Ich erinnerte mich an Simeons Bemerkung über den Pförtner und dessen erotische Vorlieben, die lieber geheim bleiben sollten.
»Aber irgendwann ist Schluss mit den Extrawürstchen«, setzte der Pförtner hinzu. »Ist schließlich ein Arbeitshaus.« Er öffnete die kleine Pforte und schob mich hindurch. »Wenn Sie ihn finden, dann sagen Sie ihm, dass seine Sachen noch hier sind. Er soll sie abholen und die Anstaltskleidung zurückbringen. Die gehört der Gemeinde.«
»Und wenn er ins Arbeitshaus zurückmöchte?«, fragte ich.
»Muss er das neu beim Komitee beantragen«, antwortete der Pförtner achselzuckend. »Sein Bett ist erst mal futsch. Ist ja kein …«
»… Hotel?«
»Genau«, sagte er und schloss die Tür.
Vom Arbeitshaus in der Endell Street führte mein Weg direkt in die nahe gelegene Drury Lane. Zunächst wollte ich im Rookery Inn nachschauen und den Wirt fragen, ob er Simeon in den letzten Tagen gesehen hatte. »Zwei Nächte«, hatte der Pförtner gesagt. Seit Samstag war er also nicht mehr im Arbeitshaus gewesen. Und am Sonntagmorgen hatte Simeon im Crown Hotel ans Fenster des Dienstbotenzimmers geklopft. Voll wie eine Haubitze!
Als ich den Wirt des Rookery Inn nach Simeon Solomon fragte, und dabei auf Simeons Zeichnung der Kneipe deutete, die hinter ihm über dem Tresen hing, meinte er: »Der war erst vor ’n paar Tagen hier. Zusammen mit ’nem jungen Kerl. Sah aus wie ’n Handwerksbursche. Da drüben haben sie gehockt.« Er deutete in die Ecke, in der ich am Donnerstag mit Simeon gesessen hatte, und da erst begriff ich, dass der Wirt mich in meiner jetzigen vornehmen Kleidung, mit Zylinder, Gehstock und pelzbesetztem Mantel, nicht wiedererkannte. Da mein auffälliges Muttermal unter dem Wundpflaster verborgen war, diente auch das nicht als Erkennungsmerkmal.
»Danach nicht mehr?«, fragte ich. »In den letzten beiden Tagen?«
»Nay, Sir!«
Ich verließ die Kneipe und trat hinaus in den Regen, der inzwischen in Strömen vom Himmel prasselte. Wind war aufgekommen und fegte durch die dunklen Gassen. Ich überlegte, ob ich die Pubs und Inns der Umgegend absuchen oder lieber nach Hause fahren sollte. Der Gedanke an mein neues »Zuhause« im Hatchett’s behagte mir wenig, so beschloss ich, weder das eine noch das andere zu tun, sondern ins East End zu fahren. Diesmal jedoch – zum ersten Mal in meinem Leben – ohne Maskerade.
Mit einem der grünen Omnibusse der Bayswater-Linie, die glücklicherweise noch bis Mitternacht in Betrieb waren, fuhr ich von der Oxford Street direkt bis nach Whitechapel. Die mehr als halbstündige Fahrt führte mich mitten durch die City, vorbei an der Polizeiwache am Snow Hill, dem festungsähnlichen Gefängnis von Newgate, dem Hauptquartier der Heilsarmee, der Guildhall und dem Mitre Square nahe dem Aldgate, wo der Ripper zuletzt so bestialisch zugeschlagen hatte. Es kam mir vor, als rasten die Ereignisse der letzten Tage wie in einem wilden Reigen an mir vorbei. Als der Omnibus die Commercial Street erreicht hatte, die nach Norden hin zum Britannia und Ten Bells führte, wo ich meine Suche nach Simeon eigentlich beginnen wollte, blieb ich, einem plötzlichen Impuls folgend, sitzen und fuhr weiter bis zur Whitechapel Road. Dort, im Cloak and Dagger, war ich Michael Kidney das erste Mal begegnet. Und dorthin trieb es mich jetzt, als würde ich von einem Magneten angezogen.
Der Regen hatte mittlerweile nachgelassen, dafür stieg Dampf von den Straßen auf. Ein fauliger Geruch nach Dung und Schimmel stach mir in die Nase, als ich vor dem London Hospital aus dem Omnibus stieg. Die Uhr über dem Eingang des Krankenhauses zeigte Mitternacht. Dichter Nebel hatte sich gebildet und ließ alles unwirklich und unheimlich erscheinen. Die Gaslaternen gaben kaum mehr Licht als funzelige Kerzen ab. Vor dem nahe gelegenen, aber bereits verschlossenen Eingang zur U-Bahn-Station Whitechapel hatte sich eine kleine Traube von Männern gebildet, die die Köpfe zusammensteckten und zu Boden schauten, als gäbe es auf dem Pflaster etwas Interessantes zu sehen. Wenn ich mich nicht irrte, trugen einige der Männer dunkle Uniformen.
