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»Warum so eilig?«, unternahm ich einen letzten Versuch, das Unausweichliche hinauszuzögern. »Meredith und ich sind ja noch nicht einmal verheiratet. Hat das nicht Zeit bis nach der Hochzeit?«

»Hältst du mich etwa für einen solchen Esel?«, lachte Mr. Barclay und puffte mich am Oberarm, als hätte ich einen guten Witz erzählt. »Das steht natürlich alles unter Vorbehalt und wird erst nach eurer Vermählung rechtskräftig und bindend.« Wieder lachte er glucksend, als hätte er bei Tisch zu viel Wein getrunken. »Wenn Meredith es sich anders überlegt oder sich einen anderen Kerl schnappt, dann gehst du natürlich leer aus. Wenn die Ehe nicht zustande kommt, dann ist diese Vereinbarung null und nichtig. Also keine Dummheiten, mein Junge! Und jetzt nimm dir eine Zigarre, und lies erst mal in Ruhe den Vertrag.«

»Nicht nötig.« Ich schüttelte erleichtert den Kopf, nahm die Feder und unterschrieb. »Das ist alles, was ich wissen wollte.«

»Bravo!«, rief Mr. Barclay und klatschte in die Hände. »Das nenne ich Entschlusskraft. Willkommen in der Familie Barclay.«

»Danke, Sir!« Ich gab Vater, der die ganze Zeit lauernd hinter uns gestanden hatte, die Feder und sagte: »Entschuldigt mich bitte bei den Damen, aber ich habe noch etwas Dringendes zu erledigen.«

»Wo willst du hin?«, rief mein Vater, und es klang wie eine Drohung.

»Zu dem Maler des Gemäldes.«

»Welches Gemälde?«, wunderte sich William.

»Ich sagte doch, ich habe keine Ahnung, wer das Bild gemalt hat«, sagte mein Vater fast flehentlich. »Das musst du mir glauben.« Anders als in seinem Büro klangen seine Worte diesmal ehrlich.

»Ich glaube dir«, antwortete ich. »Aber ich weiß bereits, wer der Maler ist.«

»Du weißt?« Da waren sie wieder, die Überraschung und die Furcht in seinem Gesicht. »Woher? Wieso?«

»Ich nehme an, Sie übernachten im Hatchett’s, Sir?«, wandte ich mich an Mr. Barclay. Da er nickte, setzte ich hinzu: »Dann sehen wir uns morgen zum Frühstück. Auf Wiedersehen, die Herren!«

»Die Jugend«, hörte ich Mr. Barclay lachen, als ich den Raum verließ.

6

Das Arbeitshaus von St. Giles wirkte mit seiner zehn Fuß hohen Mauer, die das gesamte Gelände umgab, und den barackenartigen, vierstöckigen Gebäuden nicht gerade einladend. Der Komplex erinnerte eher an ein Gefängnis als an eine wohltätige Einrichtung, auch wenn die Mauerkrone nicht bewehrt und die Fenster in den schmucklosen Backsteinhäusern lediglich im Erdgeschoss vergittert waren. Sogar eine kleine Kapelle, eine Badeanstalt und ein Krankenhaus gab es auf dem weitläufigen Gelände, wie ich von Simeon wusste. Im Gegensatz zu einer Haftanstalt standen die Leute an diesem unwirtlichen Ort Schlange, um hineingelassen zu werden. Natürlich nicht ganz freiwillig, sondern aus Not und Armut. Dennoch galt der Aufenthalt hier nicht als Strafe oder Zwangsmaßnahme, jedenfalls nicht auf dem Papier.

Als ich mich dem zentralen Zugang näherte und an die kleine Pforte klopfte, passierte lange Zeit gar nichts. Ich schaute mich um und sah auf der gegenüberliegenden Straßenseite, direkt neben einer Gaslaterne, eine Art provisorisches Zelt aus Stoffbahnen, in dem mehrere Menschen unter Lumpen und Decken auf dem nackten Steinboden kauerten. Auch neben dem Zelt lagen Menschen auf der Erde, dicht aneinandergedrängt, um sich gegenseitig zu wärmen. Unter der Laterne stand ein verlottert aussehender Junge mit bleichem Gesicht und in die Seiten gestemmten Armen, der mich belauerte, als könnte von mir irgendeine Gefahr ausgehen. Unweit des Zeltes befanden sich ein öffentliches Urinal und ein vergitterter Brunnen für Trinkwasser. Das mit einem Schloss versehene Gitter diente, wie ich vermutete, der Rationierung des Wassers.

Erneut klopfte ich ans Holz, diesmal mit dem Knauf meines Gehstocks. Nur einen Augenblick später öffnete sich ein kleines Sichtfenster in der Pforte, in dem ein mürrisch dreinblickendes Männergesicht zum Vorschein kam.

