und eine offizielle Vermisstenanzeige zu Harriet Vanger aufgenommen hatte. Im Gegensatz zu den Notizen auf der ersten Seite waren Morells Berichte maschinengeschrieben und in leicht verständlicher Sprache abgefasst. Auf den folgenden Seiten wurden die ergriffenen Maßnahmen mit einer Sachlichkeit und Detailliertheit beschrieben, die Mikael überraschte.

Morell war systematisch zu Werke gegangen. Er hatte zuerst Henrik Vanger zusammen mit Isabella Vanger, Harriets Mutter, vernommen. Danach hatte er der Reihe nach mit einer Ulrika Vanger, Harald Vanger, einem Greger Vanger, Harriets Bruder Martin Vanger und einer Anita Vanger gesprochen.

Ulrika war Henrik Vangers Mutter und schien den Status einer Königinwitwe zu genießen. Sie wohnte auf dem Vangerschen Hof und konnte keinerlei Auskünfte geben. Sie hatte sich am Abend zuvor frühzeitig schlafen gelegt und Harriet seit mehreren Tagen nicht mehr gesehen. Anscheinend hatte sie nur darauf bestanden, Kriminalkommissar Morell zu sprechen, um ihrer Ansicht Ausdruck zu verleihen, dass die Polizei umgehend handeln müsse.

Harald Vanger rangierte auf Platz zwei der einflussreichen Familienmitglieder. Er erklärte, er habe Harriet nur kurz zu Gesicht bekommen, als sie vom Festumzug in Hedestad zurückkam, aber er habe sie seit dem Unfall auf der Brücke nicht mehr gesehen und kenne ihren derzeitigen Aufenthaltsort nicht.

Greger Vanger, Henriks und Haralds Bruder, gab an, er habe die verschwundene Sechzehnjährige nach ihrem Besuch in Hedestad gesehen, als sie in Henriks Arbeitszimmer kam und ihn um ein Gespräch bat. Greger erklärte, dass er selbst, abgesehen von einem kurzen Gruß, nicht mit ihr geredet habe. Er wusste nicht, wo sie sich möglicherweise aufhalten könnte, äußerte jedoch die Vermutung, sie sei wahrscheinlich nur zu einer Schulfreundin gefahren - gedankenloserweise ohne jemand Bescheid zu geben - und werde sicher bald wieder auftauchen. Auf die Frage, wie sie in diesem Fall die Insel verlassen haben sollte, wusste er keine Antwort.

Martin Vanger wurde am kürzesten vernommen. Er absolvierte gerade sein letztes Jahr am Gymnasium in Uppsala, wo er bei Harald Vanger untergebracht war. Da in Haralds Auto kein Platz mehr für ihn gewesen war, hatte er den Zug nach Hedeby genommen und war so spät angekommen, dass er auf Grund des Unfalls auf der falschen Seite der Brücke hängen blieb. Er hatte erst spätabends mit dem Boot übersetzen können. Man vernahm ihn in der Hoffnung, seine Schwester könnte sich mit ihm verständigt und ihm einen Hinweis gegeben haben, wohin sie ausreißen wollte. Die Frage löste Proteste bei Harriets Mutter aus, aber Kommissar Morell war zu jenem Zeitpunkt der Meinung, dass es die hoffnungsvollere Variante sei, wenn Harriet nur fortgelaufen wäre. Martin hatte jedoch seit den Sommerferien nicht mehr mit seiner Schwester gesprochen und konnte keine nützlichen Angaben machen.

Anita war Harald Vangers Tochter, wurde aber irrtümlich als Kusine von Harriet aufgelistet - sie war eigentlich eine Kusine zweiten Grades. Sie studierte im ersten Jahr an der Universität Stockholm und hatte den Sommer in Hedeby verbracht. Sie und Harriet waren fast gleichaltrig und sehr enge Freundinnen geworden. Sie gab an, dass sie am Samstag gemeinsam mit ihrem Vater auf die Insel gekommen war und sich darauf gefreut hatte, Harriet zu treffen. Sie erklärte, sie sei beunruhigt, denn es sehe Harriet nicht ähnlich, irgendwohin zu verschwinden, ohne der Familie Bescheid zu sagen. Dieser Aussage schlossen sich Henrik und Isabella Vanger an.

