Die vier Angeklagten in der ersten Reihe waren inzwischen nacheinander und im Eiltempo abgehandelt worden, sie erhoben sich und wurden aus dem Saal geführt. Einer von ihnen in die Freiheit, die anderen drei ins Gefängnis. Wir vier Snow-Hill-Gefangenen wurden nun angewiesen, in die erste Reihe vorzurücken. Kaum waren wir aufgestanden, nahmen die nächsten Angeklagten unsere hinteren Plätze ein.
Als Erster wurde Benjamin Graham aufgefordert, sich zu erheben, was dieser mit einem breiten Grinsen tat. Nach den Angaben zur Person, die von Graham sehr würdevoll vorgetragen wurden, trat der diensthabende Constable der Snow-Hill-Polizeiwache in den Zeugenstand und sagte aus, der Beschuldigte sei am Donnerstag zur Wache gebracht worden, weil er in einem Gasthaus in der Newgate Street behauptet habe, für die abscheulichen Morde im East End verantwortlich zu sein. Der Beschuldigte sei offenbar betrunken gewesen und deshalb einem Arzt vorgestellt worden. Doch auch in nüchternem Zustand habe Mr. Graham die Selbstbezichtigung aufrechterhalten.
Alderman Renals bat den Angeklagten um eine Stellungnahme, und Benjamin Graham verkündete mit hoher Stimme und stolzgeschwellter Brust: »Ja, ich bin Jack the Ripper. Ich habe die Frauen in Whitechapel getötet.« Er wandte sich kurz zu mir um und setzte feierlich hinzu: »Auch die Frau in der Berner Street, die ich nicht nach ihrem Namen gefragt habe.« Dann verkündete er in Richtung Zuschauerraum: »Und darum werde ich am Strick dafür zu büßen haben.«
Im Saal machte sich ungläubiges Murmeln und vereinzeltes Gelächter breit, das aber sofort von den uniformierten Gerichtsdienern unterbunden wurde. Der Sergeant, der uns von der Wache zur Guildhall begleitet hatte, war inzwischen vor den Richterstuhl getreten und beantragte, den Beschuldigten in Anbetracht dieser Aussage in Untersuchungshaft zu nehmen, um die vorangegangenen Ereignisse und die Lebensumstände des Mr. Graham genauer zu ermitteln. Dem stimmte der Alderman nach kurzem Zögern und mit sichtlichem Unbehagen zu. Er verkündete das Urteiclass="underline" weitere Untersuchungshaft und Verbringung ins Gefängnis von Holloway. Damit landete der Holzhammer auf dem Tisch.
Benjamin Grahams Gesicht leuchtete vor Stolz, er hatte es geschafft. Als er sich setzte, raunte er mir zu: »Kannst du deinen Kindern von erzählen.«
Nun wurde mein Fall aufgerufen. Ich erhob mich, sagte meinen Namen und meine Adresse und nannte meinen Bruder William als Bürgen.
Der Alderman schaute in seine Unterlagen, fand den entsprechenden Eintrag und las: »William Ingram, 43 Dover Street, Mayfair. Ist Mr. Ingram anwesend?«
William stand auf und rief: »Anwesend.«
»Bestätigen Sie, dass es sich bei dem Angeklagten um ihren Bruder Rupert handelt und er unter der angegebenen Adresse wohnhaft ist?«
»Jawohl«, antwortete William knapp und schmallippig. Es hatte den Anschein, als wäre es ihm gar nicht recht, dass dies den Tatsachen entsprach.
Wieder nickte der Alderman, dann erteilte er dem Constable, der mich am Samstag verhaftet hatte, das Wort.
So erfuhr ich, dass der Police Constable 189c auf den Namen John Rackley hörte und seit mehr als zehn Jahren bei der City of London Police war. Er berichtete sehr ausführlich, wie er mich am Vormittag des 20. Oktober in der Queen Victoria Street auf dem Bordstein schlafend aufgegriffen und wie ich in rüdem Ton auf seine Aufforderung, den Platz zu räumen, geantwortet hätte.
»Ich habe nicht geschlafen«, unterbrach ich ihn. »Und ich war nicht rüde, sondern ironisch. Das ist ein Unterschied.«
»Sie werden später gehört, Angeklagter«, sagte der Alderman und bedachte mich über seinem Zwicker mit einem warnenden Blick.
Constable Rackley fuhr sichtlich pikiert fort, dass er mich wenig später am Ufer der Themse unweit des Bahnhofs St. Paul’s in der Begleitung einer jungen Offizierin der Heilsarmee wiedergesehen und dass ich laut geschimpft und die Frau körperlich bedroht hätte. Ich hätte die geballte Faust erhoben, sodass er um das leibliche Wohl der betreffenden Person hätte fürchten müssen. Auf seine unmissverständliche und wiederholte Aufforderung, die Hand herunterzunehmen, hätte ich nicht reagiert, sondern stattdessen ihn bedroht, woraufhin er sich genötigt gesehen hätte, mich mit Hilfe des Schlagstocks außer Gefecht zu setzen.
