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»Ah, da ist ja der Bengel«, sagte mein Vater, der am Kopfende des langen Tisches saß und herzhaft lachte, als wäre überhaupt nichts vorgefallen. »Immer der Letzte bei Tisch und anschließend der Erste im Rauchersalon. Das wird Meredith ihm noch austreiben müssen.«

»Unpünktlichkeit ist das Vorrecht der Jugend, mein lieber Harvey«, sagte Mr. Barclay, der im steifen Cutaway neben meinem ebenso feierlich gekleideten Vater saß und mir den Stuhl zu seiner Linken anbot. »Wir sollten nicht so streng mit den jungen Leuten sein. Hauptsache ist doch, dass dein Sohn jetzt da ist. Guten Abend, Rupert.«

»Was für eine schöne Überraschung, Sir«, log ich und setzte mich neben ihn.

»Überraschung?«, wunderte er sich und zupfte an seinem Backenbart. »Aber so haben wir es doch am Donnerstag besprochen. Ich habe sämtliche Papiere dabei. Mein Londoner Anwalt hat sie heute durchgesehen und für unterschriftsreif erklärt.«

Ich schluckte und nickte. Gleichzeitig hatte ich das dringende Bedürfnis, diesen Raum fluchtartig zu verlassen. Über den Tisch zu springen und das Weite zu suchen. Auf der Stelle!

»Ich habe dir übrigens noch eine Kleinigkeit mitgebracht«, sagte Mr. Barclay, lächelte geheimnisvoll und klopfte mir auf den Rücken. »Alles in Ordnung, mein Junge? Du siehst blass aus.« Er deutete auf das Wundpflaster auf meiner Wange und fragte: »Hast du dich beim Rasieren geschnitten?«

»So was Ähnliches«, antwortete ich.

»Alles bestens«, mischte sich mein Vater ein. »Die Verträge können wir später bei einer guten Zigarre besprechen und unterschreiben. Finanzen und Geschäfte haben bei Tisch nichts zu suchen.«

»Wie geht es Meredith?«, fragte ich, um überhaupt etwas zu sagen, und räusperte mich. »Ich hoffe doch, es sind alle wohlauf in Bury Hill.«

»Blendend, ganz blendend«, antwortete Mr. Barclay und nippte an seinem Weinglas. »Meredith lässt ganz herzlich grüßen. Der kleine Robert ist ein wenig erkältet, aber es ist nichts, um das man sich Sorgen machen müsste. Ein robuster Junge, ganz wie sein Vater.« Er lachte über seinen Witz, und alle lachten mit.

»Das freut mich zu hören«, sagte ich und bekam von einem Kellner den Suppenteller gefüllt. Es gab Hühnersuppe mit Grießklößchen. Das erste anständige Essen seit mehreren Tagen, bei dessen Anblick und Geruch mein Magen hörbar jubilierte. Während ich die Suppe vornehm schlürfte, obwohl ich sie am liebsten in mich hineingeschaufelt hätte, ging mein Blick zu meinem Vater, der mich seinerseits mit stechenden Augen und bedrohlich lächelndem Mund beobachtete. Während er bemüht war, das belanglose verbale Geplänkel, das bei einem Dinner üblich war, nicht abebben zu lassen, gab er mir mit seiner lauernden Miene zu verstehen, dass ich unter strengster Beobachtung stand. Es war offenkundig, dass Mr. Barclay keine Ahnung hatte, wo ich die letzten Tage verbracht hatte, und dass er es auf keinen Fall erfahren sollte. Vaters Blick befahl mir, darüber gefälligst meinen Mund zu halten. Ein Wunsch, dem ich nur zu gerne nachkam.

Während die verschiedenen Gänge aufgetragen, das Geschirr und Besteck gewechselt und die Gläser von eifrigen Kellnern gefüllt wurden, herrschte angeregte Konversation. Bald tauschten man sich über das Wetter, bald über die Londoner Saison und den zunehmenden Verkehr auf Englands Straßen und Schienen aus. Auch das Thema Bier durfte natürlich nicht fehlen, und Mr. Barclay erntete die gebührende Portion Lob für sein florierendes Unternehmen. Außer meinem Vater und Mr. Barclay waren noch William und seine Frau Betty sowie Mortimer und dessen Frau Deborah anwesend. Die Kinder, die grundsätzlich nicht bei einem Dinner zugegen waren, aßen mit den Kinderfrauen in einem der Nebenräume.

