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Die Lektüre schlug mir nach kurzer Zeit auf den Magen und ließ das mulmige Gefühl, das ich wegen des bevorstehenden Abendessens mit meinem Vater ohnehin schon verspürte, zu einer heftigen Übelkeit werden. Dann jedoch erinnerte ich mich an den eigentlichen Zweck der Lektüre und versuchte, die garstigen Details der Morde zu ignorieren. Ich musste mich zwingen, mich nur auf die Fakten im Fall Elizabeth Stride zu konzentrieren, denn nur ihre Ermordung interessierte mich. Wegen ihres Todes trug ich das Kainsmal, wie Miss Booth es genannt hatte.

Mir fiel eine Bemerkung meines seltsamen Hauptmieters im Miller’s Court ein. Edmund hatte davon gesprochen, dass Long Liz, anders als die anderen Frauen, nicht verstümmelt worden war. »Nur die Gurgel durchgeschnitten«, hatte er gesagt, »und nichts von der Leiche mitgenommen.« Diese Aussage fand ich durch die Berichte in den Zeitungen bestätigt. Der Mörder hatte ihre Kehle durchtrennt, wie er es auch bei den drei anderen Frauen getan hatte, aber ihren Unterleib hatte er nicht angetastet. Er hatte sein Opfer weder aufgeschlitzt noch anderweitig verstümmelt. Dennoch schien niemand daran zu zweifeln, dass Long Liz ein Opfer des Rippers geworden war.

Eine weitere Besonderheit im Fall Long Liz war, dass in jener Nacht vom 30. September in den ersten beiden Stunden nach Mitternacht gleich zwei Frauen ermordet wurden: zunächst Liz in der Berner Street in Whitechapel und dann, nicht einmal eine Stunde später, auf ungleich brutalere Weise, Catharine Eddowes am Mitre Square, unweit vom Bahnhof Aldgate. Unter Polizisten und Journalisten herrschte Konsens, dass der Mörder bei Elizabeth durch ein herannahendes Pferdefuhrwerk gestört worden war, bevor er die Verstümmelungen durchführen konnte, und dass er deshalb gleich anschließend, weniger als eine Meile vom ersten Tatort entfernt, ein weiteres Mal mordete und diesmal umso bestialischer vorging.

Das klang keineswegs unlogisch und ergab aus Tätersicht sogar Sinn, aber dennoch blieb die Tatsache bestehen, dass sich der Mord an Elizabeth Stride auffallend von den anderen Gräueltaten unterschied. Und es wunderte mich, dass bislang niemand nach einem anderen Grund für den Doppelmord des 30. September gesucht hatte – zum Beispiel einem zweiten Mörder.

Irgendwo in der Nähe schlugen die Glocken einer Kirche. Ich fuhr erschrocken zusammen, als Gray mich antippte und sagte: »Es ist sieben, Boss.«

Fast im selben Augenblick stand William in der Tür, betrachtete uns mit sichtlichem Unverständnis und fauchte: »Wo bleibst du denn? Was treibt ihr hier?«

»Was habt ihr hier getrieben?«, antwortete ich und deutete auf das leere Zimmer.

»Aufgeräumt«, sagte er lapidar. »Also? Wie lange willst du Mr. Barclay noch warten lassen?«

»Mr. Barclay?«, entfuhr es mir, und nun wurde mir noch flauer in der Magengegend. »Was will der denn hier?«

»Er ist aus Southwark herübergekommen, um mit dir zu sprechen. Er hat sogar ein Geschenk für dich mitgebracht. Wir sitzen bereits alle beim Dinner. Beeil dich, Rupert! Und du!«, wandte er sich plötzlich an Gray und deutete mit dem Daumen über seine Schulter, »scher dich nach unten, sonst mach ich dir Beine!«

»Ay, Sir!«, rief der Junge und sprang auf die Füße. Im Hinausgehen, während er sich noch vor William duckte, als befürchte er von ihm Schläge, rief er mir zu: »Hab noch was gefunden, Boss. Wegen der langen Liz und ihrem Freund. Michael Sowieso. Hatten Sie nicht gesagt, dass ich danach gucken soll?« Er deutete auf eine Ausgabe der Times, die er auf dem Boden ausgebreitet hatte, nickte mir zu und verschwand nach unten.

»Was ist jetzt?«, fragte William. »Kommst du?«

»Ich bin gleich so weit«, antwortete ich und versuchte, meine Aufregung zu verbergen. »Geh schon mal runter und warte in der Lobby auf mich!«

»Mensch, Rupert, übertreib es nicht!«, schnaufte William kopfschüttelnd und ging widerwillig hinaus.

