Der Frieden dauerte nicht einmal eine halbe Stunde. Ned war gerade damit beschäftigt, die Taue am Rettungsboot nachzuziehen, als er den Maat am Ruder schreien hörte: »Vorsicht!«
Ned schaute nach Luv und erstarrte. Eine Welle von womöglich sechzig Fuß Höhe nahm den gesamten Horizont ein, wie eine schwarze Wand aus Wasser mit weißen Schaumkronen, die darauf hindeuteten, dass die gigantische Welle drauf und dran war, sich wie ein gefräßiges Raubtier auf sie zu stürzen. Ned hatte immer über das Seemannsgarn gelacht und die Geschichten von Monsterwellen für maßlose Übertreibungen gehalten, doch was er nun vor sich sah, ließ sich nicht anders beschreiben: Es war ein Monster!
Schnell wickelte er die Leine zweimal um seinen Arm, klammerte sich am Dingi fest und schickte ein Stoßgebet zum Himmel. Nur wenige Augenblicke später brach die Welle mit einer solchen Wucht über sie herein, dass ihm Hören und Sehen verging. Das Seil schnitt ihm ins Fleisch, er wurde mit dem Kopf gegen das Rettungsboot geschleudert, schnappte nach Luft und schluckte gleichzeitig Wasser. Es schien ihm, als machte das ganze Schiff einen Purzelbaum, oben und unten waren nicht mehr zu unterscheiden, die Welle hatte alles unter sich begraben, wirbelte sie wie Spielzeug herum.
Als Ned wieder zu sich kam, sah er den Kapitän, der direkt vor ihm stand und ihn mit verzerrter Miene anbrüllte, doch Ned war wie taub und hörte nichts. Allerdings verstand er ihn auch ohne Worte. An der Luvseite des Schiffes hatte die Welle die seitliche Beplankung des Schiffes eingedrückt und weggerissen. Die Mignonette hatte ein riesiges Loch und würde unweigerlich und binnen kürzester Zeit sinken. Sie mussten das Dingi zu Wasser lassen.
Während sich der Maat weiterhin wie unter Schock an das Ruder klammerte und Dick unter Deck eilte, um das Wasserfass heraufzuholen, durchschlugen Ned und der Kapitän die Taue mit der Axt und hievten das Beiboot über die Reling. Nachdem Dick das Fass ins Wasser geworfen hatte, aus dem sie es später herausfischen wollten, und Ned das Dingi mit der Vorleine am Heck der Jacht befestigt hatte, kletterten die beiden ins Boot. Auch Stephens, der inzwischen das Ruder verlassen hatte, eilte zu ihnen ins Dingi. Der Kapitän, inzwischen der Letzte an Bord, verschwand noch einmal im Niedergang, obwohl die Mignonette bereits sank und die Kajüte vermutlich brusthoch unter Wasser stand. Das Schiff begann sich bereits zu drehen, als er endlich am Heck wieder auftauchte, die Hände voller Dosen und anderer Gerätschaften. Doch bevor er das Beiboot erreichte, machte die Jacht einen Ruck. Der Kapitän stürzte und warf die Sachen ins Wasser, dann rappelte er sich auf und sprang zu seinen Männern ins rettende Dingi. Während Ned die Vorleine losriss, sammelten die anderen die Dosen und Gegenstände ein, die sie bei dem heftigen Seegang zu fassen bekamen. Zwei Dosen mit Essen, den Sextanten und den Chronometer konnten sie auf diese Weise noch ergattern. Das Wasserfass, das Dick als Erstes ins Wasser geworfen hatte, war hingegen nirgends zu sehen. Die Strömung hatte es abgetrieben.
Gerade einmal fünf Minuten waren vergangen, seit die Monsterwelle das Schiff leckgeschlagen hatte, da bäumte sich plötzlich der Bug der Mignonette auf, dann versank die Jacht gurgelnd mit dem Heck voran in der schäumenden See.
TAG 68
Freitag, 25. Juli 1884
Heute war der Tag. Ned wollte nichts damit zu tun haben, das hatte er den beiden anderen mehrmals und sehr deutlich zu verstehen gegeben. Und doch wusste er, dass er es nicht verhindern konnte. Nicht verhindern würde. Denn auch er war in den letzten zwanzig Tagen zum wilden Tier geworden, das nur eines wollte: nicht sterben! Auch wenn er dafür über Leichen gehen musste. Oder andere darüber gehen ließ.
