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»Ja, nimm den Schreihals ruhig mit«, brummte einer von ihnen. »Sonst stopfen wir ihm endgültig sein Maul.«

»Wer bist du?«, lallte Simeon, während ich ihn hochzog, seinen Arm um meine Schulter legte und ihn zur Gittertür schleifte.

»Dein Schutzengel«, sagte ich schnaufend und hatte Mühe, ihn zu halten, weil er sich kaum noch auf den Beinen halten konnte. »Lass uns hier verschwinden.«

Simeon sah elend und erbärmlich aus. Als wir den Platz vor dem Kirchenportal erreicht hatten und ich ihn im Schein der Straßenlaternen betrachtete, bekam ich einen gehörigen Schreck. Seine Nase blutete, die Wangen waren blau unterlaufen, die Augen schwarz gerändert, und auf seiner Stirn hatte er eine Platzwunde. Die Anstaltskleidung des Arbeitshauses – graue Hose, graue Weste, graue Jacke – war verdreckt und zerrissen, seinen Hut hatte er verloren. Noch erschreckender als seine äußere Erscheinung war jedoch der irre Blick, mit dem er mich betrachtete oder vielmehr durchbohrte. Er sah aus, als hätte er völlig den Verstand verloren. Und das lag nicht allein am Alkohol.

»Ich bin’s, Simeon. Rupert!«, sagte ich, da er mich offensichtlich nicht erkannte. Allerdings war ich mir nicht darüber im Klaren, ob das an meinem Aufzug oder an seiner Trunkenheit und Verwirrung lag. »Was ist denn bloß los mit dir?«

»Ich hab ihn gesehen«, brabbelte er und fuhr sich über den Bart.

»Wen gesehen?«

»Algie!«

»Welchen Algie?«

»Swinburne«, fauchte er und schüttelte die Faust. »Den großen Algernon Swinburne, den verdammten Verräter!«

»Und?« Ich legte seinen Arm um meine Schulter, stützte ihn ab und wankte mit ihm über die Commercial Street in Richtung Dorset Street.

»Er hat sich vor allen Leuten über mich lustig gemacht. Hat da gestanden, vor meinem Gemälde, und mich eine Schande genannt. ›Ein großer Künstler, aber ein schwacher Mensch.‹ So hat er’s gesagt. Und dass wir nie Freunde waren, hat er behauptet. Judas!«

Ich hatte zwar keine Ahnung, wo er Swinburne begegnet sein mochte, denn angeblich lebte der Dichter seit Jahren sehr zurückgezogen irgendwo außerhalb der Stadt, doch Swinburnes abfälligen Worten konnte man bei Simeons Anblick kaum widersprechen. »Ein schwacher Mensch« war noch eine wohlwollende Umschreibung dessen, was ich gerade vor mir sah.

Natürlich wusste ich von Simeons problematischem Verhältnis zu Algernon Swinburne. Er hatte mir oft und lange genug damit in den Ohren gelegen. Angeblich waren sie früher einmal eng befreundet gewesen, Simeon hatte sogar einige Bücher des Dichters illustriert und mit ihm Reisen nach Italien und Frankreich unternommen. Doch Swinburne hatte sich, nachdem Simeons sexuelle Vorlieben während des Gerichtsverfahrens ruchbar geworden waren, brüsk von dem ehemaligen Gefährten abgewandt und auch die anderen Freunde und Künstlerkollegen aufgefordert, es ihm gleichzutun. Sie hatten ihn allesamt wie eine heiße Kartoffel fallen gelassen. Ich konnte nicht mit Sicherheit sagen, ob Simeons Tiraden in allen Einzelheiten der Wahrheit entsprachen, aber was ihn vor allem verletzte und empörte, war die Tatsache, dass sich Swinburne in der Öffentlichkeit als hedonistischer Bürgerschreck und libertärer Freigeist spreizte, aber nach Simeons Verurteilung als Erster demonstrativ von ihm abgerückt war. Vielleicht weil er als Busenfreund des überführten Sodomiten Angst hatte, selbst in Verdacht zu geraten.

Tatsächlich waren sich Simeon und Swinburne in vielerlei Hinsicht sehr ähnlich gewesen, in ihrer Kunst und ihrem ausschweifenden Leben, denn auch der Dichter war der Trunksucht erlegen und wäre beinahe daran gestorben. Doch anders als Simeon hatte Swinburne seinem Leben und seinem Schaffen eine radikale Wendung gegeben. Er war in gewisser Weise vom Saulus zum Paulus geworden. Und das war der Grund, warum Simeon ihn einen Judas nannte.

»Scheinheiliger Zwerg!«, schimpfte Simeon auf den kleinwüchsigen Swinburne und stolperte über seine Füße.