Obwohl es mir normalerweise nicht schwerfiel, oberflächlich zu parlieren und hübsch formulierte Belanglosigkeiten von mir zu geben, kam an diesem Abend kein vernünftiger oder gar pointierter Satz über meine Lippen. Ich überließ es den anderen, die Suppe, den Fisch, den Truthahn und den Pudding mit Floskeln und Bonmots zu garnieren. Hin und wieder fing ich die neugierigen Blicke der beiden Ingram-Frauen auf, die natürlich wussten, was geschehen war und wo ich die letzten Tage verbracht hatte. Es war offensichtlich, dass sie es empörend und unerhört fanden. Allerdings auch unerhört aufregend.

Mortimer unternahm während des Essens mehrfach den Versuch, Mr. Barclay auf seine Kaffeehauspläne anzusprechen, und wurde dabei tatkräftig von Deborah unterstützt, die darauf hinwies, dass ihr Daddy ihnen beim Einkauf des Kaffees selbstverständlich Sonderkonditionen anbieten würde. Doch unser Vater unterband diese ungebührlichen geschäftlichen Avancen stets auf dieselbe gebieterische Weise: »Später, Mortimer! Nicht bei Tisch!«

Obgleich das Essen hervorragend schmeckte und ich einen wahren Heißhunger hatte, konnte ich das Dinner nicht genießen. Stets musste ich daran denken, was nach dem letzten Gang auf mich wartete: die Unterschrift unter einen Vertrag, der meine Zukunft als Southwarker Brauer besiegeln würde. Der Gedanke an die Papiere, die Mr. Barclay mitgebracht hatte, ließ meinen Appetit versiegen. Gleichzeitig jedoch versuchte ich das Essen angesichts der drohenden Gefahr durch ständiges Nachfüllen und Nachlegen künstlich zu verlängern. Als ich den Kellner um eine dritte Portion des Yorkshire-Puddings bitten wollte, obwohl mir von dem Zuckersirup bereits der Gaumen klebte, riss meinem Vater der Geduldsfaden. Er warf die Serviette auf den Tisch und rief: »Zu den Zigarren!«

Wie auf Befehl standen Betty und Deborah augenblicklich auf, verabschiedeten sich für den Moment und begaben sich in den Salon, wo sie auf die Herren warten würden, die nun nach alter englischer Sitte im Raucherzimmer bei einer guten Zigarre und einem Brandy über Politik, Kultur und Sport debattieren würden, ob ihnen danach zumute war oder nicht.

Auf dem Weg ins angrenzende Raucherzimmer fasste Mr. Barclay mich an der Schulter, hielt mich zurück und überreichte mir ein in buntes Papier gewickeltes Paket mit den Worten: »Hab am Donnerstag gemerkt, dass es dir gefallen hat. Ich wünsche viel Spaß damit!«

Ich verstand nicht recht, riss das Papier auf und konnte kaum fassen, was ich in den Händen hielt: Oscar Wildes »Poems«. Jene Erstausgabe, die ich am Donnerstag um ein Haar aus Mr. Barclays Bibliothek gestohlen hätte.

»Für mich?«, rief ich und schüttelte den Kopf. »Das können Sie nicht machen.«

»Natürlich kann ich das«, antwortete er und lachte schallend. »Es gehört mir ja. Jetzt natürlich nicht mehr. Ich habe gesehen, wie verliebt du das Büchlein angeschaut hast, darum schenke ich es dir.«

»Dieses Buch ist eine absolute Rarität«, erwiderte ich und wollte ihm das kostbare Präsent zurückgeben. »Nur wenige hundert Exemplare sind von dieser Ausgabe erschienen. Das kann ich nicht annehmen.«

»Ach was!«, wehrte Mr. Barclay ab und machte eine abfällige Handbewegung, als ginge es um eine bloße Lappalie. »Bleibt ja in der Familie. Ich kann mit dem Geschreibsel von diesem affektierten Iren ohnehin nichts anfangen. Völlig überschätzt, der Mann. Und so aufdringlich. Er hat mir das Buch bei irgendeinem Empfang in die Hand gedrückt und vermutlich gehofft, ich würde mich in meinen Kreisen für ihn verwenden. Hab drin geblättert, fand es fürchterlich. Gedichte! Braucht kein Mensch.« Er lachte, klopfte mir auf den Rücken und sagte: »Aber wenn es dir gefällt, Rupert. Bitte sehr!«