»Schaff heißes Wasser nach oben, und lass mir eine Wanne ein!«, sagte ich zu Gray, als wir das Crown Hotel über den Hintereingang im Hof betraten. »Und bring mir alle Ausgaben der Times der letzten drei Wochen, die du im Salon oder im Raucherzimmer finden kannst!«
»So lange waren Sie doch gar nicht weg, Boss«, wunderte sich der Junge.
»Und auch die Evening News«, setzte ich hinzu, ohne auf seinen Einwand einzugehen. »Vor allem die Polizeimeldungen.«
»Ay, Sir«, antwortete er, bedachte mich mit einem schiefen Blick und verschwand in der Küche, während ich mich ins Dachgeschoss zu meiner Mansarde begab.
Die kleine Dachkammer mit den schiefen Wänden und der niedrigen Decke war vielleicht das einzige Zuhause, das ich jemals gehabt hatte. Meine »Trutzburg«, wie ich sie William gegenüber mitunter scherzhaft nannte. Meine »Räuberhöhle«, wie er sie abfällig bezeichnete. Und doch hätte ich sie niemals gegen eine der geräumigen Suiten im Hotel getauscht, in denen es fließendes Wasser, elektrisches Licht und einen Telefonanschluss gab.
Umso entsetzter war ich daher, als ich nun feststellen musste, dass man mir meine Burg genommen hatte. Beim Betreten des Wohnzimmers rührte mich beinahe der Schlag – ich konnte nicht glauben, was ich sah. Das Zimmer war vollständig leergeräumt. Sämtliches Inventar war wie vom Erdboden verschluckt, nur das unbezogene Bett und ein leerer Schrank waren übrig geblieben. Die Bilder an den Wänden waren verschwunden, ebenso wie der Weidenkoffer unter dem Bett, meine Bücher hatte man samt dem Regal entfernt, selbst der kleine Petroleumkocher, auf dem ich mir hin und wieder einen Kaffee oder Tee gekocht hatte, war unauffindbar. Nur eine frisch gestärkte Abendgarderobe hing über einem Bügel vor dem Dachfenster, und ein loser Briefbogen lag auf dem Bett. Darauf stand in Williams schnörkelloser Kontoristenschrift: »Deine Sachen sind im Hatchett’s. Vater wünscht, dass du bis zu deiner Hochzeit bei ihm im Hotel wohnst. Sei um sieben Uhr zum Abendessen dort. Pünktlich! Und keine Mätzchen. Wir müssen reden.«
Bei Vater im Hatchett’s! Das klang ungefähr so verlockend wie: mit Meredith Wright Barclay in Southwark. Oder: in einer Zelle der Polizeiwache am Snow Hill. Vater machte also ernst. Die Schlinge um meinen Hals zog sich immer enger zu, und ich hatte das beklemmende Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Ich erstickte. Ich wurde erstickt!
»Heißes Wasser, Sir!«, rief Gray, als er, ohne anzuklopfen, mit zwei dampfenden Eimern ins Zimmer kam. »Das kalte hole ich gleich aus der Dienstbotenküche.«
»Danke, Gray.« Ich nickte und deutete zur Tür der winzigen Abstellkammer, in der ich vor einiger Zeit eine emaillierte Sitzbadewanne hatte aufstellen lassen. Dann lachte ich und setzte hinzu: »Oder haben sie die Wanne auch hinausgetragen?«
»Die war vermutlich zu schwer«, antwortete Gray mit ernster Miene.
»Hättest mich ruhig warnen können«, sagte ich vorwurfsvoll.
»Hätte auch nichts geändert, oder?«, erwiderte er und schob die Unterlippe vor.
Ich nickte und nahm ihm die Eimer ab. »Um das restliche Wasser kümmere ich mich. Geh hinunter und schau nach den Zeitungen.«
»Times und Evening News«, rief Gray eilfertig. »Kommt sofort, Boss!«
Eine Viertelstunde später saß ich in der halb gefüllten Wanne und schrubbte im Schein einer Öllampe meine Haut mit einer harten Bürste, bis sie rot leuchtete und wie Feuer brannte. Erst jetzt bemerkte ich die Vielzahl von Bissstellen, blauen Flecken und kleineren Wunden, vor allem an den Unterarmen und Beinen, die wie die tätowierten Gliedmaßen eines Matrosen aussahen. Doch erst beim Blick in den Spiegel fuhr ich erschrocken zusammen. Der Rattenbiss an meinem Muttermal war zu einem regelrechten Furunkel geworden und hatte sich eitrig entzündet. Jede Berührung der Wange tat höllisch weh. Beim Versuch, die Wunde zu säubern, stiegen mir vor Schmerz die Tränen in die Augen.
