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Der eigentliche Grund jedoch, warum er so erpicht darauf gewesen war, auf der Mignonette anzuheuern, war das Ziel der langen Reise: die australischen Kolonien. Es gab kaum einen Punkt auf der Erde, der weiter von der Heimat entfernt war als die ehemalige Strafkolonie New South Wales, und diese Entfernung bot ihm endlich die Gelegenheit, ein neues Leben zu beginnen und die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Das hoffte er zumindest.

Die unangenehme Begegnung mit seinem früheren Nachbarn Bart Hutchinson vor einigen Wochen hatte ihn wieder einmal daran erinnert, dass Southampton in gewisser Weise nur einen Katzensprung von Essex entfernt war und Ned immer wieder Gefahr lief, alten Bekannten von der Ostküste über den Weg zu laufen. Hutchinson hatte ihm zwar zugesagt, seiner Frau und den Kindern nichts von der Begegnung in der County Tavern zu verraten, doch Ned wusste, dass der alte Walfänger ein gutes Verhältnis zu Mary hatte und er, Ned, nichts auf Hutchinsons Versprechen geben durfte.

Dem Kapitän der Mignonette gegenüber hatte Ned behauptet, unverheiratet zu sein. Was in seinen Augen nicht einmal gelogen war, denn die Ehe mit Mary war von Beginn an ein bedauernswerter Fehler gewesen. Ein unseliges und unwürdiges Geschäft, das unter falschen Voraussetzungen zustande gekommen war und allen Beteiligten nur Schmerz und Unglück gebracht hatte. Ned hatte schnell begriffen, dass er sich niemals auf den Vorschlag von Rodney Webster hätte einlassen dürfen. Doch auch damals war das Angebot schlichtweg zu verlockend gewesen.

Ned war seit Monaten regelrecht in Mary vernarrt gewesen und hatte sich wie ein liebeskranker Kuckuck in Southwark herumgetrieben, obwohl die Rennsaison an der Küste längst wieder begonnen hatte. Statt an Regatten teilzunehmen und ordentliches Geld zu verdienen, schuftete er für einen Hungerlohn im Londoner Hafen, um abends im George Inn zu sitzen, das geliebte Schankmädchen aus der Ferne anzuhimmeln und ein paar belanglose Worte mit ihr zu wechseln. Mary Tremain war das hübscheste Mädchen, dem Ned je begegnet war; er hatte sich auf den ersten Blick in sie verliebt. Er war damals Anfang zwanzig, ein unerfahrener Grünschnabel, den es zum ersten Mal nach London verschlagen hatte und der von dem Leben in der Hauptstadt völlig überwältigt war. Vor allem aber war er von Mary überwältigt und wie behext, was in der Kneipe natürlich nicht unbemerkt geblieben war und für belustigte Kommentare gesorgt hatte.

Als es dann völlig unerwartet hieß, er könnte die Angebetete zur Frau bekommen, glaubte Ned in seinem halbwüchsigen Leichtsinn, sein Glück gefunden zu haben. Dass Mary zuvor die Geliebte eines anderen gewesen war und von diesem ein Kind erwartete, war ihm nicht entgangen. Es störte ihn mehr als nur insgeheim, aber es hielt ihn dennoch nicht davon ab, Mary wie gewünscht aus London fortzuschaffen und nach Brightlingsea mitzunehmen. Samt Kuckuckskind im Bauch. Rodney Webster, der Wirt des George Inn, wollte die schwangere Mary loswerden, sie aus dem Weg schaffen und hatte Ned zusätzlich, quasi als Dank für seine Bemühungen, eine fürstliche Belohnung in die Hand gedrückt. Wie hätte er da Nein sagen können?

Von der Vernarrtheit war bald nach seiner Rückkehr nach Brightlingsea wenig übrig geblieben, auch weil Mary seine Gefühle nicht annähernd erwiderte und ihm immer wieder zu verstehen gab, dass sich daran niemals etwas ändern würde. Dass das Kuckuckskind viel zu früh zur Welt kam und kurz nach seiner Geburt verstarb, machte alles nur noch schlimmer. Was eine Befreiung hätte sein können und für Ned tatsächlich eine Erleichterung gewesen war, erwies sich im Nachhinein als Fluch, vor allem für Mary. Sie war samt ihrem ungeborenen Kind abgeschoben worden, warf dies aber seltsamerweise nicht dem Mann vor, der sie erst geschwängert und dann im Stich gelassen hatte, sondern ihrem Gatten, der sich auf den verwerflichen Handel eingelassen hatte. Aus Mary Tremain war Mary Brooks geworden, doch seine liebende Ehefrau würde sie niemals sein. Auch die Geburt der anderen Kinder, seiner Kinder, änderte daran nichts. Manchmal hatte Ned sogar den Eindruck, dass die drei Kinder Mary noch weiter von ihm entfernten. Dass sie eine geschlossene Einheit bildeten und er nicht dazugehörte.

