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Ich hätte Gray wegen seiner despektierlichen Rede tadeln müssen, doch stattdessen verteidigte ich mich: »Dies ist kein Knast, sondern eine Polizeiwache.«

»Kommt aufs Gleiche raus, oder?«, antwortete er achselzuckend und stieß mit dem Fuß gegen das Gitter. »Zelle bleibt Zelle.« Damit schob er ein Stoffpaket durch die Stäbe und sagte: »Frische Wäsche. Für den Prozess.«

Ich schaute hinein und sah eine helle Leinenhose, ein weißes Hemd, eine Krawatte, eine lange Unterhose und ein paar Socken. Nur die Schuhe und eine Jacke fehlten.

»William hat die Jacke vergessen«, sagte ich.

»Oh!«, rief Gray und machte ein bekümmertes Gesicht. »Tut mir leid. Hab ich nicht dran gedacht.«

Da begriff ich, dass nicht William auf die Idee mit der frischen Wäsche gekommen war, sondern dass Gray die Sachen für mich zusammengesucht hatte. »Danke, Gray«, murmelte ich. »Es geht auch ohne Jacke. Und auf die Schuhe achtet im Gericht ohnehin keiner.«

Er nickte achselzuckend, deutete dann mit dem Zeigefinger auf meine rechte Wange und sagte: »Das sieht nicht gut aus, Boss.«

»Ist nur ein Rattenbiss.«

»Scheint entzündet zu sein«, beharrte er und schob die Unterlippe vor.

»Ja, schon gut«, wehrte ich ab und fragte: »Wird mein Vater zur Verhandlung kommen? Oder hat William dir Geld mitgegeben, damit ich eine Kaution hinterlegen kann? Ich muss hier raus, Gray, sag ihnen das!«

»Das wissen die auch ohne dass ich’s ihnen sage«, erwiderte er und grinste plötzlich. »Man sollte sich halt nicht mit ’nem Copper anlegen, Boss. Das bringt nichts, man zieht doch nur den Kürzeren. Besser aus dem Weg gehen. Nichts wie weg, so halt ich’s immer mit der Polente. Und bloß keine Widerworte. Das können die von der Schmiere beim Teufel nicht ausstehen.«

»Danke für den Ratschlag«, knurrte ich und wiederholte meine Frage: »Wer wird von der Familie zum Gericht kommen?«

»Der Boss, also Master William«, antwortete er wie beiläufig. »Irgendeiner muss ja für Sie bürgen. Mein Wort zählt da wahrscheinlich nicht viel. Und Ihr Vater«, er wedelte mit der rechten Hand und pfiff leise, »mit dem ist nicht gut Kirschen essen, Boss. Der würde sie am liebsten noch länger hier schmoren lassen.«

»Das sagtest du bereits«, unterbrach ich ihn und war zugleich froh über seine Worte. Die Auseinandersetzung mit meinem Vater hätte ich vermutlich nicht überstanden. Williams zu erwartender Spott und seine Häme waren allemal besser zu ertragen. Auch wenn ich der wütenden Tirade meines Vaters auf Dauer nicht aus dem Weg würde gehen können.

»Sonst noch was, Sir?«, fragte Gray und wollte sich die Mütze aufsetzen. »Brauchen Sie vielleicht was zu essen?«

»Nein, ich bin nicht hungrig«, antwortete ich, winkte ihn aber trotzdem zu mir heran. »Du kannst mir einen Gefallen tun. Geh bitte zum Hauptquartier der Heilsarmee in der Queen Victoria Street und frag nach Captain Eva Booth.«

»Kann die Spinner nicht leiden«, antwortete er und kratzte sich die Nase.

»Du sollst sie nicht leiden können, sondern nach Miss Eva Booth fragen.«

Der Junge runzelte die Stirn und fragte: »Ist das die Frau, die Sie in der City angegriffen haben?«

»Ich habe niemanden angegriffen!«

»Verstehe«, antwortete er und nickte, als hätte er nie etwas anderes behauptet. »Und dann? Was mach ich mit dem Captain?«

»Bitte sie höflich, am Nachmittag zur Guildhall zu kommen.«

»Wenn sie am Samstag dabei war, als Sie die Frau nicht angegriffen haben, wird sie doch sowieso als Zeugin vorgeladen, oder?«

Ich überhörte die Ironie oder den Unglauben in seinen Worten und sagte: »Ich möchte nur sichergehen, dass sie eine Aussage vor Gericht macht.«

»Warum?«, staunte er. »Wär das klug?«

»Was meinst du damit?«

»Na ja«, sagte er und rückte sich die Wollmütze zurecht. »Vielleicht hat sie ja längst ihre Aussage gemacht. Und vielleicht ist das ja der Grund, warum Sie überhaupt hier drinsitzen. Wär doch denkbar, oder?«

»Tu, was ich dir sage!«, knurrte ich ihn an und verdrängte den Gedanken, dass Gray womöglich recht hatte.

