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»Hängen?«, staunte ich. »Wieso? Wofür?«

»Dafür!«, antwortete der Mann grinsend und bleckte dabei sein löchriges Gebiss. Er deutete durch die Gitterstäbe zur gegenüberliegenden Wand und fügte mit freudig verzerrter Miene hinzu: »Der da, das bin ich!«

Meine Augen folgten seinem Finger und landeten auf einem Aufruf der Polizei vom Anfang des Monats, der neben einigen Steckbriefen und amtlichen Hinweisen an einem Schaubrett angenagelt war. Darauf hieß es:

»Polizeiliche Bekanntmachung.

An die Bewohner.

Am Freitag, dem 31. August, am Samstag, dem 8. September, und am Sonntag, dem 30. September 1888, wurden in Whitechapel oder Umgebung Frauen ermordet, vermutlich von jemandem aus der unmittelbaren Nachbarschaft. Sollten Sie von irgendeiner Person wissen, der ein Verdacht anhaftet, so werden Sie dringend aufgefordert, sich unverzüglich mit der nächstgelegenen Polizeiwache in Verbindung zu setzen.«

»Sie sind Jack the Ripper?«, fragte ich und fuhr auf dem Absatz herum. »Sie haben Long Liz und die anderen Frauen ermordet?«

»Wen?«

»Elizabeth Stride! Sie wurde am 30. September in der Berner Street ermordet.« So hatte es mein Hauptmieter Edmund im Miller’s Court gesagt: »Das war unten in der Berner Street in Whitechapel.«

»Hab die Weiber nicht nach ihrem Namen gefragt«, antwortete der Kerl und lachte keckernd. »Und anschließend konnten sie nicht mehr reden.« Wieder entglitt ihm die Mimik, und er machte eine seltsame Fratze. Es schien beinahe so, als hätte er seine Gesichtsmuskeln nicht unter Kontrolle.

»Wie heißen Sie eigentlich?«, wollte ich wissen.

»Graham«, antwortete er und klopfte sich würdevoll auf die Brust. »Benjamin Graham. Den Namen müssen Sie sich merken. Können Sie Ihren Kindern von erzählen, dass Sie mit dem Ripper in einer Zelle gesessen haben. Bevor er gehängt wurde.« Plötzlich stutzte er, starrte mich an und fragte: »Berner Street?«

Man musste kein Polizist, Arzt oder Richter sein, um zu erkennen, dass dieser Mann ein Wirrkopf und Trunkenbold war, der offenkundig seinen Verstand versoffen hatte und nur dummes Zeug erzählte. Benjamin Graham war ebenso wenig der Ripper wie ich es war. Es schien fast so, als ginge es ihm lediglich darum, am Galgen aufgeknüpft und auf diese Weise berühmt zu werden. Mir wollte nicht einleuchten, warum die Polizei diesen armen Irren überhaupt eingesperrt hatte. Vermutlich waren sie über jeden Verdächtigen froh, den sie als möglichen Frauenmörder festnehmen konnten. Und sei es nur, um vor der Öffentlichkeit nicht als untätig dazustehen.

Trotzdem behagte mir der Gedanke überhaupt nicht, mit diesem Verrückten womöglich mehrere Nächte lang die Zelle teilen zu müssen. Er war gewiss nicht der vierfache Frauenmörder, aber geisteskrank war er auf jeden Fall, und ob er obendrein gefährlich war, konnte ich nicht einschätzen. Ich redete mir ein, dass bellende Hunde normalerweise nicht bissen, und bemühte mich, nicht auf den verqueren Unsinn zu hören, den Benjamin Graham beinahe ununterbrochen und in einem monotonen Gebrabbel von sich gab. Selbst im Schlaf redete er leise vor sich hin und stieß in unregelmäßigen Abständen wilde Flüche aus.

Zwei Tage war meine Verhaftung nun her, und in der Zeit hatte ich weder einen Richter noch ein Mitglied meiner Familie zu Gesicht bekommen. Auch die Polizisten wollten nichts mehr von mir wissen, sie hatten mich in ihren Akten vermerkt und in die Zelle gesperrt. Alles Weitere schien sie nicht zu interessieren. Auf meine Nachfrage war mir lediglich mitgeteilt worden, am Montagnachmittag würde ich zum Polizeigericht in der Guildhall gebracht und einem zuständigen Alderman vorgeführt. Dort würde sich entscheiden, ob ich sofort freikäme, auf Kaution entlassen würde oder in Untersuchungshaft bleiben müsste. Der pockennarbige Alte, bei dem ich mich erkundigt hatte, berichtete mir hinter vorgehaltener Hand, meine Familie sei bereits unterrichtet und wisse auch von dem Termin der Vorverhandlung. Von irgendwelchen Anstrengungen der Ingrams, mich vorzeitig aus der Zelle zu holen, sagte er nichts. »Das regelt sich alles am Montag, Jungchen«, setzte er hinzu und lächelte altersmilde.

