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Auch als sich ihm Celia von der Seite so stark näherte, dass sie bereits einen unangenehmen Dunst von Alkohol und Schweiß wahrnehmen konnte, schien der Mann sie nicht zu bemerken. Stattdessen stierte er das Bild an, auf dem der Engel in einer Herbstlandschaft am Meer stand, eine Art Laken oder Tuch um die Hüften geschlungen und mit einem sehnsüchtig-traurigen Blick. Die Blätter fielen von den umstehenden Bäumen und umschwirrten den merkwürdigen Engel wie die Vögel den heiligen Franziskus. Celia hatte keine Ahnung, was dieses Gemälde bedeuten sollte, doch als sie den bärtigen Betrachter mit dem Engel auf dem Bild verglich, bemerkte sie, dass dieselbe Art von Traurigkeit oder Sehnsucht in ihren Blicken lag. Einerseits in dem übertrieben schönen Antlitz eines geflügelten Jünglings, andererseits im Gesicht eines verlotterten und hässlichen Kauzes.

Es mag sein, dass Celia dem Mann zu nahe gekommen war, jedenfalls wandte er sich plötzlich um und sah ihr direkt aus nächster Nähe ins Gesicht. Doch anders als am Vortag blieb sein Blick völlig ausdruckslos, kein Zeichen des Wiedererkennens oder der Vertrautheit war zu sehen. Dafür bemerkte Celia, dass dem Mann die Tränen über die schmutzigen Wangen liefen und an den Barthaaren hängen blieben. Er weinte ebenso bitterlich wie stumm. Genauso hatte Celia vor wenigen Wochen am Grab ihrer Mutter geweint, äußerlich wie zu Stein erstarrt, aber mit heißen Tränen, die auf ihren Wangen glühten und ihren wahren Gemütszustand verrieten.

Der Gedanke an ihre Mutter ließ Celia all ihren Mut zusammennehmen. Mit leiser Stimme wandte sie sich an den Fremden: »Entschuldigen Sie bitte, Sir. Woher kennen Sie meine Mutter?« Dass der Mann nicht sie, Celia, so seltsam angeschaut, sondern vielmehr in ihr das Abbild ihrer Mutter erkannt hatte, war Celia am Nachmittag klar geworden, als sie zum ersten Mal die Fotografie der jungen Mary Tremain gesehen hatte.

Da der Mann nicht auf die Frage reagierte, kam Celia ihm noch ein Stück näher und sagte: »Sie kannten meine Mutter, nicht wahr?« Diesmal war es eine Feststellung und keine Frage.

Der Bärtige schien wie aus einem Traum aufzuwachen. Er schüttelte sich, als fröstelte er, dann kniff er die Augen zusammen und nickte schließlich. Allerdings war es eher ein Zeichen des Erinnerns als der Bestätigung.

»Du bist das«, brummte er unfreundlich und fuhr sich mit beiden Händen durchs Gesicht, um die Spuren seiner Tränen zu verwischen. Dann setzte er nachdenklich hinzu: »Deine Mutter. Verstehe.«

»Woher?«, hakte Celia nach.

»Was?«, schnauzte er.

»Woher kannten Sie sie?«

»Ich kannte deine Mutter nicht.« Er betonte das Wort auf seltsame Weise und lachte, als hätte er einen Witz gemacht. »Ich bin ihr nie begegnet.«

»Aber Sie haben doch gerade gesagt …«

»Und wenn schon!«, unterbrach er sie und schleuderte ihr dabei die Spucke ins Gesicht. Erst jetzt begriff Celia, dass der Mann völlig betrunken war. Er schwankte auf der Stelle und grinste blöde vor sich hin.

»Was heißt das?«, wollte Celia wissen.

»Lass mich, Mädchen!«, antwortete er, winkte ungeduldig ab und wollte sich wieder dem Gemälde an der Wand zuwenden, doch er blieb mitten in der Bewegung stecken und starrte auf etwas, das sich hinter Celias Rücken ereignete. War sein Blick zuvor verärgert oder mürrisch gewesen, vielleicht auch ein wenig irritiert, so wandelte sich dieser Blick beinahe schlagartig. Was Celia nun in seinem Gesicht wahrnahm, erstaunte sie. Er hatte die Augen weit aufgerissen, als sähe er ein Gespenst, sein Blick war beinahe panisch. Zugleich aber zuckten seine Mundwinkel vor Wut und Zorn, seine Kiefer mahlten unruhig, und seine Nasenflügel bebten. Ein seltsamer Widerspruch. Wäre der Mann ein Hund gewesen, so hätte er vermutlich die Zähne gefletscht und gleichzeitig den Schwanz eingekniffen.

