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Es waren nicht in erster Linie religiöse Gründe gewesen, die ihn bewogen hatten, der Tötung des Jungen zu widersprechen. Ned hatte in seinem liederlichen Leben so viele Sünden begangen, sowohl lässliche als auch Todsünden, dass es darauf letzten Endes gar nicht ankam. Nein, vor Gott oder den Strafen der Hölle hatte er keine Angst, eher schon vor sich selbst. Vor dem, was danach kommen würde. Wenn sie Dick töteten, würden sie eine Grenze überschreiten, hinter die sie nie wieder zurücktreten könnten. Wie ein Flaschengeist, der nicht mehr einzufangen war, wenn er erst einmal aus seinem Glasgefäß entkam. Sie würden zu reißenden und unbarmherzigen Tieren werden. Zu grausamen Bestien. Wen würden sie als Nächsten töten? Wen würde er umbringen, um nicht selbst sterben zu müssen? Nichts wäre so, wie es vorher war. Nichts.

Ned schaute unter dem Ölzeug hervor. Der Kapitän und der Maat standen am Bug über den Jungen gebeugt, und es schien so, als betete der Kapitän. Plötzlich hob Dick den Kopf und starrte auf das Messer. Es war, als wachte er ein letztes Mal aus dem Fieberkoma auf und sträubte sich gegen sein Schicksal.

»Was, ich, Sir?«, rief er, ohne jedoch die Hand zur Abwehr heben zu können.

Und dann stieß ihm der Kapitän das Messer in den Hals.

Das gurgelnde Geräusch ging Ned durch Mark und Bein. Und es weckte zugleich seine Lebensgeister. Wie ein Hai, der vom Blut angelockt wird und sich in seiner Gier auch auf seine verwundeten Artgenossen stürzt, schnellte Ned in die Höhe und lief zum Bug.

»Gebt mir auch davon!«, rief er, griff nach einer der Dosen und setzte sie sich an die Lippen. Das warme, klebrige Blut schmeckte fürchterlich und köstlich zugleich, und er nahm einen großen Schluck, der wie zähflüssiger Tran die Kehle hinunterrann.

Dass Dick gerade lautlos mit dem Tode rang, versuchte Ned aus seinem Kopf zu bannen. Er war ein guter Junge gewesen. Friede seiner unsterblichen Seele! Jetzt ging es allein darum, sein Blut zu teilen, bevor es gerann, und das eigene Überleben zu sichern. Was geschehen war, konnte nicht mehr ungeschehen gemacht werden. Der Geist war aus der Flasche.

»Und nun?«, fragte Stephens, nachdem sie die Dosen leergetrunken hatten und das nur noch tröpfelnde Blut zu gerinnen begonnen hatte.

»Das Herz«, sagte der Kapitän und hielt das blutige Messer in die Höhe. »Und die Leber. Wir müssen ihn zerlegen.«

Ned zögerte nur kurz. Er war der Schiffskoch und kannte sich aus. Er wusste, was zu tun war. Es gehörte zu seiner Arbeit. Das war nicht Dick, der dort lag, sondern frisches Fleisch, das verarbeitet werden musste. So rasch wie möglich. Also nahm er das Messer und setzte es direkt unter dem Brustbein an.

Nichts galt mehr, schoss es ihm durch den Kopf, als er zustach.

FÜNFTER TEIL

RUPERT INGRAM

»We are each our own devil,

and we make this world our hell.«

(»Wir sind jeder unser eigener Teufel,

und wir machen uns diese Welt zur Hölle.«)

Oscar Wilde, The Duchess of Padua, 1883

MONTAG, 22. OKTOBER 1888

1

Seit zwei Tagen saß ich nun schon in dieser düsteren und stinkenden Zelle im rückwärtigen Teil der Polizeiwache am Snow Hill. Seit zwei Tagen starrte ich auf die Gitterstäbe, versuchte vergeblich, das wirre Gerede meines Zellengenossen zu ignorieren, und wartete darauf, aus diesem Irrsinn entlassen oder wenigstens einem Richter vorgeführt zu werden. Noch immer begriff ich nicht, wie es dazu gekommen war. Wie es dazu hatte kommen können. Es war wie ein Alptraum, aus dem man nicht aufwachen konnte. Noch nie in meinem Leben war ich mir so jämmerlich und erbärmlich vorgekommen. Und das nicht nur, weil ich von einem Polizisten niedergeschlagen worden war.

