»Bitte schildern Sie uns, was am Samstag vorgefallen ist«, sagte der Alderman und fuhr sich über die Glatze. »Aber fassen Sie sich bitte kurz.«
»›Deine Rede sei: Ja! Ja! Nein! Nein! Was darüber ist, das ist vom Übel‹, spricht der Herr«, sagte Eva Booth mit ihrer hellen und klaren Glockenstimme. »Daher in aller gebotenen Kürze: Der Mann ist unschuldig.«
»Er hat sie nicht bedroht?«, wunderte sich der Vorsitzende.
»Nein, das hat er nicht.«
»Er hat die Faust nicht gegen Sie oder den Constable erhoben?«
»Nein, er hat die Faust gegen Gott im Himmel erhoben«, antwortete Eva Booth und schüttelte missbilligend ihren Kopf. »Was ungleich schwerer wiegt, aber nicht vor einem weltlichen Gericht verhandelt werden sollte.«
»Aber Police Constable Rackley hat ausgesagt, dass er von dem Angeklagten tätlich angegangen und körperlich bedroht worden sei.«
»Es mag sein, dass der Officer sich bedroht fühlte und deshalb nicht ohne Grund handelte«, sagte Eva Booth und bedachte den Constable mit einem ebenso verbindlichen wie freundlichen Lächeln. »Ich danke ihm herzlich, dass er die vermeintliche Gefahr abwenden wollte, aber aus meiner Sicht hat eine solche Gefahr nicht bestanden. Es handelte sich um ein bedauerliches Missverständnis. Für das Mr. Ingram ganz gewiss nicht unverantwortlich war.«
»Ich hatte ihn gewarnt«, sagte Constable Rackley kleinlaut und zugleich ein wenig erleichtert. »Ich habe nur meine Pflicht getan.«
»Das haben Sie«, bestätigte Eva und legte ihm die Hand auf den Unterarm. »Das haben Sie ganz gewiss, Officer.«
Ich hätte sie vor Freude und Dankbarkeit küssen mögen. Während meine Unbeherrschtheit lediglich Widerwillen und Missstimmung erzeugt hatte, glättete sie mit wenigen Worten die Wogen und gab allen das beruhigende und erbauliche Gefühl, sich richtig oder zumindest nicht falsch verhalten zu haben. Alle wahrten ihre Gesichter, niemand wurde verletzt, und allen war gedient.
»Eine Heilige und eine Hexe«, so hatte Simeon sie am Freitag genannt, und das Seltsame war, dass darin gar kein Widerspruch zu liegen schien.
»Sie wissen, dass Sie vor diesem Gericht die Wahrheit sagen müssen«, sagte Alderman Renals und fuhr sich nachdenklich über den Backenbart.
»Ich bin eine treue Dienerin Gottes, Sir, und das achte Gebot ist mir heilig«, antwortete Eva Booth nickend und setzte nach einer kurzen Pause hinzu: »Ich lüge niemals.« Der feierliche Tonfall und der strenge Blick, mit denen sie diese drei Worte vortrug, ließen keinen Widerspruch und keine weiteren Fragen zu.
Der Alderman nickte und lächelte ebenfalls. Er gab sich geschlagen, ohne das Gefühl zu vermitteln, geschlagen worden zu sein. Er richtete sich auf, rückte seinen Zwicker zurecht, klopfte mit dem Hammer auf den Tisch und sagte: »Bitte erheben Sie sich zur Urteilsverkündung.«
Und dann wurde ich freigesprochen.
3
Es dauerte fast eine geschlagene Stunde, bis ich endlich als freier Mann das Gerichtsgebäude verlassen konnte. Zunächst musste ich geduldig auf der Anklagebank verharren, während den beiden Taschendieben der Prozess gemacht wurde. Das geschah allerdings in einem solchen Tempo und ohne Anhören der auf frischer Tat ertappten Angeklagten, dass der Alderman die Zeit, die er mit mir verplempert hatte, mehr als wettmachte. Anschließend wurde ich von einem knurrigen Gerichtsdiener in einen Raum im ersten Stock geführt, wo ich allerlei Unterlagen und Papiere zu unterzeichnen hatte, deren Sinn mir weitestgehend verborgen blieb. Die Schriftstücke waren in einem derartigen Kauderwelsch verfasst, dass ich sie vermutlich nicht verstanden hätte, auch wenn ich sie gründlich gelesen hätte. Ich wollte nur raus und unterschrieb alles, was der Büttel mir hinhielt. Anschließend mussten die Papiere von einem weiteren Beamten gegengezeichnet und mit einem Stempel der Stadt London amtlich gemacht werden. Erst dann wurde mir feierlich eine Kopie der Urkunde überreicht. Der Gerichtsdiener wünschte mir einen guten Tag.
»Kann ich gehen?«, fragte ich ihn.
