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»Wohnen die auch alle in London?«

»Gott bewahre!«, rief er und kramte einen Tabaksbeutel aus der Brusttasche seiner Weste. »Die sind alle noch in Bulverhythe, unten an der Südküste. Das ist in der Nähe von Hastings. Ich hab’s da nicht mehr ausgehalten und mich heimlich vom Acker gemacht. Das war vor zwei Jahren.«

»Du bist ganz allein nach London gegangen?«, wunderte ich mich und musste erneut an Oliver Twist denken. »Warum?«

»Immer noch besser, als zur See zu fahren und als Schiffsjunge schikaniert zu werden oder sich im Hafen den Buckel krumm zu schuften«, antwortete er achselzuckend und fischte eine Packung mit Zigarettenpapier aus der Hosentasche. »Pay-Pay«, stand in schnörkeliger Schrift darauf. Ein seltsamer, aber entwaffnend ehrlicher Name, wie mir schien.

»Was ist mit deinen Eltern? Leben die noch?«

»Mutter vermutlich schon«, sagte er, drehte sich eine Zigarette und leckte über das Papier. »Aber Vaters blaue Visage liegt schon lange unter der Erde.«

»Blaue Visage?«, wunderte ich mich.

Er deutete auf sein riesiges Muttermal im Gesicht und setzte hinzu: »Ist ein Familienandenken. Vaters Gesicht sah genauso aus, und eine meiner Schwestern ist am ganzen Körper so blau wie ’ne reife Pflaume. Keine Ahnung, wo das herkommt. Scheint in der Maggott-Familie zu liegen.« Er lachte, zündete sich die Zigarette an einer Kerze an und sagte schmauchend: »Abwaschen lässt es sich jedenfalls nicht.«

»Kann ich auch eine Zigarette haben?«, fragte ich. Meine letzte Zigarette hatte ich am gestrigen Abend mit Benjamin Graham in der Zelle am Snow Hill geteilt, und meine Lungen gierten nach dem beruhigenden Tabakrauch. Gray reichte mir den Beutel und das Papier, doch ich musste gestehen: »Ich kann das nicht.«

Er runzelte abfällig die Stirn, hob dann die Achseln, reichte mir seine brennende Zigarette und drehte sich eine neue. Nachdem ich das angesabberte Ende abgeknipst hatte, nahm ich einen tiefen Zug und bekam augenblicklich einen derartigen Hustenanfall, dass ich mich verschluckte und kaum Luft bekam.

»Was ist das denn für ein Kraut?«, fragte ich schließlich, spülte mit Bier nach und schüttelte mich. »Das schmeckt ja wie nasses Matratzengras.«

»Matratzengras?«, fragte Gray irritiert. »Kann man das rauchen?«

Wieder einmal fiel mir auf, dass Gray nicht das geringste Gespür für Ironie hatte. Er hielt alles für bare Münze und verstand selten einen Witz, weil er alles wortwörtlich nahm. Das lag keineswegs daran, dass er dumm oder begriffsstutzig war, sondern hatte eher damit dazu, dass er eine viel zu ehrliche Haut war. Er sagte stets, was er meinte, und das Gleiche erwartete er von allen anderen. Ironie und Wortverdrehung passten nicht zu ihm, sie waren ihm wesensfremd. Ein durchaus sympathischer Zug, um den ich ihn jedoch nicht beneidete, denn die Unfähigkeit zur Falschheit würde ihm in dieser verlogenen Welt noch einige Scherereien einhandeln.

Ich erinnerte mich an das, was Eva Booth im Zeugenstand gesagt hatte: »Ich lüge niemals.« In gewisser Weise waren sich Eva und Gray sehr ähnlich.

»Der Captain hat Ihnen ganz schön den Kopf verdreht, Boss.«

Ich fuhr aus meinen Gedanken auf und fragte: »Wie kommst du denn darauf?«

»Hab gesehen, wie Sie sie angeschaut haben. Den Blick kenn ich. So haben die Matrosen immer meine älteste Schwester Emily angeschaut, wenn sie am Hafen rumlungerte und mit ihrem hübschen Hintern wackelte.«

»Unfug!«, zischte ich und leerte mein Glas. »Kümmere dich um deinen eigenen Kram! Davon verstehst du nichts.«

»Ay, Sir! ’tschuldigung, Boss«, antwortete er und starrte missmutig auf die Tischplatte. Plötzlich hellte sich sein Gesicht jedoch wieder auf. Er stieß eine Rauchwolke zur Decke und sagte: »Der Verrückte von St. Giles war übrigens wieder da. Hat in der Hofdurchfahrt gehockt und ans Fenster der Dienstbotenkammer geklopft.«

»Wann?«

»Gestern.« Gray machte eine krause Miene, als erinnerte er sich an irgendetwas, und setzte hinzu: »Der Kerl war gar nicht überrascht, als ich ihm erzählt hab, dass Sie im Knast sitzen. Als hätt er nichts anderes erwartet.«

»Ich war nicht im Knast, sondern auf der Polizeiwache.«

»Meinetwegen«, sagte er und nickte.