Wieder wollte ich protestieren, doch ein Blick zum Vorsitzenden machte mir klar, dass das nicht sehr ratsam gewesen wäre. Also schwieg ich und schaute mich Hilfe suchend im Gerichtssaal um. William starrte zu Boden. Doch wo blieb Eva Booth? Warum war sie nicht als Zeugin geladen? Und wo steckte der Taugenichts Gray?
»Sind Sie sicher, dass der Angeklagte der Frau ein Leid zufügen wollte?«, wandte sich der Alderman an den Officer.
»Ganz ohne Zweifel«, antwortete Constable Rackley. »Wenn ich nicht eingeschritten wäre, hätte er sie mit der Faust geschlagen.«
»Lüge!«, rief ich. »Das ist nicht wahr.«
Der Hammer des Vorsitzenden knallte auf den Tisch.
»Ruhe!«, rief er und funkelte mich böse an. »Sie hören doch, was der Constable sagt. Er war Zeuge des Vorfalls. Wollen Sie ihn ernsthaft der Lüge bezichtigen?«
»Warum fragen Sie nicht Miss Eva Booth, ob ich sie bedroht habe?«
»Police Constable Rackley war zur Tatzeit am Tatort anwesend«, antwortete der Alderman. »Seine Aussage ist in den Augen des Gerichts völlig ausreichend. Wenn Sie die Aussage des geschädigten Opfers hören möchten, so können Sie das zur Hauptverhandlung selbstverständlich beantragen.«
»Aber es gab kein geschädigtes Opfer«, erwiderte ich zunehmend verzweifelt. »Ich habe niemanden geschlagen und hatte auch nicht die Absicht. Es ist doch gar nichts geschehen. Der Einzige, der zugeschlagen hat, war Constable Rackley.« Da ich sah, dass der Constable sich aufplusterte und etwas erwidern wollte, fuhr ich ihm wütend über den Mund: »Und sagen Sie jetzt nicht, Sie hätten mich gewarnt!« Ich weiß selbst nicht, was in mich gefahren war, aber ich hatte die Faust geballt und stieß sie zornig in seine Richtung.
»Sehen Sie!«, rief Constable Rackley. »Genau so hat er mich angegriffen.«
Alderman Renals nickte wissend, notierte etwas auf seinem Papier und wies einen der Gerichtsdiener mit einer Kopfbewegung an, mich zu besänftigen.
Mir war klar, dass mein Fall verloren war. Ich hatte mich um Kopf und Kragen gewütet und würde wie mein verrückter Kollege neben mir in Holloway enden. Bevor sich der Gerichtsdiener mir nähern konnte, hatte ich die Hand gesenkt und mich auf die Bank fallen lassen. Mir blühte die Untersuchungshaft.
»Angeklagter, bitte erheben Sie sich zur Urteilsverkündung!«, sagte der Alderman und räusperte sich leise.
»Einen Augenblick!«, erschallte plötzlich eine helle Frauenstimme durch den Saal. Und im nächsten Moment schritt Eva Booth in ihrer dunklen Uniform durch die kleine Pendeltür, die vom Zuschauerraum zum Verhandlungssaal führte. »Ich möchte eine Aussage machen, Euer Ehren.«
»Und wer sind Sie?«, wollte der Alderman wissen.
»Eva Cory Booth«, antwortete sie und baute sich direkt vor dem Richterstuhl auf. »Captain der Heilsarmee, Dienerin Gottes und Zeugin in diesem Fall.« Eine rote Locke fiel ihr über die Stirn, und ich stellte erleichtert fest, dass sie keinen Verband mehr unter ihrer Haube trug.
Der Blick des Aldermans ging zum Constable, und als dieser bestätigend nickte, fragte der Vorsitzende: »Sie wollen zu dem Fall aussagen, Miss Booth?«
»Das will ich.«
Der Alderman schaute kurz auf seine Taschenuhr, machte eine verdrießliche Miene, wies dann aber mit der Hand zum Zeugenstand und sagte: »Nun gut.«
Constable Rackley machte pflichtschuldig, aber mit sichtlichem Widerwillen Platz. Mein Blick ging zum Zuschauerraum, wo Gray mit einem breiten Grinsen an der Pendeltür stand und wie vorhin auf der Polizeiwache in meine Richtung salutierte. Etwas zu theatralisch, wie ich fand, dennoch nickte ich ihm dankbar zu.