»Bist du sicher, dass du weißt, worauf du dich einlässt, Heather?«, fragte Ginger und nahm einen großen Schluck. »Das ist kein Kinderspiel.«
»Klar«, antwortete die Dunkelblonde mit auffallend heiserer Stimme. »Bin ja kein Kind mehr. Hab das schon öfters gemacht. Früher in Blackburn und auch in London. Was ist schon dabei? Solange was dabei rumkommt. Immer noch besser als Putzen oder Betteln.«
»Na, ich weiß nicht«, antwortete Ginger und schüttelte ihre rote Mähne. »Ich mach das ja auch schon ein paar Jahre, aber gewöhnen werd ich mich nie dran. Die Kerle können ganz schön rabiat werden. Und damit meine ich nicht nur die verdammten Freier.«
Das Mädchen namens Heather nickte wissend und fragte: »Kennst du Michael eigentlich schon lange?«
»Geht so«, sagte Ginger. »Wie man sich halt so kennt, wenn man ’ne Zeit lang in derselben Nachbarschaft wohnt. Ich würde an deiner Stelle jedenfalls vorsichtig sein, vor allem wenn er gesoffen hat. Michael ist dann wie ’ne Stange Dynamit. Ein Funken, und schon geht er hoch. Bum!« Sie leerte ihr Glas und setzte hinzu: »Wie hast ’n den überhaupt kennengelernt?«
»Wie man sich halt so kennenlernt. In ’ner Kneipe«, antwortete Heather und grinste anzüglich. »Hauptsache, ich hab ein Dach über dem Kopf und einen Kerl, der für mich sorgt. Vorher war ich bei der Heilsarmee in der Hanbury Street. Glaub mir, das war nichts für mich. Von Almosen leben und fromme Betschwestern ertragen, die einem ständig mit dem Himmelreich in den Ohren liegen! Und keinen Penny in der Tasche. Nee, da bin ich lieber mein eigener Herr.«
»Schmink dir das gleich wieder ab, Kleine«, widersprach Ginger und tippte an Heathers Stirn. »Michael ist der Herr, und er duldet niemanden neben sich. Da wird er fuchsteufelswild.« Plötzlich beugte sich Ginger so weit vor, dass sie mir direkt ins Gesicht schaute. Sie hatte offensichtlich bemerkt, dass ich sie und ihre Begleiterin beobachtete, und hob drohend den Finger. »Na, Meister, genug geglotzt?«, fauchte sie. »Wenn du mehr willst, musst du dafür zahlen.«
»Ich dachte, gucken kostet nichts«, antwortete ich grinsend und kam hinter dem Stützbalken hervor.
Sie stutzte kurz, schaute mich verwirrt an und meinte dann: »Vergiss es! Umsonst ist der Tod.«
Ich war sicher gewesen, dass sie mich erkennen würde, doch dem war offensichtlich nicht so. Sie betrachtete mich wie einen völlig Fremden, weil sie nicht in mein Gesicht, sondern lediglich auf meine Kleidung schaute. Sie fuhr mit der Hand über den Pelzkragen meines Mantels und sagte: »Hast du dich verlaufen, Kleiner?«
»Schon möglich«, antwortete ich. »Möchten die Damen noch etwas trinken?«
»Aber immer«, frohlockte Heather. »Das Gleiche noch mal.«
Ich machte dem Wirt ein Zeichen und deutete auf den Ecktisch.
»Bist nicht von hier, oder?«, fragte Ginger. »Bist auch einer von den Neugierigen. Brauchst ’n bisschen Nervenkitzel, was? Willst mal nachschauen, wo der Ripper sich so rumtreibt.«
»Wisst ihr was über ihn?«, antwortete ich.
»Wir leben hier«, rief Ginger verächtlich. »Natürlich wissen wir was über ihn. Die Frau, die er drüben in der Berner Street umgebracht hat, das war ’ne gute Freundin von mir.«
»Long Liz«, sagte ich.
Ginger schaute mich überrascht an und wollte etwas erwidern, doch Heather unterbrach sie: »Du kanntest die? Woher?«
»Liz war früher Michaels Freundin.«
»Echt?«, wunderte sich Heather. »Hat er gar nichts von erzählt.«
»Wundert mich nicht«, meinte Ginger. Dabei schaute sie nicht das Mädchen, sondern mich an. Und der Ausdruck in ihrem Gesicht änderte sich merklich.
Im selben Augenblick und bevor sie etwas sagen konnte, wurde die Eingangstür aufgerissen, und ein junger Mann stürzte herein. Er sprang auf einen Stuhl, schwenkte seine Mütze und rief: »Polente! Sie machen ’ne Razzia. Die Coppers kommen!«
»Verflucht!«, rief der Wirt hinter dem Tresen. »Nicht schon wieder! Keinen Tag hat man mehr Ruhe. Verdammter Ripper!«
Nicht schon wieder!, war auch der Gedanke, der mir durch den Kopf schoss. Von der Polizei hatte ich vorerst genug, und in meiner Kleidung würde ich den Constables, die sich nach verdächtig oder fremd aussehenden Männern umschauten, sicherlich auffallen. Zwar hatte ich mir nichts zu Schulden kommen lassen und von einer Razzia eigentlich nichts zu befürchten, dennoch wollte ich so rasch wie möglich verschwinden.