»Ay, Boss!«, antwortete er und salutierte. »Werd’s dem Captain ausrichten.«

2

Das Polizeigericht befand sich in einem unscheinbaren Nebengebäude auf der Westseite des winzigen, ringsum bebauten Guildhall Yard. Gerade im Vergleich zum verschnörkelten gotischen Portal des alten Rathauses, das den nördlichen Abschluss des düsteren Hofes bildete, wirkte das Gerichtsgebäude streng und abweisend. Was natürlich seinem vornehmlichen Zweck entsprach.

Wir waren, abgesehen von den Polizisten, zu viert im Polizeiwagen. Am Sonntagabend waren zwei Taschendiebe in der Polizeiwache am Snow Hill abgeliefert worden, nachdem sie am Bahnhof Ludgate Hill auf frischer Tat beim Diebstahl eines Koffers ertappt worden waren. Auch sie sollten heute dem zuständigen Alderman vorgeführt werden. Wie Sträflinge an den Händen gefesselt, wurden wir von einem uniformierten Constable und einem in Zivil gekleideten Sergeant ins Gebäude und durch dunkle Gänge zu einem ebenerdigen Raum im rückwärtigen Teil des Gerichts geführt. Durch die beiden Fenster auf der Südseite konnte man den spitzen Kirchturm von St. Lawrence Jewry sehen, und weil die Sonne direkt über dem First des Kirchendachs stand, fiel gleißendes Licht in den Saal.

Ich kniff die Augen zusammen, um überhaupt etwas erkennen zu können. Als ich mich an die Lichtverhältnisse gewöhnt hatte, war ich überrascht, ein derartiges Gewimmel und Gedränge zu erblicken. Überall saßen und standen Menschen an Pulten und Tischen, auf Stühlen und Bänken, gegen die Wände gelehnt oder in kleinen Gruppen mitten im Raum. Manche bekritzelten eifrig irgendwelche Papiere, andere meldeten sich stehend zu Wort, wieder andere plauderten mit ihren Nachbarn oder starrten unbeteiligt auf ihre Hände oder Füße.

Der Sergeant befreite uns von den Handschellen und wies uns mit einer Kopfbewegung an, auf der hinteren von zwei Bänken unter den Fenstern Platz zu nehmen. Zwei uniformierte Gerichtsdiener an beiden Enden der Bankreihen sorgten dafür, dass wir den uns zugewiesenen Platz nicht verließen und uns anständig benahmen. Dies waren die Anklagebänke, und direkt vor uns in der ersten Reihe saßen die armen Teufel, deren Schicksal gerade verhandelt wurde. Es wunderte mich, dass die verschiedenen Fälle nicht einzeln bearbeitet wurden, sondern in Gegenwart aller anderen Angeklagten und zahlloser Unbeteiligter. Es schien dem Gericht vor allem darum zu gehen, Zeit zu sparen und sich nicht von Details aufhalten zu lassen. Ein Anwalt verlas die Anklage, Zeugenaussagen wurden aufs Nötigste reduziert, der vorsitzende Alderman stellte einige Fragen, die Angeklagten durften eine kurze Stellungnahme abgeben, dann erging nach wenigen Minuten das Urteiclass="underline" Freilassung, Kaution oder Untersuchungshaft. Alles Weitere würde dann in der Hauptverhandlung zur Sprache kommen.

Den Vorsitz hatte an diesem Tag ein Mr. Alderman Renals, wie auf dem Schild am Richtertisch zu lesen war. Er war ein glatzköpfiger Mann, der mit seinem pelzbesetzten Kragen, der breiten Krawatte und dem Zwicker auf der Nase sehr streng und ehrfurchtgebietend aussah. Über seinem Kopf prangten das Wappen der Stadt London und ein Porträt der Königin an einer mit rotem Stoff bezogenen Wand.

Ich schaute mich in dem ringsum holzvertäfelten Saal um und suchte nach bekannten Gesichtern unter den Anwesenden. Auf den Zuschauerbänken, die durch ein Holzgeländer vom vorderen Teil des Raumes abgetrennt waren, entdeckte ich schließlich meinen Bruder William. Er schaute finster drein und erwiderte meinen flehentlichen Blick mit einem verständnislosen und vorwurfsvollen Kopfschütteln. Von Eva Booth war weit und breit nichts zu sehen, auch Gray suchte ich vergeblich. Ich hoffte, dass die Zeugen womöglich in einem angrenzenden Raum oder vor der Tür darauf warteten, ihre Aussage zu machen. Allerdings hatte ich beim Hineingehen keine Wartebänke gesehen.