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Ich fuhr zu William herum, der mich mit einem triumphalen Grinsen im Gesicht anschaute und schließlich, als Eva Booth außer Hörweite war, spöttisch hervorstieß: »Das ist der Grund für den ganzen Unfug? Für deine plötzliche Abneigung gegen das Heiraten und die Familie Barclay? Eine Soldatin der Heilsarmee? Ausgerechnet! Bist du jetzt von allen guten Geistern verlassen?«

»Du hast ihr von Meredith erzählt?«, fragte ich, ohne auf seine Anspielungen einzugehen. »Warum?«

»Warum nicht?«, antwortete er und schüttelte in einer Mischung aus Heiterkeit und Unverständnis den Kopf. »Miss Wright Barclay wird bald deine Gattin sein. Schon vergessen? Du wirst mit ihr in Southwark wohnen, ganz in der Nähe eurer prächtigen Brauerei, und dann könnt ihr euren ganzen Reichtum der Heilsarmee spenden, wenn euch danach ist.« Er lachte laut und abfällig und winkte einem Hansom Cab, das gerade in den Yard gefahren kam. »Ich will ja gern zugeben, dass sie eine hübsche Person ist, deine Miss Booth, aber mal ehrlich, Rup, ausgerechnet eine Salutistin? Was ist bloß in dich gefahren?«

»Sie ist nicht meine Miss Booth«, schleuderte ich ihm entgegen.

»Und sie wird es niemals sein, wenn mich nicht alles täuscht«, antwortete er schroff, während er die Kutsche bestieg. »Und selbst wenn es so wäre! Meinen Segen hast du. Nimm dir so viele Mätressen, wie du willst. Mit Uniform oder ohne. Solange du Meredith Wright Barclay heiratest und dich nicht wie ein verdammter Halbwüchsiger benimmst.«

Den Schein wahren! Allein darum ging es. Jede Schändlichkeit und jedes Laster waren erlaubt, solange sie heimlich vonstattengingen und niemand etwas davon mitbekam. Ich wusste, dass William seine Frau Betty seit Jahren mit einer Schneiderin aus der Bond Street hinterging, und vermutlich wusste sogar die brave Betty davon. Doch solange kein Wort darüber verloren wurde, wahrten alle das Gesicht, und dem Anstand war Genüge getan. Zum Trinken, Wetten und Spielen ging man in den Gentlemen’s Club, zum Herumhuren ins Bordell oder zu einer verschwiegenen Mätresse. Alles unter dem kuscheligen Deckmantel der Ehrenhaftigkeit. Dieselbe Heuchelei und Doppelmoral wurde nun auch von mir erwartet. Niemand rechnete ernsthaft damit, dass ich ein treuer Ehemann oder ehrbarer Gentleman sein würde, es wurde lediglich von mir verlangt, dass meine Untreue nicht ruchbar und mein flegelhaftes Benehmen nicht in die Öffentlichkeit getragen wurde. Und das widerte mich an. Wie ich mich auch selbst anwiderte, weil ich viel zu lange ein ebensolcher Heuchler und doppelzüngiger Scharlatan gewesen war. Und immer noch war.

»Kommst du?«, fragte William, während er mir den Verschlag des Hansom Cabs aufhielt. »Oder willst du zur Salzsäule erstarren?«

»Ich fahre mit Gray«, antwortete ich finster.

»Vater will dich sprechen«, sagte er und klappte den Verschlag zu. »Heute noch. Aber wasch dich vorher, und zieh dir was anderes an. Du stinkst wie ein Iltis.« Er lehnte sich aus dem Fenster und setzte eindringlich hinzu: »Glaub mir, Rup, seine Drohung war ernst gemeint! Du gehst auf dünnem Eis, Bruderherz! Vaters Geduld ist am Ende, er wird dich vor die Tür setzen.«

»Sag ihm, ich sitze im Gefängnis! Hätte ohnehin nicht viel gefehlt.«

Wieder lachte er abfällig und rief: »Du hast mehr Glück als Verstand, Rup! Du weißt gar nicht, wie viel Glück du hast. Du hast die Freiheit gar nicht verdient.«

»Ich bin im Gefängnis, Will«, murmelte ich leise. »Du siehst die Gitterstäbe nur nicht.« Doch selbst wenn er sie gehört hätte, hätte er den Sinn der Worte vermutlich nicht verstanden.

William klopfte ans Kutschendach, der Kutscher ließ die Peitsche knallen, und das Cabriolet verschwand durch den schmalen Durchlass in der Gresham Street.

»Pub, Boss?«, fragte Gray.

»Wie bitte?«, antwortete ich.

