Vor allem Dick litt unter dem Durst. Er schien nicht begreifen zu können, dass sie nichts zu trinken hatten, obwohl sie doch von Wasser umgeben waren.
»Wasser kann man trinken«, sagte er mit gequälter Miene, »und Salz kann man essen. Wieso ist Salzwasser dann ungenießbar? Das will mir nicht in den Kopf.«
»Warum das so ist, kann ich dir nicht erklären«, antwortete der Kapitän. »Aber dass es so ist, musst du mir einfach glauben. Es würde den Durst nur noch schlimmer machen. Und am Ende würden wir davon sterben.«
Dick schien nicht überzeugt zu sein, er wiegte nachdenklich den Kopf.
»Ich hab von Schiffbrüchigen gehört, die verrückt geworden sind«, mischte sich Ned ein und legte dem Jungen besänftigend die Hand auf die Schulter. »Sie haben Meerwasser getrunken und anschließend den Verstand verloren. Einer von ihnen hat in seinem Wahn die anderen für Angreifer gehalten und sich mit dem Messer auf sie gestürzt. Er musste von seinen Kameraden getötet werden.« Ned schaute dem Jungen direkt ins ausgemergelte und beinahe bartlose Gesicht und setzte eindringlich hinzu: »Der Kapitän hat recht. Wir würden daran krepieren.«
Dick schaute Hilfe suchend zum Maat, doch der presste die Lippen aufeinander und zuckte mit den Schultern.
»Hast du mich verstanden, Dick?«, fragte der Kapitän.
»Ay, Sir!«, antwortete der Junge. Doch seine Miene sagte etwas anderes.
Am 17. Juli waren sämtliche Doseninhalte, Schildkrötenreste und Regenwasservorräte aufgebraucht, und in der ganzen Zeit hatten sie nicht ein einziges Segel am Horizont gesehen. Ihre Zungen waren aufgequollen, die Haut brannte, als würde sie über dem Feuer geröstet, und jede Bewegung schmerzte in den Gelenken, was das Pullen an den Riemen zu einer Tortur machte. Die einzigen Fische, die sie in den letzten Tagen zu Gesicht bekommen hatten, waren Haie gewesen, und eines dieser gefräßigen Ungeheuer hatte das Dingi offensichtlich für Nahrung gehalten und mit dem Rücken gerammt, sodass sie beinahe gekentert wären. Wenn sie nicht bald von einem Schiff gerettet würden oder durch ein Wunder an Nahrung gelangten, würden sie alle sterben. Also beschlossen sie, doch das Segel zu errichten, auch auf die Gefahr hin, einen Hitzschlag zu bekommen oder in der Sonne verrückt zu werden. Schlimmer konnte es ohnehin kaum kommen.
Doch es kam noch schlimmer. Nach drei weiteren quälend langen Tagen ohne Wasser und Nahrung brachte der Kapitän ein ungeschriebenes Gesetz ins Gespräch, das er den »Brauch des Meeres« nannte. Sie sollten Lose ziehen, meinte er, denn es sei nicht einzusehen, dass sie alle krepierten, wenn doch das Opfer eines einzigen Mannes das Leben der anderen retten könnte. Ned wurde bei dem Gedanken speiübel. Er schüttelte heftig den Kopf und beteuerte, lieber sollten sie alle sterben, als dass das Blut eines Menschen an ihren Händen klebte. Immerhin seien sie gläubige Christenmenschen und keine gottlosen Kannibalen. Stephens pflichtete ihm bei, damit war das Thema fürs Erste beendet.
Doch der Gedanke hatte sich in Neds Kopf eingepflanzt und verfolgte ihn nicht nur in seinen Alpträumen, sondern auch am Tag, wenn er immer häufiger von seltsamen Zerrbildern und Hirngespinsten heimgesucht wurde. Die flirrende Hitze, das gleißende Sonnenlicht und seine entzündeten Augen ließen ihn merkwürdige Gestalten sehen, die sich zu ihnen ins Boot gesellten. Es war beinahe so, als träumte er mit offenen Augen. Einmal betrachtete er Dick und hatte plötzlich das Gefühl, durch seine Bauchdecke hindurch auf seine Innereien schauen zu können. Ein Schauer fuhr ihm bei dem Anblick durch den Körper, doch es war auch ein wohliger Schauer, der ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ.
Ned hatte Angst, den Verstand zu verlieren. Er mied den Anblick seiner Kameraden und die Gespräche mit ihnen. Doch seine Gedanken hatte er nicht mehr unter Kontrolle. Sie hatten sich verselbstständigt.