»Sieht nicht gut aus«, hatte Gray am Morgen auf seine unnachahmlich schlichte Weise gesagt. Und jetzt wusste ich, dass er recht gehabt hatte. Es sah nicht gut aus! Wenn ich keine Blutvergiftung riskieren wollte, musste ich dringend Karbolsäure oder Jodtinktur aus der Apotheke besorgen. Oder die Wunden zumindest mit Alkohol behandeln.
Nachdem ich mich gewaschen, vorsichtig rasiert, die Wunden mit Brandy abgetupft, das Muttermal mit Mullpflaster bedeckt und die bereitgelegte Kleidung angezogen hatte, fühlte ich mich nicht gerade wie neugeboren, doch zumindest stank ich nicht mehr, und der Ekel vor mir selbst hatte ein wenig nachgelassen. Gray hatte sämtliche Zeitungen gebracht, die er im Salon hatte finden können, und half mir dabei, sie nach Berichten über die jüngsten Morde im East End zu durchforsten. Ich nannte ihm die Namen der Personen, auf die es mir besonders ankam. Er schien sich nicht darüber zu wundern, sondern sagte lediglich: »Gehen Sie jetzt auch auf Ripper-Jagd? Machen mittlerweile viele. Ist so ’ne Art Volkssport geworden.«
»Das überlass ich lieber der Polizei«, antwortete ich. »Schau nach, ob du etwas über Elizabeth Stride und ihren Freund Michael entdeckst. Oder über das Frauenasyl in der Hanbury Street. Alles, was mit den Morden zu tun hat.«
»Sie sollten lieber den Star lesen«, meinte Gray. »Die haben jeden Tag was über den Ripper gebracht. Hat sich anscheinend gut verkauft.«
»Den Star führen wir in unserem Hotel nicht«, antwortete ich und griff nach den Zeitungen. Zwar waren die Ausgaben der Times nicht mehr vollständig vorhanden, und von der weniger seriösen Evening News hatte Gray lediglich drei Seiten als Zündpapier vor dem Kamin gefunden, doch auch so reichte die Lektüre, um mir einen groben Überblick über das Geschehen der letzten Wochen im Allgemeinen und der Nacht vom 29. auf den 30. September im Besonderen zu verschaffen: Vier Frauen waren seit dem 31. August im East End getötet und anschließend grausam verstümmelt worden. Sie alle waren Prostituierte oder Gelegenheitshuren gewesen und dem Ripper an einem Wochenende in die Hände geraten. Der Mörder hatte den Frauen zunächst die Kehle durchgeschnitten und sie anschließend regelrecht zerstückelt, wobei die Brutalität und die Verstümmelungen von Mal zu Mal zugenommen hatten – als würde er sich in einen Rausch oder Furor morden.
Vor allem der bislang letzte Mord an einer gewissen Catharine Eddowes beschäftigte die Zeitungen. Der Ripper war dabei so bestialisch und grausam vorgegangen, dass mich allein die nüchterne Beschreibung der Tat erschaudern ließ. In der Times vom 1. Oktober wurde detailliert ausgeführt, dass der Mörder der toten Frau nicht nur den Bauch aufgeschlitzt und die Organe entnommen, sondern auch das Gesicht bis zur völligen Unkenntlichkeit zerschnitten hatte. In der Ausgabe vom vergangenen Freitag hieß es zudem, der Vorsitzende der Bürgerwehr, ein örtlicher Geschäftsmann namens George Lusk, habe vom Ripper ein makaberes Päckchen mit einer halben menschlichen Niere erhalten. Vermutlich stammte die Niere von der ermordeten Eddowes, so behauptete es zumindest der Absender. Und überschrieben war der beiliegende Brief mit den Worten: »Aus der Hölle«.
Nie zuvor hatte ich etwas derartig Blutrünstiges und Grausames gelesen. Ich konnte nicht fassen, zu welchen Bestialitäten ein einzelner Mensch fähig war. Wie ein reißendes Raubtier war der Ripper über die Frauen hergefallen, doch während die meisten Raubtiere nur töteten, um ihr eigenes Überleben zu sichern, hatte der Unbekannte aus reiner Mordlust ein Menschenleben vernichtet. Und gerade weil es keinen erkennbaren Grund gab, die Frauen zu ermorden, weil es offenbar keinerlei persönliche Beziehungen zwischen dem Ripper und seinen Opfern gab, lief das Scheusal nach wie vor frei herum und würde vermutlich auch weiterhin morden.