»Vielen Dank, Sir«, war alles, was ich sagen konnte. Ich kam mir wie ein ganz gemeiner Hund vor. Er schenkte mir ganz nebenbei einen literarischen Schatz, und ich spielte zur gleichen Zeit mit dem Gedanken, die Verlobung mit seiner Nichte aufzulösen.
»Nicht der Rede wert«, meinte Mr. Barclay und verdrehte gespielt die Augen. »Werde das Buch nicht vermissen.« Er klatschte in die Hände, um das Thema zu beenden, betrat das Raucherzimmer und rief: »So! Und jetzt möchte ich gern eine von deinen Habanos, Harvey. Hast du noch eine von den köstlichen Partagás-Zigarren, die ich beim letzten Mal geraucht habe?«
»Mal schauen«, sagte mein Vater und öffnete den Humidor aus Spanischem Zedernholz, der für ihn wichtiger war als der Tresor in seinem Büro. Er holte einige Kistchen heraus, begutachtete sie, schüttelte bedauernd den Kopf und legte sie dann zurück. »Tut mir leid, Robert. Vielleicht sind drüben im Büro noch welche.«
Mortimer, der bereits in einem Lehnsessel Platz genommen hatte, sprang auf, um über den Flur zu gehen und nachzuschauen, doch Vater hielt ihn mit einer Handbewegung zurück und wandte sich an mich: »Rupert, mein Junge, gehst du bitte hinüber und schaust nach, ob im Reisehumidor neben dem Schreibtisch noch eine Partagás für deinen Schwiegeronkel ist?«
»Gerne«, antwortete ich und zuckte unmerklich bei der Bezeichnung »Schwiegeronkel« zusammen. Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, dass Vater mich nicht nur wegen der kubanischen Zigarren ins Büro geschickt hatte. Und tatsächlich: Kaum hatte ich den Flur betreten und die gegenüberliegende Tür zum Büro geöffnet, schon stand er hinter mir und schubste mich regelrecht in den Raum.
»Ich möchte von dir eine Entschuldigung hören! Und zwar sofort!«, fauchte er und schloss die Tür hinter sich. Es war nun völlig dunkel im Raum, und nur das gelbliche Licht der Straßenbeleuchtung erhellte das Büro so weit, dass man vage Umrisse und Schemen erkennen konnte.
»Eine Entschuldigung?«, antwortete ich und ging zum Fenster. »Ich wurde freigesprochen, Vater. Soll ich mich dafür entschuldigen, dass ich ohne Anlass verhaftet wurde und tagelang in einer Zelle saß?«
»Ich erwarte eine Entschuldigung dafür, dass du uns in diese missliche Lage gebracht hast«, sagte er und blieb vor der Tür stehen, als befürchtete er, ich könnte sonst Reißaus nehmen. Eine keineswegs unbegründete Furcht.
»Ihr wart in einer misslichen Lage?«, lachte ich bitter auf und starrte hinaus auf die breite, selbst um diese Uhrzeit noch verstopfte Piccadilly. »Und was war ich? Im Erholungsurlaub? Wenn ihr so unter der Situation gelitten habt, warum habt ihr mich dann nicht aus der Zelle geholt?«
»Auf der Polizeiwache?«, erwiderte er und schnaufte abfällig. »Mit Waffengewalt? Oder wie stellst du dir das vor? Eine Kaution wird erst vorm Polizeigericht verhandelt, wie du inzwischen eigentlich wissen solltest.«
»Dir wäre es doch nur recht gewesen, wenn sie mich nach Holloway geschickt hätten!«, rief ich aufgebracht und wandte mich ihm zu. Meine Augen hatten sich inzwischen an die Dunkelheit gewöhnt, und ich erkannte sein grimmiges, vollbärtiges Gesicht. Ich trat näher an meinen Vater heran und setzte hinzu: »Wenn Miss Booth nicht gewesen wäre und zu meinen Gunsten ausgesagt hätte, hätten sie mich ins Gefängnis gesteckt.«
»Das hätten sie nicht«, sagte er bestimmt.
»Ach nein?«
»Nein«, antwortete er und lachte. »Du wärst auf Kaution freigekommen.«
»Woher willst du das wissen?«
»Weil ich es so mit Alderman Renals besprochen hatte.«
»Du hast … ich meine … du warst …?« Ich war sprachlos.