Also flüchtete er sich in eine Arbeit, die ihn weit von Brightlingsea und seiner Familie wegführte. Und in den Alkohol. Was alles nur noch schlimmer machte.

Den elenden Judaslohn hatte Ned binnen kurzer Zeit in den Hafenschänken entlang der Ostküste versoffen. Geblieben war das Gefühl, über den Tisch gezogen worden zu sein und sich schmutzig gemacht zu haben. Auch wenn er der Einzige war, der diesen Schmutz sehen konnte.

Vor nunmehr vier Jahren hatte er seine Familie in Brightlingsea verlassen, und obwohl er die Kinder mitunter vermisste und gern erfahren hätte, wie es ihnen inzwischen ergangen war, wusste er doch, dass er das Richtige getan hatte. Wenn auch zu einem falschen, einem viel zu späten Zeitpunkt. Als er Hutchinson in der County Tavern getroffen hatte, wäre es ein Einfaches gewesen, ihn nach Mary und den Kindern zu fragen, doch das hätte so ausgesehen, als täte ihm seine damalige Entscheidung leid. Also hatte er lediglich geschimpft, die ganze verdammte Bagage in Brightlingsea könne ihm auf immer gestohlen bleiben. Was zugleich die Wahrheit und eine Lüge war.

Wenn er erst einmal in Sydney wohnte und an den sonnigen Küsten Australiens entlangsegelte, könnte ihm das alles einerlei sein, dann würde das Vergangene irgendwann vergessen sein. Und damit auch das schlechte Gewissen und die Selbstvorwürfe. Denn er hatte sich nichts vorzuwerfen. Davon war er fest überzeugt. Trotz allem.

Die Mignonette lief um sechs Uhr mit der Nachmittagsflut aus. Zwei Tage würden sie in südwestlicher Richtung der englischen Südküste folgen, bevor sie am Leuchtturm von Eddystone die Richtung ändern und Kurs auf Madeira nehmen würden. Neben Kapitän Tom Dudley und dem Maat Edwin Stephens gab es ein weiteres Besatzungsmitglied an Bord, den Kabinenjungen Richard Parker, der als ungelernter Leichtmatrose für die niederen Tätigkeiten zuständig war und Ned in der Kombüse zur Hand gehen sollte. Zu seinen Aufgaben zählte es auch, sich um die beiden Ferkel und das Federvieh zu kümmern, die im Laufe der Reise geschlachtet werden sollten, um als Frischfleisch zu dienen. Als Schiffskoch war Ned dafür verantwortlich, die Tiere zu töten und zu zerlegen. Auch darin hatte er mit den Jahren einige Übung bekommen.

Richard, der erst siebzehn Jahre alt war und von allen Dick genannt wurde, war ein netter, sehr aufgeschlossener und stets fröhlicher Bursche, der sich wie ein kleiner Lausejunge auf die Reise freute. Es war seine erste Fahrt auf hoher See, und auch ihm hatte man das Angebot gemacht, nach der Ankunft in Australien Mitglied der Crew zu bleiben. Dick war ungemein wissbegierig und fleißig, es machte ihm nichts aus, dass ihm die kleinste Koje zugewiesen wurde und er die dreckigste Arbeit zu verrichten hatte. Er schien die ganze Reise als lustiges Abenteuer zu betrachten. Die Fahrt auf der Mignonette würde aus ihm einen Mann machen.

Um Mitternacht begann Neds erste Nachtwache, und als die Glocke acht Glasen schlug und er sich auf seinen Posten begab, machte sich auch in ihm ein seltsames Hochgefühl breit. Hinter ihnen verschwand der Leuchtturm von Eddystone am Horizont, und vor ihnen lag die dunkle Weite des Atlantiks. Edwin Stephens, als Maat für die Positionsbestimmung und das Führen des Logbuchs verantwortlich, schrieb auf eine leere Seite: »Wir liefen aus und warfen einen letzten Blick auf die Heimat.«