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Doch Neds Blick richtete sich nur nach vorne. Auf die Zukunft. Was vergangen war, zählte nicht mehr. Er ließ es hinter sich zurück. Für immer.

TAG 48

Samstag, 5. Juli 1884

Seit mehr als zehn Tagen kämpften sie nun schon gegen Stürme an, die beinahe ununterbrochen aus ständig wechselnden Richtungen auf sie eindroschen, als wollten sie das kleine Schiff unter den sich hoch auftürmenden Wellen zerquetschen. Noch nie hatte Ned ein solches Unwetter erlebt. Die See war wie wild geworden, die Sturmböen peitschten über das wirbelnde Wasser, ließen die gerefften Segel knallen, und der Regen prasselte unermüdlich auf sie ein, als stünde ihnen eine zweite Sintflut bevor. Seit Tagen hatten sie kaum geschlafen. Entweder waren sie an Deck vollauf damit beschäftigt, das Schiff hart am Wind zu steuern, ohne die Kontrolle über das gelaschte Ruder, die Taue und die zum Bersten gespannten Segel zu verlieren, oder sie arbeiteten unter Deck an den Pumpen, um das durch den schadhaften Kiel eindringende Wasser nach draußen zu befördern.

Selbst wenn zwischendurch der Sturm etwas nachließ und sie kurz verschnaufen konnten, ließen das wütende Stampfen der See und das abrupte Auf und Ab der Planken sie nicht zur Ruhe kommen. Hinzu kam, dass sie wegen des Seegangs den Herd in der Kombüse nicht benutzen konnten und sich seit Tagen von Schiffszwieback und Trockenobst ernährten. Das Frischfleisch der geschlachteten Tiere war ohnehin längst aufgebraucht. Sie waren allesamt erschöpft und ermattet, und mit dem Schwinden der Kräfte stieg die Reizbarkeit, aber ein Ende des Sturms war nicht in Sicht.

Dabei hatte die Fahrt so verheißungsvoll begonnen. Kapitän Dudley hatte seiner Crew den ehrgeizigen Plan vorgestellt, die Strecke nach Sydney in gerade einmal 120 Tagen zu bewältigen und dabei 120 Meilen am Tag zurückzulegen. Ned bezweifelte zwar, dass dies mit einer einmastigen Segeljacht möglich war, behielt seine Meinung aber für sich. Wann sie in Sydney ankamen, war ihm letztlich egal, schließlich nahmen sie nicht an einer Regatta teil. Wichtig war allein, dass sie es überhaupt bis nach Australien schafften.

Am 2. Juni, zwei Wochen nach dem Auslaufen in Southampton, erreichten sie Madeira und füllten dort die Vorräte auf. Nur eine Woche später passierten sie bereits die Kapverdischen Inseln. Weil noch genug Fleisch, Gemüse und Wasser an Bord war, liefen sie keinen Hafen an, sondern nützten die günstigen Winde, um möglichst schnell zum Kap zu gelangen.

Sie überquerten den Äquator am 17. Juni, fast genau einen Monat nachdem sie im Hafen von Southampton den Anker gelichtet hatten. Nach altem Seemannsbrauch erhielt Kapitän Dudley seine Äquatortaufe, indem er von den anderen ordentlich mit Sand abgerieben und anschließend mehrmals grob unter Wasser getaucht wurde. Eigentlich hätte auch Dick Parker die Taufe beim erstmaligen Überfahren des nullten Breitengrades erhalten müssen, doch die anderen sahen in seinem Fall davon ab. Sie hatten ihren derben Spaß mit Tom Dudley gehabt, und das musste reichen.

Anders als die meisten anderen Seefahrer war Ned kein abergläubischer Mensch, auch wenn er gern Seemannsgarn spann und sämtliche Schiffsrituale kannte und bereitwillig mitmachte. Allerdings glaubte er nicht an Klabautermänner, Riesenkraken und Monsterwellen, auch nicht an böse Omen oder Unheil verkündende Vorzeichen. Die Äquatortaufe war für ihn nur ein harmloser Schabernack, bei dem der Meeresgott Neptun durch die Reinigung der Neulinge gnädig gestimmt werden sollte. Ein alberner Spaß, mehr nicht. Dass sie bei Dick auf die obligatorische Taufe verzichtet hatten, kümmerte oder besorgte ihn nicht. Weil Kapitän Dudley während der Fahrt jeden Alkohol verboten hatte, fiel der interessanteste Teil der Äquatortaufe, die abschließende Trinkzeremonie, ohnehin ins Wasser. Andernfalls hätte Ned bestimmt auf einer zweiten Taufe bestanden.

Doch mit dem Passieren des Äquators begannen die Probleme an Bord und die Tücken des Wetters. Zunächst gelangten sie in den Kalmengürtel, der sich zwischen dem Nordostpassat auf der Nordhalbkugel und dem Südostpassat auf der Südseite des Äquators erstreckte; sie gerieten in eine für diese Gegend typische, lang anhaltende Flaute. Es war so heiß und stickig unter Deck, dass die Männer die ganze Zeit im Freien verbrachten und auch an Deck schliefen. Der Stillstand und das unfreiwillige Nichtstun drückten zusehends auf die Laune. Zugleich sickerte immer mehr Wasser durch den Kiel, weshalb der Kapitän befahl, die Beplankung mit Pech und Werg zu kalfatern. Der Gestank trug bei der brütenden Hitze nicht gerade zur allgemeinen Belustigung bei.

