Ich glaube, ich habe auf diese Offenbarung sehr seltsam reagiert. Damals fühlte ich mich von der Frau verraten, zu der ich vollstes Vertrauen hatte und die mich plötzlich gegen ein abstraktes Familienglück tauschen wollte.
Ich verließ ihre Wohnung und knallte die Tür hinter mir zu. Daheim nahm ich mein Telefon vom Netz und brauchte ein paar Monate, um mich wieder einigermaßen normal zu fühlen. Eigentlich waren all meine Affären auf theatralische Weise zu Ende gegangen, und ich hätte das längst gewöhnt sein können. Für alles muss man bezahlen, und wer fundamentale Lebensregeln außer Acht lässt, muss damit rechnen, dass diese Sorglosigkeit sich rächt.
Aber Julia war kein gewöhnliches Mädchen, mit dem ich mich eine Zeitlang getroffen hatte. Ich hatte sie wirklich für meine große Liebe und zugleich für meine beste Freundin gehalten - und für die große Ausnahme von allen Regeln. Als ich dann von ihr die gleichen Sprüche hörte, mit denen mir schon andere Frauen gekommen waren, empfand ich das als Schlag unter die Gürtellinie. Ich war nun mal ein unverbesserlicher Idealist.
Drei Monate lang verkroch ich mich in einer Höhle und kehrte nur langsam zu meiner alten Form zurück. Eigentlich erhole ich mich recht schnell, und nicht umsonst sagt Machi Ainti, ich sei ein sehr lebhafter Mensch. Drei Monate pures Leid - das war bisher mein Rekord.
Aber die Affäre mit Julia war diese Trauerarbeit allemal wert - so jedenfalls dachte ich damals darüber.
Als ich wieder zu Kräften gekommen war, vermisste ich meine Filmsammlung.
Ich muss ergänzen, dass ich bis zu meiner Bekanntschaft mit Julia keine DVDs besaß, da ich mich nicht aufraffen konnte, die notwendigen Geräte zu kaufen. Zwar verdiente ich recht gut, schaffte es aber nie, mein Geld zusammenzuhalten. Was das anging, ähnelte ich Ande Pu, der auch jede Menge Geld bedenkenlos verpulvern konnte.
Und Julia hatte einen modernen DVD-Player und ein paar alte Filme - vor allem die Lieblingsmelodramen ihrer Mutter, einige blöde Kriegsgeschichten und ein paar Sprachlehrfilme auf Französisch. Meine Freundin hat nämlich jahrelang versucht, diese Sprache zu lernen, aber ich habe sie ihr Können nie anwenden sehen. So ist es uns schnell gelungen, Harmonie herzustellen: Immer wenn ich auf dem Weg zu ihr war, kaufte ich einen Film. Irgendwann musste sie sich einen eigenen Schrank zulegen, denn die DVDs hatten sich wie Kakerlaken in der Wohnung verbreitet. Ehrlich gesagt hatte ich all diese Filme für mich gekauft, denn ich hatte vor, eines Tages die erforderlichen Geräte zu erwerben. Aber bis dahin konnte ich sie wunderbar mit meiner Freundin genießen.
Mein dreimonatiges Dasein als depressiver Eremit hatte mich genug Geld sparen lassen, um endlich die Anschaffung eines DVD-Players ins Auge zu fassen. Irgendwie musste ich mir ja die Einsamkeit vertreiben.
Aber meine Filme waren an einem schwer zugänglichen Ort, und dieses Problem wollte ich vorher lösen. Ich nahm allen Mut zusammen, rief Julia an und sagte, ich wolle meine Filme zurück. Sie meinte nur trocken: »Dann komm vorbei.« Ich biss die Zähne zusammen und machte mich auf den Weg.
Sie wartete an der Wohnungstür und sagte, es sei eine Unsitte, nach einer Beziehung die Geschenke zurückzufordern. Im Hintergrund hörte ich ihre Mutter husten -sicher zur moralischen Unterstützung der Tochter.
»Wie kommst du darauf, dass die Filme Geschenke waren?«, fragte ich erstaunt. »Ich habe sie gekauft, um sie mir mit dir anzusehen, aber jetzt Doch meine Exfreundin blieb stur, und ich merkte, dass sie die Filme unbedingt behalten wollte.
»Das ist doch ein faires Geschäft«, meinte sie ruhig. »Schließlich hast du hier jeden Abend etwas zu essen und zu trinken bekommen und es dir in meiner Wohnung gut gehen lassen. All das ist bestimmt genauso viel wert wie das, was du für die Filme bezahlt hast. Außerdem hast du gar keine Verwendung für sie - schließlich hast du kein Gerät, um sie abzuspielen. Und so leichtsinnig, wie du mit Geld umgehst, hast du dir sicher auch keins angeschafft.«
Damit war die Lage klar. Ich wollte kein Almosenempfänger sein und fand ihre Vorwürfe unpassend und gemein. Außerdem hatte ich immer auch noch etwas anderes dabeigehabt, wenn ich sie besuchen gekommen war: leckeren Tee, ausgefallenen Kuchen, exotische Früchte oder hübsche Blumen. All das waren in meinen Augen Geschenke, um die ich aber kein Aufhebens gemacht hatte.