Zwei Tage waren sie nach dem Untergang der Mignonette noch in ihrem Rettungsboot dem unvermindert heftigen Sturm ausgeliefert gewesen. Dass sie nicht gekentert waren, hatten sie einzig der Tatsache zu verdanken, dass sie aus einer Gräting und dem Gestell des verschollenen Wasserfasses, die sie aus den Wellen gefischt hatten, einen provisorischen Treibanker gebaut hatten, der den Bug des Bootes in die See drehte. Weil das Dingi beim Zu-Wasser-Lassen beschädigt worden war, waren sie die ganze Zeit damit beschäftigt, eingedrungenes Wasser mit einem kleinen Ösfass und den Kapuzen ihres Ölzeugs auszuösen.
In den beiden Blechdosen, die Kapitän Dudley in letzter Sekunde aus der Kajüte geholt hatte, befanden sich eingelegte Steckrüben. Insgeheim hatte Ned gehofft, es könnte Fleisch darin sein, doch in der Eile hatte der Kapitän einfach das Erstbeste gegriffen, das ihm in der Kombüse untergekommen war. Nachdem der Sturm am 7. Juli etwas nachgelassen hatte, öffneten sie die erste Dose und verschlangen die Rübenstücke und den Saft fast ehrfürchtig, als handelte es sich um feinste Delikatessen. Ihre Versuche, mit dem Ölzeug Regenwasser zu sammeln, waren nur mäßig erfolgreich, auch weil sie zunächst das Salzwasser vom Ölzeug abwaschen mussten, bevor sie den Regen in den Mund tropfen lassen konnten. Trotz des Hungers und des Durstes war die Stimmung anfangs noch nicht am Boden. Immerhin waren sie mit dem Leben davongekommen und hatten das Kunststück fertiggebracht, mit dem winzigen Dingi dem Sturm zu trotzen. Erst als der Maat mit dem Sextanten ihre Lage bestimmt hatte, verschlechterte sich ihre Moral merklich. Sie befanden sich mitten auf dem Atlantik, eintausendsechshundert Meilen vom Kap der Guten Hoffnung entfernt und fast zweitausend Meilen von Südamerika, wohin die südwestliche Passatströmung sie nun trieb. Außerdem waren sie fernab der üblichen Dampferrouten gesegelt, was es äußerst unwahrscheinlich machte, dass sie in Kürze einem Schiff begegneten.
Am Mittwoch, vier Tage nach dem Verlust der Jacht, konnten sie eine Schildkröte fangen, die an der Meeresoberfläche döste und von deren Fleisch, Blut und Haut sie sich fast eine Woche ernährten. Mit dem Abflauen des Sturms endete jedoch auch ihre Möglichkeit, Regenwasser zu sammeln. Überdies waren sie nun der brüllenden Sonnenhitze ungeschützt ausgesetzt. Die einzige Flüssigkeit, die sie noch zu sich nehmen konnten, war ihr eigener Urin. Doch auch der war bald zähflüssig und ungenießbar.
Kapitän Dudley schlug vor, aus den Hemden und einigen schmalen Bootsplanken ein Segel zu fertigen, um schneller zu den westlich gelegenen Schifffahrtsrouten zu gelangen, doch das hätte bedeutet, dass sie am ganzen Körper verbrannten und ihr Durst noch quälender würde, weshalb sie sich zunächst dagegen entschieden. Mit dem Passat trieben sie zumindest in die richtige Richtung, alles Weitere würde sich zeigen. Nun half nur noch beten. Und sich kräftig in die Riemen legen.
Ned hatte mit dem Durst und dem Hunger anfangs keine großen Probleme. Viel schlimmer war für ihn zu Beginn der Reise das Alkoholverbot des Kapitäns gewesen, das bei Ned in den ersten Tagen zu Zitteranfällen, Hitzewallungen und Schweißausbrüchen geführt hatte. Dass sie jetzt nur wenige Tropfen Regenwasser am Tag zur Verfügung hatten und an ranzigen Schildkrötenresten nagten, machte ihm weniger aus, als er gedacht hätte. Es fiel ihm zunächst auch nicht schwer, die Warnung des Kapitäns in Bezug auf das Seewasser zu beherzigen. Auf keinen Fall dürften sie Salzwasser trinken, hatte Dudley sie ein ums andere Mal beschworen, das sei lebensgefährlich und könne sie töten.