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Der Gedanke an das finstere Loch, das ich noch vor wenigen Tagen quasi zu meinem neuen Zuhause erklärt hatte, ließ mich frösteln. Vielleicht weil mein Verstand, anders als beim letzten Mal, nicht durch Alkohol und Ärger benebelt war. Während ich reglos vor dem Friedhof der Christ Church stand und zur Dorset Street schaute, ohne mich zu einem Entschluss durchringen zu können, sah ich einen Mann mit einem Bowler auf dem Kopf direkt auf mich zukommen. Er hatte vor dem Britannia gestanden und mich eine Weile aus der Ferne beobachtet, doch erst als er die Straße überquert hatte und unmittelbar vor mir stand, erkannte ich ihn. Es war Michael Kidney, und sein Blick war ebenso finster und drohend wie beim letzten Mal, als ich ihm im Miller’s Court begegnet war.

»Wusste ich’s doch!«, rief er und deutete auf meine elegante Kleidung. »Hab mir gleich gedacht, dass mit dir was nicht stimmt. Kein normaler Mensch zahlt so viel für die bescheuerte Bruchbude. Bist du von der Polente oder von der Presse? Hast gedacht, du kannst uns an der Nase rumführen, was?«

»Erstaunlich, dass du mich erkannt hast«, antwortete ich und machte einige Schritte zurück, bis ich mit dem Rücken an der Friedhofsmauer stand.

»Ich bin doch nicht blind, du Schwachkopf!«, knurrte Michael. »Du bist von der Zeitung, oder? So blöd kann kein Polizist sein. Also, was willst du von mir?«

»Von dir?«, gab ich mich erstaunt. »Was sollte ich von dir wollen?«

Seine Hand schnellte nach vorn und packte mich am Kragen. »Jetzt hör mir mal zu, Freundchen! Ich kann’s nicht leiden, wenn mir jemand nachschnüffelt. Und ich lass mich auch nicht gern für dumm verkaufen! Verstanden?«

»Du meinst wegen Liz?«, sagte ich und stieß ihn weg, obwohl er körperlich viel stärker war und mich vermutlich mit einem einzigen Schlag hätte niederstrecken können. Deshalb setzte ich rasch nach: »Wegen der Heilsarmee? Keine Bange, Michael, wenn du’s nicht verrätst, verrate ich es auch nicht. Braucht ja niemand zu wissen, was in der Hanbury Street passiert ist. Wir haben uns in der Nacht beide nicht mit Ruhm bekleckert.«

»Erinnerst dich wieder, was?«, fauchte er und drohte mir mit der Faust. »Ich rate dir, es für dich zu behalten. Würde dir sonst nicht gut bekommen.« Er kam mir ganz nahe und setzte beinahe flüsternd hinzu: »Rupert.«

Ginger hatte also meinen Namen ausgeplaudert. Ich nickte und sagte: »Hast dem Coroner einen ganz schönen Bären aufgebunden.«

Er zuckte kurz zusammen, grinste dann und meinte: »Kann’s eben nicht leiden, wenn man seine Nase in meine Privatangelegenheiten steckt. Geht keinen was an! Das gilt auch für dich!«

»Ich werde es mir merken.«

»Tu das!«, schnaubte er, fuhr sich über den Schnauzbart und piekste mit seinem wurstigen Zeigefinger in meine Brust. »Sonst wird’s dir nicht gut bekommen!« Damit wandte er sich ruckartig ab und ging hinüber zur Dorset Street, wo ihn der Nebel und die Dunkelheit verschluckten.

Ich atmete tief durch und lehnte mich an die Friedhofsmauer, da meine Knie zitterten und mein Herz derart raste, dass ich Angst hatte umzukippen. Das war knapp gewesen, dachte ich erleichtert. Und gleichzeitig schimpfte ich mich einen Dummkopf, weil ich Michael zu erkennen gegeben hatte, dass ich mich an die Szene vor dem Frauenasyl erinnerte. Und dass ich von seiner Falschaussage vor dem Richter wusste. Um Michael Kidney sollte ich in nächster Zeit einen großen Bogen machen.