»Sie sind ein freier Mann«, gab er gleichgültig zurück.
Als ich kurz darauf in den düsteren Guildhall Yard hinaustrat, schlug die Turmuhr der benachbarten Kirche dreimal. Ich sah gerade noch, wie Benjamin Graham in Begleitung zweier Uniformierter und umringt von einer Menschentraube einen vergitterten Polizeiwagen bestieg. Er war inzwischen an Händen und Füßen gefesselt und genoss sichtlich die allgemeine Beachtung. Bevor er in der vergitterten »Black Maria« verschwand, drehte er sich noch einmal um und winkte der johlenden und feixenden Menge zu, als hätte er gerade eine Heldentat begangen. Er sah mich vor dem Eingang des Gerichts stehen und rief lachend: »Ich werde hängen, Ingram!«
»Das freut mich für dich!«, hätte ich beinahe geantwortet, beließ es aber bei einem aufmunternden Kopfnicken. Die Tür des Wagens fiel ins Schloss, eine Peitsche knallte, und die Pferde setzten sich in Bewegung. In Richtung Holloway. Beim nächsten Gerichtstermin vor einem weniger desinteressierten Richter würde der arme Graham vermutlich freigesprochen oder in eine Irrenanstalt überwiesen werden.
Eva Booth hatte den Gerichtssaal kurz nach meinem Freispruch verlassen. Ich erwartete nicht, ihr am heutigen Tag noch einmal zu begegnen. Umso überraschter und erfreuter war ich, als ich sie nun neben William und Gray vor dem Portal der Guildhall stehen sah. Sie war in ein Gespräch mit meinem Bruder vertieft und merkte zunächst gar nicht, dass ich mich ihr von der Seite näherte.
»Ich bin Ihnen sehr zu Dank verpflichtet, Miss Booth«, sagte ich, als sie mich bemerkte und mit einem offenen Lächeln begrüßte.
»Nicht mir, sondern Ihrem jungen Freund«, antwortete sie und deutete auf Gray, der verlegen zu Boden starrte. »Ich habe nur die Wahrheit gesagt. Und hätte man mich früher über den heutigen Prozess in Kenntnis gesetzt, wäre ich auch ohne persönliche Einladung erschienen.«
»Ich hatte befürchtet, Sie wären immer noch erzürnt und würden es daher nicht ungern sehen, wenn ich bestraft würde.« Ich räusperte mich und setzte leise hinzu: »Grund genug hätten sie gehabt.«
»Was ich Ihnen am Samstag in aller Deutlichkeit gesagt habe, das habe ich auch so gemeint. Doch wer bin ich, jemanden auf ewig für eine Sünde zu verdammen. Jeder Sünder kann auf den rechten Weg zurückfinden. ›Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet‹, spricht der Herr.« Eva Booth deutete erneut auf Gray und wiederholte: »Danken Sie Ihrem jungen Freund, Mr. Ingram. Er hat mich daran erinnert, dass jedes Urteil ein Vorurteil sein kann. Und dass Schatten immer durch Licht entsteht. Genau wie in Ihrem Fall.«
Ich hatte keine Ahnung, wovon sie sprach, und sah Gray verwirrt an.
»Hab bloß die Wahrheit gesagt, Boss … äh, Sir«, sagte Gray, blickte ängstlich zu William und grinste dann verschmitzt. »Nichts als wie die Wahrheit. Wie’s der Captain vor Gericht gesagt hat.«
»Es freut mich, dass ich helfen und ein Missverständnis aus der Welt schaffen konnte«, sagte Eva Booth, nickte uns dreien zu und wollte sich verabschieden. »Leben Sie wohl, Mr. Ingram. Gott sei mit Ihnen und stehe Ihnen auf dem künftigen Pfad der Tugend bei.«
»Wann kann ich Sie wiedersehen?«, entfuhr es mir, und ich griff nach ihrer Hand. Wie gebannt starrte ich auf die rote Ringellocke, die immer noch unter ihrer schwarzen Haube hervorlugte.
Diesmal entzog sie mir ihre Hand nicht, doch ihre kalten und distanzierten Worte stießen mir wie ein Messer ins Herz. »Sie können mich sehen, wann immer es Ihnen beliebt, Sir. Ich predige häufig und an vielen Orten«, sagte sie und lächelte betont kühl und unverbindlich. »Sie können unseren Zusammenkünften und Gottesdiensten jederzeit beiwohnen, wenn Sie möchten. Die Termine sind in unserer Armeezeitung vermerkt. Und vielleicht bringen Sie Ihre Verlobte mit. Ich würde mich sehr freuen, die Bekanntschaft der jungen Dame zu machen und auch ihr die Frohe Botschaft Christi zu verkünden. Auf Wiedersehen, Sir!« Damit wandte sie sich um und ging davon.