Celias Augen folgten dem Blick des Fremden zum Eingang des Wintergartens, wo eine kleine Gruppe von Männern gut sichtbar auf einer Empore neben dem Durchgang stand. Einer der Männer trug einen Frack mit langen Schößen und wies gestenreich auf verschiedene Gegenstände im Raum, wobei jedoch nicht klar war, ob er seinen Zuhörern die Botanik oder die Kunstwerke erklärte. Offensichtlich war jedoch, dass er sich vor allem an eine äußerst eigentümliche Person wandte, die direkt neben ihm stand. Dieser Mann fiel nicht nur durch seine extravagante Kleidung und einen riesigen weißen Strohhut auf, sondern vor allem durch seine Größe. Oder besser gesagt, durch seine nicht vorhandene Größe. Der Mann war höchstens fünf Fuß groß, und die Proportionen seines Körpers wirkten irgendwie unstimmig. Seine Beine waren viel zu dünn und erinnerten an die eines Knaben, dafür schien sein Kopf um einiges zu groß für den Rest des Körpers, was durch den breitkrempigen Strohhut noch verstärkt wurde. Ein verwachsenes Hutzelmännchen, das sich zudem auf einen Gehstock stützte, der nicht nur modischen Zwecken zu dienen schien. Kaum anzunehmen, ging es Celia durch den Kopf, dass dieser Zwerg eine panische Reaktion hervorrufen konnte. Vielleicht war es ja der Anblick des Manns im Frack gewesen, der den Bärtigen so erregt hatte.

Als sich Celia umdrehte, um sich wieder dem Fremden zuzuwenden, stellte sie erschrocken fest, dass er verschwunden war. Sie hatte sich nur wenige Sekunden abgewandt, doch der Rauschebart war plötzlich wie vom Erdboden verschluckt. Nur sein unangenehmer Geruch hing noch in der Luft. Aus den Augenwinkeln glaubte Celia einen Schatten zum Hinterausgang des Wintergartens huschen zu sehen, der direkt zum Vorplatz des People’s Palace führte. Für einen kurzen Moment überlegte sie, ob sie ebenfalls hinausrennen und draußen nach dem Mann suchen sollte. Doch dann wurde ihr klar, wie albern und unnütz ein solches Verhalten wäre. Der Bärtige hatte ihr unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass er nicht mit ihr reden wollte. Selbst wenn es ihr gelänge, ihn im Gewimmel der nächtlichen Straßen zu entdecken, hätte sie nicht recht gewusst, was sie eigentlich von ihm wollte. Oder wie sie ihn zum Reden bewegen könnte.

Ihr Blick ging wieder zur Empore am Durchgang zum Hauptgebäude, doch auch die kleine Gruppe mit dem Hutzelmann war nicht mehr zu sehen. Also schaute Celia zu dem Gemälde, das der Bärtige so eingehend betrachtet hatte. Weil der Mann nun nicht mehr die Sicht auf das Bild nahm, sah Celia jetzt auch das kleine Messingschild, das unten am Rahmen angebracht war: »Simeon Solomon, Liebe im Herbst, 1866«. Celia verstand nicht ganz, ob der junge Mann mit den Flügeln einen enttäuschten Liebenden oder die Liebe selbst darstellen sollte und ob der Herbst nun wortwörtlich oder nur sinnbildlich zu verstehen war. Ein seltsames und verwirrendes Bild, fand Celia, zugleich aber drückte es eine melancholische Stimmung aus, der sie sich kaum entziehen konnte.

In der unteren linken Ecke war das Gemälde auf eine eigenwillige Weise signiert, mit einem doppelten S, das sich um einen senkrechten Stab wand. Die Signatur erinnerte an das Schlangenzeichen, das Celia von Arzthäusern und Hospitälern kannte. Darunter stand die Jahreszahl 1866 und der Ortsname Florenz. Der Maler mit dem klangvollen Namen Simeon Solomon war also vermutlich Italiener.

»Der arme Solomon, ein verlorenes Genie«, hörte Celia in diesem Augenblick eine hohe, gezierte Stimme hinter sich, die an den Singsang eines Vogels erinnerte. »Wie begnadet er war und wie tief er fiel. Es ist eine wahre Schande. Eine unbegreifliche Tragödie.«

Als Celia sich umschaute, hätte sie beinahe laut aufgeschrien. Direkt hinter ihr stand das Hutzelmännchen und schüttelte mit gepressten Lippen den viel zu großen Kopf. Aus der Nähe betrachtet wirkte der kleine Mann, dessen Alter kaum zu schätzen war, noch unheimlicher als aus der Ferne. Sein Gesicht war eingefallen, die große Nase ragte wie ein Bugspriet hervor, der zerzauste Spitzbart betonte das markante Kinn, und seine Gesichtsfarbe erinnerte an Kalk. Es hatte den Anschein, als hätte der Mann eine lange und schwere Krankheit hinter sich. Aber seine Augen funkelten wild und lebendig, und auch sein quirliges Stimmchen widersprach der offenkundigen Gebrechlichkeit.