»Glaubst du allen Ernstes, dass ich so etwas dem Zufall oder dem Gutdünken eines Aldermans überlasse? Renals ist ein Freund der Familie Wallace, die, wie du weißt, entfernt mit uns verwandt ist. Natürlich habe ich mit Alderman Renals den Ausgang des Verfahrens besprochen. Und es ihm vorab fürstlich vergolten. Alles andere wäre mehr als fahrlässig gewesen.«
»Aber der Alderman wirkte nicht so, als würde er mich gehen lassen.«
»Renals ist schließlich kein Dummkopf.« Vater fuhr sich durch den Rauschebart und tippte anschließend mit dem Zeigefinger auf meine Brust. »Und jetzt möchte ich deine Entschuldigung hören, Sohn!«
»Lass gut sein, Harvey!«, erklang in diesem Augenblick Mr. Barclays dumpfe Stimme über den Flur. »Dann rauche ich eben eine Monterrey.«
»Nein, nein, Robert! Ich habe noch eine Schachtel hier!«, rief mein Vater und drehte an dem elektrischen Lichtschalter neben der Tür. Die Glühbirnen flammten auf, und für einen Moment war ich wie geblendet, weil ich direkt in eine der Schirmlampen geschaut hatte. Während Vater zum Schreibtisch ging und aus einem etwas kleineren Humidor ein Kistchen der gewünschten Partagás herausholte, wandte ich meinen Blick ab und schaute zum Gemälde der »Frau in Weiß«, das an prominenter Stelle über dem Schreibtisch hing.
Ihr Anblick versetzte mir einen solchen Stich, dass ich nach Luft schnappen musste. Denn plötzlich erkannte ich in dem niedlichen Hirtenmädchen im weißen Kleid eine verängstigte junge Frau im Fackelzug der Heilsarmee. An die Stelle der verträumt dreinschauenden Landschönheit zwischen Ziegen und Schafen trat vor meinem geistigen Auge ein abgehetztes Wesen in schmutzigen Kleidern am Bahnhof Waterloo, dem ich achtlos meinen Koffer in die Seite gerammt hatte.
»Ich warte, Rupert«, sagte mein Vater.
»Wer ist diese Frau?«, rief ich so abrupt, dass ihm beinahe die Zigarrenschachtel aus der Hand gefallen wäre.
»Wie bitte?« Seine Augen folgten meinem Blick. »Was meinst du?«
»Wer ist diese Frau?«, wiederholte ich meine Frage. »Wer ist die Frau in Weiß?«
»Wer soll das schon sein?«, erwiderte er ausweichend und senkte den Blick. »Irgendeine Hirtin.«
»Ich kenne diese Frau«, sagte ich, schüttelte den Kopf und trat näher an das Gemälde heran. »Das ist nicht irgendeine Hirtin. Ich bin der Frau begegnet. Nein«, verbesserte ich mich sofort, »ich bin ihrer Tochter begegnet.«
Nun fiel meinem Vater tatsächlich die Zigarrenschachtel aus den Händen, doch er schien es gar nicht zu bemerken, sondern fragte beinahe ängstlich: »Wem bist du begegnet? Von was für einer Tochter sprichst du? Was redest du da?«
»Woher hast du dieses Gemälde?«, antwortete ich mit einer Gegenfrage.
Er räusperte sich, atmete tief durch und bückte sich unter den Schreibtisch, um die heruntergefallenen Zigarren aufzusammeln. Als er sich wieder erhob, waren die Überraschung und die Verwirrung aus seinem Gesicht verschwunden. Und seine Worte klangen so unbeteiligt und beiläufig wie nur möglich: »Auf einer Auktion gekauft. Mir hat das Bild gefallen, darum habe ich es ersteigert. Die Hirtin hat mich an deine Mutter erinnert. Das weißt du doch.«
»Sie sieht unserer Mutter überhaupt nicht ähnlich.«
»Für mich schon«, behauptete mein Vater, und wieder ging sein Blick zu Boden. »Und jetzt lenk nicht vom Thema ab!«, brach es plötzlich aus ihm heraus. »Es geht hier nicht um das Gemälde, sondern um dich. Das geht so nicht weiter.« Er schlug mit der flachen Hand auf den Schreibtisch und rief: »Schluss mit dem Unfug!«
»Da hast du ausnahmsweise recht, Vater.«
In diesem Augenblick öffnete sich die Tür. Mortimer steckte seine Nase durch den Spalt und fragte flüsternd: »Wo steckt ihr denn? Mr. Barclay hat die Papiere vorbereitet. Was ist denn hier los?«
Wie auf Kommando änderte sich Vaters Miene. Er setzte ein unechtes Lächeln auf, klemmte sich die Zigarren unter den Arm und rief über den Flur: »Du hast Glück, Robert. Ich habe noch eine kleine Kiste Partagás gefunden.« Und damit ging er schnurstracks zurück ins Raucherzimmer.
Mortimer schaute mich fragend an, doch ich zuckte nur mit den Schultern, warf einen letzten Blick auf das Gemälde und folgte ihm über den Flur. Als wir den Rauchsalon betraten, winkte mich Mr. Barclay, die gewünschte Zigarre bereits im Mund, zu sich an den Tisch. Er ließ sich von William Feuer geben, paffte ein paar Mal genüsslich und sagte: »Es ist alles dargelegt. Wie wir es besprochen haben. Du musst nur noch unterschreiben, Rupert.«