Zwei Tage später, noch immer war kein Tropfen Regenwasser vom Himmel gefallen, hatte sich ihre Lage dramatisch verschärft. Sowohl Edwin Stephens als auch Dick Parker hatten in ihrer Not trotz der eindringlichen Warnungen des Kapitäns Salzwasser getrunken. Vor allem der Junge hatte so viel davon zu sich genommen, dass er nun mit starken Krämpfen und heißem Kopf daniederlag. Der Fieberwahn hatte ihn gepackt, und er redete nur noch wirres und unverständliches Zeug. Das verdammte Wasserfass schien immer noch in seinem Kopf herumzuspuken. Offensichtlich gab er sich die Schuld daran, dass sie ohne Trinkwasser ins Dingi gestiegen waren. Dabei hatte er nur getan, was der Kapitän befohlen hatte: das Fass neben dem Beiboot ins Wasser zu werfen. Die schwere Tonne hätte andernfalls den Boden des Dingis durchschlagen können, dann wären sie an Ort und Stelle in den Fluten ertrunken. Doch Schuldgefühle, das wusste Ned aus eigener Erfahrung, waren durch Verstand oder Vernunft kaum zu besänftigen.
Dudley beschwor die anderen, es könne keine Sünde vor Gott und kein Verbrechen vor dem Gesetz sein, wenn man sein Leben rettete, statt sich tatenlos dem Tode auszuliefern. Immerhin hätten er und der Maat eine Familie zu versorgen und müssten auch an Frau und Kinder denken, die ohne sie mittellos dastünden. Ned erstarrte bei dem Gedanken an seine eigene Familie, die er vor Jahren sitzen gelassen hatte. Doch er beharrte auf seiner Ablehnung und bekreuzigte sich beinahe beschwörend. Der Maat jedoch, dessen Gesundheit durch das Meerwasser sichtlich angegriffen war, zögerte und meinte, sie sollten noch ein wenig abwarten. Immerhin seien sie den Dampferrouten schon deutlich näher gekommen; es sei nicht undenkbar, dass sie in Kürze gerettet würden.
Am 24. Juli fiel Dick in eine fiebrige Ohnmacht. Er schüttelte sich und war nicht mehr ansprechbar, Schaum trat vor seinen Mund; es war abzusehen, dass er in Kürze sterben würde. Sie waren alle bis auf die Knochen abgemagert. Wenn sie noch lange warteten, wären sie schon rein körperlich nicht mehr in der Lage, irgendetwas zu unternehmen. Sie müssten auf der Stelle handeln, sagte der Kapitän und wies auf den Kabinenjungen, der dem Tod entgegendämmerte.
»Warten wir, bis er tot ist«, antwortete Ned ausweichend.
»Dann gerinnt das Blut, und wir können es nicht mehr trinken«, wehrte der Kapitän ab. »Der Junge wird ohnehin sterben. Wir erleichtern ihm nur sein Schicksal. Das sagt der Brauch des Meeres. So ist es rechtens.«
»Ohne das Los entscheiden zu lassen?«, gab Ned zu bedenken und hob abwehrend die Hand. »Dann werden wir zu Mördern.«
Wieder wies der Kapitän auf den röchelnden Jungen und sagte: »Gott hat das Los bereits gezogen. Dick wird sterben, ob wir ihn nun töten oder nicht.«
Ned antwortete nicht. Aber er schüttelte auch nicht den Kopf. Er versuchte, die Stimmen in seinem Kopf zu ignorieren. Doch sie wurden immer lauter.
»Morgen«, sagte Stephens. »Wenn wir bis dahin kein Segel gesehen haben …« Er ließ den Satz unbeendet und schaute stattdessen auf seine Hände, die wie die eines Skeletts aussahen. Dann wiederholte er: »Warten wir bis morgen.«
Heute war der verabredete Tag. Der 25. Juli des Jahres 1884. Ein Freitag. Es ging auf den Abend zu. Kein Schiff weit und breit, keine Regenwolke am Himmel, keine Rettung in Sicht. Nur ein armer kranker Kabinenjunge im Bug des Dingis. Ein verzweifelter Kapitän mit einem Taschenmesser in der Hand. Und ein erbärmlich dreinschauender Maat mit zwei leeren Blechdosen, um das Blut aufzufangen.
»Geh ans Ruder, Brooks!«, sagte der Kapitän, aber es war kein Befehl, sondern eine Bitte. »Und schau nicht hin!«
Ned wollte nichts damit zu tun haben, aber er wusste, dass er etwas damit zu tun haben würde. Ob er es wollte oder nicht. Er ging ans Ruder, klammerte sich an die Pinne und verbarg seinen Kopf unter der Öljacke. Wie ein kleiner Junge, der sich die Hände vor die Augen hielt, um nicht gesehen zu werden. Um nicht mehr da zu sein.