Kommissar Morell hatte während der Vernehmungen der Familienmitglieder auch gleich die Beamten Magnusson und Bergman - Patrouille 014 - beauftragt, eine erste Suchmannschaft zu organisieren, solange es noch hell war. Wegen der immer noch gesperrten Brücke war es schwierig, Verstärkung vom Festland anzufordern. Die erste Suchmannschaft bestand aus ungefähr dreißig Personen verschiedenen Alters und Geschlechts. Folgendes Gebiet wurde am Nachmittag abgesucht: die leer stehenden Häuser am Fischerhafen, die Strände an der Landzunge und den Sund entlang, das Waldstück bei der Siedlung sowie der sogenannte Söderberg oberhalb des Fischerhafens. Letzterer wurde untersucht, weil jemand die Theorie aufgestellt hatte, Harriet könnte dorthin gegangen sein, um sich aus sicherem Abstand einen Überblick über den Unfallort zu verschaffen. Man schickte sogar Streifen nach Östergård und zu Gottfrieds Haus auf der anderen Seite der Insel.

Die Suche blieb jedoch ergebnislos und wurde erst lange nach Einbruch der Dunkelheit gegen zehn Uhr abends abgebrochen. Die Temperatur fiel nachts auf ungefähr null Grad.

Im Laufe des Nachmittags hatte Kommissar Morell sein Hauptquartier in einem Zimmer im Erdgeschoss des vangerschen Hofes eingerichtet, das Henrik Vanger ihm zur Verfügung gestellt hatte. Er hatte eine Menge Maßnahmen ergriffen.

Zusammen mit Isabella Vanger hatte er Harriets Zimmer in Augenschein genommen und herauszufinden versucht, ob etwas fehlte, was darauf hindeuten würde, dass Harriet von zu Hause fortgelaufen war. Isabella war ihm keine sonderlich große Hilfe und schien nicht allzu gut über die Garderobe ihrer Tochter Bescheid zu wissen. Sie hatte oft Jeans an, aber die sehen ja alle gleich aus. Harriets Handtasche wurde auf ihrem Schreibtisch gefunden. Darin befanden sich ihr Ausweis, eine Brieftasche mit neun Kronen und fünfzig Öre, ein Kamm, ein Handspiegel und ein Taschentuch. Nach dieser Durchsuchung war Harriets Zimmer versiegelt worden.

Morell hatte mehrere Personen zur Vernehmung bestellt, sowohl Familienmitglieder als auch Angestellte. Alle Gespräche waren sorgfältig aufgezeichnet worden.

Als die Teilnehmer der ersten Suchmannschaft schließlich mit entmutigenden Nachrichten zurückgekommen waren, entschied der Kommissar, die Suche systematischer aufzuziehen. Er forderte abends und nachts Verstärkung an. Unter anderem wandte er sich an den Vorsitzenden des Hedestader Vereins für Orientierungsläufe und bat ihn, sämtliche Mitglieder telefonisch für die Suchaktion einzuberufen. Gegen Mitternacht teilte man ihm mit, dass sich dreiundfünfzig aktive Mitglieder am nächsten Morgen um 7 Uhr auf dem Hof der Vangers einfinden würden. Henrik Vanger leistete seinen Beitrag, indem er einen Teil der Frühschichtarbeiter aus der Vangerschen Papierfabrik abstellte. Er organisierte sogar Essen und Getränke.

Mikael Blomkvist konnte sich die Szenen lebhaft vorstellen, die sich in diesen dramatischen Stunden auf dem Hof der Vangers abgespielt haben mussten. Der Unfall auf der Brücke hatte in den ersten Stunden zur allgemeinen Verwirrung beigetragen: Es war sehr schwierig, Verstärkung vom Festland zu bekommen, zum anderen dachten alle, dass zwei dramatische Ereignisse doch irgendwie miteinander in Verbindung stehen mussten. Als der Tanklaster entfernt wurde, war Kommissar Morell sogar zur Brücke gegangen, um sich davon zu überzeugen, dass Harriet Vanger nicht auf irgendeine unwahrscheinliche Art und Weise unter dem Wrack gelandet war. Das war die einzige irrationale Handlung, die Mikael im Vorgehen des Kommissars entdeckte, denn das Mädchen war nach dem Unfall ja nachweislich auf der Insel gesehen worden.