Während ich noch nach Luft rang und Mühe hatte, meine Aufregung unter Kontrolle zu bekommen, hörte ich plötzlich seltsame Stimmen und Geräusche hinter mir. Sie mussten vom Friedhof kommen, der allerdings wegen der hohen Mauer nicht einzusehen war. Ich erinnerte mich, dass der Friedhof von Christ Church im Ten Bells Pub immer nur »Itchy Park« genannt worden war. Wegen der Obdachlosen und Landstreicher, die sich dort nächtens herumtrieben und sich ständig kratzten, weil ihnen das juckende Ungeziefer zusetzte.

»Algie, du Schweinehund!«, krächzte eine trunkene Männerstimme, und kurz darauf folgte ein irres Lachen, das in einen Hustenanfall mündete. »Verdammter Hänfling! Elender Verräter! Missgeburt!«

»Halt’s Maul!«, rief eine andere Männerstimme. »Wir wollen schlafen.«

Das wilde Fluchen ging in ein unverständliches Gebrabbel über, doch plötzlich schrie der Mann wieder: »Du Mistkerl! Komm her, dann hau ich dir was aufs Maul! Verdammter Judas!«

»Jetzt reicht’s!«, hörte ich die andere Stimme. »Jetzt hältst du dein Maul!« Ein seltsames Rascheln und Scharren war zu vernehmen, dann dumpfe Schläge, unterdrücktes Röcheln und schmerzhaftes Ächzen.

»Lasst mich!«, rief der erste Mann, dessen versoffene Stimme ich längst erkannt hatte. »Was wollt ihr von mir? Ah! Hört doch auf!«

Direkt an der Friedhofsmauer hatte ein Händler sein Fuhrwerk abgestellt und mit einer dicken Eisenkette an der Gaslaterne gesichert. Ich kletterte auf die Ladefläche, stieg auf eine Holzkiste und bekam von dort die Mauerkrone zu fassen. Da die Umfriedung sehr unregelmäßig gemauert und verwittert war, fand ich mit meinem rechten Fuß Halt an einem Vorsprung und kraxelte auf die relativ breite, aber zur Straße hin abschüssige Mauerkrone.

Wieder hörte ich die dumpfen Schläge und das Röcheln.

»Simeon!«, rief ich, während ich rittlings auf der Mauer saß und versuchte, irgendetwas auf dem Friedhof zu erkennen. Das Gelände war nicht beleuchtet und lag im Schatten der hohen Mauer. Die Straßenlaterne beleuchtete lediglich die Wipfel der Bäume, die zwischen den Gräbern standen. Außerdem war der Nebel auf dem Friedhof, vermutlich wegen des feuchten Untergrunds, noch dichter als auf der Straße. Wieder rief ich: »Simeon!«

»Wer ist das denn?«, hörte ich eine Stimme direkt unter mir.

»Ein Engel!«, rief Simeon lallend. »Direkt vom Himmel.«

Ich hielt mich an der Mauerkrone fest, ließ mich vorsichtig hängen, sprang hinunter und landete direkt neben einem Grabmal, um das sich mehrere Gestalten versammelt hatten.

»Wer bist du?«, hörte ich Simeon keuchen.

»Das hättest du auch einfacher haben können«, lachte der Mann, der sich vorhin über Simeons Geschrei beschwert hatte. »Die Gittertür neben der Kirche ist offen. Oder glaubst du, wir wären alle wie die Engel über die Mauer geflogen?«

Meine Augen hatten sich mittlerweile so weit an die Dunkelheit gewöhnt, dass ich zumindest Umrisse und Schemen erkennen konnte. Rings um das Grabmal lagen dunkle Gestalten auf den Grabplatten, Bänken und zwischen den immergrünen Büschen. Einige von ihnen hatten sich mit Lumpen zugedeckt, andere lagen auf Zeitungspapier oder waren schutzlos der Kälte und Feuchtigkeit preisgegeben. Sie alle hatten sich auf dem Friedhof zusammengefunden, um hier ungestört die Nacht zu verbringen. Ein unverkennbarer Gestank nach Alkohol hing über der Szene, vermischt mit dem schwefligen Geruch des Nebels.

Direkt vor mir hockte Simeon zusammengekauert auf dem Boden, die Hände über dem Kopf gefaltet, als erwartete er von mir weitere Schläge. Die Männer, die ihn malträtiert hatten, machten murrend Platz, als ich mich Simeon näherte und meine Hand ausstreckte.

»Komm, Simeon, wir gehen!«, sagte ich, hielt aber gleichzeitig den Gehstock hoch, um mögliche Angriffe der umstehenden Männer abzuwehren.