Als ich durch den schmalen Durchlass ging, der zum Cloak and Dagger führte, stolperte ich nach wenigen Schritten über einen weichen Körper auf dem Boden, den ich in der Dunkelheit gar nicht wahrgenommen hatte.
»Mensch, pass doch auf!«, schnauzte der Mann, der sich vor dem Regen in den Durchgang gerettet hatte und dort zwischen dem Unrat die Nacht verbrachte. Vermutlich war er ein Trinker, der es nicht mehr bis nach Hause geschafft hatte.
»’tschuldigung!«, murmelte ich und betrat den verwinkelten Yard, in dem es von dunklen Nischen, steilen Kellerzugängen und schmalen Durchlässen nur so wimmelte. Einer dieser Durchgänge auf der anderen Seite des Hofes führte zu einer Gasse, die parallel zur Whitechapel Road verlief. Dort, in der Buck’s Row, hatte der Ripper vor ziemlich genau zwei Monaten sein erstes Opfer getötet.
Als ich das Cloak and Dagger betrat, schlug mir lautes Stimmengewirr und ein undurchdringlicher Nebel aus Tabakrauch und menschlichen Ausdünstungen entgegen. Ich brauchte eine Weile, bis ich mich an die schummrigen Lichtverhältnisse, die beißende Luft und den Krach gewöhnt hatte, und wartete, da die Kneipe gut gefüllt und kein Tisch frei war, bis ich einen Platz am Tresen ergattern konnte. In meiner Kleidung fühlte ich mich seltsam deplatziert an diesem Ort, der vor allem von Dockarbeitern und Seeleuten aufgesucht wurde. Manche der Besucher beäugten mich skeptisch, rümpften die Nase und schüttelten den Kopf, als wäre ich es, der den Gestank in dieser Kneipe absonderte. Nur der Wirt, ein Hüne von einem Kerl, lächelte unterwürfig, wischte sich die dreckigen Hände an einem ebenso dreckigen Tuch ab und fragte: »Womit kann ich dienen, Sir?«
Ich bestellte ein Porter, gab ein üppiges Trinkgeld und fragte: »Ist Michael da?«
»Gibt viele Michaels«, antwortete er und zuckte mit der Schulter.
»Michael Kidney. Arbeitet unten am Hafen.«
»Sind Sie ’n Copper?«, fragte er.
»Seh ich so aus?«
»Sie sehen jedenfalls nicht wie ’n Freund von Michael aus.« Wieder folgte ein Achselzucken, dann sagte er: »Hab ihn heut noch nicht gesehen. Leg auch keinen Wert drauf. Macht nur Ärger, der Kerl.«
Ich nickte, nippte an dem Bier, das wie Teerwasser aussah und auch so schmeckte, und schaute mich in dem Schankraum um. Rechts hinterm Tresen führte ein schmaler Gang zum Hinterausgang und von dort zu einem zweiten Hinterhof mit dem Abort. In der hinteren Ecke des Schankraumes ging eine schmale steile Treppe nach oben, wo sich ein weiterer Gastraum befand. Nach Simeon Ausschau zu halten, war vermutlich zwecklos, da er sich meist in den Kneipen rund um die Christ Church in Spitalfields herumtrieb. Dort kannte man ihn und warf ihn nicht gleich auf die Straße, wenn er mit seinen billigen Bildchen die Gäste belästigte. Und dort trafen sich die Skeletons, bei deren Zusammenkünften schon mal ein Bier oder Schnaps ausgegeben wurde. Im Cloak and Dagger hatte ich Simeon noch nie gesehen.
Mein Umweg über die Whitechapel Road war offenbar reine Zeitverschwendung gewesen. Ärgerlich setzte ich meinen Zylinder auf, schlug den Kragen hoch und wollte die Kneipe schon verlassen, als mein Blick auf zwei Frauen fiel, die an einem hohen Ecktisch direkt neben dem Eingang standen. Die jüngere der beiden, eine kaum zwanzigjährige Frau mit langem, dunkelblondem Haar und buschigen Augenbrauen, war mir unbekannt, doch bei der Älteren handelte es sich um Ginger, meine Nachbarin aus dem Miller’s Court. Als ich die Kneipe betreten hatte, hatten die Frauen noch nicht dort gestanden, denn Gingers grellrote Haare wären mir bestimmt aufgefallen. Sie bekamen gerade von einem Schankmädchen zwei Helle serviert und prosteten sich zu. Ich wollte mich Ginger schon zu erkennen geben, doch irgendetwas hielt mich plötzlich zurück. Und so stellte ich mich hinter einen breiten Stützbalken in ihrer Nähe, lugte möglichst unauffällig um die Ecke und lauschte ihrem Gespräch.