»Ich möchte …«, begann ich.

»Heute nicht mehr!«, unterbrach mich der Pförtner kläffend. »Versuchen Sie es morgen wieder, junger Mann. Vielleicht gibt’s dann Platz.«

»Aber ich …«

»Gehen Sie rüber zu den anderen, und schlafen Sie dort!«, sagte der Mann und deutete mit dem Zeigefinger auf die andere Straßenseite. »Dann sind Sie morgen einer der Ersten. Einlass ist ab acht. Natürlich nur, wenn was frei wird.«

Mein Blick folgte seinem Finger, und ich sah, wie der Junge von eben zu einer anderen Gestalt neben dem Zelt unter die Decke kroch.

»Ich suche kein Obdach«, erwiderte ich und schlug den Kragen meines Mantels hoch, weil es gerade zu nieseln begonnen hatte. Es würde eine feuchte und kalte Nacht werden. »Ich möchte hier nicht übernachten, Sir, sondern jemanden besuchen.«

»Um diese Uhrzeit?«, lachte der Pförtner. »Kommen Sie morgen früh wieder, Sir. Es ist längst Nachtruhe.«

»Es ist ungemein wichtig.«

»Das sagen sie alle«, murrte der Mann und wollte die Klappe schließen.

Wie durch ein Wunder lag plötzlich ein Shilling vor ihm auf dem Sims. Der Pförtner hielt in seiner Bewegung inne. Allerdings machte er noch keine Anstalten, die Tür zu öffnen. Ein zweiter Shilling gesellte sich zu dem ersten und verschwand im nächsten Augenblick in der Hand des Pförtners. Dann wurde die Klappe geschlossen, ein Riegel zur Seite geschoben und die Pforte geöffnet.

Unwilliges Murren wurde von der anderen Straßenseite laut.

»Schnauze, da drüben!«, keifte der Pförtner, zog mich hinein, knallte die Tür hinter mir zu und schob den Riegel vor. Dann hielt er mir ein Windlicht unter die Nase und fragte: »Mann oder Frau?«

Ich stutzte kurz und sagte: »Mann.«

Er wandte sich nach rechts und fragte: »Dauerhaft oder vorübergehend?«

»Wie bitte?«

»Der Mann, den Sie besuchen wollen«, erklärte der Pförtner und wischte sich über die bucklige Nase. »Dauerhaft oder vorübergehend?«

»Dauerhaft. Jedenfalls wohnt er hier schon seit vier Jahren.«

»Hm«, machte der Pförtner und führte mich in den hinteren Teil des schmalen Hofes, von dem links und rechts kleinere Passagen abzweigten. »Also nicht krank? Oder alt und gebrechlich?«

»Nicht wirklich«, antwortete ich ausweichend. »Wie viele Stationen gibt es denn im Arbeitshaus?«

»Vier für die Männer und drei für die Frauen«, sagte er und deutete auf einen Eingang, über dem die römischen Ziffern III und IV angemalt waren. »Unterteilt in Kinder, Arbeitstaugliche und Gebrechliche. Die Vorübergehenden noch gar nicht mitgerechnet. Wie heißt der Mann?«

»Simeon Solomon.«

Der Pförtner lachte ungläubig, blieb plötzlich stehen und schüttelte den Kopf. »Warum haben Sie das nicht gleich gesagt?«, rief er, wandte sich um und ging wieder in Richtung Ausgang. »Die zwei Shilling hätten Sie sich sparen können, Sir. Der alte Kauz ist nicht da.«

»Sind Sie sicher?«, fragte ich. »Wollen Sie nicht vielleicht nachschauen?«

»Nicht nötig«, antwortete er, zog mich am Ärmel hinter sich her und kicherte belustigt. »Den verrückten Simeon kenn ich. Den kennt jeder hier. Ein bunter Hund sozusagen. Und darum weiß ich auch, dass er seit zwei Nächten nicht erschienen ist. Sein Bett wurde längst weitergegeben. Da schläft jetzt ein anderer drin.«

»Warum?«

»Warum?«, schnaubte er und schaute mich empört an. »Ist doch kein Hotel hier, wo man kommen und gehen kann, wie’s einem passt.«

»Nein, ich meine, warum ist er nicht mehr erschienen?«

»Woher soll ich das wissen?« Der Pförtner zuckte mit den Schultern und schob den Riegel an der Pforte zur Seite. »Er hat sich nicht bei mir abgemldet. Ist ’n komischer Vogel, Ihr Freund. Irgendwie nicht normal. Aber seine Bilder waren, nun ja, Sie wissen schon, nicht von schlechten Eltern.« Er zwinkerte mir zu und schnalzte mit der Zunge.