»Was wollte er?«, fragte ich.

Gray zuckte mit den Schultern und sagte: »Es war die Mutter.«

»Welche Mutter?«

»Keine Ahnung. Das soll ich Ihnen bloß ausrichten, Boss. Dass es die Mutter war. Nicht die Tochter. Und dass er sie von einem Foto abgemalt hat.« Gray tippte sich mit dem Finger an die Stirn und setzte hinzu: »Fragen Sie mich nicht, was der alte Suffkopf damit gemeint hat. Mehr wollte er nicht sagen. Sie sollen sich bei ihm melden, wenn Sie wieder draußen sind. Er war voll wie ’ne Haubitze und hat fürchterlich gelallt und herumkrakeelt. Von der Mutter und dem Foto und so.«

»Die Mutter«, antwortete ich und nickte. »Natürlich.«

Gray schaute mich an, als hielte er auch mich für verrückt.

»Lass gut sein, Gray«, sagte ich und hob abwehrend die Hand. »Das musst du nicht verstehen. Ich verstehe es ja selbst nicht.«

Gray schien erleichtert, doch zugleich war seinem Gesicht anzusehen, dass ihm eine Frage auf den Lippen lag.

»Nun rück schon raus damit!«, sagte ich.

»Was mir nicht in den Kopf will, Boss«, sagte er und trat seine Zigarette auf dem Boden aus, obwohl ein Aschenbecher auf dem Tisch stand. »Wieso malt jemand ein Foto ab? Ist das nicht irgendwie … nun ja, Unsinn?«

»Das ist eine gute Frage, Gray«, antwortete ich. »Eine sehr gute Frage.«

Gray lächelte stolz, griff nach seinem Bierglas und sagte: »Danke, Boss.«

4

Obwohl ich tagelang Zeit gehabt hatte, mir über alles Gedanken zu machen und meine wirren und zusammenhangslosen Überlegungen in irgendeine Ordnung zu bringen, war ich weit davon entfernt, einen konkreten Plan zu haben oder eine Strategie zu verfolgen. Noch immer ging in meinem Kopf alles drunter und drüber, und obwohl ich wusste, dass drängende Fragen zu beantworten und wichtige Entscheidungen zu treffen waren, hatte ich nicht die leiseste Ahnung, wie diese Antworten aussehen würden. Ich wusste nicht, was ich tun wollte, sondern nur, was ich nicht wollte. Und das stand in krassem Widerspruch zu dem, was alle anderen von mir verlangten. Aus diesem Dilemma sah ich keinen Ausweg. Oder ich schreckte vor dessen drastischen Konsequenzen zurück. Denn eines war mir in den letzten Tagen klar geworden: Nichts von dem, was ich tat, blieb ohne Folgen. Vor dieser Einsicht die Augen zu verschließen wie ein kleines Kind, brachte mich der Lösung keinen Schritt näher.

Bevor ich mich jedoch meiner Zukunft widmen konnte, wollte ich zunächst ein heißes Bad nehmen und den Dreck der vergangenen Tage abwaschen. Ich kam mir unrein und befleckt vor, und das hatte nicht allein mit der schmutzigen Haut, der entzündeten Wunde und den fettigen Haaren zu tun. Mehr noch als die Tatsache, dass ich niedergeschlagen, verhaftet und vor Gericht gestellt worden war, machte mir die Erkenntnis zu schaffen, dass ich für den Tod einer Frau mitverantwortlich, dass ich letzten Endes zum Handlanger eines Mörders geworden war. »Sie haben die Frau auf dem Gewissen«, hatte Eva Booth am Samstag an der Themse gesagt, und das Wissen um die Folgen meiner Handlungsweise quälte mich.

Die Erinnerung an jene Nacht vor drei Wochen war immer noch verschwommen und lückenhaft, doch das Bild der Elizabeth Stride war inzwischen vor meinem inneren Auge wieder aufgetaucht. Wenn ich an Long Liz dachte, sah ich eine verlebt und verhärmt aussehende Frau mit struppigen, bereits angegrauten Haaren. Eine ausgemergelte und – trotz ihres Spitznamens – alles andere als große Frau, die früher einmal hübsch gewesen sein mochte, nun aber von Alkohol und Armut gezeichnet war. Ihre Haut war fahl und faltig, die oberen Schneidezähne waren ihr bereits ausgefallen. Der Anblick ihres zahnlosen Oberbisses hatte mich davon abgehalten, mit ihr zu schlafen – daran glaubte ich mich inzwischen erinnern zu können. Ich hatte ihr den teuren Malzwhisky gegeben, ihrem geifernden Freund die versprochene Pfundnote in die Hand gedrückt und mich dann schleunigst davongemacht. Ich hatte mich vor der zahnlosen Elizabeth ebenso geekelt, wie ich mich nun vor mir selbst ekelte. Vielleicht weil ich mittlerweile wusste, dass ich dem Tod ins Gesicht geschaut hatte.