Als ich am Samstagmittag nach meiner Ohnmacht wieder zu mir kam, saß ich in einem vergitterten Polizeiwagen, einer sogenannten »Black Maria«, mit Handschellen an den Händen und einem hämmernden Schmerz im Schädel. Mir gegenüber hockte der Constable, der mich mit dem Schlagstock niedergestreckt hatte und nun sehr zufrieden dreinschaute. Ich verstand nicht, was vorgefallen war und wieso man mich verhaftet hatte. Ich hatte doch gar nichts getan, niemanden verletzt oder bedroht. Wieso behandelte man mich wie einen Verbrecher? Auf meine Fragen antwortete der Constable, der die Nummer 189c auf seinem Stehkragen trug, lediglich mit einem Schulterzucken, und er wiederholte die Worte, die er zuvor an der Themse gesagt hatte: »Ich hatte Sie gewarnt, Sir.«

Ich wurde zum Snow Hill gebracht und auf der Polizeiwache nach meiner Person und meiner Adresse befragt. Da ich keinerlei Papiere bei mir führte, die meine Identität bestätigen konnten, nannte ich dem diensthabenden Constable hinter dem Tresen meinen Vater und meine beiden Brüder als Bürgen und bat darum, sie umgehend zu informieren. Falls nötig, könnten sie eine Kaution oder schriftliche Bürgschaft für mich hinterlegen.

»Ihr Vater ist Mr. Harvey Ingram, der Besitzer des Hatchett’s Hotel in Mayfair?«, fragte der Constable und betrachtete verwundert meine verdreckte und zerrissene Zimmermannskleidung. »Und Sie sind Mr. Rupert Ingram, Geschäftsführer des Crown Hotel in der Dover Street?«

»Ganz richtig«, bestätigte ich und knetete den Schlapphut vor meinem Bauch.

»Warum die Verkleidung, Sir?«, fragte der Diensthabende und machte eine sauertöpfische Miene. Auch er hatte eine Nummer auf dem Kragen, sie lautete: 408c. Vermutlich stand das C für City.

Ich zuckte mit den Schultern und sagte: »Das ist eine lange Geschichte.«

»Und warum haben Sie die junge Frau angegriffen?«, fragte der Polizist, der mich verhaftet hatte und nun ebenso verwundert anstarrte.

»Ich habe sie nicht angegriffen, Officer«, protestierte ich.

»Ich war Zeuge des Vorfalls«, beharrte der Constable wichtigtuerisch.

»Es gab keinen Vorfall. Wir haben nur geredet. Sie haben mich angegriffen.« Dabei deutete ich mit gefesselten Händen auf die Beule an meinem Hinterkopf.

»Sie haben sich den Anordnungen der Polizei widersetzt.«

»Ich habe nichts dergleichen getan«, widersprach ich.

»Ich hatte Sie gewarnt, Sir!« Constable Nr. 189c schien diesen Satz sehr zu mögen. »Sie wollten mich ebenfalls attackieren.«

»Das stimmt nicht!«, rief ich und hätte ihn in diesem Augenblick am liebsten wirklich attackiert. Was aber allein schon wegen der Handschellen nicht möglich war. »Ich habe lediglich mit den Armen herumgefuchtelt. Das wird ja wohl noch erlaubt sein.«

»Haben Sie getrunken?«, fragte der Diensthabende.

»Heute nicht.«

»Aber gestern«, erwiderte er, nickte wissend und machte eine Notiz auf seinem Zettel. »Verstehe.«

»Ich bin nicht betrunken, Officer«, antwortete ich flehentlich. »Lassen Sie mich doch gehen. Außer mir ist ja niemand zu Schaden gekommen.«

»Das wird das Gericht zu entscheiden haben«, sagte der Beamte hinter dem Tresen. Er wandte sich an einen älteren und pockennarbigen Polizisten, der die Szene ungerührt aus einem Lehnstuhl verfolgt hatte, und sagte: »Abführen!«

»Wann werde ich dem Richter vorgeführt?«, wollte ich wissen.

»Nicht am Wochenende«, sagte der Diensthabende achselzuckend.

»Benachrichtigen Sie bitte meinen Vater«, bat ich, während ich von dem älteren Constable nach hinten geführt wurde. »Das ist alles ein Missverständnis.«

Ich konnte nicht genau hören, was er antwortete, aber es klang wie: »Alles zu seiner Zeit!«

»Ich sitz schon seit Donnerstag hier drin«, begrüßte mich der etwa vierzigjährige und verlebt aussehende Mann, mit dem ich die Zelle teilen musste. Er klang, als wäre er sturzbetrunken, was allerdings kaum möglich war, wenn er bereits seit zwei Tagen hier festsaß. Er rollte plötzlich die Augen, als hätte er ein Sandkorn hineinbekommen, dann sagte er: »Die werden Augen machen, wenn ich auspacke. Und dann werden sie mich hängen.«