»Wo hast du ihn gesehen?«, fragte ich, als wir Miller’s Court erreicht hatten und ich ihn mit Mühe durch den engen Durchlass bugsiert hatte.

»Im People’s Palace. In der Ausstellung. Im Wintergarten. Er hat mich ausgelacht. Simeon Sodomon. Haha, sehr lustig!« Die Worte schossen wie Gewehrsalven aus seinem Mund. »Er hat mich verleugnet. Und beleidigt!«

»Und deshalb lässt du dich seit Tagen volllaufen, versäufst dein letztes Geld und verlierst sogar dein Bett im Arbeitshaus?« Ich schüttelte ihn und versuchte, ihn aufzurichten. »Nur weil Swinburne dich verlacht und verleugnet hat? Das macht er doch seit Jahren. Gewöhn dich gefälligst daran, oder ändere dich! Wenn du nicht willst, dass man dich auslacht, dann mach dich nicht zum Affen!«

Simeon schaute mich konsterniert an, schnappte nach Luft oder suchte nach Worten und taumelte dann rücklings zu Boden, wo er regungslos im Matsch liegen blieb. Meine Worte hatten offenkundig Eindruck auf ihn gemacht.

Neben dem Abtritt stand eine Regentonne, die nach dem ordentlichen Guss der letzten Stunden etwa zu einem Drittel gefüllt war. Ich hievte die Tonne mühevoll in die Höhe und goss den gesamten Inhalt über meinen bemitleidenswerten Freund. Mit einem Prusten kam er wieder zu sich, fuhr wie ein Katapult in die Höhe und schaute mich an, als sähe er mich gerade zum ersten Mal.

»Rupert?«, rief er. »Wo kommst du denn her? Was machst du hier? Wo bin ich überhaupt?«

»Komm!«, sagte ich, zog ihn hoch und brachte ihn in meine Kammer. »Hier kannst du eine Weile bleiben.« Ich zog ihm die nassen Kleider aus und wickelte ihn in die stinkende Decke, die Edmund mir am Freitag gegeben hatte. Simeon ließ alles wie ein kleines Kind über sich ergehen, machte keinen Mucks und war wie erstarrt.

»Dunkel hier drin«, war alles, was er sagte, als er wie ein Säugling eingewickelt auf dem Bett saß. »Und feucht.«

»Besser als der Friedhof«, sagte ich, fand einen Kerzenstummel auf dem Tisch, entzündete ihn und setzte mich neben Simeon aufs Bett, obwohl er bestialisch stank. »Geht’s wieder?«, fragte ich und schaute zu Boden, wo sich eine Pfütze aus Regenwasser gebildet hatte, das durch die Decke auf die gestampfte Erde tropfte.

»Nein«, antwortete er, »aber man gewöhnt sich dran.«

Wir saßen eine Weile schweigend nebeneinander, Schulter an Schulter, und starrten ins Nichts. Als ich bereits dachte, er sei eingeschlafen, fuhr er plötzlich hoch und schien sich an etwas zu erinnern. Er schaute mich verwundert an und fragte: »Bist du nicht im Gefängnis?«

»Hab nichts verbrochen.«

»Aha.« Er nickte, obwohl er offensichtlich nichts verstand, und sagte plötzlich: »Ich hab das Mädchen wiedergesehen.«

»Wann? Wo?«

»Im People’s Palace. Sie war auch da. Am gleichen Abend wie Swinburne.« Wieder redete er in seinem seltsam abgehackten Stakkato. »Hat mich angesprochen. Wollte wissen, woher ich ihre Mutter kenne. Komisch, oder?«

»Du hast ihre Mutter von einem Foto abgemalt, hat Gray erzählt.«

»Gray?«

»Unser Laufbursche im Crown. Du warst gestern Morgen dort.«

»War ich das?« Er schob die Unterlippe vor und nickte dann. »Ja, kann sein.«

»Woher hattest du das Foto?«

Er zuckte mit den Schultern.

»Wer war der Auftraggeber des Bildes?«

Er wiederholte die Geste und betonte sie durch ein Abwinken.

»Weißt du es nicht oder willst du es mir nicht sagen?«

»Was kümmert dich das verdammte Gemälde? Ich hab keine Ahnung, wo es geblieben ist. Interessiert mich auch nicht. War ohnehin Schund.«

»Es hängt im Büro meines Vaters.«

Er schaute mich verständnislos an und sagte: »Deines Vaters?« Dann schloss er die Augen, seufzte tief, und sein Kinn sackte auf die Brust.

»Simeon!«, rief ich und schüttelte ihn.

»Was denn?«, fauchte er und fuhr erschrocken in die Höhe. »Was ist?«