»Pub?«, wiederholte Gray und deutete auf die Guildhall Tavern, die sich gleich neben der Kirche von St. Lawrence Jewry befand. »Auf die Freiheit.«

»Pub!«, sagte ich und nickte. »Zum Teufel mit der Freiheit!«

Wir überquerten den Yard und betraten die rauchgeschwängerte und rußgeschwärzte Schänke, die um diese Uhrzeit erstaunlich gut besucht war. Vermutlich war die Nähe zum Polizeigericht durchaus geschäftsfördernd, denn wer aus dem Gerichtssaal kam, hatte allen Grund zu trinken, sei es um zu feiern oder um seinen Kummer zu ersäufen. Nachdem wir uns an einem Ecktisch niedergelassen und zwei Pints Porter bestellt hatten, fragte ich Gray: »Was hast du ihr erzählt?«

»Wem, Boss?«

»Dem Captain.«

»Nichts Besonderes«, meinte Gray und winkte ab, als wäre gar nichts geschehen. »Ich hab nur von meiner wundersamen Rettung erzählt.«

»Deiner Rettung?«, entfuhr es mir. »Du hast hoffentlich keinen Unfug verbreitet!«

»Nay, Governor, keine Bange«, antwortete er im breitesten Cockney-Slang, der bei ihm immer ein wenig aufgesetzt und übertrieben klang. Wie bei einem Schauspieler auf der Bühne.

»Was hast du ihr erzählt?«

»Nur wie Sie mich aus dem verdammten Ten Bells geholt und nach Mayfair geschafft haben. Hab vielleicht ein bisschen dick aufgetragen, damit’s hübsch dramatisch klang. Aber richtig gelogen hab ich nicht. Der Captain konnte gar nicht genug davon hören. Vor allem weil’s um den Ten Bells Pub ging und um Mr. Waldron, den alten Sklaventreiber.«

»Miss Booth ist nicht gut auf den Wirt und seine Kneipe zu sprechen«, sagte ich, nahm die Biergläser vom Schankmädchen in Empfang und stieß mit Gray an. »Sie ist überhaupt auf Gastwirte und Alkohol nicht gut zu sprechen. Wie alle in der Heilsarmee. Prost, mein Junge!«

»Prost, Boss«, antwortete er und nahm einen kräftigen Schluck. »Wissen Sie eigentlich, wieso das Ten Bells so heißt?«

»Ten Bells?« Ich dachte einen Moment nach und sagte: »Wegen der Glocken im Kirchturm der Christ Church nebenan?«

Er nickte anerkennend, grinste dann verschmitzt und sagte: »Es sind acht.«

»Acht was?

»Acht Glocken. Im Turm von Christ Church.«

»Woher weißt du das?«

»War oben und hab sie gezählt«, antwortete er wichtigtuerisch. »Acht Glocken. Mehr nicht. Und natürlich die kleine Glocke über dem Eingang zur Kirche. Macht neun. Es gibt keine zehn Glocken. Es fehlt eine.«

»Na und?«, erwiderte ich und zuckte mit den Achseln. »Wahrscheinlich klingt Ten Bells eben schöner als Nine Bells.«

»Trotzdem«, beharrte er. »Alle denken, es gibt zehn Glocken in der Kirche. Nur weil die Kneipe so heißt. Aber keiner macht sich die Mühe nachzuzählen.«

»Keiner außer dir.«

Er lächelte stolz und ein wenig verlegen und sagte dann: »Das mit dem Ten Bells kam jedenfalls gut beim Captain an. Wie Sie mich aus den Klauen von Mr. Waldron befreit haben und so. Die Miss hat Sie anscheinend für so ’ne Art Scheusal gehalten, ganz so direkt hat sie’s natürlich nicht gesagt, aber gemerkt hab ich’s doch. Als ich meinen Sermon von der Rettung aus dem Elend vom Stapel gelassen hatte, da hatte sie allerdings ganz glänzende Augen, dass ich fast selbst geheult hätte, weil alles so jammervoll und herzergreifend war. Wie gesagt, ich hab vielleicht ein bisschen übertrieben.«

»Hast dich zu einem zweiten Oliver Twist gemacht, was?«, lachte ich.

»Kenn ich nicht. Weder den ersten noch den zweiten.«

»Nicht so wichtig«, antwortete ich und gab ihm einen Klaps auf die Schulter. »Du hast mir auf jeden Fall einen großen Gefallen getan, Gray.«

»Dann sind wir ja quitt«, antwortete er und lachte ebenfalls. »Wenn Sie wieder mal Hilfe mit den Mädels brauchen, sagen Sie nur Bescheid, Boss. Ich kenn mich mit den Weibsbildern aus. Hab schließlich vier Schwestern.«