»Du bist Rupert, stimmt’s?«, schrie mir Ginger gegen den zunehmenden Lärm ins Ohr. »Der Nachbar mit dem komischen Namen.«
Ich nickte und wollte zur Tür, wo es bereits ein wildes Gedränge und Schubsen gab. Vom Hof erschallte das schwere Getrampel eisenbesetzter Stiefel. Trillerpfeifen waren zu hören und undeutliche Befehle.
»Hinten raus!«, rief Ginger und zupfte an meinem Ärmel. Sie deutete auf den Gang zum Abort, in dem sich ebenfalls bereits mehrere, vor allem männliche Gäste vor dem Ausgang drängten. »Wenn du dich im Hof rechts hältst, kommst du zu ’nem Durchlass zwischen zwei Häusern. Der führt zur Buck’s Row. Kann natürlich sein, dass die Polente da schon wartet. Aber ’nen Versuch ist’s wert.«
»Danke, Ginger«, sagte ich und wandte mich ab.
»Darüber reden wir noch, mein Lieber!«, lachte sie.
»Und das Bier?«, schrie Heather erschrocken.
Ich griff in meine Hosentasche, kramte einige Münzen heraus und legte sie auf den Tisch. Dann lief ich zum Hinterausgang.
Während es am Vordereingang zum Tumult kam, weil die Polizei sich mit Schlagstöcken den Zugang zur Kneipe freiprügelte und andere Gäste ins Obergeschoss stürmten, um möglicherweise über das Dach zu entfliehen, verschwand ich mit anderen lichtscheuen Gesellen durch den Hinterausgang in den zweiten Hof. Auch hier standen Polizisten, allerdings riegelten sie lediglich den gemauerten Durchgang zur Whitechapel Road ab. Die Lücke zwischen den Häusern auf der Rückseite schien den Constables nicht bekannt zu sein, und so konnte ich, gemeinsam mit einigen anderen Männern und Frauen, über die Buck’s Row entkommen.
7
Seit über einer Stunde irrte ich bereits durch das neblige Spitalfields, klapperte die Pubs und Tavernen ab und war bei meiner Suche zugleich erfolgreich gewesen und dennoch keinen Deut weitergekommen. In beinahe allen Kneipen entlang der Commercial Street war Simeon in den letzten beiden Tagen aufgetaucht oder gesehen worden. Im Princess Alice, im Queen’s Head, im Red Lion, im Britannia und natürlich im Ten Bells. Und überall hörte ich das Gleiche: Ja, Simeon war da gewesen, sturztrunken, zumeist randalierend und kaum noch in der Lage, ein verständliches Wort herauszubringen, und dennoch hatte er überall noch mehr Schnaps und Bier bestellt. Mr. Waldron vom Ten Bells berichtete mit sichtlichem Erstaunen, Simeon habe seine Rechnung mit einer Pfundnote beglichen. Da ich nur zu gut wusste, woher er das Geld hatte, wunderte ich mich nicht darüber, doch wo Simeon sich momentan aufhielt, darüber konnte keiner der Wirte Auskunft geben. Wie es schien, war das Ten Bells seine letzte Station gewesen. Hier war er etwa gegen Mitternacht halb ohnmächtig hinausgewankt und direkt vor der Tür aufs Pflaster gefallen, wobei er sich die Nase blutig geschlagen hatte. Wohin es ihn anschließend getrieben hatte, darüber wusste keiner etwas zu sagen. Und es kümmerte auch niemanden. Allerdings schienen sich alle sehr dafür zu interessieren, warum ein feiner Pinkel wie ich nach einem schäbigen Kauz wie Simeon fahndete.
So stand ich also vor der Christ Church und schaute auf meine Taschenuhr. Es war bereits nach zwei Uhr, wie ich im gelblichen Licht einer Straßenlaterne erkannte, und allmählich kehrte Ruhe ein in diesem rastlosen Teil des East Ends. Keine Omnibusse oder Tramwagen waren mehr auf den Straßen, die Händler hatten ihre Wagen am Straßenrand abgestellt und abgedeckt, auch die Droschken und Hansom Cabs hatten sich an die Verkehrsknotenpunkte zurückgezogen und warteten weiter westlich, am Bahnhof Liverpool Street, oder unten an der Straße nach Aldgate auf späte Fahrgäste. Der immer dichter werdende Nebel schluckte die wenigen Geräusche, die noch zu vernehmen waren, und erzeugte eine unheimliche, diffuse Stille. Ich war hundemüde und überlegte, ob ich nicht einfach in die Dorset Street gehen sollte, die sich ja gleich auf der anderen Straßenseite befand, um mich im Miller’s Court schlafen zu legen. Den Schlüssel zu meinem fensterlosen Kabuff trug ich bei mir, und wenn ich die Tür offen stehen ließe, würde ich durch das Morgenlicht zeitig genug erwachen, um zum Frühstück mit Mr. Barclay wieder im Hatchett’s zu sein.