Am 25. Juni schlug das Wetter plötzlich um. Als die steife Brise aufkam, glaubte Ned zunächst, sie hätten endlich die Kalmen verlassen und die südöstlichen Passatwinde erreicht, doch ein Blick über die Luvseite des Schiffes belehrte ihn eines Besseren. Eine tiefschwarze Wand baute sich im Westen auf und näherte sich ihnen schneller als eine Dampflokomotive. Nur wenige Minuten später traf eine Sturmbö auf das Großsegel und ließ es wie eine Peitsche knallen. Der Regen klatschte in dicken Tropfen aufs Wasser, die See baute sich in Sekundenschnelle bedrohlich auf, das Schiff schlingerte wie angestochen hin und her und bekam starke Schlagseite.

»Alle Mann an Deck!«, rief der Maat und klammerte sich ans Ruder. Der erste von drei aufeinanderfolgenden Stürmen hatte sie gepackt.

Zehn Tage war das nun her. Sie ahnten damals, als der erste Sturm fünf Tage lang aus Nordwesten auf sie einpeitschte, noch nicht, dass ihnen das weitaus Schlimmste noch bevorstand. Am letzten Junitag drehte der Wind mit einem Mal auf Südwest, ohne dass das Unwetter an Heftigkeit nachließ. Kapitän Dudley ließ das Großsegel bergen und stattdessen das Trysegel setzen, ein kleines, dreieckiges Sturmsegel aus schwerem Segeltuch. Doch an ein Vorwärtskommen war kaum zu denken. Die meiste Zeit waren sie damit beschäftigt, Schaden vom Schiff abzuwenden, ohne selbst über Bord gespült zu werden. Zwei weitere Tage dauerte das Unwetter. Als am 2. Juli der Sturm plötzlich abflaute, rief Dick, dem die ganze Zeit speiübel gewesen war und der nichts in seinem Magen behalten hatte: »Geschafft! Jetzt hab ich auch meine Äquatortaufe!«

Ned und die anderen ahnten, dass es noch nicht vorbei war. Der Sturm machte nur eine Pause. Wenn er erneut ausbräche, würde es aufgrund der jetzt schon recht aufgewühlten See für die Mignonette noch gefährlicher werden. Doch niemand brachte es über Herz, dem Jungen die bittere Wahrheit zu sagen. Darum nickten sie nur stumm und wichen seinen erleichterten Blicken aus.

Bereits in der nächsten Nacht brach das Unheil über sie herein. Und diesmal war der Wind noch stärker, die Wellen noch höher, und die See hatte noch weniger Mitleid mit ihnen. Obwohl die Segel gerefft waren, riss das Großsegel entzwei, und sie mussten das kleine Sturmsegel setzen. Die Wellen bauten sich zu wahren Gebirgen auf, der Mast bog sich, dass sie jeden Moment mit einem Mastbruch rechnen mussten, und das Schiff wurde von den Böen so weit nach Lee gedrückt, dass sie sich festbinden mussten, um nicht über Bord zu gehen. Zwei Tage blieb das so, bis alle Mitglieder der Crew mit ihren Kräften am Ende waren. Die Schlaflosigkeit hatte sie reizbar und aggressiv gemacht. Lange würden sie es in ihrer Erschöpfung nicht mehr aushalten. Jeder Fehler könnte nun ihr letzter sein.

Inzwischen war der 5. Juli, der dritte Tag des dritten Sturms, und das Wetter war noch schlechter geworden. Die Wellen hatten eine Höhe von über dreißig Fuß und kamen in immer kürzeren Abständen, der Sturm brüllte wie ein wildes Tier, die Segel knallten wie Pistolenschüsse, die Schoten jaulten, der Mast knurrte. Die Männer hatten alles gegeben und sich völlig verausgabt. Das schien schließlich auch Kapitän Dudley einzusehen, und er gab den Befehl zum Beidrehen. Mit einer frischen Mannschaft hätten sie sicherlich noch einige Tage vor dem Wind ablaufen können, doch es ging einfach nicht mehr, deshalb ließ er abwettern. Das Ruder wurde auf Luv gesetzt und angelascht, das Tyrsegel wurde ein Stück freigegeben, bis es im Windschatten des Vorsegels stand und zu flattern begann. Das bewirkte ein Anluven, bei dem sich das Schiff mit dem Bug in den Wind drehte und sozusagen von alleine segelte. Solange die Segel hielten, blieb die Segeljacht auf diese Weise relativ ruhig im Wasser und konnte starken Stürmen trotzen. Fahrt war damit natürlich nicht zu machen, doch wichtiger war es, den Männern eine Verschnaufpause zu verschaffen, denn niemand wusste, wie lange die Stürme noch andauern würden.