Die Tage und Nächte in der beengten Zelle waren eine Qual. Nicht aus Angst vor Graham oder wegen des üblen Gestanks, der aus dem mit dünnen Bretterwänden abgetrennten und vermutlich seit Monaten nicht gereinigten Abort kam. Auch die drohende Gefahr, vom Richter wegen der dummen Lappalie verurteilt zu werden, erschien mir nicht so groß, dass ich davon schlaflose Nächte bekam. Nein, es waren vor allem die Langeweile und das Übermaß an Zeit, die mir zu schaffen machten. Das Warten und das Nichtstun nagten an mir, und je länger das Eingesperrtsein dauerte, desto ungeduldiger und gereizter wurde ich.

Jeder sinnvollen Beschäftigung beraubt, war ich meinen eigenen Gedanken ausgeliefert, die in meinem Kopf einen regelrechten Veitstanz aufführten. Alles ging hin und her, drunter und drüber, kreuz und quer, und es vermengte sich schließlich zu einem unentwirrbaren Knäuel. Ich dachte an Meredith Wright Barclay und die Hochzeit, die es nicht geben würde. An ihren Onkel Robert, der mich zum Brauer machen wollte. Ich dachte an meinen Vater und seine durchaus ernst zu nehmende Drohung, mir den Namen und mein Erbe zu nehmen. Und an Eva Booth und ihren verständlichen Grund, mich einen Satan zu nennen. Ich dachte nicht zuletzt an Long Liz und ihren Freund, den finsteren Hafenarbeiter Michael, dem ich zum willfährigen Handlanger geworden war, ohne die Folgen meines Handels auch nur zu erahnen. Und ich dachte an Simeon Solomon und das hübsche Mädchen, dessen Gesicht er angeblich vor acht Jahren gemalt hatte, was aus logisch zwingenden Gründen unmöglich war. All diese Menschen führten in meinem Kopf eine Art Hüpfreigen auf und schienen sich über mich lustig zu machen. Es war mir einfach nicht möglich, eine Ordnung in das Durcheinander zu bringen.

Außerdem schmerzten meine Augen, die Schläfen hämmerten unaufhörlich, und der Rattenbiss an meinem Muttermal eiterte und brannte wie Feuer. Nachts fuhr ich schweißnass aus Alpträumen auf, die seltsamerweise auch mit geöffneten Augen nicht aufhörten. Alles drehte sich im Kreis, als wäre ich betrunken.

Am heutigen Morgen war es mir kaum möglich gewesen, von der engen und harten Liege aufzustehen und mich aufzurappeln, um mir ein wenig Wasser ins geschundene Gesicht zu schütten. Mein verrückter Zellengenosse war bereits auf und schien sich diebisch zu freuen. Heute war sein großer Tag! Mir hingegen tat alles weh, und ich hätte mich am liebsten in einer Ecke verkrochen. Doch als der Wachhabende erschien, mit dem Schlagstock gegen die Gitterstäbe schlug und Besuch für mich ankündigte, war ich schlagartig hellwach. Auch wenn ich gleichzeitig das Gefühl hatte, das alles nur zu träumen.

Ich hatte gehofft, mein Vater oder besser noch einer meiner Brüder würde auf der Polizeiwache erscheinen, um mich aus diesem eisernen Käfig zu befreien, doch stattdessen war es der kleine Gray, der mich mit seinem verunstalteten Lausbubengesicht durch die Gitter anstarrte. Der Laufbursche des Hotels war von meinem Bruder William geschickt worden, ohne Wissen und gegen den ausdrücklichen Befehl meines Vaters, wie Gray gleich zu Beginn erklärte.

»Der Boss ist nicht gut auf Sie zu sprechen, Boss«, sagte er und verbesserte sich prompt: »Ich meine, Sir!« Er räusperte sich und fügte in verschwörerischem Tonfall hinzu: »Ganz schön dicke Luft im Hotel. Das können Sie mir glauben. Der Alte hat im Büro vom Boss getobt und wollte Sie am liebsten im Knast schmoren lassen. Keinen Finger würde er für Sie krumm machen, hat er geschrien. Würde Ihnen nur recht geschehen, dass Sie hinter Gittern sitzen. Vielleicht würden Sie dadurch endlich zur Vernunft kommen. Der Alte war fuchsteufelswild und hat gebrüllt, dass man’s durch die Wände hören konnte.«