Gewiss hatte ich damals die Neigung, wie im Traum zu leben und mich nicht um die Realität zu scheren. Schließlich hatte ich unmöglich ahnen können, dass sich in Julias Kopf immer dann eine Rechenmaschine einschaltete, wenn ich mir in ihrer Küche etwas zu essen oder zu trinken nahm. Ihre Worte waren daher ein harter Schlag für mich, zugleich aber das Ende aller Illusionen.
Ich nickte, drehte mich um und ging die Treppe runter.
Zum Abschied spendierte Julia mir ein erleichtertes Seufzen - auch das noch! Es war ihr also gelungen, sich etwas unter den Nagel zu reißen, das sie eigentlich schon lange für ihr Eigentum hielt.
Zwischen mir und dem Rest der Welt wuchs eine unsichtbare Mauer. Die Wirklichkeit hatte keinen Einfluss mehr auf mich, sondern blieb mir vom Leibe. Aber das war mir sehr recht. Und irgendwann verschwand auch dieses Gefühl der Isolation.
Nach einiger Zeit rief Julia mich an und bat mich, nicht mehr beleidigt zu sein, doch ich weigerte mich, diesen Rat zu beherzigen. Sie hat mich dann immer wieder angerufen und mich eingeladen. Ich war über diese Telefonate nicht gerade erfreut, legte aber nicht auf, sondern sagte stets freundlich, ich hätte leider gerade keine Zeit, aber womöglich in einer Woche oder in einem Monat. Julias Stimme erweckte in mir keine Gefühle mehr. Ich staunte immer wieder, was diese fremde Frau von mir wollte.
Und irgendwann träumte ich von Sir Juffin, und mein Leben in dieser Welt endete ein für alle Mal.
Ich trank meine Tasse auf einen Zug leer und ging mich rasieren. Ich hatte mich entschieden, mich für Julia fein zu machen - egal, was bei meinem Besuch herauskommen mochte.
Ich spürte keine Wehmut mehr. Das Einzige, was mich antrieb, waren Neugier und eine seltsame, mir unverständliche Freude. Ich erwartete, mich gut zu unterhalten, und mein zweites Herz sagte mir, genau das werde geschehen. Ich weiß nicht, welchen Gesetzen dieser seltsame Muskel folgt.
Ich zog mich extra gut an, rasierte mich sorgfältig und band mir die Haare zum Pferdeschwanz. Diese Frisur verlieh mir jugendliche Dynamik - und die hatte ich nötig.
Zufrieden musterte ich mich im Spiegel und trat dann auf die Straße. In meine Wohnung wollte ich nicht mehr zurück. Dass mein Versuch, in der Grünen Straße in eine Tram der Linie 432 einzusteigen, misslingen könnte, kam mir nicht in den Sinn. Im Gegenteil - allmählich war ich in dieser Hinsicht ausgesprochen optimistisch. Machi hatte gesagt, mein Abenteuer werde gut ausgehen und ich solle mir keine Gedanken machen. Entsprechend sorglos zog ich nun los.
Zu Fuß stieg ich in den sechsten Stock hinauf. In Echo hatte ich es mir abgewöhnt, Aufzüge zu benutzen.
Als ich wieder ruhig atmete, drückte ich auf die Klingel. Ich war ungemein gut gelaunt - keine Ahnung, warum.
Julia öffnete mir und erstarrte auf der Schwelle. Nervös zupfte sie an ihrem Hausanzug, als sei sie komplett ratlos, was sie tun sollte. Schließlich beruhigte sie sich ein wenig.
Ich lächelte sie warmherzig an und freute mich wirklich, sie wiederzusehen. Die dunklen Erinnerungen spielten für mich keine Rolle mehr. Trotzdem hatte ich den festen Vorsatz, mit meiner Filmsammlung nach Echo zurückzukehren.
»Du hast dich geändert«, sagte Julia zu mir.
Ich glaube, auch sie freute sich über mein Auftauchen, doch etwas hielt sie davon ab, ihre Freude zu zeigen -womöglich, dass da plötzlich Sir Max aus Echo vor ihrer Tür stand, und diesen seltsamen Herrn kannte sie noch nicht.
»Ja, ich habe eine andere Frisur«, sagte ich beiläufig. »Darf ich reinkommen? Ich bleibe auch nicht lange.«
»Ja, natürlich - komm rein«, antwortete sie.
Ich zog eine kleine Tüte aus der Tasche. »Ich hab mal wieder was Süßes für dich dabei. Das kennst du wahrscheinlich noch nicht.«