Sobald die Tür geschlossen war, stürzte ich mich auf die besagte Zeitung. Es war die Ausgabe vom 4. Oktober. Fast auf Anhieb sprang mir ein Name ins Auge: Michael Kidney. Der Artikel war recht lang, trug die Überschrift »Die East End Morde« und befasste sich vor allem mit der gerichtlichen Untersuchung des Mordes an Elizabeth Stride durch den zuständigen Coroner der Grafschaft Middlesex am Tag zuvor. Verschiedene Zeugenaussagen wurden zusammengefasst oder zitiert, und ein nicht geringer Teil des Textes bestand aus der wörtlichen Wiedergabe der Vernehmung des Hafenarbeiters Michael Kidney, wohnhaft in der Dorset Street 38, Spitalfields.

Mein finsterer Freund Michael! Oder Mika, wie Long Liz ihn der Heilsarmee gegenüber genannt hatte. Elizabeths eifersüchtiger Zuhälter. Ein Wüterich, so hatte die Hure Ginger ihn genannt.

Michael Kidney bestätigte laut Zeitungsbericht dem untersuchenden Beamten, dass es sich bei der Toten um Elizabeth Stride handele, mit der er in den letzten drei Jahren fast durchgehend zusammengewohnt hatte. Seltsamerweise konnte er dem Coroner nicht genau sagen, wie alt seine Freundin war; er schätzte ihr Alter auf sechsunddreißig bis achtunddreißig Jahre. Sie sei Schwedin gewesen und in Stockholm geboren, außerdem sei sie Witwe gewesen. Ihr Mann, ein gewisser John Stride, sei bei einem Schiffsunglück auf der Themse ums Leben gekommen. Der Coroner wollte wissen, ob Michael kurz vor Elizabeths Tod einen handgreiflichen Streit mit ihr gehabt habe. Eine Zeugin habe ausgesagt, die Tote habe sich von ihrem Freund getrennt, sei bei ihm ausgezogen und habe sich deshalb mit ihm auf offener Straße gestritten. Michaels Antwort darauf und der weitere Verlauf der Vernehmung erschienen mir in der Tat bemerkenswert:

»Zeuge: Nein, ich habe mich nicht mit ihr gestritten. Ich sah die Verstorbene zuletzt am Dienstag vor einer Woche.

Coroner: Hatten Sie da einen Streit?

Zeuge: Nein. Ich habe mich von ihr verabschiedet und bin zur Arbeit gegangen.

Coroner: Haben Sie sie danach noch einmal gesehen?

Zeuge: Nein. Ich habe sie nicht wiedergesehen. Erst wieder, als ich ihren Körper im Leichenschauhaus identifizieren musste.

Coroner: Glauben Sie, dass sie an jenem Dienstag mit einem anderen Mann weggegangen ist?

Zeuge: Das glaube ich nicht, denn sie mochte mich mehr als alle anderen. Ich habe sie so behandelt, als wäre sie meine Frau gewesen. Es war der Alkohol, der sie manchmal weggehen ließ. Doch sie ist immer von allein zurückgekommen, ohne dass ich ihr hinterhergehen musste.«

»Dienstag vor einer Woche«, demnach am 25. September. An diesem Tag wollte Michael Kidney seine Freundin zum letzten Mal gesehen haben. Dabei hatte er drei Tage später gemeinsam mit mir vor dem Heim in der Hanbury Street gestanden und so lange herumkrakeelt, bis die bedauernswerte Elizabeth schlaftrunken aus dem Haus getreten war. Einen Tag vor ihrer Ermordung. Doch vor dem Coroner hatte Michael das mit keinem Wort erwähnt. Auch die Heilsarmee und die Tatsache, dass Elizabeth zwischenzeitlich Zuflucht im Frauenasyl gefunden hatte, tauchte in seiner Aussage nicht auf.

Er hatte den Coroner angelogen. Oder zumindest einen nicht unwesentlichen Teil der Wahrheit verschwiegen. Fragte sich nur, aus welchem Grund! Ich nahm mir vor, Michael Kidney bei unserem nächsten Zusammentreffen mit genau dieser Frage zu konfrontieren. Falls ich ihn jemals wiedersehen sollte.

5

William wartete in der Lobby auf mich und hakte sich bei mir ein, als hätte er Angst, ich könnte ihm andernfalls noch entwischen. »Wir sind spät«, sagte er und schleifte mich regelrecht zum Hatchett’s. Ich kam mir vor wie ein Rindvieh, das zur Schlachtbank geführt wurde und das gleichzeitig Mühe hatte, mit seinem Schlachter Schritt zu halten. So hastete ich in Williams Schlepptau die Dover Street entlang zur Piccadilly, die wenigen Stufen hinauf zum Eingang des Hotels, durch die Flügeltür und wortlos an Bellamy und der Rezeption vorbei, die breite Treppe hinauf in den ersten Stock und schließlich den Flur entlang bis zu den Gemächern meines Vater. Ein Etagendiener öffnete die Tür, William schob mich hinein, und ehe ich mich versah, stand ich im Speisezimmer an der festlich gedeckten Tafel und wurde von sämtlichen Mitgliedern der Familie Ingram sowie von einem jovial grinsenden Mr. Barclay mit großen Augen und leisem Raunen begrüßt.